1. Beilage zum Wiesbadener Tngblait.
Uo. 526. Morgen-Ausgabe.
Samstag» den 10. Uovember.
^8. Jahrgang. I960.
(16. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Standesgemäß
Roman von /rarl v. Aeistner.
«Bekannte wohl", entgegnete Gabriele, „aber Freundinnen im eigentlichen Sinne des Wortes keine. Die Kreise, aus denen ich mir solche etwa wählen würde, sind mir ja größtentheils durch nieine Stellring verschlossen. Mädchen dagegen, welche der mir zugänglichen Sphäre angehören, würden wiederuni nur in den allerseltensten Fällen mit meinen anerzogenen Gesinnungen und Neigungen harmoniren. So beschäftige ich mich, da ich Angehörige rmd Verwandte anr hiesigen Orte nicht habe, in meiner kurz zugenEssenen Mußezeit lieber mit guter, geistbildender Lektüre und mit der Erlernung der neueren Sprachen, deren Kenntniß, wenn ich sie vollständig erlangt haben werde, mir weitere Gebiete eröffnen Ivird, oder auch niit Musik, soiveit ineine Anlagen und mein Verständniß hierfür ausreichen."
„Ein solches Streben ist sehr schön und lobenswerth, liebe Gabriele", sagte die Sängerin, „aber es kann doch in einem so jugendlichen Alter, wie das Ihrige, den Ent- gang derGeseüigkeit nach meinem Dafürhalten nicht vollständig ersetzen. Ich würde es mir gern zur Ausgabe machen, Sie in Kreise, die Ihnen vielleicht Zusagen könnten, einzuführen, sogar in meine eigenen. Hätten Sie nicht Lust, hier und da einen Abend bei mir zuzubringen? Mein Ruf garantirt Ihnen, daß die allerdings vorherrschend aus Herren bestehende Gesellschaft, welche sich bei mir einfindet, aus guten Elementen zusammengesetzt ist und daß ich auf streng soliden Ton sehe. Namentlich, da Sie auch Musik lieben, würde Ihnen dieser Verkehr manches Anregende bieten."
„Sie sind außerordentlich gütig, Fräulein Blank", versetzte Gabriele, fast gerührt von solcher Rücksichtnahme. „Allein trotzdem muß ich mir erlauben, dieses freundliche Anerbieten, soweit es sich auf jene geselligen Abendkreise bezieht, dankbarst abzulehnen. Die Rolle, die ich hier spielen würde, wäre für mich, wie Sie nicht verkennen wollen, eine drückende. Man würde mich zwar aus Rücksicht für Sie selbst, wie ich überzeugt bin, nicht unfreundlich aufnehmen; aber ich könnte kaum mehr als ein geduldetes Glied der Gesellschaft werden. Wie man von einem Mädchen nreines Berufes in höheren Kreisen denkt, davon mußte ich mich leider in letzter Zeit wiederholt überzeugen. Ich mußte die Erfahrung machen, daß selbst dienende Personen ein Recht zu haben vermeinen, einer einfachen Arbeiterin ihre Geringschätzung empfinden zu lassen. Auch werden Sie mich wohl nicht miß- verstehen, wenn ich andeute, daß ein derartiger Verkehr mit Herren, selbst in denkbar solidester Weise, nach den herrschenden Ansichten zwar für eine Künstlerin von Ihrer Geltung als zulässig angesehen wird, aber in einein ganz anderen Lichte erscheinen würde, wenn die Arbeiterin voin gleichen Recht Gebrauch machen wollte."
„Es liegt etwas Wahres in Ihrer letzten Behauptung", entgegnete Cora. „Was jedoch das klebrige betrifft, so sind Sie in Ihrem Bildungsgrad wirklich gar zu bescheiden. Man würde ein Mädchen, wie Sie, wenn man es näher kennen lernt, nicht mir dulden, sondern sogar gern sehen. Jedenfalls gebe ich Ihnen die Versicherung, daß meine Anschauungen sich über das Niveau des leider noch lange nicht überwundenen Kastengeistes erheben. Eine Ihrer eben vorgebrachten Bemerkungen gießt mir Veranlassung, Ihnen nachträglich mein Bedauern auszudrücken über das mir zu Ohren gekonunene ungeziemende Benehmen meiner Zofe gegen Sie. Ich habe dasselbe strengstens gerügt und würde Clarisse im Wiederholungsfälle sofort entlassen. Nach
dem ich ihr erklärt habe, daß ich Ihre Besuche als die einer Freundin betrachte, werden Sie sicherlich in Zutunst achtungsvoller von ihr behandelt werden."
„Auch hierfür danke ich Ihnen, Fräulein Cora", ngte Gabriele, „obwohl ich die Zurechtweisung nicht beansprucht haben würde. Beleidigungen, die von Leuten dieser Klasse herrühren, verletzen nicht in dem Grade, wie Mißachtungen Seitens solcher, welche sich zu den Gebildeten rechnen." ...
„Sie haben in allen diesen Punkten ein sehr richtiges Taktgefühl, wie ich mich iininer mehr überzeuge, liebe Freundin", erwiderte die Sängerin. „Dasselbe wird Sie, ich erwarte es zuversichtlich, auch sicher und unversehrt durchs Leben geleiten und Ihnen Versuchungen fern halten, denen Sie in Ihrer Lage außerdem ausgesetzt sein würden. Hoffentlich — und dies ist mein aufrichtige" Wunsch — ist Ihnen in nicht allzulanger Zeit noch eine Ihr Herz und Ihr Gemüth befriedigende Zukunft bescheert. Halten Sie es nicht für indiskret, wenn ich in dieser Hinsicht als Freundin die Frage an Sie richte, ob Sie noch nie daran dachten, wie sich Ihr weiteres Leben gestalten müßte, wenn es Ihnen vollkommen genügen sollte. Haben Sie noch nie Sehnsucht nach dein empfunden, was eigentlich die Bestimmung des Weibes ist, nach einem häuslichen Leben an der Seite eines geliebten Gatten?"
Gabriele erröthete bei dieser Frage flüchtig und war im ersten Momente betroffen. Dann aber sah sie der Künstlerin frei und voll ins Auge, indem sie entgegnete:
„Warum soll ich leugnen, was nicht zu bestreiten ist, daß auch ich die höchste Aufgabe unseres Geschlechtes in dem Wirken als Gattin und Mutter erkenne. _ Aber nicht Jeder ist es vergönnt, zur Erfüllung dieser schönen und heiligen Pflichten zugelassen zu werden, und ich glaube schwerlich, daß ich zu Denen gehöre, welchen ein solcher Wirkungskreis sich öffnet. Für Solche, denen ein Glück dieser Art versagt bleibt, ist es das Beste, was sich ihnen wünschen läßt, daß ihr Geist stark genug sei, uni das Herz zu beherrschen, und ihm das Verlangeir nach Unerreichbarem möglichst fern zu halten."
„Ich würde ein zu großes Maß von Vertrauen beanspruchen", sagte Cora nach einer kleinen Pause, in der sie nachdenklich ins Leere blickte, „wenn ich mit meinem Forschen nach Ihren Gefühlen noch einen Schritt weiter gehen wollte, liebe Gabriele. Anstatt dessen lassen Sie mich Ihnen einen Beweis meiner Aufrichtigkeit geben. Was werden Sie dazu sagen, wenn Sie vernehmen, daß die vielgenannte und von der Gunst der Menge verwöhnte Künstlerin, welche vor Ihnen steht, sich entschlossen hat, auf alle zukünftigen Triumphe zu verzichten und in der Häuslichkeit jenes stille Glück zu suchen, von dem wir sprachen?"
„Sie?!" rief Gabriele verwundert aus. „Sie hatten in der That diesen Vorsatz gefaßt? Ich erstaune im höchsten Grade über diese Mittheilung; aber daß Sw mich davon in Kenntniß setzen, ehe noch die Kunde von Ihrem Vorhaben in weitere Kreise gedrungen ist, das sehe ich als eine Ehre an, die Sie meiner unbedeutenden Person erweisen."
„Ja, Gabriele! Sie sollen erfahren, daß ,ch seit gestern Braut bin, die Braut eines hochachtbaren Mannes, den auch Sie kennen und gewiß schätzen werden. Ich habe dem Baron Oswald von Fronhofen mein Jawort gegeben." —
Arme Gabriele! So weiüg sie an eine auch nur ent- fernte Möglichkeit der Erfüllung ihrer geheimsten Herzenswünsche gedacht hatte — diese plötzliche Eröffnung machte sie doch erbleichen und zittern. Es kostete sie ein unsägliches Maß von Anstrengung, ihre Empfindungen zu verbergen; aber ihr Wille war stark, und
ii■ t r wenige Sekunden gehörten dazu, uin sie die voll- siändige Fassung wieder erlangen au lassen.
„Sie schweigen?" fuhr Cora fort, nachdem sie das oor ihr stehende Mädchen zuerst einen Augenblick auf-, merksam betrachtet, dann aber ihre Wimpern gesenkt hatte. „Ich kann es mir erklären, daß diese Kunde Sie in ein hohes Erstaunen versetzt und bei vielen Anderen wird ohne Zweifel das Gleiche der Fall sein. Meine Wahl aber werden Sie gewiß billigen."
„So wenig ich mich auch vermessen darf, den Herrn Baron nach unserem höchst flüchtigen Zusammentreffen zu beurtheilen", entgegnete das Mädchen, „so glaube ich doch. Ihnen von Herzen gratuliren zu dürfen. Seien Sie also meiner Theilnahme an diesem für Sie beide so freudigen Ereignisse versichert!" . ,
Nach diesem Gespräche blieben die Mädchen noch einige Zeit beisanuuen, wobei sie Verschiedenes beriethen und besprachen. Auch der aufmerksamste Beobachter konnte es der jungen Arbeiterin nun nicht inehr äußerlich anmerken, wie sehr ihr Herz unter dein litt, was sie soeben erfahren hatte, uiid wie stürmisch das Blut über die unerwartete Botschaft in Wallung gerathen war. Erst daheim im stillen Kämmerlein flössen eine zeitlang die Thränen reichlich, bis der starke Geist, von dem sie vorhin geredet hatte, die Sprache des Herzens mit gebieterischer Stimme zu unterdrücken vermochte.
XII.
Die Baronesse Agnes von Fronhofen hatte im Grunde genommen ein weiches Gemüth, aber sie liebte es, dasselbe unter ei,rer etwas rauhen Außenseite zu verbergen. Das, was sie ihre Grundsätze nannte, verfocht sie in der Regel mit großer Hartnäckigkeit und nicht leicht nahm stk einen Aussprrich zurück, den sie in ihrem Eifer gefällt hatte Eine gute Portion StandeSvorurtheil war von ihr sozusagen mit der Muttermilch eingesogen worden, und der langjährige Umgang mit den höchsten Kreisen, wozu ihre früher innegehabte Stellung als Hofdame Veranlassung gab, war nicht geeignet, ihre Voreingenommen- heit gegen manche Klassen der Gesellschaft abzuschwächen. Jrrthümlicher Weise verwechselte sie jede Bekämpfung dessen, was Cora mit dem Ausdrucke „europäischer Kastengeist" bezeichnet hatte, mit den Bestrebungen der moderilen Socialdemokratie, die ihr, wie den meisten Menschen, einen wahren Schrecken einflößte. Wegen seines schriftstellerischen, von ihr scharf genußbilligten Berufes würde sie die Beziehungen zu dem Neffen sicherlich niemals ausgegeben haben; dagegen erregte die beabsichtigte Ehe mit einer Dame vom Theater ihre Indignation in solchem Grade, daß sie es dazu kommen ließ. Doch war das Zerwürfniß kaum zur vollendeten That- sache geworden, als es ihrem guten Herzen auch schon wehe that, so iveit gegangen zu sein: aber die angekündigte Enterbung zurücknehmen, so lange der Grund derselben bestand — nein! Das ging unter keinen Umständen an. Nach reiflicher Ueberlegung entschloß sie sich jedoch, ihrem Neffen einen äußersten Beweis ihrer Ve^ söhnlichkeit zri geben, falls er von seinem Vorhaben noch abstehen wolle. Zu dem Behufe beabsichtigte sie, die Rechnung des Juweliers Berger für jenen verhangmß- vollen, Cora zugedachten Schmuck zu bezahlen imd sie ihm gilittirt mit einigen Zeilen zu übersenden. Diese sollten ihm eröffnen, daß es ihre letzte Zuschrift sei, wenn er die Verlobiing wirklich zu Stande kommen lasse, oder sie nicht rückgängig mache, falls sie bestehe. Im Stillen behielt sie sich auch dann noch vor, die Künstlerin Person- lich aufzusuchcn und sie womöglich zum Rücktritte zu bewegen. Vielleicht würde es ihr gelingen, Cora Blank selbst die Unthunlichkeit einer solchen Ehe klar zu machen.
(Fortsetzung folgt.)
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