1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.
Ko. 524. M»rgen-Attogat»e«
Freilag, de« 9. Uovemder«
48. Jahrgang. 1900.
(16. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Standesgemäß.
Noiua« von Karl v. Aeijlner.
XI.
In den beiden oberen Etagen des kleinen, aber hübsch gelegenen Greißler'schen Vorstadthauses war um die Mitternachtsstunde noch Licht zu sehen. Für Oswald namentlich war der verflossene Tag ein so ereignißvoller gewesen, daß seine Gedanken sich auch jetzt noch lebhaft mit der jüngsten Vergangenheit sowohl, als mit der Zukunft beschäftigten.
Der Schritt, den er heute gethan hatte, war zwar seit Wochen beabsichtigt und vorbereitet gewesen, aber dennoch trug die Art und Weise seiner Ausführung den Charakter des Plötzlichen. Das am Nachmittag einge- tretcne Zerwürfnitz mit seiner Tante hatte ihm Veranlassung gegeben, die rasche Entscheidung über den Cora früher gestellten Antrag herbeizn sichren. sie gewissermaßen zu erzwingen.
Oswalds Verlobung war, von diesem Standpunkte aus betrachtet, eigentlich ein Akt der Opposition gegen die ihm unerträglich werdende Beaufsichtigung seitens der älteren Anverwandten. Das Zustandekommen des Verhältnisses hatte Anfangs einen jähen Umschlag in der Stimmung des jungen Schriftstellers hervorgerufen, und glückliche Momente waren es gewesen, die er unmittelbar darauf mit seiner schönen Braut im Bewußtsein des sieggekrönten Strebens verlebt hatte: aber ihre Dauer war eine beschränkte. Schon die unangenehme, vielleicht folgenschwere Scene auf dem Heimwege hatte von Neuem recht trübe Gedanken in ihm hervorgerufen und jetzt, wo er in der Einsamkeit seinen Reflexionen überlassen war, erschien ihm die Zukunft in keineswegs rosigem Lichte. Er hatte, von einem ehrenwerthen Beweggründe getrieben, Cora die Bedingung gestellt, auf die bisherigen reichen Einnahmequellen ihres künstlerischen Berufes zu verzichten, und doch waren seine eigenen Einkünfte zur Zeit noch nicht ausgiebig genug, um ein sorgenfreies Leben garantieren zu können. Trotz des bei den Disputen mit seiner Tante scharf betonten Selbstvertrauens ließen sich ja die gehofften Erfolge seiner schriftstellerischen Thätigkeit, soweit deren materielle Seite in Betracht kam, noch nicht in Zahlen ausdrücken, und bange Befürchtungen, ob er der an alle Bequemlichkeiten gewöhnten Braut auch Wohl Ersatz für das bieten könnte, was er ihr raubte, machten sich, nachdem er der vollendeten Thatsache gegenüberstand, nur allzusehr geltend.
Hierzu kam auch die peinliche Aussicht auf jene Verwickelungen, welche das abendliche Renkontre Hervorrufen konnte. Wie würde es Cora ausnehmen, wenn er sich als schützender Ritter eines einfachen Mädchens, das sie sogar mit ihren eigene,: Aufträgen gegen Zahlung beschäftigte, den vielleicht unvermeidlichen Konsequenzen seiner übernommene,, Rolle unterziehen mußte! Endlich führte ihn diese Gedankenreihe begreiflicher Weise zu dem ihn, noch lebhaft vor Augen schwebenden Bilde Gabrielens hinüber, das ihm heute in den anmuthigsten Farben erschienen war. Die sich in bitteren Thränen kundgebende Indignation über erlittene Mißachtung ihrer edlen, unschuldsvollen Weiblichkeit, der kindlich naive und doch beredte Ausdruck ihrer Dankbarkeit gegen
ihn und die unverkennbare Besorgniß über die Folgen seiner Handlung — wie lieblich hatten diese wechselnden Affekte das reine, einer halb erschlossenen Knospe gleichende Mädchen gekleidet. Ja! Diese pflichttreue, bescheidene, aber in allen Lagen sich taktvoll verhaltende Arbeiterin, sie war dessen werth, was er bei wieder- holten Veranlassungen für sie gethan hatte, und von ganzem Herzen hätte er ihr ein besseres, weniger inühe- volles und sie höher stellendes Dasein gönnen mögen. — Vergleiche zwischen diesem Mädchen und seiner Braut anzustellen, lag unter diesen Umständen nahe. Was war das Resultat derselben? Wenn auch Coras Geist den anderen überragen mochte, wenn auch die Schönheit seiner Braut eine imponirende war, so besaß doch die anspruchslose Kleine, die er heute beschirmt hatte, außer ihren, höchst anmuthsvollen, sympathischen Aeußern auch Vorzüge des Herzens und des Gemüths, mit welchen vielleicht wenige ihres Geschlechts koukuriren konnten.
Noch als ihn Morpheus' Arme schon umfangen hatten, verschwanimen ihm die Gestalten Coras und Gabrieles ineinander. Oswald träunite, sein Drama werde zum ersten Mal aufgeführt; aber es war ihm selbst kaum mehr erkennbar. Die Hauptrolle hatte seine Braut übernommen, und es kam ihm vor, als ob er die Scenen wirklich durchlebe. Während er sie in prachtvoller Gewandung als Königin auf goldenem Throne sitzen sah, lag er vor ihr als Barde auf den Knieen, „in sie durch schmeichelndes Harfenspiel und durch heiße Bitten zu bewegen, daß sie ihm, auf Reich und Krone verzichtend, als Gemahl in die Einsamkeit folge. Schon glaubte er sich in ihrem Besitz sicher und wollte das göttlich schöne Weib umfangen — da erschallte ans einmal Hohngelächter aus allen Räumen des dichtgefüllten Hauses, und die strahlende Fürstin verwies ihn mit dräuend ausge- streckten Armen von den Stufen ihres Thrones. Verzweiflungsvoll stürzte er hinaus, um in wilder Wuth seinem Leben ein Ende zu machen. Aber plötzlich stand er vor einem Engel, der die Züge Gabrieles trug und mit milden Worten ihn tröstete. Dann folgte wieder ein Wechsel der Umgebung, und an der rettenden Hand jenes guten Geistes betrat er ein Eden, das alles Irdische an Schönheit und Lieblichkeit übertraf.
Ueberlassen wir Oswald den ihn umgaukelnden Trugbildern, um auch einen Blick in das bescheidene Stübchen zu werfen, das sich über seinem Haupt im obersten Stockwerk befindet und in dem die junge Arbeiterin jetzt ein Kostüu, bei Seite legt, das ihre kunstreichen Händchen soeben vollendet hatten. Es war eine Phantastische Zigermerkleidung, welche die Sängerin Cora für ihre Rolle der Azucena in Verdis „Troubadour" bei ihr bestellt hatte. Gabriele hatte sie ganz getreu nach dem ihr übergebenen Musterblatt gehalten, und sie hoffte, daß sie die Künstlerin, der sie ihr Werk am kon,inenden Morgen abliefern sollte, befriedigen werde. Die Arbeit hatte ihr, so lange sie damit beschäftigt war, Freude gemacht. Nur heute aber befand sie sich in großer Aufregung, daß es ihr schwer fiel, zum letzten Mal Hand anzulegen. Eigentlich trug dieser von Cora ertheilte Auftrag auch die Schuld an dem heutigen Vorkommniß, denn die Nothwendigkeit, die letzten Bedürfnisse hierfür beizuschaffen, hatte Gabriele zu dem späten Ausgang gezwungen. Mit welchen Gefühlen war sie von demselben zurückgekommen. Noch lange zitterten ihre feinen
Finger, als sie schon wieder in ihren! Zimmer saß nutz nähte. ES mußte ja sein, und das pochende Herz mußke sich beschwichtigen lassen. Die Gedanken, welche heute so gern auf Abwege geriethen, sie mußten genöthigt werden, zu den bunten Stosfen, den goldenen Sternen und Borden zurückzukehren, fiir welche sie dieselben jetzt nöthig hatte.
Gott sei Dank! Endlich ist es gethan! Und nun zur Ruhe; denn sie ist wirklich recht abgemattet durch die tagsüber bewiesene Rührigkeit ihrer zarten Glieder und noch mehr durch das soeben Erlebte. Aber trotz aller Müdigkeit will ein erquickender Schlaf sich noch lange nicht einstellen; denn so oft sie die Augen schließt, fährt sie alsbald erschreckt wieder empor und glaubt sich von allen Seiten bedrängt und angegriffen. Wachend denkt sie dann wieder an ihn, der sich in letzter Zeit so freund- lich ihrer annahm und für den ungeachtet ihres schamhaften Widerstrebens das jugendliche Herz sich Grad für Grad erwärmte.
Konnte es denn wohl anders sein, wenn man erwägt, wie wenig Gabriele in ihrer Zurückgezogenheit noch mit Männern in Berührung gekommen !var und wie eine eigenartige Fügung des Schicksals ihr wiederholt Oswald in solchen Situationen begegnen ließ, welche sie ihm für die erwiesene Rücksicht verpflichtete. Wie begreiflich war es, daß ihre Gedanken während der vielen Stunden, die sie einsam zubrachte, sich häufig die Momente vergegenwärtigte, welche die einförmige Alltäglichkeit jüngst unterbrochen hatten. Ihrer Ansicht nach gewährte ihr die Stellung, die sie einnähm, wenig Aussicht, je in innigere Beziehungen zu einem Manche zu treten, der ihrem Bildungsgrad genügen konnte; aber eben dieser Umstand legte es ihr um so näher, wenigstens ein Ideal zu schaffen, das sie in Oswald von Fronhofen nun verkörpert sah. An die Möglichkeit, daß die stille Neigung, welche sie sich selbst kaum eingestand, je erwidert werden könnte, wagte sie freilich gar nicht zu denken; aber dennoch begannen in ihrem jungfräulichen Herzen, das bisher dem ruhigen Spiegel eines tiefen Sees geglichen hatte, die Wogen erregter zu werden, und die Ahnung nahender Stürme stieg in ihm auf. —
Als Gabriele sich am nächsten Morgen von ihrem Lager erhob, war der Tag schon etwas vorgerückter als gewöhnlich. Nachdem sie das Kostüm der Sängerin vorher schon zugesendet hatte, verfügte sie sich, sobald sie es irgend für schicklich hielt, selbst zu derselben, um sich zu erkundigen, ob es ihren Wünschen entspreche.
Cora war sehr befriedigt und enipfing das junge Mädchen nahezu wie eine Freundin.
„Auch Sie verdienen den Namen einer Künstlerin, meine Liebe", sprach sie, „denn Sie leisten in Ihrem Fache Ungewöhnliches. Und dennoch möchte ich es bei dem hohen Interesse, das ich von: ersten Augenblicke an für Sie hegte, bedauern, daß Sie genöthigt sind, in dieser Weise für Ihren Unterhalt Sorge 31t tragen. Ich stelle es mir namenlos schwer vor, in einer solchen Abgeschiedenheit zu leben und fern von allen Freuden und Genüssen der Welt nur ganz im Stillen zu wirken. Haben Sie denn nicht wenigstens Freundinnen, denen Sie sich in Ihren Freistunden anschließen können?"
(Fortsetzung folgt.)
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