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[■ - -z g ) Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. ! - - >

Nr. 192.

Sonntag» 2. Mai.

»915.

(9. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck verbot«»,

Es war alles so unerwartet — so überraschend ge­kommen. Sie hatte keine Zeit zum Überlegen gehabt und übergab sich wehrlos den, beseligenden Bewußtsein, geliebt zu werden und Worte zu vernehmen, die sie bis­her nie hatte aussprechen hören. Sie horchte, wre man fernen, heimatlichen Melodien lauscht; fühlte sich in ein Märchen versetzt und schloß die Augen, um nicht daraus zu erwachen.

Zu all diesem Empfinden gesellte sich noch ein Ge­fühl von leisem Stolz und Triumph, das Herz des Mannes zu besitzen, den alle Frauen bewunderten, der ein Liebling bei Jungen und Alten und ein viel begehr­ter Gesellschafter war. Wie viele Heiratspläne waren schon geschmiedet worden, in denen er hätte die Haupt- rolle spielen sollen — wie viele Mütter wünschten ihn zum Schwiegersohn, wie viele Mädchen hatten sich schon in ihn verliebt. Und nun liebte er sie — sie ganz allein.

Sie lächelte ein wenig, weil sie sich freute. Er sah es und fuhr mit heißen Worten fort: „Seither habe ich diese Liebe mit mir herumgetragen und nur noch den einen Stern über meinem Leben gehabt. Ich könnte für Sie sterben — so liebe ich Sie."

Es lag in dam Augenblick keine Übertreibung ln den Worten. Er fühlte sie wirklich.

Ein stürmisches Beifallklatschen riß ihn aus seinem Traum. Das Stück war zu Ende, und die Zuschauer erhoben sich zum Gehen.

Draußen sah er an der Garderobe die alte Hana stehen, die ans Erna wartete, um sie nach Hause zu be­gleiten.

„Wollen wir nicht noch einen Augenblick ans Meer gehen? Der Abend ist so schön", flüsterte er rasch Frau Rickling zu. „Ich bringe Sie dann nach Haus."

Sie zögerte einen Augenblick.

Da drängte er: „Sahen Sie die vielen Zuschauer, die zun, Strand wandern. Ich hörte, es sei heute Meerlauchten."

Da gab sie nach, hüllte sich in den dunklen Abend­mantel, den Hana ihr reichte, und sagte ihr, sie möchte zu Hause auf sie warten; sie wolle nur noch z,nn Meer- leuchten an den Strand, Herr Reimer würde sie zurück- begleiten. —

Das Gedränge an den Türen war groß — jeder schien es plötzlich eilig zu haben — lachende — plan- dernde Menschen wurden gegeneinander geworfen und wie ein Riefenball von den Hintenstehenden hinaus­geschoben.

Es war schwer, vorwärts zu kommen.

„Geben Sie mir Ihren Arm, daß wir zusammen bleiben", bat Reimer, und ruhig legte sie ihren Arm in den seinen. Er fühlte die leichte Last und war so glück­lich dobei — hatte das Gefühl, sie zu beschützen — sie sicher zu führen durch die Wirbel des Lebens — wie 'danrals beim Tanzen in Frau Crosens Gesellschafts- faal.

Mit wenigen raschen Schritten gelangten sie ans Meer.

Über ihnen der schwarz-blaue Himmel mit den flirrenden Sternen. Um sie her das Geheimnis der lauwarmen Sommernacht, in die hinein kein Laut mehr aus der großen, imruhigen Welt herübertönte.

Die ganze Natur wie ausgelöst in Ruhe und Frie­den. Bor ihnen das Meer, das zauberhaft, gleich einem unübersehbaren Jrrlichtseld glänzte.

Schäumend, rollend nahten die Wogen mit leuchten­den Kämmen, die vom Blutrot ins Violette und ins Blaue hinüberfpielten, mit den aufsteigenden Wellen aufblitzten und mit ihnen in die dunkle Tiefe zurück­sanken. Das Farbenspiel erlosch, ran im selben Augen­blick wieder aufzuglühen.

Es war eine jener Liäbeslrächte der Natur, wie sie im Norden nur ganz selten sind. Durch die Luft flutete die Lebensfreude, die mit den Tausenden von Sommer­gästen ins stille Fischerdorf hineingadrungen war.

Langsam gingen Reimer und Erna Rickling am Strand entlang. Selbst der Sand schien unter ihren Füßen Leben zu fangen, wohin ste traten, aufzufiim- mern und wie Feuerwerk in Bla.» — Grün und Rot sich zu zerstäuben.,

Kaum, daß hier und da zwisck>en ihnen ein Wort, ein Lächeln fiel, so nahm das Gefühl sie gefangen. All die märchenhafte Schönheit der Natur wirkte auf sie nur als Versinnbildlichung und Steigerung ihrer eige­nen Empfindungen.

Jetzt waren sie ans der Promenade oberhalb des Strandes vor Reimers HotÄ ange-langt, aus dein die Lichter glänzten und einige ungarische Walzevklange zu ihnen herübertönten — so sehnsüchtig — so verlockend.

Und plötzlich hatte er ihre Hand ergriffen — und so standen sie lange schweigend — aufs Meer hinaus­blickend — mit fieberhaft ineinander geklammerten Fingern. , .

„Wollen wir nicht ein wentg dort hineingehen und Zuhören?" er wies auf sein Hofel.

„Ich weiß nicht — vielleicht —

Es war alles wie ein Traum. Sie fühlte sich plötz­lich so seltsam erschöpft, selig.

Er bat: „Nur noch einen Augenblick — Erie — der Abend kommt für uns nie wieder."

Ta nickte sie ihm zu — wehrlos — willenlos.

Und ging mit ihm ins Hans hinein.

VI.

Spät am folgenden Morgen erwachte Erna Rickling. Ein heißer Tag war der warmen Nacht gefolgt. Die Sonne goß ihre Strahlen durch die geöffneten Fenster ins Zimmer, als fände sie draußen nicht Raum genug zum Leuchten und Wärmen.

Lange lag Erna in einer Art Halbschlummer mit dem dumpfen Gefühl, daß etwas in ihrem Leben sich verschoben hatte und der Furcht, auszuwachen und zur klaren Erkenntnis zu gelangen.

Auf dem Tisch konnte sie einen herrlichen Strauß roter Rosen und Nelken seihen und ihren Dust ein-