I. Beilage nun Meslmüeiier Taglilntt.
Uo. '»22. Morgen-Ansgabr. Donnerstag» den 8. Uovember.
(14. Fortsetzung.) (Nachdruck Verbote».)
Standesgemäß.
Nonian von Karl v. Aeistuer.
-„Nicht eine Spur — das versteht sich!" versicherte Viktor. „Also meine aufrichtigsten, allerbesten Glückwünsche, theuerstes Fräulein und liebster Baroir! Sie haben wahrhaftig ein Glück, Fronhofen, gerade wie ein Sonntagskind, zuerst mit dem Drama und nun sogar mit dem Herzen unserer verehrten Freundin. Aber — ich erinnere mich fast schon zu spät daran — bei jungen Brautleuten kommt jeder Dritte, und selbst wenn er der beste Freund ist, ungeheuer ungelegen. Kenne das! Also — au revoir!"
Der komplaisante Leutnant beeilte sich nach diesem Sermon außerordentlich, sich aus dem Staube zu niachen, und die beiden Zurückbleibenden weinten ihm keine Throne nach. Selbst Cora betrachtete das unbestimmte Gefühl, das sie eine zeitlang zu Gunsten des Offiziers cingenonnnen hatte, in dieser Stunde als einen überwundenen Standpunkt, und beide lachten nach seiner Entfernung herzlich über die eben durchlebte Scene. Die Ueberraschnng des jungen, von sich selbst eine hohe Meinung hegenden Lebemannes, die Art und Weise, wie er sich ans der schlimmen Affaire zu ziehen versucht hatte, ries eine komische Wirkung hervor, und für die Gegenwart wenigstens bewährte sich wieder einmal der alte Satz, daß Damen einem Manne eher Alles verzeihen, als wenn er sich lächerlich niacht. So hatte Oswald Coras Reue über ihre Zusage nicht zu fürchten, und das Brautpaar verbrachte die nächstfolgenden Stunden im ungestörten, reinen Genüsse seines noch ungewohnten, jungen Glückes. Erst als die Dunkelheit hereinbrach, schied Oswald von dem schönen Mädchen, dessen Besitz er sich heute gesichert hatte.-
X.
Obwohl Mademoiselle Clarisse seit jener scharfen, von Oswald empfangenen Zurechtweisung ihre Gunst ausschließlich auf den auch gegen sie stets galanten, schmucken Offizier übertragen hatte, eilte Viktor von Dillheim heute an ihr vorüber und würdigte sie zu ihrem Aerger nicht einmal eines Blickes. Kaum hatte er Coras Wohnung verlassen, so änderte sich seine Physiognomie sehr wesentlich und nach den süßlichen Lügen, zu denen er sich in Gegenwart der Verlobten gezwungen hatte, gab sich der im Innern gährende Untoille auch nach außen durch moralisches Säbelrasseln und Sporengeklirre zu erkennen. Die ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffende Nachricht, daß Coras Hand vergeben sei, erfüllte ihn gegen sie und namentlich gegen den siegreichen Rivalen mit großer Erbitterung. Nun bereute er vergebens, so lange gezögert zu haben.
Coras Verhalten au diesem unglückseligen Abend öffnete Viktor von Dillheim erst die Augen, und er sah ein, daß er während seines vormittägigen Besuches die günstigsten Chancen verscherzt hatte. In dieser Stimniung kamen ihm einige Kameraden, die ihm begegneten und ihn aufforderten, sie in ein nahe gelegenes Weinhaus zu begleiten, eigentlich recht ungelegen. Aber sie ließen sich nicht so leicht abweisen, und endlich folgte er ihnen dorthin. Nachdem die erste Flasche des edlen
Rebensaftes geleert war, fühlte Viktor schon den erleichternden Einfluß des anerkannten Sorgenbrechers, und so ließ er sich noch eine zweite und dritte bringen, deren Inhalt er rasch hinunterstürzte. Bis man sich gemeinsam aus dem Lokal entfernte, befand er sich schon in einem höheren Stadium seiner anfgebesserten Laune, und die erheiterten Marssöhne verhielten sich ans der Straße etwas geräuschvoller, als es sonst bei Tageslicht der Brauch ist.
„Sieh doch einmal, Dillheim, den zierlichen Wuchs dieser niedlichen Kleinen!" sagte einer der Kameraden zu Viktor so laut, daß es die nur wenige Schritte Vorangehende hören konnte.
„Auf Ehre, ganz famos! Wenn das Gesicht einigermaßen damit im Einklang steht, so wäre die nette Puppe nicht zu verachten", entgegnete derAndere. Die beiden Offiziere beschleunigten ihren Gang und drängten sich auf dem schmalen Trottoir der menschenleeren Gasse dicht an dem Mädchen, welches ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, vorbei. Dasselbe wich scheu zur Seite.
„Ei, wir sind ja alte Bekannte!" rief Dillheim sehr vernehmlich aus, nachdem er sich auffällig vorgebengt hatte, um bei dem trüben Laternenschein die Züge der erschrocken Znrücktretenden so genau als möglich zu betrachten.
Die Angeredete gab keine Antwort und versuchte der Belästigung dadurch zu entgehen, daß sie die Richtung quer über die Straße zur anderen Häuserreihe einschlug. Aber es half ihr nichts, denn während der andere Offizier stehen blieb und Bedenken trug, die Sache noch weiter zu treiben, verfolgte Viktor die Fliehende und sprach sie wiederholt an.
«Nur nicht so spröde, mein Fräulein! Ich bin Ihnen ja in aller Form vorgestellt und darf mir deshalb zweifellos erlauben. Sie ein Stückchen zu begleiten." Dillheim blieb dicht an der Seite des durch feine Zudringlichkeit geängstigten Mädchens und fuhr, als abermals keine Entgegnung erfolgte, immer kühner fort. „Wenn man so spät allein Pronienaden macht, sollte ein Beschützer nur willkommen sein. Geben Sie mir Ihren Arm. liebe Kleine! — Nein? Sie wollen nicht? Ich verlange ja doch für die unbedeutende Gefälligkeit nichts Anderes, als ein paar freundliche Blicke, oder, wenn Sie liebenswürdig sein wollen, ein Küßchen von Ihren süßen Rosenlippen." Dabei benutzte der vom Geist des Weines Beeinflußte einen Winkel an den Gebäuden, um Jener den Weg dermaßen abzuschneiden, daß sie vollständig eingeengt war und stehen bleiben mußte.
„Herr von Dillheim! Ich muß Sie an Ihre Stellung als Offizier erinnern, die Ihnen ein derartiges Benehmen verbieten sollte", sagte nun das Mädchen mit wohlklingender, aber unter dem Einfluß der Erregung bebender Stimme.
„Ei, Sie haben ja ein vorzügliches Namengedächtniß, schönes Kind. Es ist mir sehr schmeichelhaft, daß Sie so viel Interesse an mir genommen haben, sich das zu merken. Gegen Bekannte ist aber eine solche Zurückhaltung schlechterdings nicht am Platze. Entweder müssen Sie meine Begleitung annehmen oder sich mit einem Küßchen loskaufen, wenn Sie dieselbe verschmähen."
Die Scene erregte trotz der geringen Passage in diesem Stadttheil die Aufmerksamkeit einiger Vorüber-
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gehenden. Der Offizier, der Viktor vorhin zur Seite gewesen war, blieb nun auch jenseits der Straße stehen und beobachtete, ebenso wie ein Civilist, den auf dem anderen Trottoir sich abspielenden Vorgang. Beide näherten sich mehr und mehr.
„Lassen Sie mich!" bat die Bedrängte zuerst flehentlich und mit gedämpfter Stimme, als der freche Plagegeist seinen Arm um ihre Taille schlingen und ihr den verlangten Kuß rauben ivoltte. „Allein Gott! Schützt mich denn Niemand vor diesem Elenden?!" stieß sie dann in namenloser Angst vernehmlich hervor.
„Wer will es mir wehren, Dich zu küssen, mein Täubchen!" rief Viktor erregt.
„Ich!" ertönte es in diesem Moment hinter ihm, und eine kräftige Männerhand legte sich schwer auf seine Schulter, ihn von dem Opfer seines Uebermuthes energisch zurückziehend.
„Herr!! Was erfrechen Sie sich?!" schrie Dillheim, außer sich gerathend und die Haiw an seinen Säbel legend. „Donner und Doria!! Sie, Fronhofen?! Sind Sie von Sinnen?!"
„Sie selbst scheinen es in der That zu sein, sonst würden Sie die Ehre Ihres Standes besser zu wahren wissen!" entgegnete Oswald in kalteni und verächtlichem Ton. „Die Dame, wer sie auch sei, steht unter meinem Schutz, nachdem sie die Hülfe der Vorübergehenden gegen Sie in Anspruch nehmen mußte. Im klebrigen ist hier nicht der Ort für weitere Verhandlungen, wie Sie ungeachtet Ihres erregten Zustandes hoffentlich einsehen werden."
„Impertinent! Ich werde Sie züchtigen!" drohte Viktor überlaut, wie vorhin.
Nun aber legte sich der andere, vollständig nüchtern gewordene Offizier ins Mittel, indem er sich in entschiedener Weise an den unzurechnungsfähigen Kameraden wendete:
„Keine Straßenfcene, Dillheim! Der Vorgang wird bemerkt und es ist hohe Zeit, abzubrechen. Die Herren kennen sich dem Namen nach, und das genügt für heute vollständig." Er zog den Arm des Widerstrebenden unter den seinigen und brachte es durch einige ihm zugeflüsterte Worte soweit, daß dieser ihm folgte.
Nun erst konnte sich Oswald uni Diejenige bekümmern, zu deren Gunsten seine Intervention stattfand. Sie hatte sich, während die Verhandlung vor sich ging, bestürzt und in sprachloser Verwirrung abgewendet; jetzt aber, nachdem die Passage frei geworden war, schickte sie sich an, ihren Weg fortzusetzen, wodurch es Oswald zum ersten Male möglich wurde, so gut es das herrschende Halbdunkel erlaubte, einen Blick auf ihre Gesichtszüge zu werfen. Sie waren von Thräneu überströmt.
„Gabriele Rudorfs!?" rief er höchst betroffen aus. „Sie sind es, liebes, armes Fräulein, die der Erbärmliche schon zum zweiten Male zu belästigen wagte?!"
„Mein Gott! Muß ich Unglückliche denn immer die unschuldige Ursache sein, welche Sie, gerade ^>ie, in Ungelegenheiten verwickelt!" flüsterte das Mädchen mit unterdrücktem Schluchzen.
„Kommen Sie! Ich werde Sie nach Hause begleiten", sprach der junge Sitterat theilnähmsvoll und reichte der nun still Weinenden seinen Arm, in den sie schüchtern den ihrigen legte.
(Fortsetzung folgt.)
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