^Beilage Mm Wiestiaümer Tagblatt.
Uo. 320» Ulorgen-Anognbr.
Mittwoch, dru Uovembrr.
48. Jahrgang. 1000.
(13. Fortsetzung.)
(Nachdruck Verbote».)
Standesgemäß.
Roman von Karl v. Lcistner.
„Sie verlangen viel von mir", sagte die Sängerin „Aedenken Sie, daß die Anforderung, ans mein öffent- liches Auftreten zu verzichten, erst in dieser Stunde an mich herantritt, und daß ein solcher Entschluß kein leichter gefeierte Künstlerin ist. Ja, ich wäre bei bestem 'ktifen sogar nicht einmal in der Lage, die unverzügliche Erfüllung Ihres Wunsches Zusagen zu können, da ich mich zu einer bestimmten Anzahl von Gastrollen verpflichtet habe."
„Ganz unerwartet kann Ihnen dieser Gedanke kaum kommen, theure Freundin", versetzte der junge Mann. „Sie mußten bei meinem Charakter wohl derartiges voraussetzen, und wenn Sie nicht sofort mit sich im slieiuen sind, daß Sie fähig sein würden, mir dieses Opfer zu bringen^ so würde es besser sein, wir scheiden. Bedürfe,: Sie hier zuerst noch einer langen lleberlegung und sagt Ihnen Ihr Herz nicht unverzüglich, daß Sie in der Ehe mit dem erwählten Gatten für das Entbehrte völligen Ersatz finden werden, dann, Cora, uiüßte ich furchten, daß Sie der nach vielen Zweifeln gefaßte Ent schliiß früher oder später gereuen köniite. Einen sofortigen Abbruch aller und jeder Beziehung zur Oeffent- lichkeit Ihnen zuzumuthen, lag nie in meiner Absicht, und der Vollendung Ihres Gastrollencyklus stünde in keinem Falle ein Bedenken entgegen, sondern nur dem Sie für Jahre bindenden Engagement."
Cora käinpfte mit sich einen schweren Kanipf. Sie stand heute zum zweiten Male vor einer schwierigen Alternative. Der Mann, welcher in diesem Augenblick ein Ja oder Nein von ihr beanspruchte, wäre ihr werth und theuer genug gewesen, um ihn: unbedenklich die erbetene sofortige Zusage zu geben, wenn-ja, wenn
nur nicht das Schicksal ein so tückisches Spiel mit ihr ge- trieben und ihr gerade gleichzeitig jenen ihr in anderer Weise syiirpathischen Viktor v. Dillhein: zugeführt hätte.
— lind doch-hatte denn dieser nicht heute erst
ihren Unwillen erregt? Entsprangen seine Huldigungen nicht vielleicht aus unlauteren Beweggründen? Hatte welcher sie jetzt mit banger Erwartung zur Entscheidiing drängte, während der Andere ungebührlich zagte und zögerte, entschiedene Vorzüge vor Viktor voraus? --Diese Erwägungen vollzogen sich natürlich
weil rascher, als sie sich durch die Feder mittheilen lassen, im Geiste des schönen Mädchens, welches nun eine das ganze Leben gestaltende Verfügung treffen sollte.
. „Cora! Liebe, theure Cora!" bat Oswald die noch immer im Schweigen Verharrende. „Fällt es Jh,:en denn gar so schwer, das eigene Herz zu ergründen, das sich langst schon für mich oder für Jenen entschiede,: haben sollte, wenn überhaupt einem von uns beiden der hohe S:egespreis zufallen wird? Muß ich denn einem Manne das Feld räumen, der — ohne ihm sonst zu nahe treten zu wollen — wenigstens Ihren erhabenen Geist kaum in seiner ganzen Größe zu würdigen vermag? Wollen Sie mir denn diese liebe, schöne Hand wirklich versagen, deren Besitz inich glücklich n:achen könnte?"
Der junge Mann sprach es im warmen Ton innigster .^itte, indem er Coras Hände zu sich heranzog und ihr voll ins Auge sah. Das Mädchen erwiderte seinen Blick und ließ ihn ruhig gewähren.
„Verzeihen Sie, mein lieber, theurer Freund!" sagte Cora jetzt leise. „O. cs ist so schwer für eine Kunst beflissene in meiner Lage, sich für alle Zukunft des Be rufes zu entäußern, den sie bisher als Lebenszweck be trachtet hat. Aber ich will es versuchen, mich mit dem Gedanken der Verzichtleistung vertraut zu machen."
„Cora! Sie wollen das thun-? So erhören Sie mich? So weigern Sie sich wohl nicht länger, mich zu beglücken?" rief Oowald aus.-
„Monsieur de Dillheim!" meldete in diesem wenig günstigen Augenblick Madeinoiselle Clarisse, die vertrauliche Situation, in der sich ihre Herrin und deren Gast befanden, in dem Moment noch wahrnehmend,, als Oswald die Hände frei gab und beide, unwillig über die Storung, aufblickten. Der Zofe kostete es Mühe, vor den zürnenden Augen ihrer Gebieterin das malitiöse Lächeln zu verbergen, das bei der sehr interessanten Wahr nehmung ihre Lippen umspielte. Das befangene Schweigen des betroffenen Paares betrachtete sie als Genehmigung des Empfanges und verschwand sofort wieder im Vorzimmer.
„Cora! Das entscheidende Wort, bevor dieser Mann emtritt!" drängte Oswald.
„Sagen Sie ihm, daß ich Ihre Braut bin", flüsterte die Sängerin, als sich die Thür wiederum öffnete, um den Angeineldeten einzulassen.
„Ron soir, meine Gnädige! Ich störe doch nicht? Ach, lieber Fronhofen! Charinant, daß ich Sie auch treffe, nachdem ich schon einige Tage das Vergnügen entbehren mußte. Sie zu sehen. Sie machen sich hier sehr rar, wie es scheint, und sii:d sicherlich wieder in eine geistreiche Arbeit vertieft?"
Cora begrüßte den neu hinzugekoinmenen Gast mit unverkennbarer Befangenheit und Zurückhaltung, wahrend Oswald erwiderte:
„Das wäre kein ausreichei:der Grund, um eine so theuere Freundin deshalb zu vernachlässigen. Wenn wir während der jüngstverflossenen Tage nicht zusammentrafen, dürfte dies dem Zufall zuzuschreiben sein."
. „Auch möglich! Verzeihen Sie Verehrteste, daß ich heute schon zum zweiten Male lästig falle. Es wäre nur aber von außerordentlichem Interesse, zu erfahren, ob die Frage, welche Sie zur Zeit n:eines vormittägigen Besuches so lebhaft beschäftigte, in einer oder der anderen Richtung schon ihrer Entscheidung entgegenreift. Sie verstehen mich? Hoffentlich lasse ich nur keine Indiskretion zu Schulden komnien, wein: ich den Gegenstand unserer vertraulichen Besprechung in Gegenwart eines Tritten berühre, der die Ehre mit mir theilt, zu Ihrem engereu Freundeskreise zu zählen."
„Meine Entscheidung ist bereits gefällt", gab die Sängerin mit eigenthüinlichem Lächeln zur Antwort, und was Ihre diskreten Bedenken anbelangt, so kann ich Sie hierüber vollständig beruhige!:, da die Mittheilung keineswegs einen vertraulichen Charakter hatte, wie Sie irriger Weise annehmen, Herr voi: Dillheim. Wäre das aber der Fall gewesen, so würde Baron Fronhofen das erste Anrecht gehabt haben, sie zu vernehmen."
In den Zügen dessen, an welchen diese etwas arkastische Ansprache gerichtet war, malte sich ein so verblüffendes Erstaunen, daß sich auchOSwald eines Lächelns nicht erwehren konnte.
, „Ach so! Ich befürchte. Sie werdei: meinen Freund eitel machen, wenn Sie ihn dies hören lassen, hochverehrte
Gönnerin! Fronhofen! Ihre Aktien scheinen bei Fräu- lein Cora zu steigen, und wie mir deucht, so habe ich allen Grund, furchtbar eifersüchtig auf Sie zu werden!" sagte Viktor in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte, welcher aber trotzdem den mühsam verbissenen Aerger kundgab.
„Wenn Ihnen dieses Gefühl bisher noch fremd war, Herr von Dillheim", versetzte der junge Litterat sehr gemessen, „so dürfte es jetzt etwas zu spät kommen, um die Gestaltung der gegenseitigen Beziehungen noch beeinflussen zu können?"
„Meinen Sie? — Hm! — Ich muß aufrichtig ge-, stehen, Baron, daß mir der Sinn Ihrer geistreichen Bemerkung diesmal nicht vollständig klar ist", äußerte sich der immer betretener werdende Offizier und sah dabei die beiden Anwesci:den fragend an.
Auch Cora und Oswald wechselten einen raschen Blick, worauf die Erstere sagte:
„Nachdem Sie schon für die Angelegenheiten meines künstlerischen Berufes ein so reges und schmeichelhaftes Interesse bekundeten, Herr von Dillheim, werden Sie sicherlich an einem noch viel wichtigeren Vorgänge in meinem Privatleben, über den Ihnen unser gemeinsamer Freund Aufschluß geben wird, noch lebhafteren Antheil nehmen."
^ „In Ihrem Privatleben? — Wichtiger Vorgang? So! — O sicherlich! — Wird mich ungemein inter- essiren!"
Viktor wurde nun trotz seiner gesellschaftlichen Gewandtheit wirklich fast verlegen.
„Dann erlaube ich mir, Herrn Leutnant von Dillheim von meiner mrmittelbar vor dessen Ankunft stattgefundenen Verlobung mit Fräulein Cora in Kenntniß zu setzen", sagte Oswald ceremoniell, indem er sich leicht verbeugte.
„Donner und Teufel!" schwebte es schon auf den Lippen des so Avertirten; aber er unterdrückte diesen nicht ganz salonfähigen Ausdruck noch rechtzeitig und substituirte dafür vorläufig nur ein seine hochgradige Ueberrüschung aus drückendes: „Ah! Gar nicht möglich!"
„lind doch ist es so", bestätigte Cora, leicht erröthend. Sollten Sie das nicht schon längst geahnt haben, bester Dillheim?"
Der junge Kavalier war Weltmann genug, um sich in dieser fatalen Situation keine weiteren Blößen zu geben, und entgegnete rasch:
„Freilich! O gewiß! Konnte ja nach allen meinen Beobachtungei: kaum anders kommen. Mai: hat in Herzensangelegenheiten ein scharfes Auge, aber man giebt sich natürlich den Anschein, als merke man nicht das Mindeste. Diskretion war stets meine-Eigenschaft!
Nein, das ist wirklich prächtig, und es freut nüch ungemein, daß das unfehlbar Vorausgesehene endlich eingetreten ist. Aber meine scherzhafte, verblüinte An- pielung von vorhin, Eifersucht betreffend, haben Sie ja doch wohl so aufgefaßt, lieber Fronhofen, nicht wahr?"
„Selbstverständlich!" eickgegnete Oswald, indem er Cora einen vielsagenden, schalkhaften Blick zuwarf. „Sie mußten ja doch als Kavalier dem, der Sie hier einge- ührt, so viel Rücksicht erweisen, ihm bei seiner nunmehrigen liebe«: Braut nicht den Rang ablaufen zu wollen. Sonnt konnte von Eifersucht im Ernste zwischen uns nie die Rede fein/'
(Fortsetzung folgt.)
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