Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Veznns-Prcis- dnrch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. «O Pfg. vierteljährlich siir beide Ausgaben zusamnir».
Verlag: Laiiggasse 27 .
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Abend«liiisgabe.
Mn goldbeladeller Gscl Verjtelgt jede Maller.
Unser Berliner L. ^.-Korrespondent schreibt uns:
König Philipp non Macedonien mar ein Mann, welcher die Welt kannte. Er legte sein Geld gut an und verdiente gut, wo es nur irgend anging, und Proccnte nahm er am liebsten hundert. Denn Geld ist eine schöne Sache, das wußte er, mit Geld laßt sich viel machen: König Philipp war ein für seine alterthümliche Zeit äußerst moderner Mensch. Diese König Philippe sterben nicht aus, in allen Zeitaltern sindet man sie wieder, gerade die Gegenwart aber ist reich an solchen Genies, die mit Geld Alles machen Da war im Frühjahr in Berlin ein Mann; ich sehe ihn noch, wie er eines schönen Tages in heiliger Entrüstung in das Büreau einer Berliner Zeitung trat.
„Mein Name ist Sternbcrg. Hören Sie, Herr", rief er den Lokalredaktenr voller Entrüstung an, „das' ist doch toll daß Ihre Zeitung hartnäckig an meiner Schuld festhält' Meine 18 Millionen könnten mich längst über alle Berge gebracht haben; aber ich stehe noch hier, ist das nicht ein Beweis meiner Unschuld? Sie würden gut thun"
Weiter kam Herr Sternberg nicht, 'denn gleich darauf wurde er zur Thür hinauskomplimentirt und zu etwas eiligem Rückzug gezwungen; die betreffende Zeitung aber setzte wacker den Kampf gegen die 18 Millionen fort. Doch die 18 Millionen machten sich bemerkbar. Es wurden hie und da seltsame Berichte an die betreffende Zeitung und die Zeitungen geliefert, selbst soviel ersah man in dem Blatt, daß die 18 Millionen zuweilen am Mittag schon wußten was am Nachmittag das Blatt zu dem Fall schreiben würde; aber es half Alles nichts, die 18 Millionen erlagen bei der Gerichtsverhandlung und ihr Besitzer mußte weiter in Untersuchungshaft in Moabit sitzen.
Aber die 18 Millionen wirkten weiter. Wie sie die „Masseusen" in alle Winde verstreuten, so Hollen sic sie wieder zusammen zu einer zweiten Verhandlung; Alles ließ sich sanft an, ihr Besitzer hielt eine von Unschuld triefende Rede, und die 18 Millionen standen dabei und lachten und -achtenI Weshalb sollten sie auch nicht! Hatten sie doch jestgestellt, daß der Kriminalbeamte Stierstaedter, welcher die ganze Untersuchung geführt hatte, selber mit „so einem kleinen Mädchen" zn thnn gehabt hatte, mit dem just ihr Besitzer intim geworden war; da war man ja in guter Familie, und eine Krähe hackt der andern die Augen nicht ans. Also ruhig Blut, lieber Besitzer, sagten die 18 Millionen, und der Besitzer chatte ruhig Blut, denn noch mehr, viel mehr, wußte er, das für ihn gethan worden war.
Aber unter den Philippiancrn war Einer, der doch noch kein rechter Philipp war. Er wußte noch nicht, daß Geld Alles macht, daß es auch ein mit einem „ganz kleinen Meineide" belastetes Gewissen wieder rein wäscht, und als
er die Finger hob und schwor vor Gott, die reine Wahrheit zu lallen da gab es ihm einen Ruck durch den ganzen inneren Menschen und zwang ihn, zu beichten.
Und schlimm ist's, sehr schlimm, was wir gehört haben, und die 18 Millionen, obschon nunmehr ihr Besitzer verloren scheint, Hvhnlachen und Hohnlachen! Sie haben es fei tlg gebracht, auch die höchste Mauer zu übersteigen; sie sind im rothcn Gebäude am Alexanderplatz erschienen und haben in den Begriffen eines Kriminalkommissars über Reckst lind Unrecht eine heillose Verwirrung angerichtet Einer war es nur, aber doch ist's schlinim; denn ein Zweiter hat gestanden unter seinem Eide, daß er wochcn- ang neben jenem Einen hergelanfen ist und seine Anwesenheit »n Polizeipräsidium geduldet hat, obschon ihn sein Diensteid zwang, zu sprechen, daß er selber zum Mindesten sehr geschwankt hat, ob er sich nicht auch den 18 Millionen in die Arme werfe» solle; denn hätte er sonst mit dem Versucher wieder und ivicder gekneipt, hätte er sich Rcb- hiihner und thenre Weine bezahlen lassen, da, wo Rebhühner und Weine viel, viel Geld kosten, mehr, als ein Kriminalkommissar nusgeben kann?
Und weiter hat dieser Zweite gestanden, daß auch er ein Sternberg im Kleinen gewesen ist, daß auch er zu einer Zeugin Hanßmann in unerlaubtem intimen Verkehr gestanden habe; wahrlich, ein sonderbares Schauspiel, wenn der eine Wolf den anderen fangen soll! Und noch mehr will der Zeuge sagen, wenn er von der Pflicht der Amtsverschwiegenheit entbunden ist; möchte das Mehr nicht noch mehr belasten, wahrlich, genug ist's!
Das rothe Haus aber am Alexanderplatz, an welchem bis jetzt jeder Berliner mit dem Gefühl vorüberging. daß stde kriminalistische Sache gut geborgen sei; mit welchen Gefnhlen soll es weiterhin betrachtet werden? Wir wünschen uiid hoffen, daß aus der Skandalsnche sich nicht noch Schlimmeres entwickeln möge und entwickeln wird.
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£L?*, r U ,, \ 2 ’ ? ( r 0UcmBer /. J»> Prozeß Sternberg Hot wahrend mV Ä,»!: bIl,n r , b - e -Vauptzeugi» Wopda ölte Angabe», t An s früheren Verhören machte, trotz aller Ermahnungen des Volsitzcndcn widerrufen. Sie sei wohl mit Sternbcrg sn,innen gewesen, aber nicht von ihm berührt worden, st,,re
früheren Aussagen seien ans die Veeinflussungen des Krimmal- schutzinaniis Sticrstadter, der ihrer Vernehmung vor dem Potirei- piosidiiiin und auch dem Verhör vor dem Untersuchungsrichter bei- gcwohnt habe, zurnckzusuhren. Kriuiinalkonunissar Thiel war heute an Gerichtsstelle noch nicht crschicncn.
®«3 Blatt wird schon Recht haben. Ein Staatsmann muß nicht immer denken, wie er spricht, und nicht immer sprechen, wie er denkt. '
Dir hessische To-triifestfragr.
„...^..Hessen wird der „Franks. Ztg.» zu der vielerörterten Angelegenheit geschrieben: Der Ausweg, den das Ooerkonsistorium in der Frage der Todtenfest-Verlegung den u-rommen geöffnet hat, erscheint dem Berliner „Reichsboten" nicht gangbar. Das Blatt behauptet, der nachgiebige Erlaß der obersten hessischen Kirchenbehörde habe die Sache verschlimmert" ; es könnten „ärgerliche Zustände" daraus ent- IrrV bcn G"ueinden freigeftefft wird, das
tn-cl) icrie Fest zn verschieben oder nicht; die Geburts- tagsfeier des Großherzogspaares müsse sich vor dem Todienfest auf ^ einen anderen Tag zuriickziehen re. Man sieht daraus, wie der Appetit der Kirche, die ja inter- WM emen guten Magen hat. beim Essen wächst. Nicht der Anstoß, den die „ernstesten Gemeindeglieder" an dem weltlichen Lärm nehnien könnten, ist den Protestlern vom Schlag des „Reichsboten" die Hauptsache; denn diesen Anstoß umgeht der beschwichtigende Erlaß des Ober- konsistoriumS, der den Gemeinden die Entschließung freistcllt. Ev handelt sich für diese Leute vielmehr darum, den kirchlichen Einfluß bei jeder Gelegenheit, auch wo bloße Aeußerlichkeiten m Frage kommen, zu sichern und zu mehren.
großer
den -ij. vi.v UIW rtW nij. ...
parlamentarischen Kreisen den Gedanken nilftauchen
Ä der^ W^t^NN-w bitweise wenigstens aufzicheben.
A" der „Westd. Volksztg. lesen wir darüber: Der Papierroll war gedacht, al« Schutzzoll, d. h. cr sollte die deutsche Papierindustrie Windle dainalS übermächtige Konkurrenz des Auslandes schützen
nelul.ÄnL^l-k^ckÄ'L Hop-cruidustri- anscheinend?etzt
Deutsches Reich.
Mqnrl.
Das Vüttdlcrblatt kennt seinen Miguel. In HildeKheim hat der Finanzminister soeben eine begeisterte Rede zur Empfehlung der Politik gehalten, die nach fernen Küsten strebt im Interesse unseres Handels und unserer Industrie. „Als Trinkspruch gut, eine politische Rede sollte es nicht sein, bemerkt dazu lakonisch die „Deutsche Tageszeitung".
Feuilleton.
Der Derfajser der »>§chö,lsten Sagen."
Zum 50. Todestage Gustav Schwads, ch am 4. November 1850 zu Stuttgart.
Von Dr. O. N. Tegau.
^ Keinen treueren Schüler konnte Uhland haben als Gustav Schwab. , Er selbst nennt sich einen Schüler Uhlands; in ber Thal gehört er als das jüngste Mitglied dem älteren schwäbischen Dichterkrcis an, dessen bedeutendstes Uhland ist, und keine andere Poesie Z'piclt unter den Entstehnngs- momcnten und Inspirationen der seinigen eine so große Rolle, wie die llhlands. Aber wenn Schwabs Poesie nach ihrem Grundton auch in Uhlands Nähe weist, so reicht sie doch nach Stoffen und Formen in verschiedenen Nichtnngen weit darüber hinaus. Das Element der Bildung seiner'Zeit ist bei ihm viel stärker als bei den anderen Angehörigen seines Kreises, und wenn er auch an spezifisch dichterischer Begabung hinter den meisten von ihnen zurückstcht, so ersetzt er das eben durch größere Mannigfaltigkeit des Inhalts und der Form, wenigstens zum guten Thcil. Schwab hat aber zu seiner Zeit durch andere als wie poetische Arbeiten noch bedeutsamere Wirksamkeit ausgeübt. Das Pädagogische ist ein echter Grundzug seiner Natur, und so hat er in nner- müdlicher Thätigkeit für die litterarische Bildung des Volkes und der Jugend gearbeitet.
. Jetzt nun, da sein 50. Todestag vor der Thüre steht, erinnern wir uns gerne an ihn und sind ihm herzlich dankbar für Alles, was er Zeit seines dichterisch -pädagogischen Wirkens geleistet und geschaffen hat.
Gustav Benjamin Schwab wurde als jüngster Sohn des Professors der berühmten Karlsschnle Johannes Christo- phorus Schwab am 19. Juni 1792 in Stuttgart geboren. Ursprünglich für das Studium der protestantischen Theologie
bestimmt, besuchte und absolvirtc er das Stuttgarter Gymnasium und vom Herbst 1809-1814 dasStift zuTübinqe» wo cr mit Uhland nach dessen Rückkehr von Paris eine treue Freundschaft fürs Leben schloß. Nach einer halbjährigen Vikaruzeit unternahm cr im Frühjahr 1815 eine längere Reise nach Nvrddcutschland, besonders Berlin, wo er litterarische Verbindungen schloß und zn einer in Schwaben damals nicht allzu innigen Siebe für das norddeutsche Wesen den Grund legte. Der. wie sein Vorbild und Meister Uhland stets reiselustige Mann hat noch in späteren Jahren einen für jene Zeit namentlich, sehr beträchtlichen Thcil von Europa besucht.
Ende des Jahres 1817 wurde Schwab znm Professor am oberen Gymnasium in Stuttgart bestellt und kam daenrch in die Thätigkeit, die ivohl als die fruchtbarste und scinem Wesen kongenialste unter seinen verschiedenen Leben^ stcllungcn bezeichnet zn werden verdient, wie cr dann auch in ihr am längsten verweilt hat. Er hatte das Glück manche ^später zn hohem Ansehen gelangte Stuttgarter unter seinen «Schülern zu sehen, und sein Unterricht wird als antzerordenilich anregend und befruchtend geschildert.
hat Schwab kurz nach seiner definitiveu Anstellung einen eigenen Hausstand gegründet, und noch bis auf den heutigen Tag blüht sein Geschlecht. Der sich immer mehr häufenden ArbcitSmasse deS Berufs und der Iittcrarischen Thätigkeit weichend, ließ sich Schwab im Herbst 1867 als Pfarrer nach Gomaringen bei Tübingen versetzen wo ,hm auch die Nähe Uhlands lockend schien. Er kehrte aber schon im Sommer 1841 nach Stuttgart zurück, als Stadtpfarrcr und^Amtsdekan. Nachdem cr 1844 alsHülfs- arbeitcr in^den Studienrath eingetreten war, wurde cr im Herbit 1845 znm Oberkonsistorialrath und Obcrstudienralh ernannt; zu gleicher Zeit erthcilte ihm die theologische Fakultät der Universität Tübingen den Doktorgrad. Aus einer, seinen ^uut für öffentliche Wirksamkeit befriedigenden, ehrenvollen, aber auch arbeitsreichen Thätigkeit heraus wurde Schwab
nicht mehr nothig; jetzt ist cs das Zcitniigsgewerbc, welches gegen «"E "»gehörige Brand! chutzlnig durch die Papierindustrie geschützt wcrdeii muß, und dies kann nicht wirksamer geschehen als durch die möglichst bald durchznführcnde Aushebung des Zolles auf Druckpapier. Die verbündeten Regierungen haben keine Vcr- kmem diesbezüglichen Seitens der großen Mehrheit des gestellten Ansinnen nicht stattzugebcn, und es ist dafür gefolgt, daß der Reichstag alsbald nach scinem Zusammen- Frage Stellung nehmen kann. Verleger der „Westd.
Mitglied der Centruinsfraktion des Reichstags für den Wahlkreis Arnsberg-Olpe. Man könnte also rechnen, haß vom Centrnm ein solcher Antrag gestellt' werden !f' Ilrbngens ist das Papier nicht allein vertheuert worden auch d,e Preise anderer Materialien werden durch Ringe in die Höhe getrieben, und was dcni Papier gegenüber recht ist,' das muß den nbrigen Produkten gegeniibcr billig sein. B "
* Eine deutsche Kclition der Intrrnntionaten Ner- enng-.„ig für oesehtichei! Arbriterschud soll gebildet wnden.
sorischcs Cviiiitö versendet gegenwärtig die Einladungen L'ff dlldung einer solchen Sektion. Die Vereinigung ist auf eimm Ende ^uli dieses wahres in Paris abgehaltcnen Kongreß unter n 0011 Vertreter^ Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, £ C inVniTf , 5 H lll, j! rl1 '' i, et ® cf )luei 5 , der Niederlande und Italiens begii iwct worden. Als ihren Zweck geben die uns vorliegenden Statuten an: Ein Bindeglied zn sein für Alle, die in den verschiedenen Industrieländern die Arbciterschutzgesetzgebung als Noth-
am 4. November 1850 durch einen Schlagnufall plötzlich hinweggerafft. ^ ^
«ßefmibere Gelegenheit zur Entfaltung seiner pädagogischen Thätigkeit als Lltterat und Dichter hatte Schwab als 9 edakteur des poetischen Theils des Cotta'schen „Morgcn- blattes" von 1827 bis 1837 und als Mitrcdakteur von ChamissoS „Musen-Almanach" 1833 bis 1836 und 1838 gehabt. Talente, wie der Dichter der Albigenser, Lenau und der exotische Reimer Freiligrath verdanken ihm ihre Ellifnhrnng in die Oeffenllichkcit. Diese Namen, wie der- icnigc Chamiffos werden zeigen können, daß er sich nicht in den engsten Kreis des idyllischen SchwabenthnmS cin- Ichließcn wollte.
Der Poesie eines Heine und der philosophisch-theologischen Bewegung der 30er Jahre ist Schwab allerdings nie völlig gerecht geworden. Seine sonst so oft bewiesene Liberalität stndct ihre Grenze, wo nach seiner Ansicht Religion und Sitte gefährdet 7>nd, und es ist die Achillesferse seiner Iltlerarischen und wissenschaftlichen Anschnnnng, daß sie nicht sowohl auf dem positiven Prinzip einer ganz bestimmten Ansicht, als auf dem an sich unfruchtbaren „ne contra bonos moros" (nichts gegen die gute Sitte!) beruhte
Sehen wir aber von dieser Schranke seines Vermögens ab so ist Schwabs litterarische Thätigkeit eine durchaus ruhmeiisiverlhe und gesunde gewesen, und es soll ihm dieses Lob nicht verkürzt werden.
Der siltenreine, künstlerisch begeisterte Schwab verdient eo, daß wir uns seine in litterarischer Form zu Tage ge- tretenen Bestrebungen für die deutsche Litteratur an seinem Gedächtnißtage auch ein wenig umfangsvoller auschen.
Ganz besondere Erwähnung verdienen seine Arbeiten über Schiller. Schwab Halle bei der Enthüllung von ThorwaldsenS Schillcrbildniß in Stuttgart 1839 die Fest-^ rede gehalten. Eine von p' d'stischer Seite ausgehende Opposition gab ihm Anlaß zn dem Artikel in den „Theos. Studien und Kritiken": „Der Kultus des Genius, mit
