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1. Beilage tunt Wiesbadener (Tnnblntt.

Uo. 312. Moryen-Ansgadr«

Freitag, den 2. Uovemlrer.

48. Jahrgang. 180V.

(9. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Nonian von Karl v. /eistuer.

„Mit Nichten, mein Junge!" sagte sic. „Es hat noch gar keine Eile. Nachdem wir uns so lange nicht gesehen haben, giebt es noch Mancherlei zu besprechen. Ick) habe Dir bisher fast ausschließlich von den Erlebnissen meiner Reise erzählt; nnn aber wollen wir auch einmal von Deinen eigenen Angelegenheiten redeir, denn die paar Briefe, die Du mir während der verflossenen Monate schriebst, waren so mager und kurz gefaßt, als ob sie zur Beförderung durch den Telegraphen, statt durch die Post bestiuunt waren, oder als stanmiten sie von einem Schul­knaben, der das ihin herzlich sauer werdende Schreiben mit ein paar nichtssagenden Phrasen loshaben möchte. Und doch wollte ich wetten, daß in dieser Zeit wieder manches Buch Papier recht unnütz verschrieben wurde, um schließlich kaum geleseu, in dem Papierkorbe irgend eines Redakteurs oder Bühnendirektors sein Dasein zu enden . . . ."

„Aber Tante!" unterbrach sie Oswald, und das Blut stieg ihm bis in die Schläfe empor, „ich muß Dich doch inständigst bitten, über meine schriftstellerischen Leistungen etwas weniger geringschätzend zu urtheilen. Gerade jetzt . . ."

„Ei was! Gerade jetzt! Das ist der Refrain, den ich mir schon satt genug gehört habe. Anstatt i,inner und ewig der Welt zu erzählen, wie rührend es zuge­gangen ist, bis Ferdinand und Marie ein Paar wurden, oder wie unglücklich sich Luise gefühlt hat, als der verab­scheuungswürdige Tyrann von Vater — im Grunde ge­nommen die einzige erträglich vernünftige Figur m der ganzen Historie — sie zu einer aiiständigen Heirath ver­anlassen wollte, anstatt, sage ich, die kostbare Zeit mit solchem Geschreibe zu vergeuden, hättest Du besser daran gethan, wenn Du Dir eine Beschäftigung ausgesucht hättest, bei der sich doch auch ein in die Waagschale fallender Erfolg erzielen läßt."

„Taute!" rief hier der Neffe wieder vorwurfsvoll, da ihn die vernichtende Art und Weise, wie seine theuersten Interessen ins Lächerliche gezogen wurden, empörte, „Taute, nicht weiter in diesem Tone! Du solltest doch endlich erkennen, daß aus dein bevormundetenKnaben langst ein gereifter Mann geworden ist, der zu beur- theilen weiß, ob sich ein begonnenes Unternehmen auch zu gutem Erfolge führen läßt oder nicht. Ich habe in diesem Punkte ein unerschütterliches Selbstvertrauen, ein sicheres Bewußtsein meiner Leistungsfähigkeit, und der Tag wird kommen, an dem Du Dich überzeugen wirst, daß Du mir unrecht thatest!"

„Ja, leider fühlst Du Dich in Deiner unglückseligen Verblendung sicher", klagte die hartnäckige Dame. „Ein Unternehmen nennst Du das? Ich nenne es über­spannte Thorheiten, Illusionen, Luftschlösser, die in ein Nichts zerfallen und mit deren Aufbau Du Deine besten Jahre vertändelst! Wenn Du nicht in einein blinden Wahne befangen wärest, so miitztest Du längst erkeniren, daß Du von Deinen bischen Renten nicht leben kannst

und daß die erhofften goldenen Berge im Schlaraffen- lande liegen. Meinst Du denn, ich öffne meine Börse Dir in so freigebiger Weise, nur um mein gutes Geld von Dir verzehren zu lassen, während Du auf getrüuinten Lorbeeren ruhst?"

„Wenn Dii für die Spenden, welche ich bisher danb barst von Dir acceptirte, das Recht beanspruchst, mich in solcher Weise behandeln zu dürfen, Tante", warf der junge Schriftsteller entrüstet ein, „dann möchte ich lieber in Zukunft auf jede Beisteuer verzichten und ganz auf eigenen Füßen stehen."

„Siehst Du, nun bist Du gleich wieder oben hinaus, tvenn eine alte Person, die stets mütterlich gegen Dich gehandelt hat, einmal spricht, wie es ihr uins Herz ist. Sage, mein Junge, von was gedenkst Du denn eigentlich zu leben und in Zukunft vielleicht einen Hausstand zu gründen, wenn ich meine Hand wirklich zurückziehen wollte? Rechnest Du vielleicht darauf, mich sobald schon zu beerben?"

„Du wirst ernstlich beleidigend, Tante Agnes! Ich schmeichelte mir bisher. Du hättest Deinen Neffen von einer besseren Seite kennen gelernt, als daß Du ihm eine solche Herzlosigkeit zutrauen könntest",, sagte Oswald aufstehend.

„Halt! Ich bin noch nicht zu Ende, mein Lieber. Ja, hierin hast Du recht. Von einer bessern Seite habe ich Dich stets gekannt, und es ist das erste Mal, daß ich einen solchen Ton gegen Dich anschlagen muß. Aber ich halte es für meine Pflicht, denn Du bist auf Abwege, ge- rathen, und ich bin die Einzige, der eine Besugniß zu­steht, Dich vor solchen zu warnen. Glaube mir, ich meine es herzlich gut mit Dir, wenn Du es gleich nicht einsehen willst. Deine unglückselige Schriftstellerei ist leider nicht das Einzige, was ich an Dir jetzt zu bean standen habe. Ich fürchte vielmehr, wir zwei werden heute noch ein anderes Sträußchen mit einander zu pflücken haben. Sage mir doch einmal aufrichtig, hast Tu wohl das Theater in letzterZeit recht fleißig besucht?"

Der junge Mann sah die Tante bei dieser, wie es ihm schien, vonl Zaune gerissenen Frage erstaunt an und er­widerte unwillig:

„Worauf soll diese Bemerkung abzielen? Muß ich darüber auch noch Rechenschaft geben?"

„Nur nicht inimer gleich aufbrausen, Oswaldchen! Tu hast wahrhaftig keine Ursache dazu! Ich bin nicht so unvernünftig, einem Mann in Deinem Alter zuzu- muthen, daß er mir seine Ausgaben haarklein vorrechnet. Ein Baron Fronhofen muß standesgemäß leben, und dazu gehört, daß er sich in der Welt, das heißt, in der feineren Gesellschaft, sehen läßt. Wenn sich aber das Interesse für die Bühne bis auf den intimen Verkehr mit den weiblichen Angehörigen derselben in ihren Privat­gemächern erstreckt, so kann ich das unmöglich gut heißen. Wie ich während der gestern und heute meinen Bekannten abgestatteten Besuche in Erfahrung gebracht habe, wäre es bereits stadtbekannt, daß Du in dem Hause der Sängerin Blank als täglick-er Gast aus- und eingehst. Ich möchte darum doch gern von Dir selbst hören, wieveil von diesem Gerede auf Wahrheit beruht?"

„Cora erfreut sich eines so fleckenlosen Rufes, daß der Umgang mit ihr zu keinem Bedenken Anlaß geben kann", sagte Oswald, dem dieses Examen nachgerade unleidlich zu werdeir begann.

„Cora? Also soweit lind wir schon? Bedienst Du Dich dem liebenswürdigen Theaterfräulein selbst gegen­über vielleicht auch dieser vertraulichen Anrede?" fragte die Baronesse sehr pikirt.

„Und wenn dem so wäre?" entgegnete ihr Neffe. „Wenn das ebenso schöne als geistvolle Mädchen, das mir in Bezug auf die Verwerthung meiner jüngsten drama­tischen Arbeit bereits einen großen Dienst geleistet hat, mir wirklich nahe genug stüirde, um eine vertrauliche Sprache von mir zu dulden?"

„Dann würde ich Dir ein entschiedenes Bis hierher und nicht weiter! zurufen", fiel die Tante entrüstet ein. „Ja, Oswald, ich würde Dir sagen, daß ich eine vorüber­gehende Liaison mit einer Person dieses Schlages für unmoralisch, jeden Gedanken an ein ernstliches Bündniß aber für unsinnig und unwürdig eines Sprößlings alt- adeliger Ahnen halte!"

„Nimm es mir nicht übel, Tante, wenn ich Dich darauf aufnierksam mache, daß Du einer Generation an- gehörst, die über Standesqualitäten Ansichten hegte, welche jetzt — Gott sei Dank! — als überwundener Standpunkt gelten. Für mich entscheidet nicht der Beruf, sondern die Individualität einer Person, und die Zeiten, in denen man jedes Mitglied der Bühne als moralisch verfehmt betrachten zu dürfen glaubte, sind glücklicher Weise vorbeigrgangen."

„Du vertheidigst ja Deine Theaterprinzessin mit einer Wärme, die mich in Erstaunen versetzt und einer besseren Sache werth wäre. Ich hoffe aber dennoch um Deiner Ehre und Deiner Familie willen, daß Du es nicht zum Aeutzersten kommen lassen wirst. Das fehlte mir noch, eine solche Person zur Nichte zu bekommen! Wenn Du je Deiner alten Tante, wenn Du deni sreiherrlich von Fronhofen'schen Wappenschilde diesen Affront anthun

könntest — höre Oswald-ich-wüßte nicht,

was ich thäte!"

Die Entrüstung der alten Dame steigerte sich, während ie diese Worte sprach, zu einem immer höheren Grade, üiiö ihr Neffe hielt es für gerathen, diese Scene abzu- b rechen. Er nahm deshalb seinen Hut und reichte nach einigem Zögern der Baronesse die Hand.

„Laß uns in Frieden scheiden, liebe Tante!" bemühte er sich in möglich gelassenem Ton zu sagen. „Diejenige, die ich zu meiner Gattin wähle, wird unserem Hause keine Schande bringen."

„Nicht wahr, Oswaldchen, Du wirst Dich aus der ge­fährlichen Nähe zurückziehen?" bat jene, halbwegs durch das niaßvolle Verhalten des Neffen versöhnt. „Willst Du mir das versprechen?"

„Ein Mann von Ehre verspricht nur das, was er für alle Zeit halten kann," entgegnete der junge Schrift­steller. „Ohne Weiteres den Verkehr mit der Künstlerin abzubrechen, ist mir unter den obwaltenden Umständen unmöglich."

(Fortsetzung folgt.)

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