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«8. Jahrgang.

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N-. 813 . Redaktions-Fernsprecher Ro. 52 . bg<) Z. PerlagS-Fernfp.echer Ro. 2260.-

Abend »A&Bsgiali ®.

Die Reichslagssession.

Kerli««, 1. November.

Noch vierzehn Tage trennen uns von dem Beginn der neuen Reichstagssessiou, welche nicht nur eine sehr arbeits­reiche, sondern auch eine ganz besonders lebhafte zu werden ver­spricht. Zn dieser „Lebhaftigkeit" wird in erster Reihe die zu erwartende eingehende Erörterung der China-Frage und der mancherlei damit zusammenhängenden Vorgänge beitragen.

An diese Erörterung wird sich die mancher anderen, mehr oder minder im Zusamincnhang damit stehenden Fragen reihen. So ist eine umfangreichere Debatte über die Erscheinungen, welche dem Reichskanzlcrwcchsel zu Grunde lagen und die diesen Wechsel zu einer Nothwendigkeit machten, mit Sicherheit zu erwarten. Auch der Fall PosadowSky-Woedtke-Centralverband deutscher Industrieller wird den Gegenstand einer eingehenden und politisch vielleicht sehr bedeutsamen Erörterung bilden.

Man sieht somit, daß es dem Reichstag schon zu An­fang an ausgiebigem Stoff zu lebhaften Debatten und heißen Redeschlachten nicht mangelt, ganz abgesehen von dem reichhaltigen Arbeitsmalerial, dessen Erledigung von dieser Session des Reichstags erwartet wird. Von diesem Arbeilsmaterial wird den Stoff zu den heftigsten Kämpfen das neue Zolltarifgesctz mit dein neuen Zolltarif bilden. Es ist selbstverständlich, daß bei der Verathung dieser Vorlage alsbald die Frage der Handelspolitik überhaupt in großem Maßstabe aufgerollt werden wird, wenn auch die entscheidenden Kämpfe über diese Frage erst in die nächsten Sessionen des Reichstages fallen werden. Uebrigens werden noch einige Monate vergehen, bis das Zolltarifgesetz dem Reichstag zugehen wird, sodaß der Reichstag sich zunächst mit ander­weitigem Berathungsstoff, an dem freilich kein Mangel ist, beschäftigen müssen wird.

Auch die zweite große Vorlage, welche dem Reichsiag in dieser Session zugehen soll, ist noch keineswegs so weit gefördert, daß an die baldige Inangriffnahme ihrer Ve- rathnng zu denken ist. Es ist dies die Novelle zum Kranken- versicherungsgesctz, mit deren Erledigung das Werk der Revision der Arbeitervcrsicherungsgesetzgebung zunächst be­endet sein wird. Es ist früher mit Sicherheit darauf gerechnet und auch von der Regierung erklärt worden, daß die Reform der Krankenversicherung in dieser Session durchgeführt werden wird. Aber die Arbeiten an diesem umfangreichen Gesetz- gebnngswerk stehen noch so weit zurück, daß gut und gern 3 Monate vergehen können, bis die Vorlage an den Reichs­tag kommen kann. Ob dann noch an die Erledigung der Vorlage in dieser Session zu denken sein wird, das wird ganz von dem Stand der Arbeiten des Reichstags abhängen.

Wenn auch diese beiden umfangreichsten Vorlagen noch im weiten Felde sind, so wird es doch dem Reichstag bei seinem Zusammentritt an hinlänglichem Arbeitsmaterial nicht

fehlen Als solches kommen zunächst diejenigen Vorlagen in Betracht, mit denen sich der Reichstag schon in der vorigen Session beschäftigt hat, die aber infolge der Arbeits- ubeihausiing des Parlaments nicht zur Erledigung gelangten. Es sind dies diejenigen Gesetzentwürfe, welche sich ans die Regelung der Seeschiffahrtsverhältnisse beziehen, nämlich die Seemannsordnung, der Entwurf, betreffend die Stellen­vermittlung für Schiffsleute, die Novelle zu den seerechtlichen Bestimmungen des Handelsgesetzbuches und endlich der Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung der Kanffahrtei- sthiffe zur Mitnahme hciniznschaffcnder Seeleute. Ueber diese vier Vorlagen kleineren Umfangs sind die Mcinnngen so weit geklärt, daß ihre Erledigung nicht allzu viel Schwierigkeiten bieten dürfte.

, Aber auch sonst dürfte es dem Reichstag bald nach seuiein Zusammentritt an BerathungSinaterial nicht fehlen. Die nächst dem Zolltarifsgesctz und der Krankenversicherungs- Novelle umfangreichste Vorlage, mit der der Reichstag sich zu befassen hat, ist der Entwurf eines Gesetzes über die Beaufsichtigung der privaten Versicherungsunteriiehmungen der dem Reichstage alobald nach seinem Zusammentritt zu- gehen durfte. Der Entwurf, welcher bereits die Zustimmung devBiindesraths gefunden hat, ist s.Z. im „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht worden und wir haben ihn damals ausführlich besprochen. Wenn es sich hier auch um ein umfangreiches Berathungsmaterial handelt, so bietet der Entwurf doch wenig Stoff zu grundsätzlichen Differenzen.

Von anderen Vorlagen, deren Einbringnilg in dieser Session mit Sicherheit zu erwarten ist, sind in erster Linie die Entwürfe über da? Urheberrecht und das Verlagsrecht zu nennen, die dem Reichstag ebenfalls frühzeitig zugehcn durften. Das Gleiche wird mir dem Entwurf eines Weiu- gesctzcs. der Fall sein, der schon in der vorigen Session ab­geschlossen war und dem Reichstag lediglich aus Rücksicht a>U. seine sonstigen Arbeiten nicht zugestellt wurde. Des Weiteren ist der Entwurf eines Schaumweinsteucrgesctzes und die seit langer Zeit angckündigte Vorlage, betreffend die Sicherung der Bauhandwcrker-Forderungcn, zu erwarten mährend cS noch nicht feststeht, ob die Reform der Militär- peusionsgesetzgebnng schon in dieser Session des Reichstags zur Erledigung gelangen wird. Rechnet man zu dem bereits vorhandenen und in Aussicht stehenden Arbeilsmaterial die zu erwartenden zahlreichen Initiativanträge — so wird von Seiten des Centrums die Frage des Jesnitengesctzes an- geschnltten werden —, dann erhellt ohne Weiteres, daß wir einer ebenso arbeitsreichen, wie bewegten Parlamentssession entgegen gehen. p

Deutsches Deich.

Di- 12,060 Marlr.

Berlin, 1, November.

Man kann es verstehen, wenn die Blätter, die dem Ceutral- verbande deutscher Industrieller nah- stehen, die Affaire der 12,000 Mk. möglichst obenhin behandeln und die Sache für ab­geschlossen zu Ungunsten der socialdemokratischen Enthüller er-

klaren, nachdem Herr Bueck persönlich gesprochen. Nicht ver­stehen aber kann man, wie das leitende Bündlerblatt diese traurige Angelegenheit zu benutzen weiß, um mit grotesker Verdrehung des Thatbestandes von einer groben Fälschung zu

wÄ' T« r 9 f ünMid > verfehlten Manöver, nach dessen Aufdeckung Graf Posadowsky und Herr v. Woedtke in der Rein- heit von Engeln erstrahlen. Vielmehr, man muß auch dies zu verstehen suchen, da es ja zum Thatbestande der Angelegenheit gehört, und man hat hier festzustellen. daß sich die „Deutsche Tageszeitung eine unerlaubt böswillige, aus gemeinster Ver­logenheit hervorgehende Täuschung gestattet, wenn sie aus dem rein äußerlichen Umstande einer Datumsverwechseluna folgert daß überhaupt nichts Anstößiges geschehen sei. Der Vorgang hat etwas Betrübendes, weil er eine unerhörte Sittenver­wilderung anzeigt. An der 12.000 Mark-Geschichte ist schlechter­dings nichts rein zu waschen und zu beschönigen, höchstens kann eine kluge _aktik die Freunde des Grafen Posadowsky dazu bestimmen, sich still zu verhalten und den Sturm so sich aus­toben zu lassen. Wenn aber im agrarischen Lager der Spieß umgedreht wird, so weiß man nicht, was mehr Verblüffung Hervorrufen soll, ob die abgrundtiefe Einsichtslosigkeit, die sich '"Es) starker hineinreitet, oder die Unverfrorenheit, mit der die wirklichen Vorgänge verfälscht werden. Man hat es nach den Proben von Verdrehung und Lügenhaftigkeit in mehreren konser­vativen Blättern schon nicht mehr bloß mit einem Fall Posadowsky-Wocdtke zu ihun, sondern ebenso sehr mit der Frage von elementarem Anstand oder aber dem Gegentheil bei Bundsirpresse. Nur das schlechte Gewissen kann diese Ge­sellschaft Gespenster scheu lassen, wie z. B. dies, daß die ver­meintlichen Jntriguanten, die den Grafen Posadowsky jetzt nicht hatten stürzen können, später Rache nehmen werden durch regelrechte Obstruktion bei der Verathung des Zolltarifgesetzes. Wenn die Erregung, die den chronischen Zustand des Agrarier- tbums darstellt, schon jetzt, vor der Eröffnung der Reichstaqs- session, so überspannt und planlos umhertaumelt, so kann man sich für den kommenden Winter auf angenehme Ausbrüche der Tobsucht gefaßt machen.

Ein mr»Irwi„-r>ige» Kaiittnrrgerichto-Urryrii.

Im Centrumslager ist es eine ständige Klage, daß die katholische Minderheit beinahe überall, wo eine behördliche Ent­scheidung zwischen den Ansprüchen von Katholiken und denen von Evangelischen zu treffen ist, zurllckgesetzt werde. An die Gerichte pflegt man sich mit diesen Beschwerden zwar nicht öffentlich heranzuwagen, aber im Stillen werden auch hier die klerikalen Gemllther von Zweifeln bedrückt. Umso trostreicher wird es deshalb auf manche unserer katholischen Mitbürger wirken, wenn sie von einer kürzlich gefällten Entscheidung des Kammergerichts hören, wonach ein Kind zwangsweise der katholischen Erziehung unterworfen werden soll, obwohl es evangelisch getauft worden war. Ueber den interessanten Fall berichtet Kammergerichtsrath Koffka in der jüngsten Nummer der „Deutschen Juristenzeitung": Aus der Ehe eines katholischen Mannes und einer evangelischen Frau war ein Knabe hervor­gegangen, der am 3. Noveinber 1893, ein halbes Jahr nach seiner Geburt, evangelisch getauft wurde. Im April 1899 hatte der Vater den Knaben in die evangelische Volksschule gebracht am 14. November 1899 starb der Vater. Das katholische Pfarr­amt wandte sich im Jahre 1900 an das Vormundschaftsgericht mit dem Antrag, die Mutter anzuhalten, dem Kind eine katho-

Feuilleton,

Allerseelen in Neapel.

Von vr. Willi»»»» Fricke.

Ohne Zweifel Ist Neapel die herrlichste, wonnigste, gott­begnadetste aller Städte Italiens, das Lieblingskind des Südens. Was Genua und andere am Meere gelegene Städte im Kleinen und Einzelnen schön nnd herrlich niacht, das ist in Neapel bis zum Allgemeinsten nnd Höchsten ge­steigert. Was des Südlands Pracht an Reizen zil vergeben hat, das hat sie ihm ringsum zu Füßen gelegt: fruchtbares Erdreich, auf dem die zarten Land- und Gemüsepflanzen ebenso üppig gedeihen wie der stachelige Kaktus, die zierliche Pinie, der knorrige Rebstock, die zähe Olive, die süße Kastanie, das nährende Johannisbrod, die zuckerreiche Feige und die herrliche Goldorange; einen herrlichen Kranz von Gebirgen, reich an Abwechselung in Bezug auf Inhalt und Gestaltung: nackte Gesteine, bewaldete Höhen, steile Fels­wände und saftige Abhänge, je nach der Laune der unter­irdischen Feuerstätte, deren Schöpfungen überall sichtbar sind und für deren ununterbrochene Thätigkeit die ranchaus- strömende Spitze des Vesuvs beredtes Zeugniß ablegt; endlich das Meer, das hier als prachtvollste und farbenreichste aller großen Buchten auftritt, eingerahmt durch Neapel selber, welches, mit den angrenzenden Ortschaften Puzzuoli, Porlici, Torre del Greco ein Ganzes bildend, langgestreckt die Mitte eiunimmt, während zu seiner Rechten die Höhenkette in sanftem Bogen sich fortzieht bis zum Kap Misene und dem lieblichen Vorgebirge von Campanella.

In diesem Halbkreise eingebettet ruht das Meer in tiefer Bläue, plätschert spielend mit kräuselnder Welle am Strande, wo er flach ist. oder bricht sich schäumend als weißer Gischt au den hohen Klippenwänden, die senkrecht aus der Tiefe

[teigen. Auf seiner Fläche schivimmen hohe weiße Segel, über ihnen kreisen Möven und andere Seevögel, weiter draußen aber steigt die Insel Capri ans den Flnthen empor mit ihren phantastisch geformten und in blauen Duft ge­neideten Felsen, während Jschia mit Procida nnd dem Kap Bclsene deren Eingang im Westen bewahren. In dieser Umgebung liegt die Stadt, vom Meeresstrandc, an dem das Fischer- und Mairoscnvoik sich nmhertreibt, amphithcntralisch aussteigend bis zum Fort Ellmo, welches den Leuten unten den Mittag durch einen Kanonenschuß kundgiebt, während es ehedem durch Kanonenkugeln den höchsten Willen der Bourbonen verkündet hat. Die Bourbonen sind fort, vom hohen Kastell weht die grün-weiß-rothe Trikolore der ItaliaUna.

Das Volk in Neapel ist wohl das lebenslustigste, das man finden kann. Alles giebt sich den Freuden des Augen­blicks hin, ohne sich für die allernächste Zukunft irgendwelche Sorge zu machen. Dafür spricht schon der Ausdruck der Gesichter, die Art. wie alle Leute ihre Arbeit betreiben, das etvige Schwatzen, Lachen und Singen, das unaufhörliche Knallen der Peitschen, die heitere Weise, mit welcher selbst die niedrigsten Erwerbszweige betrieben werden. Ganz be­sonders gilt dies von den kleinen nnd großen Fischerbuben von Santa Lucia, Knaben im Alter von sechs bis vierzehn Jahren, die ein geradezu paradiesisches Dasein führen und tagtäglich im Sommer den größten Thcil des Tages im Wasser oder ans demselben oder am Strande ohne Klcidungs- belastigung zubringend. Schreiendj die tollsten Purzelbäume jchlagend, die Kleinen auf den Schultern der Großen, auf­springend, abspringend, auf der Erde sich wälzend, bestürmen sie den fremden, einen Soldo erbettelnd oder Austern an- bletend, die sie sofort tauchend ans dem Meere herausholen. Wahre Prachtbubcn sind unter ihnen, braungelbc Indianer- Haut, pechschwarzes Lockenhaar und — Augen! Ja wa^ es eigentlich mit dem menschlichen Auge auf sich hat, das lernt man erst im Süden.

„lind den Augen enlfunkclte strahlendes Feuer", sagt Homer in der Odyssee, und unser guter, alter vr. Jakobitz, vulgo „Stübichcn" von uns genannt, machte, als er uns damaligen Obertertianern diese Stelle erklärte, die Bemerkung: „Mehr im Süden als im Norden". — Aber die Polizei, der Anstands Nun, die Polizei ärgert sich nicht, wo alle Welt sich über die Prachtjungen freut, die freut sich eben mit; die Polizei hat hier zu Laude nicht den Beruf, dem Volke seine Freude zu stören, und wenn sie einen jener kleinen Buben ergriffe, ihn seiner Mutter brächte, damit sie ihn wasche, kämme nnd kleide, was würde dann aus den weißen Hand­schuhen des Beamten werden? Obendrein läßt sich ein solcher Junge auch nicht einfangen.

Ganz besonders merkwürdig aber ist die Allerseelenfcier in Neapel, nnd wohl nirgends in alle» katholischen Ländern wird der Allcrseelentag auf so eigenthümliche Weise gefeiert, wie hier. Die ganze Stadtbevölkerung strömt an diesem Tage hinaus in die ziemlich weit entlegenen Campi santi (Friedhöfe), um ihre Todten zu ehren und sich dabei selbst — was den Meisten die Hauptsache scheint — gütlich zu thun. Von den zwei großen Friedhöfen ist der Campo Santo nuovo der besuchteste, denn in dem alten werden jetzt nur noch arme Leute begraben. Also auch noch nach dem Tode findet hier eine Scheidung der Leiber nach dem Vermögen statt. Besuchen wir die Ruhestätte der „respektableren" Todten. Der Weg dahin führt durch die Porta Capuana Kiiioua, nnd da ist das Gedränge der Wagen oft schon so groß, daß kaum durchzukommen ist. Vollbeladene Wagen giebt es die schwere Menge, denn der Italiener, besonders der Neapolitaner, zieht dem Zufußgehen jede andere Methode der Fortbewegung vor, selbst die allerunbequemste, z. B. das Sitzen auf der Deichsel oder das sattellose Reiten auf dem Knochengerüst eines abgemagerten Gaules. In der Nähe des Friedhofes aber vermag die Polizei nur mit Mühe die Ordnung herzustellen uub aufrecht zu erhalten.