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'■ Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts. c »—== 5i

Nr. 10t.

Samstag» 1. Mai.

1915.

<8 Fo tsetzung.)

Klippen.

Roman von Hrlenr Tchedr-Heller.

Nachdruck »erboten.

VI.

lind die Stunde sollte kommen.

Viel schneller und unerwarteter, als er es selbst ge­ahnt hatte.

Es war am Abend der „Carmen"-Aiftfüh rnn g. Kopf an Kopf saßen die ZusckMier im Theater, das während der Saison in Scheveningen offen ist.

Zu unglaublichen Preisen mußten die Platze erkauft werden — und waren doch alle besetzt — denn die Masson spielte. Sie, die Verkörperung von Liebe und Leidenschaft, die man nicht selien und hören konnte, ohne in sich ein Gären und Brodeln der Kräfte zu spüren, die sic beherrschten. Heute sollte sie Caninen sein — von der Liebe singen, die geumltiger ist als Recht und Gewissen und nicht fragt nach Gesetz und Macht.

Eine glänzende Gesellschaft hatte sich emgesnichcn. Schmuck und Toiletten waren von einer Pracht, wie man sie selbst in Großstädten nur bei großen Festlicl>- keiten sieht. In der matten, kunstreichen Beleuchtung glühten die Augen und Lippen über blendeirden Schul­tern— strahlten die Diamanten — funkelten kostbare Steine.

Blumen berauschten mit ihrem Dust — schmiegten sich wie Kinder der Liebe an pochende Herzen an. Per­len, die in sich das Geheimnis des tiefen Meeres tragen, schlossen sich um weiße, von, Drange -um Leben diirch- zitterte Finger und Arme, schmiuierten sanft zwischen den Locken und Wellen der blonden und dunklen Haare.

In der Loge neben Hans Reimer saß Erna Rickling in einem Gewand von weicher, fließender Rosaseide — sie trug keinen anderen Schmuck als am 9lacken eine Rubinenschnnr, und auf diesem schneeigen Hals glühten die roten Steine wie quellende Blutstropfen.

Sie hatte sich heute abend mit besonderer Sorgfalt geschmückt. Warum? Sie wußte es selber kaum. Ein tvenig für Reimer, denr sie gefallen wollte, und viel für die Welt, deren bewundernde Blicke sie wie Schmeichel­worte berührten.

Eihel und Bist» lvaren nicht gekommen. Eine De­pesche hatte noch am selben Morgen Ethel nach Ost­ende gerufen, wo Bob einen Bekannten treffen und übernachten sollte; zwei Tage wollten sie dort bleiben „nd dann zusainmen nach Scheveningen zun'ickkehren.

„O Ethel — und die „Carmen".Auffühvung", sagte Erna mit so kläglicher Stimme und enttäuschter Miene, daß Ethel in der freudigen Erwartung, ihren Mann wioderzusehen, und zugleich tut warmen Bedürfnis, ihre junge Schwägerin glücklich zu sehen, sofort erwidert hatte: „Mer natürlich mußt du hingehen, Erie —

Hanna begleitet dich und holt dich ab. Das geht ganz gut. Du sollst nicht meinetwegen ans dies Vergnügen verzichten."

Sie freute sich, als sie Ernas Züge sich wieder auf- hellen ßch und überlegte gar nicht, daß es wohl nicht ganz weise war, einen Menschen, der wie Erna jedem Eindruck — jeder Stimmung zugänglich war, sich selbst

in dem leben- und liebeSsprühenden Scheveningen $flf überlassen.

Und so saß Erna Rickling an dom Abend allein mit Hans Reimer in der matt beleuchteten Loge und folgte atomlos dem fortreißenden Spiel der Masson und den bald wehmütigen, bald stürmischen Klängen des Orchesters. ^

Jede Regung ihrer Seele konnte Reimer aus ihrem Gesicht lesen — in ihren Augen, die jetzt von der Stärke der Empfindung viel größer und dunkler erschienen, die Gefühle verfolgen, die über ihr Herz fluteten —. Er »vagte nicht, sich zu regen, verharrte unbeweglich neben ihr — und fühlte nur, wie jede Sehne seines Willens angespannt war. Er sah nichts vom Spiel. Er schaute nur irach ihr — hungernd — dürstend - wie nach dem Liebsten, das man besitzt. Er dachte auch in dem Augenblick, daß er nie wieder ein Weib so würde lieben können, wie dieses hier, und machte die tollsten, unaus­führbarsten Pläne, um sie von dom Manne toszureißen,. der sie nicht verstand, und sie für sich zu gewinnen, der sie liebte.

So groß war der Bann, den diese Frau ans einen Mann ausübte, der bisher immer nur mit der Liebe ein elegantes Spiel getrieben und für unbezwingbar gegolten hatte.

Erna merkte nichts von dem, was in ihm vorging. Sie hatte ihn unter der fesselnden Gewalt des Spiels fast vergessen — noch nie hatte ein Stück sie so berauscht

— und sie tvar doch schon zahllose Male in dem Ber­liner Opernhaus gewosen — aber hier — es war so ganz anders — schon tu der ganzen Atmosphäre zitterte eine unsichtbare Macht, die sich in die Herzen stahl.

O so schön — so siegreich schön zu sein, wie diese (Samen! Solch brennende Liebe zu entfachen! So über alles, was Menschenmeinungen und Vorurteile an Hindernissen aufgebaut haben, geliebt zu werden. Hatte sie auch nur einen Funken einer solchen Leiden­schaft verspürt? Hatte ihr Mann sie selbst zur Braut­zeit je annähernd so geliebt?

Nein — nie.

Immer kamen erst andere Rückjichteit und Interessen

— und dann mir die Liebe.

Wie arni sie doch war!

Welch Glück — so unendlich größer und reicher als alle Fronden, die das Leben ihr bisher gebrachst hatte, mußte in dem Beim ißt je in liegen, das .Herz eines Mannes rückhaltlos zu besitzen, so, daß jeder Atemzug, jeder Pulsschlag einem gehörte!

War es so, daß Ethel liebte — so, daß Bob sie liebte? Dachte sie an dieses Glück, als sie von der leuchtenden Bahn sprach, auf der nian schreitet Hand in Hand, und die man nie mehr verlassen will, um sich auf Neben­wegen zu verirren?

Wie sie sich nach diesem Glück sehnte. Würde sie eS niemals kennen lernen?

Und drüben stand die Masson als Carmen und santz in glühenden Warten und Melodien von dieser Liebe.