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L Beilage Mm Wiesbadener Tagklatt.

>. 806. Morgen-Ans§«l»e«

Dienstag» Lerr 30. Oktober.

48. Jahrgang. 1900.

(S. Fortsetzung.)

(Nachdruck verbalen.)

Standesgemäß.

Noma» von Karl v. Leistxer.

Die Damen betraten das nette, zwar einfache, aber mit gutem Geschmack ausgestattete, höchst säuberliche und gemüthliche Zimmer der Arbeiterin, dessen Fenster mit hübschen Blumen geziert waren, während Wände und Möbel allerlei Schmuck anderer Art aufzuweisen hatten. Der Anzug des Mädchens entsprach der von ihr bewohnten Räumlichkeit. Zwar kontraftirte er nach Stoff und Farbenwahl bedeutend gegen die brillante und etwas auf­fallende Toilette der Sängerin, aber auch Gabrielens Kleidung war nach modernem Schnitt gefertigt und stand ihr ganz vorzüglich.

Gabriele Rudorfs war keine blendende Schönheit, wie Cora, und dennoch würde gewiß Mancher, der die beiden Mädchen hier nebeneinander gesehen hätte, sich für das blonde, liebliche und zarte Kind mit den sanften Taubenaugen entschieden haben. Oblvohl die junge Arbeiterin nur vier Jahre weniger zählte als Cora Blank, erschien sie doch gegenüber den volleren, mehr frauenhaften Formen und dem entschiedenen Gesichts­ausdruck derselben eher noch jugendlicher. In dem Ge­mach lagen ohne die in ihm herrschende Ordnung wesent­lich zu beeinträchtigen, verschiedene Stoffe umher, die theils schon zu einem Kostüm verwendet, theils unver­arbeitet waren.

Cora richtete ihr Augenmerk sofort auf eine halb­fertige Damenrobe und wechselte während der Be­sichtigung derselben einen erstaunten Blick mit ihrer Be­gleiterin, wobei sie durch einige halblaut in französischer Sprache ausgedrückte Worte ihre Anerkennung ihres tadellosen Schnittes und Arrangements kundgab, welche als Pariser Machwerk gelten könnten. Wie erstaunte aber die Sängerin, als sie aus einer von Gabriele ge­machten Bemerkung ersah, daß diese sie verstanden habe.

.. „Wenn die Deutschen sich auch leider von den fran­zösischen Moden noch nicht loszuringen vermochten, so haben sie es vorläufig doch wenigstens gelernt, die Arbeiten nach jenen Mustern in solcher Weise herzustellen, daß wir die Pariser Magazine entbehren können," sagte das junge Mädchen lächelnd.

„Pardon, liebes Fräulein," entschuldigte sich Cora, über den kleinen Verstoß, den sie sich zu Schulden kom­men ließ, fast etwas in Verlegenheit gerathend. „Sie verstehen Französisch, wie ich mich nun überzeuge. Ich setzte das nicht voraus bei —"

„Bei einer Arbeiterin, wollten Sie sagen, Fräulein," ergänzte Gabriele, als jene stockte. „Ich habe ein Institut besucht und war dann zur praktischen Ausbildung in einem großen Konfektionsgeschäfte nicht nur mit der Radel, sondern auch mit der Feder thätig, wobei wir häufig französische Korrespondenzen zu erledigen hatten."

Wieder war es die Künstlerin gewesen, welche trotz ihrer Tonrnüre dem einfachen Mädchen gegenüber einen Fehler begangen hatte.

„Sie haben", sprach Cora, „wie ich offen bekennen

will, meinen Gedankengang errathen; aber ich bitte Sie inständig, meine Liebe, darin keine Geringschätzung zu er­blicken. Wir arbeiten ja Alle, Jeder in seinem Wirkungs­kreise, ich mit der Kehle auf dem geräuschvollen Terrain der Bühne, Sic mit Radel und Scheere in Ihrem stillen Stübchen. Wer in seiner Sphäre Gediegenes leistet wie Sie, verdient stets Achtung und Anerkennung. Rur kann ich mir nicht vorstellen, wie Ihnen dieser Beruf zu genügen vermag. Gerade daraus werden Sie erkennen, daß schon der erste Eindruck, den ich von Ihrer Persön­lichkeit empfangen habe, mir eine höhere Meinung von Ihrem Werthe und Ihrem Bildungsgrad beigebracht hat, als es vielleicht bei Anderen der Fall sein würde, welche die gleiche Beschäftigung gewählt haben."

„Ich habe sie nicht gewählt, sondern das Schicksal hat mich in diese Bahn gelenkt," entgegnete Gabriele. „Würde dadurch meine Lage eine bessere werden, wenn ich mich in das bescheidene, mir zugefallene Loos nicht willig ergeben wollte? Zudem sind die menschlichen Naturen so verschieden, daß es mir fraglich erschiene, ob ich glück­licher wäre, wenn mich die Vorsehung zum Beispiele mit dem hohen Talente begnadet hätte, das sie Ihnen zu Theil werden ließ, mein Fräulein. Ich irre wohl kaum, wenn ich die Ehre zu haben glaube, die gefeierte Künst­lerin der hiesigen Bühne, Fräulein Cora Blank vor mir zu sehen?"

„Ei! Es freut mich in der That, zu erfahren, daß mein Ruf sogar bis in Ihre Zurückgezogenheit zu dringen vermochte. Meinerseits wäre es freilich am Platz ge­wesen, mich Ihnen selbst zu nennen, nachdem Sie so freundlich gegen uns waren, uns in Ihr niedliches Heim cinzuführen. Ja, ich bin Cora Blank, die Gefeierte, wie Sie sich freundlich ausdrückten, die aber trotz aller ihr gespendeten, verdienten und unverdieyten Huldigungen nicht eitel genug ist, um sich nicht bewußt zu seiu, daß ihr zur höchsten Weihe ihres Berufes immer noch ein Er­kleckliches fehlt. Aiich darin haben Sie recht, daß man sich in einer Sphäre, wie die meinige, keineswegs alle Zeit glücklich fühlt: denn Triumphe, äußerer Glanz und Ueberfluß allein vermögen das weibliche Herz nieinals ganz auszufüllen. Vielleicht gäbe es Stunden, in denen ich Sic um Ihre Einsamkeit und Ihr stilles Wirken be­neiden könnte. Jedenfalls betrachte ich es als ein Glück, wenn man so anspruchslos ist wie Sie, mein Fräulein. — Aber nun lassen Sie uns die Vorstellung in aller Form vollenden, indem ich Sie mit meiner Cousine und bemutternden Freundin, Frau Amalie Gallmann, be­kannt mache und Sie um Angabe Ihres eigenen Namens bitte."

Nachdein Gabriele sich genannt und mit den beiden Damen noch einige Zeit unterhalten hatte, ersuchte Cora um etwas Schreibmaterial, da die Rückkunft des Barons Fronhofen sich doch zu lange verzögere, uni sie hier abzu­warten, und sie es daher vorziehe, eine schriftliche Notiz znrückzulassen. Gabriele schaffte das Erforderliche bei, worauf ihr die Künstlerin das eilig beschriebene Blatt offen überreichte und sie um dessen baldige Bestellung bat.

„Sind Sie mit dem Empfänger persönlich bekannt, Fräulein Gabriele?" fragte Cora.

Das junge Mädchen wußte nicht recht, was es ant­worten sollte und entgegnete daher erst nach momentaner Pause und mit leichtem, Cora nicht entgehendem Er« röthen:

„Nein. Wir haben uns nur einmal flüchtig gesehen; aber Ihr Auftrag wird in jedem Fall rasch und sicher bestellt werden."

„So nehmen Sie unfern Dank hierfür und für die uns gewährte Unterkunft entgegen. Wollen Sie mir einen Wunsch erfüllen, dann erwidern Sie meinen Be­such. Ich verfolge, indem ich Sie darum bitte, den doppelten Zweck, Sie näher kennen zu lernen und von Ihrer hervorragenden Geschicklichkeit zu profitiren. Bei uns Künstlerinneir ist die Toilettenfrage eine zu wichtige, als daß ich von einer solchen Kraft, wie die Ihrige, nicht Nutzen ziehen möchte."

Gabriele versprach zu kommen und die Damen verab­schiedeten sich in sehr freundlicher Weise, denn sie hatten Beide an dein hübschen Mädchen Gefallen' gefunden. Aiich die Zurück-bleibende war von dem Verhalten der Künst­lerin gegen sie angenehm berührt worden. Nun hielt sie das für Oswald von Fronhofen bestiinmte Billet in ihren niedlichen Händen. Durfte sie von dessen Inhalt wohl Kenntniß nehmen? — Sicherlich.

Das Schreiben war Gabriele ja offen übergeben worden nnd konnte deßhalb kein Geheimniß enthalten. Sie las:

„Der Intendant besuchte mich heute, um mir die er- freiiliche Mittheilung zu machen, daß Ihr Schauspiel an­genommen ist und in wenigen Wochen zur Aufführung gelangt. Zu diesem günstigen Erfolge beglückwünscht Sie herzlich Cora B."

Gabriele vermochte die hohe Bedeiltung, welche diese Botschaft für ihren Hausgenossen hatte, recht wohl zu begreifen, und daß sie es war, welche die Trägerin der­selben sein sollte, machte ihr Freude, da Oswald neulich sich so hilfreich gegen sie gezeigt hatte. Fast hätte sie die Sängerin darum beneiden mögen, daß es derselben vergönnt war, dem Baron einen ungleich größeren Dienst zu leisten, den gewiß hatte deren Einfluß die Sache zu Stande gebracht. Nein! Sie ließ dieses Gefühl nicht aufkommen. „Pfui, Gabriele!" rief die innere Stimme in ihrem Herzen, „schäme dich dieser unlauteren Em­pfindung! Berührt es denn dich, wenn Jene dem dir fremden Mann sich irgendwie verpflichtet!" — Aber sie mutzten doch in recht intimen Beziehungen stehen, die Beiden — das ging schon aus dem eiligen Persönlichen Erscheinen der Künstlerin hervor, die es nicht erwarten konnte, bis ihr Freund die freudige Kunde empfing. Veilleicht war das Verhältniß der schönen, liebens­würdigen, jungen Dame zu ihm sogar ein noch innigeres als das einer Freundin? — Gabriele konnte sich eigent-. lich keine Rechenschaft darüber geben, warum sie diese Fragen und Vorkonminisse so sehr beschäftigten, daß sie immer noch mit dem Blatte in der Hand nachfinnend. dastand. Jetzt hörte sie Tritte auf der untersten Treppe.

(Fortsetzung folgt.)

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