WikMener Tmlilstt.
*8. Jahrgang.
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U-. 607.
Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 30. Oktober.
Fernsprecher No. 52.
1900.
ItteeSlSl-MilSgafo©.
Die Annexion des Transvaals.
Unser Londoner »-Korrespondent schreibt uns unterm 27. Oktober:
England hal die Machte nunmehr in aller Form von der Annexion des Transvaals unterrichtet. Ungebührliche Eile kann man ihm in diesem Falle kaum vorwerfen, denn es sind ja inzivischen bereits mehrere Monate vergangen, seitdem die Welt eingeladen wurde, den Krieg in Südafrika als beendet zu betrachten. Allerdings melden die Telegramme ans dem Transvaal auch jetzt noch immer allerhand Unfälle, die den britischen Streitkräften zustoßcn, doch hat das nichts auf sich. Der Krieg ist zu Ende, und die Leute, die fortfahren, englische Proviant- und Munitionskolonnen aufznheben, Eisenbahn- und Telegraphcnlinien zn zerstören, sowie hier und da von englischen Truppen besetzte Plätze zu belagern, sind Insurgenten und Räuber. Freilich, wenn cs sich um die Widersacher irgend einer anderen Nalivn handelte, wären die Engländer die Ersten, die jene, Alles ans Erden, um ihrer Freiheit willen opfernden Männer als bewunderungswürdige Helden feiern und thunlichst unterstützen würden. Es ist übrigens ein bemerkenswerthes Zusammentreffen, daß gerade in dem Augenblick, wo London sich zum Empfange des ersten heimkehrcnden Regiments, nämlich der City-Freiwilligen, porbercilele, die Kunde von der Einnahme Jakobsdals durch die Buren anlangte. An diesem Platze empfing jenes von dem derzeitigen Lordmayor ins Leben gerufene Regiment vor etwa acht Monaten seine Feuertaufe und vertrieb in Gemeinschaft mit anderen Streitkrüften ein kleines Bnren-Kvmmando aus demselben. Neuerlich erhielt JakobSdal eine neue Besatzung, die aus 52 Mann des Kap-Hochlandregimentcs bestanden haben soll. Die Bnrcn'gclangten nun unbemerkt um Mitternacht in die Stadt und tödteten dreizehn der Engländer, während 20 verwundet wurden. Nach einem Thcile der Berichte befindet sich die Stadt jetzt im Besitze der Buren, und nach einem andern wurden sic zurückgeschlagen. Aber nicht nur aus jenem Theile des ehemaligen Oranjefreistaates, sondern auch von anderwärts, ja sogar aus Natal lauten die Nachrichten für die Engländer fortgesetzt schlecht. In mehr als einem halben Dutzend weit von einander entfernt gelegenen Gegenden wird gekämpft. In der Nähe von Heidelberg brachten die Buren einen Militärzug zum Halten und machten die Truppen zu Gefangenen. Lord Methuen findet es äußerst schwierig, den Weg von Mafeking nach Zeerust offen zn halten, General French wird in Osttransvaal fortwährend aufs Heftigste angegriffen, und in Natal brannten die Buren bei einem Einfall die Station Waschbank nieder. Die englischen Regierungsblätter nennen die int Transvaal herrschendenZustände unerträglich, und der „Standard" z. B. verlangt, daß der offiziellen
Feuilleton.
Die fmigcii Damen in Amerika.
(Von unserem New-Iorker Korrespondenten.-
In einer Berliner Zeitung nicht ganz neuen Datums — sie stammte vom August d. I. —, welche mir zufällig in die Hände fiel, finde ich eine begeisterte Schilderung über die Vornehmheit und Einfachheit von Mrs. Cornelius Vanderbilt, der die Berichterstatterin — der Artikel stammle augenscheinlich aus weiblicher Feder — in einem Schweizer Kurorte begegnet war. Es wird zugleich erwähnt, wie bescheiden mich das Auftreten der Tochter wäre,-und mit welcher Sorgfalt die Mutter sich der Erziehung derselben widme.
Wenn diese Beschreibung auf Wahrheit beruht und nicht der Nimbus, welcher das Haupt von Milliardärinncn umschwebt, das Urtheil der betreffenden Schriftstellerin etwas getrübt hat, dann must allerdings das Auftreten der beiden Damen Vanderbilt in Europa ein durchaus anderes sein, als dies in ihrer Heimath der Fall ist, ich sage beider, denn die Tochter ist bereits erwachsen, sie steht in ihrem achtzehnten Jahre, ein Alter, in welchem die jungen Amerikanerinnen sich für vollkommen fertig betrachten. Es erscheint mir daher sehr zweifelhaft, ob wirklich Mist Gladys Vanderbilt sich der mütterlichen Zucht noch so sehr unterordnct, besonders da ihre Erziehung, wie die der anderen Dollarprinzessinnen, garnichl dazu angelhan ist, einen großen Respekt vor der elterlichen Autorität beizubringen. Von vornherein achtet man darauf, sie möglichst selbständig zn machen, ihnen gewissermaßen zu Gemüthe zu führen, daß sie einst dazu berufe» sind, in ihren Kreisen zn herrsche». Mit 13 bis 14 Jahren wird ihnen daher ein eigener „Hofstaat" eingerichtet, haben sie im Hause der Eltern eine Wohnung für sich. Die von Miß Vanderbilt besteht aus einem Salon, einem Boudoir, einem Arbeitszimmer. einem Musik-, Schlaf- und Badezimmer. Hier
Beendigung des Krieges nun endlich die Pacifizirung des eroberten Gebietes folge. Mit Güte, sagt er, ist das bereits vergeblich versucht worden, und fügt unmittelbar danach hinzu, daß das Niederbrennen der Farmen und die Verwüstung der Ländereien nicht den gewünschten Eindruck auf die Buren zu niachen schien. Der junge Mann von der „Pall Mall Gazette" aber hörte bisher offenbar nur von der Anwendung der gütlichen englischen Pacifizirungsmitlel, und räth der Regierung daher, nun Wohnstätten, Heerden und Felder allenthalben und ohne Rücksicht darauf zu vernichten, ob deren Eigenthümcr sich unter den Insurgenten befinden oder nicht. Das märe allerdings ein Radikalmittel, das den von den Engländern bisher bereits verübten Scheußlichkeiten vollends die Krone aufsetzen würde. Bemerkenswerlh ist cs übrigens, daß sich noch immer alle die bedeutenderen Bnrengenerale gegen die Engländer im Felde befinden, und wunderbar erscheint es, daß wir gar nichts mehr über die Artillerie der Buren zn hören bekommen. Erobert haben die Briten dieselbe nicht.
Drntfches Neich.
Immer »och die IS, 000 Marir-Grschichte.
Berlin, 29. Oktober.
Die Behauptung, daß cs sieh in der 12,000 Mark- Angelegenheit um eine „Jntrigue" gegen den Grafen PosadowSky handele, wird durch ihre Wiederholung in den agrarischen Blättern nicht geschmackvoller. Angenommen, daß es so wäre, wo bleibt die Sühne für die schwere Verletzung des öffentlichen Vertrauens? Nicht ein einziges Wort der Entschuldigung, des Versuchs einer Entschuldigung für unverzeihliches Äergcrniß hat man bisher vernommen. Die Socialdemokraten sprechen von einem deutschen Panama. Gewiß ist das eine unsinnige Ucbertreibung, denn es ist sicher kein Pfennig aus Privatgeldern in die Tasche von Rcichsbeamten geflossen. Aber in anderer Beziehung steht die Sache weniger gut. Das französische Panama wurde, nachdem es anfgcdcckt worden, alsbald auLgemerzt, bei uns aber will man Gras über eine Geschichte wachsen taffen, die so häßlich ist, daß man nach Vergleichungen mit anderen „Affairen" wirklich kein Verlangen hat. Kein größeres Unglück könnte geschehen, als wenn ein hartnäckiges Sichverstcifeu ans eine vermeintliche Jntrigue, die denn also durchkreuzt werden müsse, dem beleidigten Gefühl aller anständig Denkenden die Genngthnnng vorenthiette. Die Sociaidemokratic wartet ja nur auf diese Borenthatlung, sie legt es förmlich darauf an, daß die Sühne in jeder Form bloß darum verweigert werde, weil jene Partei solche Sühne als Triumph ihrer Sache ausgeben könnte, und sie wird denn, wie es leider scheint, den viel boshafteren Triumph erleben, daß ihr ein unbezahlbar günstiger Agitationsstoff erhaltenbleibt. In welchen beklemmend unwürdigen Zustand muß die Regierung gerathen, wenn die „Leipz. Volksztg." mit weiteren Enthüllungen kommt? Und sie wird-damit kommen. Schon
empfängt sie ihre Freundinnen, die sich natürlich auch aus den Kreisen der „Oberen Vierhundert" rekrutiren. Der Hofstaat setzt sich ans sechs Leuten zusammen; zwei Kammermädchen zur persönlichen Bedienung, eine weibliche Person, die die Zimmer aufräumt, ein Diener, ein Kutscher und ein Groom. Letzterer begleitet seine Herrin, wenn sie ausreitet, und hat sich auch jeden Morgen einzufindcii, um ihre Befehle entgegen zn nehmen. Dann erscheint er jedoch nicht vor ihr. Der Diener lhcilt der ersten Kammerfrau mit, daß der Groom da sei, und diese wiederum unterrichtet ihre Herrin davon. Die junge Dame schreibt darauf nieder, maS sie den Tag über zn thun gedenkt, und sendet das Buch dann ihrer Mutter, um diese zn verständigen, worauf sie ihre Anordnungen trifft.
Was den Unterricht anbelangt, sowie die Erziehung überhaupt, so ist dieselbe ausschließlich darauf berechnet, daß die jungen Damen eine Rolle in der großen Welt zu spielen verstehen. Sie erhalten daher Belehrung über Kunst, Lilteratur, in der Musik :c., doch handelt es sich nur um einen, allerdings recht dick aufgetragenen Firniß, der genügend widerstandsfähig ist, um bei einer Plauderei beim äinner oder im drawing-room keine Sprünge zn zeigen.
UebrigenS sind es nicht nur die Töchter der Geldkönige, bei denen ans den Unterricht im Allgemeinen nur ein oberflächlicher Werth gelegt wird, im Gegeittheil werden diese, da ihnen die allerbesten Lehrkräfte zu Gebote stehen, durchschnittlich doch noch mehr Bildung besitzen, als die weiblichen Mitglieder weniger reicher Familien. Auch in diesen pflegt man sich um die Erziehung der Kinder möglichst wenig zu kümmern. Der Valer hat keine Zeit dazu. Seine Verpflichtung besteht darin, Geld zu verdienen, und zwar soviel als möglich und in kürzester Frist, damit die Gattin auch noch jung genug sei, um es zu genießen. Kehrt er des Abends nach Hause zurück, nachdem er den ganzen Tag über fern gewesen, so ist er zu müde, um seinen Sprößlingen Aufmerksamkeit schenken zu können, hat auch den Kopf voll mit all den Spekulationen und
jetzt wird die Regierung in eine neue Zwangslage dadurch versetzt, daß sie Auskunft ertheilcn muß gegenüber der Behauptung jenes Blattes, es handle sich um getrennte Vorgänge aus den Jahren 1898 und 1899. Ist der Bueckbrief wirklich am 3. August 1898 geschrieben, so hat die „Berliner Korr." _ bisher überhaupt noch nichts zur Sache erklärt.' Denn ihre nculiche Erklärung bezog sich auf Ereignisse, von denen in der „Leipziger Volksztg." nicht ein Wort gestanden hatte.
* * *
* Die Dahl der preußische» Minister D., welche zur
Zeit noch leben, sollte, »ach einer jüngst veröffentlichten Mit- theilnng, 17 betragen, in Wirklichkeit sind es aber 22, indem die Minister bczw. Staatssekretäre v. Maybach, Fürst Bismarck II, b. scholz, v. Bronsart II und v. Verdy du Vcrnois vergessen worden sind. Dagegen beträgt die Zahl der unter König Wilhelm II. seit 1888 verabschiedeten Minister 24. Es sind dies die Ministerpräsidenten: 1. Fürst Bismarck I, 2. Graf Caprivi, 3. Graf Eulenburg, 4. Fürst Hohenlohe; die Minister des Innern: 5. Hcrrfurth, 6. v. Koller, 7. Freiherr von der Necke; die Kriegsminister: 8. v. Bronsart I, 9. v. Verdy, 10. v. Kaltenborn-Stachau, 11. v. Bronsart II; die Jnstizminister: 12. v. Friedberg,
13. v. Schclling; die Kultusminister: 14. v. Goßler, 15. Graf Zedlitz,
16. Bosse; die Landwirtbschaftsnnnister: 17. Freiherr v. Lucius,
18. v. Heyden; die Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes:
19. Fürst Herbert Bisuiarck, 20. Freiherr v. Marschall; der Staatssekretär des Reichsamts des Innern: 21. v. Bötticher; derMinister der öffentliche» Arbeiten: 22. v. Maybach; der Finanzminifter. 23. v. Scholz; der Handelsminister: 24. Freiherr v. Berlepsch.
* Die Dertheneruug der preußischen Fatlerietoose wird im „Reichs-Anzeiger" wie folgt erläutert: Infolge der durch das Gesetz vom 14. Juni 1900 (R.-G.-Bl. S. 260) hcrbcigcführteu Erhöhung der Ncichsstcinpel-Abgabe auf Lotterieloose von 10 pCt. auf 20 pEt. des planmäßigen Preises hat sich auch eine Erhöhung des Preises der Loose der Preußische» Klaffcnlotterie für die 204. Lotterie nicht vermeiden lassen. Derselbe beträgt künftig für ein ganzes Loos 48 Mk.. für ein halbes Loos 24 Mk.. für ein Viertelloos 12 Mk. und für ein Zehittelloos 4,80 Mk. für jede Klasse. Gleichzeitig ist jedoch der medrigstc Gewinn in der 2 . Klasse von 110 Mk. auf 120 Mk., in der 3. Klasse von 160 Mk. auf 176 Mk. und in der 4. Klaffe von 220 Mk. auf 236 Mk. erhöht worden. Die hierdurch bedingte Einziehung größerer und mittlerer Gewinne ist insofern ans ein thunlichst geringe« Maß beschränkt worden, als die bisher (bei der 3. Klasse) für die Staatskasse verrechneten 13'/° pCt. vom Betrage sämmtlicher Freiloose zu Gunsten der Erhöhung des Spielkapitals (der Gewinnsumme) in Wegfall gebracht und die nach 8 11 des früheren Plans für die Lottcriekasse und die Lotterieeinnehmcr von den Gewinnen in Abzug zn bringenden 15* ° pCt. auf 15'/- pCt. herabgesetzt sind. In Fortfall gekommen ist ferner die bisher gemäß § 6 des Plans im Falle. der Annahme des Freilooscs für die Freiklasse zn zahlende Schreibgebühr_ und damit auch die von dem Betrage derselben zu entrichtende Neichsstempclabgabe, sodaß künftig nur die planmäßigen Betrage für die bereits gezogenen Klassen nachgezahlt zu werden brauchen. •
* Zum ambulante» Gerichtsstand der Dresse. In
elnem Belcidigungsprszeß gegen eine sächsische socialdemokratische Zeitung hat das Amtsgericht in Großenhain über den sog. „anibulanten Gerichtsstand der Presse" eine sehr interessante Entscheidung gefällt. Das bekannte Urtheil des Reichsgerichts vom
17. Juni 1892 ist nach dem genannten Amtsgericht nicht zutreffend. Nach dem letzteren ist die That des verantwortlichen Redakteurs mit der Veröffentlichung eines Artikels vollendet, und sein Gerichtsstand ist am Orte dieser Veröffentlichung. Der ambulante Gerichtsstand ist nur dann rechtlich begründet, wenn der Redakteur zugleich
Plänen, die er bereits ausgeführt yder auszuführen gedenkt. Wie soll er da Interesse für das Thun und Treiben der Töchter zu zeigen vermögen. Bezahlt er nicht, damit sie sich zu vollkommenen Damen heranbilden? Wenn sie es nicht thun, so ist dies ihre Schuld. Und allerdings geschieht dies oft nicht und findet das Geld, das für den Unterricht ausgesetzt war, für Toilelteugegenstnnde und „Can<iie8“ (Süßigkeiten) Verwendung, für welche die junge Amerikanerin eine wahre Leidenschaft besitzt.
Natürlich ist diese Regel nicht ohne Ausnahmen und zählen die Vereinigten Staaten nicht nur eine Anzahl Gebildeter, sondern selbst sehr gelehrter junger Mädchen. In den GiiTs Collegos wird der Unterricht in ausgezeichneter Weise geleitet und die abstrakiesten Wissenschaften studirt, aber dieselben werden fast nur von Denen besucht, welche das, was sie lernen, in praktischer Weise zn verwerthen gedenken. Dazu bietet sich ihnen ja auch hier ein sehr weites Feld, denn es giebt nur noch wenige Gebiete, in die die Frauen bei uns nicht siegreich eingedrungen sind. Vor Allem ist den „Gelehrtinncn" der Weg auch dadurch geebneter als in Europa, daß mir hier eben schon eine Anzahl von Universitäten für weibliche Studenten besitzen, denn in Wahrheit sind die Colleges ja nichts Anderes. An diesen nun setzen sich die Lehrkräfte vorzugsweise aus Damen zusammen. Das älteste z. B., .das Vsssar College, zählt 52 Professoren und darunter 40 weibliche.
Für eine andere als eine tvissenschaftliche Erziehung wird hier aber natürlich nicht gesorgt, und das junge Mädchen, das mit den brillantesten Zeugnisseit die Lehranstalt verläßt, dürfte von den praktischen Dingen des Lebens so gut wie nichts verstehen. Der Mann, der sie ebenst. ehelicht, fährt darum mit ihr aber nicht schlechter, als wenn er ein junges Mädchen heimführt, das nur im Hause erzogen ivorden, weder die Eine, noch die Andere wird die Führung eines Haushalts verstehen, und so ist es vielleicht noch besser, wen» die Gattin ihre Zeit mit den Büchern als im Schaukelstnhl binbrinat. Karl Sckeuk. ,
