t Beilage;um Wiesbaüener Tagblatt.
Uo. 303. Akrttk-Ausgake.
Montag, den 20. Oktober.
48. Jahrgang. 1900.
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Die größte Unbescheidenheit Ist der Anspruch auf Unsterblichkeit,
Die Zuniuthuug an die Natur,
Diese dürftige Menschenkreatnr Selbst in den mißlniigensten Exemplaren Für ewige Zeiten aufznbewahren.
H. Leuthold.
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(6. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten).
Der Mahdi.
Von Kall ßaine. Deutsch von K. Gerhardt.
„Und das Ware?" fragte Jonas Maliki.
„Die Juden", erwiderte Achmed mit scharfer Stimme, „die Juden, die seit niehr als zwei Jahrhunderten schon das Land belästigt und ausgesaugt haben!"
„Elender!" rief der Jude wülhend und zog sein Dolch- messcr, sich dem alten Manne entgegcnwerfend.
„Judenhund!" schrie Achmed, empört über diesen heimtückischen Angriff, und hielt mit eisernem Griff den Arm Jonas Malikis fest. Mit wüthcnden Blicken einander anstarrend, standen sich Beide, zum Kampf bereit, gegenüber. Da trat unerwartet ein Fremder zwischen die beiden Gegner, ein stattlicher, reich und vornehm gekleideter junger Mann. Es mar Omar Ben Ari.
„Haltet ein!" rief er den Streitenden zu, „legt die Waffen nieder vor dem Pascha. Was Marokko fehlt, ist ein Mann, der die Leute lehrt, verträglich zu sein und in Frieden mit einander zu leben. Wie der Jude ein Aussätziger, so ist der Araber eine Landplage."
Höhnisch lachend erwiderte Sidi Achmed, auf das Hans deutend, in welchen, Rachel wohnte:
„Wie schade, daß Deine jüdische Freundin dort in dem großen Hanse Deine Worte nicht gehört hat!"
Mit diesen Worten entfernte sich Achmed mit seinen beiden Freunden, dem Juden noch einen letzten verächtlichen Blick zuwerfend.
Jonas gesellte sich wieder de», Pascha zu und theilte diesem mit, welche Gesinnung Sidi Achmed bezüglich des Mahdi hegte.
„War denn dieser Mahdi immer ein Heiliger", fragte der Pascha, der erst kürzlich sein Amt angelreicn hatte und mit den Verhältnissen in Fez und den Ereignissen der letzten Zeit noch wenig bekannt war.
„Immer?" fragte Jonas lachend, „nein, Effcndi, erst seit wenigen Wochen, und wie bei den meisten anderen „Heiligen" ging auch seine „Heiligkeit" aus schwerer Sünde hervor. Dort drüben, das stattliche Gebäude, ist die Stätte, an welcher seine Umwandlung sich vollzog und aus dem gewöhnlichen Sterblichen Muhamed Abd-er-Rahman ein Heiliger, ein Mahdi wurde!"
„Wieso in diesem Hause? Was für ein Gebäude ist dies?"
„Dieses Haus gehörte dem Isaak Laredo, einem reichen und angesehenen Juden. Vor wenigen Wochen, bevor Du, Herr, nach Fez kamst, wurde Isaak in seinem Hanse ermordet. Man sagt allgemein, der Mahdi, der viel dort verkehrte, soll die That begangen haben!"
^ „Das ist Altweibergeschwätz!" fuhr Omar ans, der in Nähe gestanden und Jonas' Worte gehört. „Warum erzählst Du dergleichen weiter?"
„Sprich respektvoller in meiner Gegenwart!" sagte der Pascha gebieterisch, und Omar trat zur Seite. Er hätte forteilen mögen, um kein Wort über Isaak Laredos Ermordung zu hören, aber es war, als banne ihn eine unsichtbare Macht an der Stelle fest.
„Isaak hatte eine Tochter, Rachel, die jetzt das Haus besitzt und bewohnt. Der Vater war sehr reich, ja wohl der reichste Mann in Fez, und Rachel ist eine seltene Schönheit. So ist es wohl erklärlich, daß viele junge Männer, auch viele Mauren sich um das junge Mädchen bewarben.
Zu diesen gehörte auch ein armer Taleb (Student) — Muhamed Abd-er-Rahman, der Mahdi. Rachel bevorzugte Muhamed vor allen anderen Bewerbern. In einer Nacht fand man Isaak ermordet, und der Letzte, der kurz zuvor allein mit dem Ermordeten zusammen gewesen, war Muhamed."
„Wer sagt, daß er der Letzte war", fragte Omar.
„Rachel selbst sagt es", erwiderte Jonas, „und sie muß es doch am sichersten wissen, wer zuletzt, bevor ihr Vater ermordet wurde, in dem Zimmer gewesen. So ist es zweifellos,^ daß Muhamed der Mörder ist, und, von Neue und Gewissensbissen gequält, verwandelte sich der arme, junge, „tugendhafte" Taleb nach vollbrachter That in einer Nacht in einen „Heiligen". Das, Effendi, ist die Geschichte des Mahdi, seines Vorlebens und seiner Berufung durch Allah. — Muhamed ließ sich seitdem nicht mehr bei Rachel sehen, weshalb unser junger Freund Omar hier seine Stelle bei der schönen reichen Jüdin einnahm."
Der Pascha und Jonas lachten, und auch Omar stimmte mit ein. Dann aber wandte er sich ab und murmelte leise: „Die Hauptsache ist, daß Isaak Laredo todt ist, gleichviel, wer ihn tödtete!"
In diesem Augenblick ertönte in einer Seitengasse lautes Gelächter und der immer mehr anschwellende Lärm näherte sich dem Marktplatze.
„Der Mahdi kommt, hörst Du, Effendi, wie das Volk ihn empfängt?" sagte Jonas.
„Diese Tollheit darf nicht weiter um sich greifen", sagte der Pascha entschlossen. „Ueberwach Du ihn, Jonas, horche genau auf jedes seiner Worte und gieb mir dann Bericht. Ist der Bcrberhänptling Otba nach der Stadt gekommen?"
„Ja, Effcndi, er ist hier."
„Gnt denn. Mag der Mahdi der Mörder sein oder nicht, ich will diesem Unfug, dem gefährlichen Treiben dieses Menschen, das die ganze Stadt, schließlich die ganze Bevölkerung von Marokko beunruhigt, ein Ende machen, oder es kommt schließlich noch so weit, daß er, wenn auch jetzt verspottet, endlich Anhänger findet, das ganze Volk mit fortreißt und daß der Thron des Sultans gestürzt wird!"
Der ganze Marktplatz war dicht angefüllt mit Menschen. Stadtbewohner aller Volksklassen, Berberkrieger aus deu Bergen wie aus der Wüste drängten sich laut lachend, sprechend und streitend wild durcheinander, und von diesem Volkshaufen wie von wild bewegten Meereswogen umdrängt, schritt der-Mahdi in stolzer, würdevoller Haltung der Mitte des Marktplatzes zu, um dort dem Volke zu predigen, was er in der Einsamkeit der Gebirgswildniß von Allah gehört zu haben glaubte.
Hochaufgerichtet, auf den langen Stab gestützt, blickte er die ihn umdrängende Volksmaffe ruhig an, unbekümmert um drohende, gehässige Worte und beißende Spottredcn, die sein Ohr trafen. Sein dunkles, schönes Auge flammte in heller Begeisterung auf, als er mit tiefer, wohltönender Stimme seine Rede begann, und ruhig, ernst, aber ausdrucksvoll sprach er mit beredten, eindringlichen Worten zu dem Volke, daß er es erlösen, befreien und retten wolle, das aber nur mit rohem Spott, mit feindlichen Worten und Drohungen antwortete.
Gerade vor ihm stand ein frecher, kleiner Mann in geckenhafter Kleidung, vor dem Mahdi sich in höhnischer Unterwürfigkeit verneigend; es mar Jellali, der Poet.
Das gravitätische Wesen, die Haltung und die Gesten des Mahdi nnchahmcnd, streckte Jellali den Arm ans, zum Zeichen, daß er zum Volke sprechen wolle.
„Männer von Fez!" rief Jellali aus, „seht ihn Euch an, den weißen Taleb, der über Alles unterrichtet ist, was im Himmel vorgeht!"
Alles lachte laut ans.
„Betrachtet ihn, den Kamceltreibersohn. der jede Nacht in den Bergen Zusammenkünfte mit den Engeln hat!"
Noch lauter lachte die Volksmenge über die albernen Reden des ebenso frechen wie geistlosen Menschen, der wahrscheinlich sehr geistreiche Witze gemacht zu haben glaubte.
„Seht ihn an", begann der Kleine wieder, „bewundert ihn, huldigt ihm, er ist Euer Mahdi, Euer Erlöser! Aber Du großer Prophet, warum antwortest Du nicht?"
Der Mahdi richtete sich stolz auf, und den kleinen dreisten Burschen verächtlich anblickend, sagte er:
„Bileam schwieg auch still, sobald sein Esel ansing zu reden !"
„Du bist undankbar, großer Prophet", antwortete Jellali schnell, damit das Gelächter der Volksmenge sich nicht etwa gegen ihn richte, „sieh doch, was für eine große Versamm- lung ich zusammenberufen habe, damit Du würdig empfangen werdest! Habe ich nicht recht gehandelt?"
„In der That", sagte der Mahdi lächelnd, „ich muß Deine Leistung bewundern. Kaum- eine Woche weilst Du in der Stadt, und schon hast Du Dir einen Ruf des frechsten Lügners zugezogen, wahrlich kein leichtes Werk in der Stadt Fez!"
„O, hört doch diesen Propheten!" rief der Kleine giftig, „er beschimpft seine eigene Vaterstadt!" Dann aber fiel er wieder in seinen spöttischen Ton zurück und sagte: „Wenn Du wirklich ein Prophet bist, warum thust Du keine Wunder?"
Ruhig erwiderte Muhamed lakonisch:
„Allah läßt keine Wunder mehr durch seine Sendboten und Propheten geschehen, weil der Schaitan (Satan) genug Wunder durch alberne Narren verrichten läßt!"
Lautes Lachen, aber auch manches drohende Wort ant- rvortete ihm aus der aufgeregten Menge, aber furchtlos fuhr der Mahdi fort:
t „Blickt zurück in die Vergangenheit, seht Euch die Geschichte der Araber, der Mauren und vor Allem der Israeliten an; ich bin nicht der erste und einzige Prophet, dem die Menschen zuerst mit Spott und Hohn begegnen, um später vor ihm das Knie zu beugen und durch ihn Allahs Gnade und Verzeihung zu erbitten, ihn zu verehren als ihren Erlöser!"
„Also", sagte Jellali, den Nächststehenden einen ver- ständnißvollen Blick zuwerfend, „werden wir auch Dir einst huldigen müssen als unserm vom Himmel gesandten König?!"
„Bei Allah und dem Bart des Propheten, so wird es einst geschehen!"
Lautes Hohngclächter_ war die Antwort, und Jellali, seiner zu diesem Zweck mitgebrachten zweisaitigen maurischen Guitarre jammervolle Mißtönc entlockend und wie ein besessener Narr tanzend, sang mit übelklingender Stimme:
„Einst naht die feierliche, ernste Stunde,
Da wir Dir huldigen mit Her, und Hand,
Und Lobgesang ertönt aus unserm Munde,
Dem Mahdi Heil, den Allah uns gesandt."
Lauter Jubel der rohen, spottlustigen Menge belohnte diese elenden Verse des erbärmlichen Wichtes, und auf diesen Beifall stolz, wollte Jellali in seiner elenden Katzenmusik fortfahren, doch der Mahdi trat rasch vor, entriß dem Burschen, der wohl manche Stunde zugebracht, um einige armseelige Spottverse zusammenzuschmieden, das Instrument, und die Saiten mit Meisterhand schlagend, so daß sie in wohltönenden Akkorden voll erklangen, antwortete der Mahdi, mit tiefer, voller und wohltönender Stimme singend, in einfachen, rasch improvifirten Versen:
„Euer Auge ist blind, Ihr kennt nicht die Zeit,
Nicht die Zeichen, die Allah Euch giebt!
Das Strafgericht Allahs, es ist nicht weit.
Weil Ihr ihn nicht versteht und nicht liebt!
Die Manneswiirde entschwand Eurer Brust,
Und Ihr opfert die Seele dem Leib,
Vor Tyrannen kriecht ihr im Staube mit Lust Und erniedrigt zur Sklavin das Weib.
lind warnt Euch Gott durch Prophetenmund —
Ihr erwidert'« mit frevelndem Spott!
Mögt Ihr höhnen, mich tobten, es nah' Euch die Stund Da Ihr zitternd Euch beuget vor Gott!"
(Fortsetzung folgt.)
Unser diesjähriger grosser
beginnt Dienstag, «len 30. er.
Hermanns & Froitzheim, Wehergasse 12 und 14.
14605
