*8. Jahrgang.
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U». 504.
Fernsprecher No. 52.
Sonntag» den 28. Oktober.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Herges? - Ausgabe.
Iür Wovenrber unö Dezember:
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
ZU abouuiren, findet sich Gelegenheit im Verlag Lauggasse 27, bei den Ausgabestelle», de» Ziveig-Lxpcditioueu iu den Nachbarorten und sämmtlicheu deutsche» Reichspostaustalteu.
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Von imferm Berliner E. ^.-Korrespondenten wird uns geschrieben:
Daß unsere „neuesten" Männer nicht wußten, lvas sie wollten, das darf man eigentlich nicht sagen; gerade bezüglich der deutschen Kolonialpolitik und Weltmachtpolitik ist seit 1895 ein Kurs eingeschkagcn worden, welchen man stetig gehalten hat; mit großer Energie hat das Auswärtige Amt das einmal erkannte Ziel verfolgt.
Den Wendepunkt deutscher Kolonialpolitik hat man zu setzen in daS Jahr 1895, nach dem chinesisch-japanischen Kriege. Das deutsche Auswärtige Amt erkannte damals sofort, daß im fernen Osten sich große Aussichten eröffnelen, und mit schnellem Entschluß quittirte man die Pläne auf ein deutsches Südafrika, welche auch in der Regierung bestanden hatten, und machte sich mit Eifer an den Ausbau des deutschen Kolonialbesitzes in der Südsce und im fernen Osten.
Die Ideen, welche unsere Verantwortlichen geleitet haben mögen, kann man nicht als falsche bezeichnen. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich der Verkehr auf dem Stillen Ocean ganz überraschend entwickelt; es findet gegenwärtig eine Völker- und Güterbewegung dort statt, welche auf die Gestaltung der Dinge dieser Welt nicht von geringem Einfluß sein mnß. San Francisco, Iokohama, Shanghai, Tientsin, Amoy, Melbourne sind Orte geworden, welche sich neben den Kapitalen der alten Welt wohl sehen lassen können, und ihr Wachsthum ist noch lange nicht abgeschlossen. Ebenso nicht der Wachsthum des pacifischen Verkehrs. Schon im Jahre 1895 berechneten englische Statistiker den Handel der amerikanischen Seite des Großen Oceans auf 139 Millionen Pfund, den der asiatischen Seite, einschließlich Indien, Japan und China auf 679 Millionen, den Australasiens auf 200 Millionen, der Inseln auf 84 Millionen Pfund. Das ergiebt einen Totalhandel von 1102 Millionen Pfund — 22 Milliarden Mark, über das Doppelte des deutschen auswärtigen und über ein Viertel des geplanten Welthandels, der für 1900 auf 84 Milliarden Mark berechnet wurde.
Es ist klar, daß die großen Handelsnationen sich die Beherrschung dieses Handels sichern wollten.
Amerika, die Vereinigten Staaten, sind in nächster Nähe; England hat Indien dort, Australien seine Inselwelt; Deutschland hatte auch Besitz ergriffen, nur war sein Besitz »och nicht abgerundet genug und erstreckte er sich besonders
Fcnillrtan.
Die pestgefahr.
Von Dr. med. R. Preetz.
Die Pest in Glasgow in Schottland fordert immer noch ihre Opfer und erweckt in ängstlichen Gemüthern die Furcht vor der Pestgefahr. Schreckensbilder tauchen vor dem geistigen Auge der Furchtsamen auf, wie sie sich vor Jahrhunderten oft auf europäischem Boden abgespielt haben. Die Pest sieht auf ein Alter von mindestens dreitausend Jahren zurück, sie war unzählige Mal die Geißel morgen- und abendländischer Völker, und dennoch hat erst die Neuzeit dieser furchtbaren Krankheit wenigstens im Abendland den Schrecken genommen. Die Pest, die man auch die orientalische, die Beulen- oder Bubonenpest nennt, ist ein Produkt höchster Unreinlichkeit, das Produkt faulenden menschlichen und thierischen Unraths. Sie ist eine ansteckende Krankheit, deren Bacillus man aber erst im Jahre 1894 in den Pestspitälern zu Hongkong entdeckte. Die Pest ist auch heute noch im Orient epidemisch und hat vornehmlich drei Brutstätten, erstens die Hochthäler des indischen Himalaya- gebirges, zweitens das Hochplateau von Assir, in der Nähe von Mekka, drittens das Negerreich in Uganda in. Centralafrika. Dieser letzte, anscheinend uralte Pestherd, wurde im Jahre 1897 vom Geheimrath Robert Koch entdeckt. Neuerdings hat man auch im südlichen China einen neuen Herd entdeckt, wo stellenweise die Chinesen in einer unbeschreiblichen Noth und Unsauberkeit leben. Die Pest ist eine dem Typhus ähnliche, aber »och mit Drüsengeschwülsten (Pestbeulen), meistens in den Weichen, und auch manchmal mit brandigen Blutgeschwüren (Pestkarbunkel) verbundene Fieberkrankheit.
Zum Glück ist die Uebertragbarkeit, die Ansteckungskraft der Pest in normal reinlichen Gegenden gar nicht groß. Der PestbacilluS wird auch nicht durch die Athmungsorgane auf-
nicht weit genug in die großen Verkehrsstraßen: Diesem Nebel ist abgeholfen worden durch die Besitzergreifung der Karolinen, der Samoainseln: ja, mit der Besetzung von Kiautschou setzte sich Deutschland so recht mitten hinein in den ostasiatischen Verkehr.
Zu dieser Abrundung des deutschen Besitzes im Stillen Ocean und am Stillen Ocean kam aber noch eine zweite zu erfüllende Aufgabe, die Sicherung dieses Besitzes durch seine Verbindung mit dem Vaterlande.
Daß immer wieder die Versuche kamen, welche endlich gelangen, Deutschlands Flotte zu vergrößern, hatte zumeist wohl seinen Grund in dem Wunsche einer dauernden Festsetzung Deutschlands im zukunftsreichen Stillen Ocean; ohne Flotte kann man selbstverständlich keinen so weit entfernten und zerstreuten Kolonialbesitz halten. Aber jede Auslandsflotte muß stets Nachschübe, besonders an Material und Kohlen, von der Heimath erhalten können; so gebietet es denn die Klugheit, noch festere Glieder in die Verbindung zwischen dem Mutterlande und dem deutschen Besitz im Stillen Ocean zu bringen, als sie die Flotte darstellt; in der Richtung der jetzt von der deutschen ReichSrcgierung verfolgten Pläne liegt die Schaffung einer deutschen Etappenstraße nach Ostasien.
Es soll hier nicht untersucht werden, ob es gcrathen ist oder nicht, Kohlenstationen anzulegen; es genügt nur die Feststellung, daß unzweifelhaft im Verfolg der Pläne der deutschen Rcichsregicrung die Kohlenstationen auf dem Plane erscheinen müssen.
Es ist über England gemeldet morden, daß die Insel Farsan im Rothen Meere von Deutschland in Besitz genommen werden soll; in dieser Form wird die Meldung wohl kaum richtig sein. Aber wer wüßte andererseits nicht, wenn er anders die auswärtige Politik aufmerksam verfolgt hat, daß Deutschland in der That seit zwei Jahren eifrig im persischen und arabischen Meer nach einer Kohlenstation gesucht, sie vielleicht auch schon gefunden hat? Die Zeit dürfte nicht fern sein, da eine Besitzergreifung offiziell gemeldet wird.
Eine verwunderliche Nachricht kam auch vor einiger Zeit aus Amerika. Mac Kinlcy hatte gesagt, -im Falle seiner Wiederwahl werde Deutschland die Ordnung auf den Philippinen wieder Herstellen helfen. Auch an dieser Meldung ist sehr zu korrigiren. Wenn Mac Kinley meint, daß Deutschland die beim Bruder Jonathan gepumpten achtzig Milliönchen etwa abarbeiten werde ans den Philippinen, so irrt er, und es ist auch wohl nicht mehr Thatsache, daß Deutschland gar sehr aus eine Kohlenstation auf den Philippinen erpicht wäre. Vor zwei Jahren, als die Iankees das große Geschrei gegen Deutschland erhüben, dg. eher; inzwischen hat sich aber die Lage gar gewaltig verändert. Holland mit seinem indischen Besitz sucht Anschluß an eine größere Seemacht, sollte es dem deutschen Vetter 2 bis 3 Kohlenstationen verweigern wollen, wenn dieser sich dafür anheischig macht, ihm seinen Kolonialbesitz zu garautiren?
So sind denn im arabischen Meere und auf den holländischen Inseln die ersten Glieder zu einem deutschen
genommen und dem Blut zugeführt, sondern die Ansteckung erfolgt durch die Haut, nicht etwa durch eine heile und gesunde Haut, sondern durch eine verletzte. Freilich genügt der kleinste Riß, dem Bacillus einen Nährboden zu geben.
Die Ansteckung der Pest kann also nur durch direkte Berührung mit einem Bacillus erfolgen. In China erfolgt neben der gewöhnlichen Unsauberkeit die Ansteckung besonders durch die mangelhafte Fußbekleidung der niedrigen Chinesen. In China brach in den Jahren 1894 und 96 die Pest in den ärmsten und zugleich dichtesten Stadttheilen aus. Dieses Bilo zeigt sich aber bei allen ansteckenden Krankheiten. Notorisch werden die ärmeren Volksklassen stets zuerst, am meisten uno am schlimmsten von allen Seuchen befallen. So bald ein Volk in Nahrung, Kleidung und Wohnung im Allgemeinen günstige Verhältniffe aufweist, schwindet fast ganz jede epidemische Gefahr. Wie bei allen Epidemieen spielen auch bei der Pest eine gute Luft, kräftige Nahrung, frisches und reines Wasser di; Hauptrolle.
Ein weiteres Glück ist es, daß der Pestbacillus von kundiger Hand leicht zu tödten ist. Der Pcstbacillus hat kein so zähes Leben wie etwa der Cholera- oder der Tuberkelbacillus. Der Pestbacillus stirbt schon ab, wird also völlig ungefährlich, bei einer Erhitzung von nur 50 Grad Celsius. Bei diesem Wärmegrad muß die Erhitzung allerdings mindestens eine Viertelstunde dauern. Ein Wärmegrad von 70 bis 80 Grad Celsius vernichtet den Bacillus innerhalb 5 Minuten und Siedehitze tobtet ihn sofort. Alle diese Kenntnisse verdaicken wir aber erst dem letzten Jahrzehnt. Im Mittelalter schrieb man die Eut- stehungsursache bösen Geistern und Dämonen zu. Entsprechend dieser Ansicht war auch die Behandlung der Krankheit. Natürlich starben die Menschen in erschreckend großer Zahl hinweg. So sollen im Jahre 1347 allein in Lübeck ca. 90,000 Menschen an der Pest gestorben sein. Seitdem man aber den Pestbacillus kennt, ist seine Gefahr für die Abendländer gehoben worden. Da die Pest in unserem Klima nicht von selbst entsteht, so droht uns Pestgefahr nur durch Einschleppung. Bon der größten
Etappemvcge nach Ostasien gegeben, und im Aangtsethale dürfte sich vielleicht ein weiteres anreihcn? Wenn klug gearbeitet wird, int Stillen Meere lassen sich schon noch Er» folge erzielen, und man kann im Ganzen — von einzelnen Extravaganzen abgesehen — wohl sage», daß die deutsche Diplomatie kein schlechtes Stück Arbeit geliefert hat, soweit das Auswärtige in Betracht kommt.
Ans Stadt und Kand.
Wiesbaden, 28. Oktober.
Znr Dienstbotenfrage
erhalten wir folgende Zuschrift vom „Wiesbadener Verein der Kinderhorte für Mädchen": „Wir beabsichtigen, unseren Wirkungskreis zu erweitern znr sittlichen und wirthschaftlichen Förderung der schulentlassenen Hortkinder. Die ersten Jahre nach dem Austritt aus der Schule sind für die weibliche Jugend des Volkes ein Altersstadium, für welches bisher am wenigsten gesorgt war. Und doch ist die Angewöhnung in ihm entscheidend für das ganze Leben! Wir haben in unserer Stadt die segensreiche Einrichtung des hauswirthschaftlichen Kochunterrichts im letzten Schuljahr an den Volksschulen. Liebe zur Ordnung, Reinlichkeit, die Freude an häuslichen Geschäften, die Einführung in die Elemente der hauswirthschaftlichen Bildung sind dessen unverkennbar gute Erfolge. Und wenn auch die in den Kochschulen gewonnenen Kenntnisse nicht weiter reichen, als zur Führung eines kleinen Arbeiterhaushaltes, so ist dies schon als ein nicht zu unterschätzender Gewinn zu betrachten, denn eine unwissende, nachlässige Frau führt sicher den Ruin des Familienglücks herbei. Die Kochschulen sind jedoch leine Ausbildungsanstalt für Dienstboten. Der Nächstliegende Nutzen besteht nur darin, daß unsere 14-jährigcn Mädchen durch die wirthschaftliche Anregung lieber in einen Dienst ein- treten, als andere Erwerbszweige ergreifen, welche leider manche traurige Nachtseite des socialen Lebens fördern! Der Vorstand der hiesigen Mädchenhorte glaubt nun, daß seine pädagogische Aufgabe mit dem Hort- und Schulbesuch nicht aushören darf, und daß er seinen Einfluß auf die Wahl der Berufsarbeit seiner Zöglinge geltend machen muß. Die ordnungsmäßige Vorbildung für den zukünftigen Dienstbotenberuf kann aber erst mit der Entlassung aus Schule und Hort beginnen! „Warum sollen die Mädchen nicht ebenso berechtigte Ansprüche auf einen Erwerbsunterricht haben, wie die Knaben in ihrer Lehrzeit?" Das dem Vorstand vorschwebende Ideal ist natürlich eine H a u s h a l - t u n g s s ch u le, worin ihre Hortschützlinge sich tüchtige Kenntnisse in den häuslichen Geschäften aneignen könnten, um dann als trefflich geschulte Dienstboten sich ihr Brod zu erwerben. Doch dies schöne Ziel ist ohne größere Mittel nicht zu erreichen, und diese fehlen den Kinderhorten gänzlich. So wird sich einstweilen eine separate Hortkommission bilden, der die überwachende Aufgabe der Erwerbswahl und Ausbildung obliegt. Dieses Comit«; wird zu Ostern L e h r st e l l e n in guten Häusern für die in's Leben tretenden Zöglinge suchen, wo sic an der Hand der Hausfrau unentgeltlich zu treuen, brauchbaren Dienstmädchen ausgebildet werden. Der Verein wird außerdem die nöthige Ausrüstung an Kleidung, Wäsche, Schuhe mitgeben, und seine Vorstandsmitglieder werden sich im Laufe des Jahres öfters persönlich von der guten Führung
Wichtigkeit ist es also bei einer orientalischen Epidemie, daß die abendländischen Häfen von der Sanitätspolizei ordentlich revidirt und nöthigenfalls die gesetzlichen Vorsichtsmaßregeln sofort getroffen werden. Früher mußten verdächtige Schiffe sich eine Beobachtung von 40 Tagen, daher der Name Quarantäne, gefallen lassen. Diese Quarantäne war vor nicht allzu langer Zeit noch der Schrecken aller Reisenden. Vierzig Tage von aller Welt abgeschnitten, vierzig Tage lang untersucht oder gar ausgeräuchert zu werden, das war bei Epidemieen früher nur allzu oft das Loos der Seereisenden.
, Die neuesten Entdeckungen der medizinischen Wissenschaft haben diese schwere und kaum erträgliche Verkehrsstörung überflüssig gemacht. Bei der Pest kann die Ansteckungsfrist, das heißt die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch, zehn Tage dauern. Das ist aber die längste Zeit. Die Reisenden werden also im schlimmsten Falle nur zehn Tage lang isolirt und bei dieser Jsolirung so schonend wie möglich behandelt.
Die Hauptsache bei einer drohenden Pestgefahr ist es, jeden Fall sofort zu erkennen, dann ist die Weiterverbreitung vollständig ausgeschlossen. Bei dem heutigen Stand der Wissenschaft, bei dem Eifer der Sanitätspolizei ist für unser deutfches Vaterland wohl jede Pestgefahr ausgeschlossen. Wie sicher die Wissenschaft kämpft, hat der traurige Fall des Dr. Franz Müller in Wien bewiesen. Das angsterfüllte Wien verdankte seine Rettung nur ganz allein den tapferen Jüngern der medizinischen Wissenschaft.
Außerdem aber hat es auch jeder Mensch in seiner Gewalt, sich gegen jede Ansteckung zu schützen, und zwar durch eine vernünftige, gesunde Lebensweise. In einem gesunden Körper kommt kein Bacillus zur Entwickelung, ein gesundes Blut vernichtet jeden Krankheitserreger, mag er heißen, tote er will. Gesunde Menschen disponiren überhaupt nicht zu ansteckenden Krankheiten, ihr Blut gestattet es nicht, daß sie cholera-, typhus- oder pestkrank werden. Man schwäche also nicht seinen Körper durch Unmäßigkeit noch durch Entbehrung, sondern stärke ihn durch angemessene Diät.
