Einzelbild herunterladen
 

1. Beilage Mm Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 502. Morgen-Ansgade,

Samstag, derr 27. Oktober.

£8. Jahrgang. 1900.

(4. Fortsetzung.) (Nachbruck verboten.)

Standesgemäß.

Noma» von Karl v. Keistncr.

IH.

Baron Fronhofen hatte vom Hause der Künstlerin bis zu seinem eigenen Quartier eine ziemlich weite Strecke zurückzulegen und beschleunigte seine Schritte, denn ein drohendes Gewitter stand am Himmel und bereits sielen große Tropfen herab. Da er in einer Vorstadt wohnte, führte ihn sein Weg außerhalb des Thores durch eine An­lage, in welcher es wegen der vorgerückteir Abendstunde und des hereinbrechenden Sturmes sehr menschenleer war. Nur ein einzelnes Frauenzimmer ging schon seit einiger Zeit vor ihm her, das sich ebenfalls stark beeilte. Plötz­lich aber blieb dasselbe stehen und trat seitwärts zu einer zwischen den Bäumen angebrachten Bank, auf der es sich niederließ, obgleich der Sitz schon von dem heftiger werdenden Regen benetzt war. Diese auffallende Wahr­nehmung veranlaßte auch Oswald, langsamer zu gehen, um die Dame einige Augenblicke beobachten zu können. Als er die betreffende Stelle passirte, zuckte der erste jähe Blitz aus dem schwarzen Gewölle hervor und die hierdurch verbreitete Heilung ließ ihn ein jugendliches, aber unge­mein blasses Gesicht erkennen. Der Vorübergehende be­merkte noch, daß sich die Fremde mit Anstrengung, wie es schien, erhob, um ihren Weg fortzusetzen. Als er jedoch dessen ungeachtet keine Schritte hinter sich hörte, wandte sich Oswald nochmals um, und zwar gerade noch zeitig genug, um der Wankenden beispringen zu können. Hätte er sie nicht rasch genug unterstützt, so würde sie von der Bank zu Boden geglitten sein. Bei der unverhofften Be­rührung schlug sie nochmals die Augen auf, gab aber dann kein Lebenszeichen mehr von sich.

Der junge Mann war in Verlegenheit, was er in dieser Situation mit der Ohnmächtigen beginnen sollte. Sie während des nun mit aller Macht losbrechenden Ge­witters wieder auf der wassertriefenden Bank unter den Bäumen zu placireu, nahm er nicht minder Anstand, als daran, eine fremde Dame auf seinen Armen weiter zu transportiren. Wohin sollte er sie auch bringen? In dieser mißlichen Lage war es ihm sehr erwünscht, daß ans der unmittelbar nebenan befindlichen Fahrstraße soeben eine Droschke des Weges kam, welche auf seinen Anruf hielt und sich zum Glücke als unbesetzt erwies.

Rasch hob er die zarte Gestalt empor und trug sie die wenigen Schritte bis zum Wagen, in dessen einer Ecke er sie unterbrachte, worauf er selbst in der anderen Platz nahm. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als dem Kutscher sein eigenes Logis zu bezeichnen, da die Kranke sich noch nicht erholte und er das ihrige daher nicht erfahren konnte. Seine Hausfrau würde ihm, wie er voraussetzte, gewiß aus der Verlegenheit helfen und die Dame bis auf Weiteres bei sich behalten.

Bei der Finsterniß, welche während des gegenwärtigen nächtlichen Unwetters im Innern des Wagens herrschte, konnte er nicht mehr als die Umrisse seines ihm so plötz­lich aufgedrungenen Schützlings erkennen, und nur ein­mal noch beleuchtete während der Fahrt ein greller Blitz

dessen Züge. Das bleiche Antlitz, welches ihm hierdurch für einen Augenblick sichtbar ward, hatte etwas so Lieb­liches, einen so unschuldigen, kindlichen Ausdruck, daß dem jungen Mann das anfangs sehr unwillkommene Abenteuer nun schon ein etwas regeres Interesse ein­flößte, als es die Theilnahme für einen leidenden Mit­menschen ohnedem erheischte. Nun machte das vielleicht durch den blendenden Lichtschein aus seiner Apathie er­wachende Mädchen eine Bewegung und bald darauf ver­nahm Oswald die von einer nur schwach tönenden Stimme hervorgehauchten Worte:

„Mein Gott! Wo bin ich denn?"

Gerade, als er eine beruhigende Antwort ertheilen wollte, hielt die Droschke, und deren Führer öffnete den Wagenschlag. Man war schon am Hause der Frau Greiß­ler angelangt, und der junge Mann sprang hurtig aus die Straße.

„Haben Sie keine Sorge, Fräulein!" rief er zurück. „Ich werde Ihnen unverzüglich weibliche Hülfe senden!" Mit diesen Worten verschwand er in der Hausthiir.

Das Mädchen aber kam nun erst völlig zu sich und blickte bei dem schwachen Schein der in einiger Entfernung postirten Gaslaternen höchst verwundert durch den offen stehenden Schlag ins Freie. Auch sie schickte sich an, aus­zusteigen, was aber noch etwas langsam von statten ging.

Da erschien bereits Frau Greißler in Begleitung des Baron Fronhofen unter dem Eingänge. Die Erstere, welche mit ein paar Worten von der Sachlage unterrichtet war, wollte sich in ihrer angeborenen Gutmüthigkeit möglichst dienstwillig zeigen und faßte die Aussteigende mit ihren noch immer rüstigen Armen um den Leib, um ihr vollends aus dem Wagen heraus zu helfen. Auch Oswald trat jetzt herzu und beabsichtigte, der Dame, die nun auf eigenen Füßen zu stehen vermochte, seinen Arm anzubieten. Diese aber dankte sehr befangen und legte die Paar Schritte bis in die Hausflur, nur von Frau Greißler unterstützt, zurück. Die Fremde hätte offenbar noch keine klare Vorstellung davon, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, und wer sie hierher gebracht hatte. Bis Baron Fronhofen den Rosselenker instruirt hatte, vorläufig noch abzuwarten, ob man das Fuhrwerk nicht nochmals bedürfe, waren die beiden Frauenspersonen schon in der Greißler'schen Parterrewohnung ver­schwunden. Oswald überlegte einen Augenblick, ob er sogleich dorthin Nachfolgen solle, aber er entschied sich dafür, vorher noch einige Zeit verstreichen zu lassen und sich auf seine eigenen Zimmer zu begeben, um sich der durchnäßten Oberkleider zu entledigen und auch den Frauen Gelegenheit zu entsprechenden Maßnahmen zu gönnen. Erst dann wollte er sich nach dem Befinden des hübschen Mädchens erkundigen und es mittels der war­tenden Droschke nach Hause bringen lassen.

So verfloß nahezu eine Viertelstunde. Als er aber die Treppe hiuuntergehen wollte, um sein Vorhaben aus­zuführen, sah er zu seinem Erstaunen die Hausfrau aus dem oberen Stock herabsteigen.

„Wie, Frau Greißler?" rief ihr Oswald zu, „Sie haben Ihren Schützling verlassen? Hoffentlich wird doch unser krankes Vögelchen noch nicht ausgeflogen sein, be­

vor ich nur dazu gekommen bin, sein, wie es scheint, ganz hübsches Gefieder beim Lichte betrachten zu können?"

„Es ist Alles in bester Ordnung, verlassen Sie sich daraus, lieber Herr", antwortete die Gefragte, einen etwas verlegenen Blick nach der oberen Etage znrück- wersend. „Sie sollen sogleich Alles erfahren, aber nicht hier auf der Treppe. Wenn Sie nichts dagegen haben, so kehre ich ein bischen bei Ihnen ein."

Immer mehr befremdet öffnete Oswald die zu seinem Wohnzimmer führende Thür und ließ Frau Greißler ein- treten, obwohl er deren Verhalten in der That etwav sonderbar fand. Es kam ihm ebenso eigen vor, wenn das junge Mädchen sich so rasch aus dem Hause entfernt hätte, ohne ihm ein verbindliches Wort für den ge­leisteten Beistand zu sagen, als wenn man dasselbe, falls es noch anwesend war, in der Parterrewohnung nun so lange allein lasse. Aber die Hausfrau ließ sich in Osivalds Stube ganz gemüthlich auf einen Stuhl nieder und schien es keinesfalls eilig zu haben.

„Sie werden entschuldigen, Herr Baron! Einer alten Frau muß man eben etwas zu gute halten , sagte sre. „Das kam ja so plötzlich, daß mir die Aufregung ganz m die Glieder gefahren ist, und das Treppensteigen ist auch nicht mehr meine Sache. Ja früher, da war es etwas Anderes! Da nahm ich am liebsten immer gleich zwei Stufen auf einmal und huschte hinauf und hinunter wie

ein Wieselchen." .. t .

Oswald war es schon gewohnt, so oft er mit ferner Hausfrau ziisammenkam, seine Geduld etwas aus die Probe gestellt zu sehen; aber in diesem Moment hatte er noch lveniger Lust als sonst, dem Strome ihrer Rede ganz freien Lauf zu lassen.

„Die Dame, Frau Greißler! Die Dame, unter­brach er sie. „Ich weiß ja noch immer nicht, wie ev mit meinem niedlichen Pflegling steht, und dies ist doch im Augenblick die Hauptsache. Auch wartet der Fiaker noch vor der Hausthiir." . .

„Ist auch schon besorgt. Wenn die Greißler einmal etwas übernimmt, so thut sie nichts halb. Darum habe ich den Droschkenkutscher gleich bezahlt und fortgeschickt, bevor ich heraufging. Die Kleine wollte durchau. den Fuhrlohn selbst berichtigen, aber ich wußte, daß der Herr Baron sich das nicht nehmen lassen würde. Klinge Herren siiid ja immer galant, und — mein Gott. bei dem onncn Ding sind die Markstückchen auch dünn gesaet.

„Sie werden doch die zarte, eben noch so leidende Dame in diesem abscheulichen Wetter nicht zu Fuß und ohne Begleitung nach Hause geschickt haben?" fragte der junge Litterat in besorgtem und vorwurfsvollem Ton.

„Behüte Gott! Denn erstens hat sie der Herr Baron ja selbst schon nack Hanse gebracht, und dann — nun za

_um eine Dame im eigentlichen Sinne handelt es sich

im Grunde genommen gar nicht. Wenigstens pflegen Herren von solchem Stande, wie der Herr Baron, so ern- fache Mädchen sonst kaum Damen zu nennen, obwohl viele darunter sind, von denen mir der kleine Finger lieber ist, als Manche, die in einer stolzen Karosse daher- sährt.

<Fortfttz»ni, folgt.)

0ll86r diesjähriger grosser

beginnt Dienstag, «len 8®. er.

Hermanns & Froitzheim, Webergasse 12 und 14 .

14605

„Fetroloileur.“

fpi'obtcß sicheres Mittel gegen Haarschwund, Schuppenbildung u. die Krankheiten des Haarbodens.

Erregt und befördert frische Haarbildung

auffallender Weise Dargestellt aus entharztem und entgastem (geruchlosem) Petroleum, auffallender foinsteg Parfüm. Wirkt belebend und nervenstärkend.

Flnco». -» WK- ®.SO, Mb. » 5« *■!,. »

Chemische Fabrik Lionzing a. Chiemsee, r.st taitut,

Niederlage in Wiesbaden: Vlctorla-Apotl.eUe, Bhemstrasse 41. (Md 2022) F140

Möbel-Ausverkauf.

Wegen Umzug verkaufe von heute ab alle an, Laaer habenden Polster- nnd Kasten-Möbel zu bedeutend herabgesetzten Preisen. 14367

Achtungsvoll

W. Egenolf,

Webergasse 8.

Thermal-lSäder

incl. Wäsche im Dutzend Mk. 6.—. 14561

»avoy-Hotel, Pärenstr. 3.

Gehe» Sie

in eine Buchhandlung,

Kaufen Sie

ein Iris üöurtt, gebunden u. illnstrirt 70—110 Pfennige,

Lesen Sit

aufmerksam dar Schliitzblatt,

Sie kaufen dann »och mehr!

M. Schlipp Vc-ring, München J..

tziidtgardstratze 13a. F90