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1. Anlage Mi Mesbaüener Tagblalt.

'♦ 500* Morgen AnsgabZ^

Freitag» derr 26. Oktober.

48. Jahrgang. 1966.

(3. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ktarrdesgemaß.

Noniaii von Karl v. Leistner.

Was plagt ihr armen Thoren viel > Zu solchem Zweck die holden Musen?

rufen citlch sie dein Dichter zu. Auch sie verlangen von ihm, er solle ihnen starke Getränke brauen, damit sie, mit Prospekten und Maschinen dieselbe aufputzend, unter Ver­schwendung von Sternen, Wasser, Feuer, Felsenwänden die Menschen durch die Masse zu zwingen im Stande seien.

Sucht nur die Menschen zu verwirren.

Sie zu befriedigen ist schwer.

'Habe ich nicht recht, meine Herren?"

„Vollkommen, gnädiges Fräulein," beeilte sich Viktor von Dillheim beizupflichten. „Die hohe Aufgabe, welche die Bühne als Volksbildungsanstalt zu erfüllen hat, wird nur zu oft verkannt, und man verirrt sich in der Auswahl dessen, was dem schaulustigen Publikum geboten wird, nicht selteir auf bedenkliche Abwege."

„An diesen Mißständen trägt freilich — wenn wir ge­recht sein wollen, so müssen wir das zugestehen —die Ge­schmacksrichtung des Publikums selbst noch mehr die Schuld, als die Bühnenleiter," warf Baron Fronhofen rät.. „Die Mehrzahl der Theaterbesucher ist übersättigt, blasiert oder tiicht gebildet genug, um zu Gunsten eines gediegenen Inhaltes auf das, was den Sinnen schmeichelt und das Auge blendet, zu. verzichten. Deshalb über­schwemmt man uns mit zweideutigen, prickelnden, fran­zösischen Machwerken, mit geistlosen, nur durch äußeren Flitterstaat wirkendeu Operetten, mit Lustspielen, die, ohne irgend welche Tendenz zu verfolgn, höchstens als Kinder des Augenblicks durch eine leidliche Situations­komik die Langeweile zu verscheuchen vermögen. Zu solchen Vorstellungeir drängt sich die Menge in Hellen Haufen; das ernste, gediegene Schauspiel aber muß vor halbleerem Hause abgespielt werden, und die Tragödie ist während unseres Säkulums zum sterilen Felde ge­worden. So erschwert es das Publikum selbst dem Dichter und dem Unternehmer, an seiner Bildung zu arbeiten, was doch vor Allem die Aufgabe beider wäre."

„Im Allgemeinen muß ich Ihnen Recht geben, Baron Fronhofen," fuhr einer der anderen anwesenden Herren fort, „aber, wie Fräulein Blank vorher anerkannte, macht nicht nur die hiesige Direktion eine lobens- werthe Ausnahme, sondern auch das Auditorium, welches sich in ihrem Kunsttempel versammelt, kann sich großen- theils eines besseren Verständnisses des wahrhaft Guten rühmen. Sie sind selbst dramatischer Dichter, soviel mir bekannt ist. Versuchen Sie es, hier eine gesunde Kost zu

bieten, und ich glaube, Ihnen im Voraus den besten Er­folg verheißen zu dürfen."

Cora wechselte mit Oswald einen raschen Blick des Einverständnisses und sagte dann:

„Unser Freund, an den Sie sich mit dieser Aufforde­rung wenden, ist derselben bereits nachgekommen, und es freut mich, meine Herren, zuerst Ihre Aufmerksamkeit auf eine bedeutende und viel versprechende dramatische Dich­tung lenken zu können, die aus der glücklichen Feder des Baron Fronhofen hervorgegangen ist. Er war so freund­lich, mir heute die Einsicht seines Werkes zu gestatten, und ich ergreife mit hoher Befriedigung die Gelegenheit, sowohl dem Verfasser, als den anderen Anwesenden, zu versichern, daß seine Schöpfung von seltenem Werthe ist."

Das reizende Mädchen sprach diese Worte mit leb­hafter Erregung und Oswalds Augen hingen unver­wandt an den beredten Lippen, die sein Lob verkündeten. Die Künstlerin erschien ihni in dem Momente, in welchem sie ein hohes Interesse für seine Person kundgab, zum ersten Male verführerisch schön, uiid das Blut pulsirte schneller in seinen Adern als gewöhnlich. Kaum ver­mochte er mit kurzen bescheidenen Ausdrücken den Dank für eine solche Ovation abzustatten, die erste, die ihm zu Theil ward. Es bedurfte keines hervorrageirden Grades von Eitelkeit, um sie ihm aus seinem Munde doppelt werth zu niachetr. Die sätnmtlichen Anwesenden gratulirten dem Schriftsteller zu seinem neu entstandenen Geisteserzeug­nisse, über das von urtheilsfähiger Seite diese günsüge Kritik abgegeben wurde, und sprachen vereint den Wurrsch ans, das Stück hier anfgeführt zu sehen. Viktor von Dillheim hatte Cora und Oswald während der letzten Minute scharf beobachtet, und auch heute wieder beneidete er den Schriftsteller um seinen Beruf. Sein Glückwunsch war aber ein etwas frostiger und gezwungener.

„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht," sprach Oswald, als die ganze Gesellschaft noch ihre Blicke auf den von Cora heute so sehr Bevorzugten richtete, und als er daher die Nothwendigkeit empfand, das Wort zu er­greifen. „und ich werde diese Aufgabe stets im Auge be­halten, nicht nach dein Geschmacks der Menge zu schreiben, sondern eben jene vorhin erwähnte Missioir der Bühne, die als Volksbildungsanstalt wirken soll, nach Kräften zu erfüllen. Sittlicher Gehalt erscheint mir daher als das erste Erforderniß eines guten Dramas. Die Bühne soll ein strenger Richterstuhl der Moral sein. Sie soll das Laster, das sie in seinen Bahnen verfolgt, auch als solches kennzeichnen: sie soll ihm selbst da zu Leibe rücken, wo es der Arm des Gesetzes nicht mehr verniag, weil kein Paragraph des Strafgesetzbuches darauf anwendbar ist, oder weil dieser Arm erlahmt, sei es aus Schwäche oder sonstigen Rücksichten. Das Laster darf nie beschönigt werden, wie es in vielen neueren, namentlich französischen Stücken der Fall ist; es darf nie triumphiren, und da.

wo es scheinbar gesiegt hat, muß der Schluß des Dramas der Gerechtigkeitsidee auf irgend welche Weise Genug- thuung verschaffen. Das Bühnenstück hat serner die Aufgabe, sei es in der Form der Komik, oder in ernsten Entwickelungsphasen, die Schwächen der Menschheit zu geißeln, ihr ein Spiegelbild der ethischen Zustände vor Augen zu halten und so auf Besserung hinzuwirken. Das historische Drama soll durch getreue Schilderung dessen, was früher gewesen ist, beitragen zur richtigen Beurthei- lung der Jetztzeit; das moderne Drama aber muß mitten in das sociale Leben hineingreifen und auf direktem Wege dessen Licht- und Schattenseiten ergründen. So soll die Bühne auf jede Art, mit der Schule, der Kirche Hand in Hand gehend, zur Läuterung des Bestehenden bei­steuern. Daß sie mit der Belehrung zugleich die Unter­haltung verbindet, daß sie ohne persönlichen Angriff gegen den Hörer ihm lediglich am Beispiel Anderer die Schwach­heit der Menschheit vorführen kanit, daß sie allen Klassetr der Gesellschaft zur gemeinsamen, gleichzeitigen Empsin- dmtg ihrer in gefälligem Gewände gegebenen Lehren ver­eint, das erleichtert ihr die erhabene Aufgabe bedeutend. Das Bewußtsein dieser Anforderung, dieser dem Drama- tiker obliegenden Pflichten, habe ich in vollem Maße; ob es mir gelingen wird, ihnen gerecht zu werden, darüber mögen Andere entscheiden."

Cora hatte den Deduktionen Oswalds mit Aufmerk­samkeit zugehört und entgegnete ihm nun:

„Ja, Baron Fronhofen! Sie sind den richtig be- zeichneten Pflichten bereits gerecht geworden, und ich hege nach dem Eindrücke, den ich heute von Ihrem vortrefflichen Werke empfangen habe, die feste Neberzeugung, daß Sie, auf der eingeschlagenen Bahn ausharrend, stets vor­wärts schreiten und Außergewöhnliches leisten werden."

Unter diesen Gesprächen war die Zeit zum Aufbrtlche der Gäste herangekommen. Oswald zögerte auf einen verstohlenen Wink Coras noch einige Augenblicke länger, als die klebrigen, und itachdem diese sich entfernt hatten, gab ihin die Künstlerin beim Abschiede noch die Versiche­rung, daß sie bei dem Leiter der hiesigen Bühne allen Ein­fluß aufzubieten gewillt sei, um die Annahme und baldige Aufführung des neuen, von ihm verfaßten Stückes durch­zusetzen. Die warmen Dankesbezeigungen des von dieser ungewöhnlichen Huld entzückten Autors lehnte sie lächelnd ab, indem sie mit schelmischer Neckerei darauf hin­wies, daß die Begünstigung keineswegs der Person, son­dern einzig und allein dem Werke gelte.

Oswald trat den Heimweg unter Gefühlen an, wie er sie für die liebenswürdige Sängerin noch nie empfunden hatte. Mochte es dieser mit ihrer letzten Behauptung wirklich Ernst gewesen sein oder nicht, bei ihm hatte der Strahl ihrer Gunst, der heute auf ihn gefallen war, ge, zündet.

-Fortsetzung folgt.)

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