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1. Anlage zum Wiestmüener Tagblatt.

Uo. 498. Morgen-Ansgade. Donnerstag, den 23. Oktober. 48. Jahrgang. 1900.

(2. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Standesgemäß.

Nonian von Karl v. ^eistner.

Baron Oswald von Fronhofen allein, der nun schon seit Wochen regelmäßig die Soireen Coras frequentirte und zum engeren Zirkel derselben gehörte, widerstand immer noch siegreich der: geschilderten Anfechtungen, wenn er auch einzelne vorzügliche Eigenschaften der Ge­feierten, besonders ihre ungewöhnliche geistige Begabung nicht verkannte. Ec hatte Viktor von Dillheim gleichfalls dort eingeführt und mußte zugeben, daß dieser statt seines sonstigen blasirten und geckenhaften Wesens jetzt weit liebenswürdigere Seiten herauszukehren verstand. Noch konnte Oswald die günstige Umwandlung seines Be­kanntet:, welche Coras Nähe allein zu Staude gebracht hatte, im Stillen belächeln; aber bald sollte auch für ihn selbst die Stunde schlagen, die ihn cu: den Triumphwagen des schönen Weibes kettete. —

Es war schon elf Uhr Vormittags, aber im Boudoir der Sängerin herrschte noch immer dämmeriges Düster, ivährend sie in einer hocheleganten, mit werthvollen Blonden garnirten Garderobe auf einer Ottomane* von schwerem, hellblauem Seidendamast ruhte. Auch das Gemach selbst war mit diesen: Stoffe zeltartig behängen. Dunkelblaue Gardinen und Portieren stachei: von diesen Wandverzierungen auf das Vortheilhafteste ab, und der azurfarbige Plafond mit seinen goldenen, sternenähn- lichen Rosetten vollendete die Wirkung einer höchst effekt­vollen Schattirung.

Die verwöhnte Künstlerin hatte die theilweise wäh­rend ihres gestrigen Auftretens gewidmeten, theils auch im Laufe des Morgens eingetroffenen Huldigungen noch kaum eii:es Blickes gewürdigt, und erst als Made­moiselle Clarisse Trognon, ihre französische Zofe, sie wiederholt daran erinnerte, daß auch Briefe unter den Einläufen seien, erhob sie sich und trat zu dem in der Mitte des Wohnraumes stehenden Tische, auf dem die Gegenstände ausgebreitet lagen. Den zahlreichen Blumenspenden trotz ihrer verschwenderischen Pracht wenig Beachtung schenkend, löste sie die Briefe ungeduldig ans ihren Enveloppen. Einige enthielten Gastspielofferten und wurden unberücksichtigt bei Seite gelegt; andere er­schöpften sich in ül erschwenglichen Vergötterungen ihres am letzten Abend wiederum zur vollen Geltung ge­kommenen Talents, brachten aber sonst nichts Neues; aber ein duftendes Billet von rosiger Farbe, das einen: eleganten Etui beigepackt war, schien ihr einen höheren Grad von Interesse abzugewinnen. Freilich war der Eindruck, den die Zitsendung auf Cora Blank machte, ein ganz anderer, als es der junge und sehr reiche Bankier Goldman::, der Verfasser dieser Zeilen, erwartet habe,: mochte.

„Impertinent!" rief die Sängerin halblaut, während sie unwillig mit dem kleinen Fuß stampfte. Sie wollte das parsümirte Schreiben gerade in Stücke reihen, als jene ältliche Verwandte eintrat, welche sie als Gesell­schafterin oder Gardedame auf ihren Kunstreisen be­

gleitete. „Bitte, thun Sie mir den Gefallen, Cousine Amalie, und überzeugen Sie sich von der unvergleichlich taktlosen Art und Weise, in welcher einer der hiesigen Börsenkönige es wagt, mir diesen Brillantschmuck zu Füßen zu legen, wie er sich ausdrückt. Dann aber senden Sie die Juwelen gefälligst zurück rind fügen Sie die Er­klärung bei. daß Cora Blank von Herren, die sich ihr noch nicht einrnal vorgestellt haben, niemals irgei:d welche Werthgegenstände als Geschenk entgegennimmt. Die in dem Brief klar durchleuchtenden Wünsche des Gebers — dies geben Sie ihm unumwunden zu verstehen — würden kaum bei meiner Kammerzofe ein geneigtes Gehör finden, wenn sie so plumper Weise angebracht werden. Dabei mag die Sache bewenden, obwohl ich Lust gehabt hätte, einen dieser llebermüthigen, die mit Gold Alles zu er­kaufen verineinei:, öffentlich zu blamiren. Herr Gold­mann hätte es verdient, daß ihm scheinbar Zutritt ge­währt und dann am erstei: Abei:d das Geschmeide vor allen Herren meines Kreises zurückgegeben würde."

„Alteriren Sie sich nicht, liebe Cora, sonst könnten Sie Ihrer kostbaren Stimme Schaden zufügen," beschwich­tigte die Cousine, indem sie das Dargebotene entgegen­nahm. „Ihr Ruf steht zu fest, als daß er durch Derartiges erschüttert werden könnte. Oeffnen Sie lieber dieses große Couvert; es wird Ihnen vielleicht Freude machen. Baron Fronhofen hat es gesandt, und wie ich vermuthe, enthält es sein neuestes litterarisches Erzeugniß, dessen Einsicht Sie sich kürzlich ausbaten."

„Dann wäre sein Inhalt erwünscht,"sagte die Sänge­rin. „Fronhofen ist unter den Persönlichkeiten, die ich hier empfange, entschieden eine der interessantesten, ob­wohl ..."

„Obwohl Sie den von ihm eingeführten Freund, den gewandten und liebenswürdigen Viktor von Dillheim, einen modernen Adonis, vielleicht vorziehen würden, wollten Sie wohl sagen, Cora," unterbrach sie Frau Gall- mann und fügte, als die Angeredete nicht sofort ent­gegnen, noch hinzu: „Das heißt, wenn Ihr Herz nicht trotz Ihrer Jugend unverwundbar wäre."

CoraVlank aber erwiderte auch jetzt keine Silbe, son­dern sah, während sie Oswalds Manuskript seiner Um­hüllung entnahni, ihre in Herzensangelegenheiten stets etwas neugierige Cousine nur mit einem jener Blicke an, welche diese nur allzugut kannte und die ihr nur zu ver­stehen geben sollten, daß das Herz des schönen Mädchens nicht allein für die Herren, sondern auch für sie vorläufig ein noch unenthülltes Räthsel bleiben werde.

Die wißbegierige Dame fühlte sich hierdurch etwas verletzt und entfernte sich, nachdem sie die Gardinen zurückgezogen hatte, u.in endlich Tageshelle in das Bou­doir eindringen zu lassen. Einige Minuten später sehen wir die Künstlerin bereits eifrig vertieft in die Lektüre des Fronhosen'schen Dramas. Der Inhalt mutzte sie sehr befriedigen, denn stundenlang hielt Cora das ausdrucks­volle Gesicht iiber das Heft gebeugt und legte das Letztere erst aus der Hand, als sie ganz damit zu Ende gekommen war.

Am Abeird dieses Tages fand sich eine kleine Gesell­schaft von Herren im Salon der Sängerin zusammen, zu

der auch Oswald von Fronhofen und Viktor von Dill­heim gehörten. Während ihre ältere Verwandte die Be- wirthung der Gäste leitete, bildete die Herrin des Hauses wie immer den Mittelpunkt der llnterhaltung. Cora hatte heute besondere Sorgfalt ans ihre Toilette verwendet, ob­wohl es dieses Schnmckes nicht bedurft hätte, um ihre körperlichen Reize zur Geltung zu bringen. Wenige konnten sich rühmen, von der Natur selbst schon so ver­schwenderisch ausgestattet zu sein, wie sie. Ihre hochge­wachsene Gestalt war, ohne üppig zu sein, von wirklich plastischer Schönheit; die Züge trugen das Gepräge eines entschiedenen Charakters, welches aber der Weichheit der­selben keinen Einhalt that. Die reiche Fülle ihrer Haare wurde von der gewandten Zofe stets in geschmackvoller Weise geordnet und deren tiefes Braui: stand mit der Farbe der lebhaften, geistsprühenden Augen im besten Einklang. Das Kolorit war so jugendfrisch, daß sie selbst aus der Bühne sich nur in beschränktem Maße künstlicher Mittel zu dessen Hebung zu bedienen brauchte. Ihr sonores^rgan hatte einen unbeschreiblichen Wohllaut.

Selten verlor sich die Konversation, welche hier ge­pflogen wurde, in seichtere Regionen. Kunst, Litteratur und Bücher bildeten meistens das Hauptthema des Ge­sprächs, und Cora verstand es, über die schaffenden und darstellenden Leistimgen im Schauspielfach ein ebenso fach­kundiges Ilrtheil abzugeben, wie über diejenigen, welche ihren eigenen Wirkungskreis, die Oper, betrafen. Musik­vorträge der gediegensten Art unterbrachen von Zeit zu Zeit die sonstige Unterhaltung, ohne durch allzu rasche Aufeinanderfolge zu ermüden. Cora Blank gehörte dem Beruf, für den sie sich schon frühzeitig entschieden hatte, mit größter Hingebung an, und ihrer Vertiefung in den­selben war es wohl zuzuschreiben, daß sie sich trotz aller ihr gewordenen Huldigungen und Anträge noch immer ihre volle persönliche Freiheit bewahrte. In den letzten Jahren hatte sie zahlreiche Bühnen des In- und Aus­landes besucht, und von den Erfahrungen, welche sie sich auf dieser, einem Triumphzuge gleichenden Reise ange­eignet hatte, w>:ßte sie auf sehr interessante Weise zu er­zählen. Auch heute lauschten die Herren ihres Zirkels schon geraume Zeit auf ihre in gefälligste Form gekleideten Mittheilungen, bis sich nun das Gespräch wieder ver­allgemeinerte.

„So bin ich, des Wanderlebens etwas müde, endlich hier angelangt," schloß Cora ihren Bericht, „und wäre :iicht abgeneigt, mich am Platze auf ein festes Engagement einzulassen, wie Ihnen schon meine getroffene Einrich­tung beweist. Zur Ehre dieses Kunsttempels kann ich es sagen, daß ich wenige Theater gefunden habe, deren Leiter die Bestimmung der Schaubühne in so richtiger und idealer Weise aufgefaßt haben. Es giebt leider auch heutzutage noch eine große Anzahl von Direktoren und Intendanten, welche sich die Grundsätze zum Vorbild machen, die Goethe in seinem Vorspiel zur Fausttragödie so scharf ^geißelt. Sie wünschen sehr, der Menge zu be­hagen, die an das Beste nicht gewöhnt ist, und ihr Dichten und Trachten geht dahin, daß sich der Strom nach ihrer Bude dränge.

(Fortsetzung folgt.;

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