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I. Beilage mm Mestmüener Tagdlatt.

Ka. 496. Morgen-Ausgnkr.

Mittwoch, de« 24. Oktober.

48. Jahrgang. 1806.

(1. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

StandregemaK.

Roman von Fark v. Leistner.

f Mißmuthig warf er Brief und Manuskript in ein Schubfach seines Schreibtisches und erging sich eine Zeit lMg in tristen Reflexionen über die Unvollkommenheit dieser Welt, in welcher einzig und allein der Erfolg entscheidet, bis er auch in dieser unerquicklichen Beschäf­tigung durch die sporenklirrenden Tritte eines nahenden Freundes gestört wurde.

Viktor von Dillheim, der nun eintretende schmucke Kavallerieoffizier — manches weibliche Auge würde ihn vielleicht trotz der nicht gerade charakteristischen Gestal­tung seiner Züge als ein Musterbild männlicher Schön­heit betrachtet haben— stand zu Baron Fronhofen weniger in den Beziehungen eines Freundes, als eines sogenannten „guten Bekannten". Das heißt: ihr äußerer Verkehr und ihre kavaliermäßigen Gewohnheiten führten die Beiden häufig znsannnen, ohne daß innere Sym­pathien sie verbanden; denn dazu besaß Oswald ein zu ernstes, Viktor ein zu oberflächliches Naturell.

„Ah! Meinen Glückwunsch, liebster Baron, zum neuen Logis! Auf Ehre, wirklich süperbe Lage und kom­fortable Räume, nur zu wenig Passage. Mir allerdings wäre das zu zurückgezogen, aber für einen Schriftsteller ganz geignet! Wahres Sanssouci reinstes Lnen- Retiro!"

Unter geräuschvollem Säbel- und Sporengerassel warf sich der mit diesen Worten eingeführte Gast in den Lehnstuhl, welcher Oswalds Schreibtisch zunächst stand, und machte es sich dort möglichst Bequem, während er seinen martialischen Schnurrbart mit den Fingerspitzen dressirte. Oswald versuchte, vor dem heute nicht sehr willkommenen Besucher seine Gemüthsslimmnng, in wel­cher ihn derselbe überrascht hatte, zu bemeistern und er­widerte :

„Es ist nicht Alles Gold, was glänzt, Freund Dill­heim. Wenn Sie mir die Ehre schenken, ciutqc Zeit in diesem Buen-Retiro zu verweilen, werden Sie bald auch eine Schattenseite desselben kennen lernen. Da! Hören Sie es wohl ?"

„Mordelement! Was ist das für ein Geklapper? Müssen Sie das öfter in den Kauf nehmen?" rief der Offizier, plötzlich verdutzt aushorchend,da die Nähmaschine im oberen Stockwerke sich wieder vernehmen ließ.

„Oft und lange genug," entgegnete Oswald. „Eine junge Näherin hat ihr Arbeitslokal leider direkt über meinem Kopfe."

„Würde mir das unverzüglich verbitten! Die Per­son müßte mir aus dem Hause — oöerjie müßte etwa geeignet sein, ein Verteufelt hübsches Spielzeug abzu­geben."

Oswald lächelte, indem er versetzte:

„Diese Eigenschaft würde bei mir wenig ins Gewicht fallen. Wenn sie häßlich wäre wie die Nacht und dafür weniger Lärm verursachte, so würde ich dies dein Schmach­

ten nach einer niedlichen Prinzessin von der Nadel vor­ziehen."

„Bah! Wer spricht von Schmachten?! Kommen, sehen, siegen, heißt bei mir die Parole ! Doch — apropos

— öe. r Zweck meines Besuches ist. Sie zu fragen, Baron, ob Sie. nnch nicht Abends in die Oper begleiten. Cora Blank, welche heute zum dritten Male auftritt, hat eine gottvolle Stimme. Aber das ist am Ende noch das Wenigste! Dieses reizende Profil, diese junonische Figur, diese equisite Tournüre! Sind Sie nicht auch entzückt, hin­gerissen? Haben sie selbstverständlich schon gesehen und ge­hört und werden mitkommen? Ja?"

Der junge Litterat zögerte mit seiner Antwort, er­klärte sich aber schließlich einverstanden, indem er hinzu­fügte, daß er sich als Dramaturg von einem seiner Be­kannten der gefeierten Künstlerin schon persönlich habe vorstellen lassen.

„Was höre ich!" rief Viktor von Dillheim. „Ihr Herren von der Feder seid reine Glückspilze! Heute zum ersten Male fühle ich mich versucht. Sie um Ihren Berich zu beneiden, der sonst nicht nach meinem Geschmack ist. Sie müssen mir den ganz enormen Gefallen thun, mich bei der himmlischen Cora einzuführen, bester Fronhofen!

— Wollen Sie?"

Wieder umspielte ein feins Lächeln die wohlgeform­ten Lippen des so stürmisch Aufgeforderten, als er sagte:

„Beharren Sie auch auf diesem Wunsche, Dillheim, wennSie vernehmen, daß Fräulein Cora Blank sich eines vollkommen tadellosen Rufes erfreut und ihren Verkehr mit Herren in der solidesten Weise auffaßt?"

„Hm!" meinte Viktor. „Nun — obwohl ich aus Ihrer Bemerkung ersehe, daß Sie in dieser Beziehung nicht gerade das beste Zutrauen zu mir haben, kann ich Ihnen doch versichern, ich verstehe es aus demFundament, mich bei meinem Umgang mit dem schönen Geschlecht ganz genau der Individualität der einzelnen Repräsen­tantin desselben anzupassen. Sie brauchen also keine Bedenken zu haben, und Fräulein Blank soll, wenn ich damit ihre Gunst erringen kann, eine riesige Solidität an mir wahrzunehmen Gelegenheit erhalten. Also — wollen Sie mich der Dame vorstellen, oder fürchten Sie mich vielleicht als einen gar 31t gefährlichen Rivalen?"

„Keineswegs. Eben deswegen, daniit Sie mich nicht in solchem Verdachte behalten, werde ich Ihrer Bitte ent­sprechen!" erwiderte Oswald von Fronhofen, und der Ton, in welchem er es that, würde im Vereine mit dem leichten, spöttischen Achselzucken für einen weniger von der eigenen Unwiderstehlichkeit überzeugten Beobachter als Viktor vielleicht etwas Verletzendes gehabt haben. Der Besuch der heutigen Opernvorstellung und die Ein­führung des Kavallerieoffiziers bei der Künstlerin wurde also beschlossen, worauf sich der Gast wieder entfernte.

II.

Obwohl die gefeierte Sängerin Cora Blank mit dein Leiter des bedeutendsten in der Hauptstadt existirenden Theaters noch keinen bindenden Kontrakt abgeschlossen hatte und ihr Auftreten vorläufig als Gastspiel bezeichnet wurde, hatte sie sich doch ein eigenes Quartier gemiethet,

das sie mit luxuriösem Geschmacke einrichtete, sodaß man kaum mehr einen Zweifel hegte, sie gedenke, als ein Stern erster Größe, die Anziehungskraft jener Bühne auf längere Dauer zu erhöhen. Die Künstlerin lebte m diesem reizend ausgestatteten Heim keineswegs zurück­gezogen, sondern öffnete ihren Salon einem ihr ent­sprechenden Kreise, der vorzugsweise aus musikalischen Herren, aus Vertretern der Tagespresse, Gelehrten und Schriftstellern bestand. Bekanntschaften mit Damen, namentlich vom Theaterpersonale, zu schließen, schien sie weniger geneigt zu sein. Dagegen versammelte sie an solchen Abenden, an welchen sie keine Bühnenrolle zu übernehmen hatte, öfters eine auserlesene Gesellschaft um sich, und der Ton, der bei diesen Zusammenkünften herrschte, war ein durchweg solider. Sie besaß trotz des noch jugendlichen Alters von etwa vierundzwanzig Jahren, Menschenkenntniß und Taktgefühl genug, um in der Regel nach der ersten Vorstellung schon darüber entscheiden zu können, ob ihr das Wiederkommen des Be­treffenden genehm sei, und verstand es ausgezeichnet, dies den Betreffenden auf seine Weise merken zu lassen. Ueberschritt Jemand in seiner Konversation die Grenze des von ihr als zulässig Betrachteten nur im Geringsten, so wußte sie ihn fortan so unverkennbar zu ignoriren, daß er sich alsbald als überflüssig betrachten mußte lind aus ferneres Erscheinen on selbst verzichtete. Nachdem dieses reservirte Verhalten allen Theilnehmern ihres Zirkels sofort zum Bewußtsein kam und durch diese auch in weiteren Kreisen bekannt wurde, vermochte die sonst Künstlerinnen so rasch verurtheilende Medisance Cora Blank nicht anzutasten, zumal da ihr eine ältere Dame, Frau Amalie Gallmann, ;ur Seite stand. Es war dies eine Verwandte, welcher allerdings keine erheb­lichere Rolle als die einer pro forma, existirenden, aber sich im Ganzen wenig zur Geltung bringenden Garde­dame zugetheilt war.

Cora harte zwar für jeden ihrer Gäste, so lange er ihre Gunst nicht durch irgend einen Verstoß verscherzte, mitunter einen srermdlichen Blick, ein ermuthigendes Lächeln, welches ihrem schöneir geistreichen Antlitz einen höchst ansprechenden Ausdruck verlieh; sie spendete auch wohl den musikalischen und litterarischen Leistungen das verdiente, stets ihre wahre Empfindung kundgebende Lob; aber bisher hatte sie ihre Aufmerksamkeit so unparteiisch vertheilt, daß sich keiner der Herren einer besonderen Bevorzugung rühmen konnte. Und doch hätten die rneistens dies so gerne gethan, denn kaum einer von Denen, die im Hause der Künstlerin verkehrten, burften sich als gefeit betrachten gegen die Einflüsse dieser Sphäre. Mit dem zauberischen Klange ihrer vielbewun- derten Stimme, den lockenden Reizen einer blendenden Schönheit und den vielverheißenden, aber wenig ge­währenden Blicken des feurigen, tiefdunklen Augen­paares berückte ja die Beherrscherin dieses Kreises nur allzuleicht die Herzen der Männer und mancher arme Fährmann, der diese gefährliche Lorelei zu lange unver­wandt angesehen hatte, lief Gefahr, an den felsigen Stufen ihres unnahbaren Thrones zu zerschellen.

(Fortsetzung folgt.)

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