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Jahrgang

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K». 498.

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Dienstag, den 23. Oktober.

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flbend«fiusgabe.

Die ftontuiEuBc tiiBlifdjt itarlMtnts-^fPon.

Unser Londoner uKorrespondent schreibt uns:

In der offiziellen „London Gazette" erschien soeben eine sogenannte königliche Proklamation, in der angeblich die Monarchin mit den üblichen, an Raritäten- und Antiqnitäten- handlung erinnernden Redewendungen ihren Kanzlern be­fiehlt, den geistlichen und weltlichen Lords, sowie den Gemeinen, die in ihrem neuen Parlament Dienst zu thun haben werden, in altmodischem, verschrobenem Englisch und schrecklich schtvülstigen Redensarten kund zu thun, daß der große Schwatz- aden in Westminster, wie der Volksmund das Parlament getauft hat, nicht, wie anfänglich bestimmt, bereits am 1. November, sondern erst am 10. Dezember wieder eröffnet werden ivird. Es ist etwas Schönes um die Pietät, um das Festhallen an alten Sitten und Gebräuchen, aber wenn es dazu kommt, daß die englischen Parlamentsmitglieder, wie in jenem Erlaß, als Lords, Ritter, Knappen, und wer weiß was sonst, bezeichnet werden, und man sich dann die großen, kleinen, dicken und dünnen, bebrillten und bc- klemmerten Herren vorstellt, so kommt Einem die Geschichte recht lächerlich vor. Wir vergessen eben nur zu oft, daß auch in der wirklichen Zeit der Ritter und Knappen nicht Jedermann ein Adonis war, und die malerische Tracht des Mittelalters z. B. der Würde selbst des behäbigsten Brauers im heutigen Hanse der Gemeinen keinen Abbruch thun würde, vorausgesetzt, seine Umgebung wäre eine entsprechende. Nur Mr. Chamberlain wäre in einem derartigen Kostüm undenkbar, denn ganz abgesehen davon, daß er ein Monocle trägt, ist der Mann auch in anderer Hinsicht entsetzlich modern. Der Schöpfer der neuen Diplomatie ist indeß keineswegs ein geschworener Feind des Alten, wenigstens daun nicht, wenn es harmlos wie die königlichen Proklamationen oder nützlich wie die alten Wahllisten ist. Darauf, daß er letztere vor den dicsmaligeuWahlen nicht erst durch neue ersetzen ließ, führen es die Liberalen zum nicht geringen Theile zurück, daß die Unionisten mit fast der gleichen Majorität in das Parlament wiederkehrcn, mit der sie es verließen. Die Eintheilung Englands in Wahlbezirke wird in recht sonderbarer Weise gehandhabt, aber noch merkwürdiger verfährt man bei der Zusammen­stellung der Wahllisten. Eine der Folgen davon ist. daß wiewohl nach Mr. Chamberlain 2,421,487 Wähler für die Buren und nur 2,623,248 oder 201,761 mehr für das Reich stimmten, die Regierungspartei doch mit einer Majorität von 132 ans dem Kämpft hervorging. Letztere hätte, wenn die abgegebenen Stimmen glcichwerthig wären, nur 26 betragen dürfen. Das Mißverhältniß mag ja die Folge zufälliger Umstände sei», doch ist es immerhin bemerkens- werth, daß in 1892 Mr. Gladstone einer Stimmenmehrheit von 200,000 eine Majorität von nicht mehr als 40 ver­

dankte, was die Unionisten damals veranlaßke, das Wahl- crgebniß als ein ganz ungerechtes zu verschreien. Da die Eröffnung des Parlamentes bis auf den 10. Dezember verschoben wurde, ist es nun klar, daß man die Wahlen nur darum so beschleunigte, weil Mr. Chamberlain glaubte, so günstige Vorbedingungen für einen durchschlagenden Erfolg wie gegenwärtig dürften sich so bald nicht wieder einstellen. Natürlicherweise ist er nun etwas enttäuscht, denn vor 5 Jahren war die Negierungsmajorität eine weit größere als dieses Mal. Ganz besonders ärgerlich muß es ihm aber jetzt sein, daß er s. Z. im Delirium des Wahlfiebers erklärte, jede Stimme, die für die Landesverrüthcr, die Radikalen oder Liberalen, abgegeben würde, sei eine solche für die Bure». Also nahezu die Hälfte aller englischen Wähler hat er somit vor der Welt zu Berräthcrn gestempelt. Sehr diplomatisch ist Chamberlain trotz seiner neuen Diplomatie gerade nicht. — Darüber, was die kommende Session, abgesehen von den heftigsten Angriffen auf den Kolonialminister, bringen wird, weiß Niemand etwas, denn die Unionisten sind vorläufig programmloS.

Deutsches Weich.

Zum de,'-englische« Abkomme«.

L. Berlin, 23. Oktober.

Berechtigtes Aufsehen erregt der sonderbare Vorgang bei Uebcrmittelnng des deutsch-englischen Vertrages nach Paris, daß die„Agence Havas" im Artikel 4 die Erwähnung Rußlands als einer der Mächte unterließ, denen der Ver­trag zur Beitrittserklärung mitgetheilt werden soll. Der Verdacht ist nicht abznweiscn, daß die Weglassung kein Zu­fall war, sondern daß bestimmte unlautere Zwecke mit dem Manöver verknüpft getvesen sind. Allerdings konnte die Irreführung der „Pariser Presse" nur gerade so lange dauern, bis die Aufklärung einiraf, aber das Urtheil der öffentlichen Meinung Frankreichs konnte in dieser Frist immerhin zu Ungunstcn der beiden Vcrtragsstaaten be­einflußt^ werden, und zwar mit der Wirkung, daß auch später die Stimmung znm Theil in der einmal eingc- schlagenen Richtung verblieb. Diese Wirkung scheint denn in der That erreicht worden zu sein. Zu dem ins Werk gesetzten eigenthümlichen Manöver gehört auch die völlig unbegründete Ausstreuung Pariser Blätter, der deutsch-englische Vertrag enthalte neben dem veröffentlichten Text noch geheime Be­stimmungen. Es ist kein Wort davon wahr, und man legt hier stärkstes Geivicht auf die Feststellung, daß cL keine ge­heime Klauseln in dem Abkommen giebt. Was den Vertrag selbst anlangt, so wird hier nach wie vor an der Erwartung fcstgchaltcn, daß er durch den Beitritt sämmtlichcr cin- geladenen Kabinette zu einem wirksamen Mittel zur Herbei­führung erfolgversprechender Verhandlungen mit China werden kann. Der einzige Widerspruch, der in deutschen Blättern gegen den Vertrag erhoben wird, kommt bezeichnender Weift ans dem agrarisch-antisemitischen Lager, wo England bis

Femttelon.

Persönliche Gerüche.

Von I)r. inert. N. Hövlrr.

Jedem Individuum ist ein besonderer Geruch eigenthümlich. Das ist eine sehr alte und bekannte Sache, die zu allen Zeiten von Gelehrten und Laien beobachtet und bestätigt wurde. Es ist dieses ein Geruch, der im Innern des Organismus erzeugt wird und nicht zu vertvcchseln ist mit Gerüchen, die durch Be­schäftigung mit riechenden Stoffen dem Menschen äußerlich anhaften. Dieser innere Geruch ist es, durch welchen die Hunde mit ihrer scharfen Nase aus Hunderten von Fußstapfen und Spuren diejenigen ihres Herrn herausfinden. Man hat auch Menschen gekannt, die Aehnliches vermochten, freilich nur in seltenen Fällen, denn der Geruchssinn ist dem Menschen ein Stiefkind geworden.

So wie Jeder einen Geruch für sich hat, so hat die ganze Nation einen gemeinsamen, der sie von anderen Nationen unter­scheidet; es ist eilvas Aehnliches wie mit den Gesichtern. Wir Menschen freilich können den Unterschied der Nationalgeriiche nicht immer feststellen, wohl aber die Thiere vermögen es. Die Bluthunde der Spanier wußten den Geruch der weißen Raffe sehr wohl von dem der schwarzen zu unterscheiden. Diesen Hunden allein verdankten sie es meist, wenn sie ihre entlaufenen schwarzen Sklaven wieder erlangten. Die Tiger in Hinterindien lieben das Fleisch der Eingeborenen mehr, als das der eingr- wanderten Europäer. Man hat es häufig beobachtet, daß sie den Spuren der Eingeborenen eifrigst folgten, während sie die­jenigen der Europäer unbeachtet ließen.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika erkennt jeder Weiße auch die geringste Beimischung Don Negerblut an einer ge­wissen Färbung der Fingernägel und ganz besonders an dem Geruch, der nur den Negern eigen ist. Ihre unüberwindliche Abneigung gegen die Schwarzen ist vor allen Dingen in diesem ihnen unerträglichen Geruch zu suchen. Sie können „den Schwarzen nicht riechen." I

Es ist auffallend, daß der Amerikaner, der den Schwarzen , und manches Andere bei fremden Völkern nicht riechen kann, in feiner Küche einen Geruch duldet, der charakteristisch für ganz Amerika ist, zumal das Gasthanswesen dort eine größere Rolle spielt als in den meisten anderen Ländern. Die amerikanischen Köchinnen braten Alles sehr schnell und hastig, versengen das Fleisch von außen, während es innen noch roh ist. So haben meist alle Küchen Amerikas, besonders in den Hotels, einen Geruch nach Angebranntem, nach Stickigem. Es ist Alles, nur nicht ange­nehm. Wie anders riecht da eine feine deutsche und französische Küche. Sie hat einen feinen, angenehmen Duft, weil Alles gut gar gekocht und gebraten wird, weil man hier eine KUchenkunst kennt und sorgsam ausübt.

Auch die amerikanische Apotheke unterscheidet sich unan­genehm von der deutschen. Diese hat einen angenehmen Geruch, gewllrzig, labend, heilsam; jene aber riecht scharf nach Essig­oder gar nach Holzessigsäure, weil die amerikanischen Heilmittel stärker, drastischer find, zu stark, zu drastisch.

Bestimmt ausgeprägte nationale Gerüche giebt es. Man kann sie nur nicht so deutlich und handgreiflich schildern, wie den Unterschied zwischen den Physiognomieen der verschiedenen Nationen.

Die den verschiedenen Völkern anhaftenden Gerüche sind das Ergebniß vieler zusammen wirkender Ursachen. Zuerst spielt die Nahrung eine Hauptrolle; was der Mensch ißt, das ist er, ist keine bloße Wortspielerei; es liegt viel, sehr viel Wahrheit in den wenigen Worten. Dann spielen Krankheitsdispositionen eine große Rolle, ferner Temperament und Klima. Dann kommen auch noch äußerliche Gründe dazu, der mehr oder minder hohe Grad der Reinlichkeit, die Art der Kleidung und Wohnung. Da sind beispielsweise die Letten am Baltischen Meere. Sie sind arme Leute und bewohnen ein kaltes Land, das sie zwingt, zu allen Jahreszeiten sich mit Schaffellen zu bekleiden. Sie stapfen den ganzen Tag in deni wässerigen Boden ihrer sumpfigen Wälder umher und hängen Abends ihre durchfeuchteten Kleidungsstücke beim Feuer zum Trocknen auf. Nun aber sind ihre Wohnungen an den langen Winterabenden niit schwelenden Kienholzstäbchen schwach erleuchtet. Die Nahrung der Letten sind Fische, hauptsächlich Häringe. Alles

zur Tollheit gehaßt, Rußland bis zur naivsten Kritiklosigkeit vergöttert wird. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit an- zunehmen, daß diese Pessimisten deninächst durch die Beitritts­erklärung auch des Petersburger Kabinetts zu dem deutsch­englischen Vertrage darüber werden belehrt werden, daß sie czarischer als der Czar gewesen sind.

Kiilom — Miqnel.

Die Offiziösen des Herrn v. Miguel versichern, daß sich in der einstünvigen Unterredung des Grafen Bülow mit dem Finanzminister am letzten Samstag eine völlige Ueberein- stimmung in allen Hauptfragen der inneren Politik ergeben habe. E Selbstverständlich war für jetzt nicht zu erwarten, daß sich zwischen beiden Staatsmännern etwas Anderes als Uebereiustimmung ergeben werde. Für die weitere Ent­wickelung der inneren Politik sind solche Versicherungen belang­los, und sie werden demgemäß in politischen Kreisen nur sehr gering eingeschätzt. Sind Graf Bülow und Herr v. Miguel wirklich zu einem vollständigen Einvernehmen gekommen, so müßte sich der Reichskanzler auf den agrarischen Jnteressen- standpunkt gestellt haben und die Handelsvertragspolitik nach den büildlerfreundlichen Absichten der Posadowsky und Miguel einrichtcn wollen, eine Möglichkeit, an die man wohl nicht eher zu glauben braucht, als bis sie praktisch wirksam geworden ist, und dies eben wird man schwerlich erleben. Die Dinge anders auffassen, hieße beinahe den neuen Reichskanzler mit Geivalt vv das agrarische Lager treiben. Bei dem dritten Kanzlerwechsel wird sich das Eigenthümliche ereignen, daß die Krise, die dem Ereigniß selbst fern blieb, hinterher unvermeidlich wird Nachfolgen müssen.

* *

* Äoft und Perftnat-Ikach richten. Nach den neuesten

Drspostttonen wollte der Kaiser mit der Kaiserin heute Nach­mittag zwischen 2 und 3 Uhr von Homburg wieder abreiscn und Mittwoch Vormittag 11 Uhr zur Einweihung der RuhmeShnlle in Barmen eiutreffcu. Von dort bcaicbt er sich zur Einweihung des Nathliauses nach Elberfeld und fährt dann von Elberfeld mit der Schwebebahn nach Vohwinkel, wo ein Dcukuml Kaiser Wilhelms I. emgeweiht wird. Von dort aus bcgiebt er sich direkt nach Villa Hügel zum Besuche Krupps. Die von dort aus geplante Wagcn- fahrt mußte aufgcgebcn werden. - Der „Reichs-Anzeiger" ver- osfeutlichtc gestern da« nachfolgende Bulletin: Die Besserung in dem Befinden der Kaiserin Friedrich hat weitere Fortschritte gemacht. Da« Herz ist so gekräftlgt, daß die Kaiserin heute zum ersten. Mal emo Stunde außer Bett verweile» konnte. Bei an­dauernd guter Nahrungsaufnahme ist eine Hebung der Kräfte bald zu erwarte». Auch sonst liegt zu Besorguissen gegenwärtig keine Veranlassung vor. Friedrichshos. den 2t. Oktober 1900. Professor Renvers, Leibarzt Dr. Spielhaaen. — Die Ernennung des llntcr- staatssckretarS Freiherr» v. Nichthofeu zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes steht, wie der „Lokal-Anzeiger" erfährt, nun­mehr, fest. Zum Iluterstnatssekretär dürfte der Legationsrath o. T>chirsky ernannt werden, der augenblicklich den Vortrag beim Kaiser hat. — Für» Ho he »lobe trifft beute Abend in Berlin ein, um sich zu verabschieden. Der Buudesrath und das Staats- inimsterimu lverden ihm zu Ehren ein Diner vcraiistalteii.

* jJrviiit, 23. Oktober. Gegenüber einer Blätteriucldung, wonach der frühere Staatssekretär v. Bötticher cs geivesen sei, der zu der Zeit, als der Konflikt zwischen Kaiser und Bismarck sich vorbereitete, dem Kaiser erzählt habe, daß Bismarck Morphinist

dieses zusammen genommen, giebt einen Geruch, den man nie wieder vergißt, wenn man ihn einmal gründlich genossen hat. Man fühlt sich selbst arm, krank und elend in diesem flauen und krankhaften Nationalgeruch der Leiten, der sich auch auf die Nachbarländer, die lithauischen und esthnischen Provinzen er­streckt. Wie anders ist da der Nationalgeruch der meisten russischen Hütten, da riecht es nach Virkentheer und Juchten, das riecht angenehm, kräftig, gesund.

Wie die Russen nach Juchten, so riechen die Grönländer nach Leberthran, ihrer Hauptnahrung.

Die Einwohner von Quercy in Siidfrankreich nähren sich vielfach von Knoblauch und Zwiebeln, welche auf ihren Feldern wachsen. Ihr Getränt besteht ans Landwein. Die ihnen be­nachbarten Bewohner der oberen Auvergne leben von Buch­weizen und trinken viel Milch und Molken. Kommen Per­sonen von beiden Stämmen in der Erntezeit zusammen, so unterscheidet man sie leicht an ihrem Geruch. Die Einen riechen nach Ammoniak und Zwiebeln, die Anderen dagegen nach saurer Milch und fauliger Molke.

Man hat häufig den Wohlgeruch einer einzelnen Person gelobt, natürlich den Wohlgeruch, den sie ausathm.et, aus- dünstet. So haben die Biographicen Alexanders des Großen behauptet, daß sich seine schöne, großherzige und edle Natur auch in angenehmer Atmosphäre, die seinen Leib umgab, dem Geruchsinn wahrnehmbar machte. Selbst Plutarch sagt, daß Alexanders Hemd und alle sein- Kleider angenehm geduftet hätten.

- Den lieblichen Athen: und die wonnigen Ausdünstungen unschuldiger Mädchen, holder Jungfrauen, haben die Dichter oft genug gepriesen und sie mit dem Duft der Blumen ver­glichen. Das ist nun entschieden übertrieben. Der Duft, den eine reine Jungfrau umgiebt, setzt sich aus Mancherlei zu­sammen. Hat ihr Körper keinen Geruch, oder wenigstens keinen schlechten, so wirken schon die Reinlichkeit und Tadellosigkeit ihrer Haut und Kleidung erfrischend, dazu kommt dann jenes Undefinirbare, jener Liebreiz der Jungfrau, der nur ihr allein eigen. ist und der mit unwiderstehlicher Wunderkraft wirkt, mächtiger als Schönheit und Geist, das ist die Anmuth, die weibliche Grazie. Durch Anmuth allein herrscht das Weih,