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I. Beilage mm Miesbadener Tagblatt.

N». 4S0. Morgen Airngade. _Kamkag, den SO. Nhtvder. 18. Jahrgaug. 1900.

(13. Fortsetzung.) (Nachdruck Verbolea.)

Italienische Uächte.

Novelle von Ml. Schmidt-Agricoka.

Während Gabor von Szelinyi diese Erklärungen gab. starrte ihn die Prinzessin sprachlos und rathlos an. als vermöchte sie nicht die Wahrheit der unerhörten Thatsache zu fassen, daß ihr Zauber gebrochen, daß ihr Stolz die schmählichste Niederlage erlitten habe. War cs möglich, daß dieser schwärmerische Liebhaber, den sie einst als ihr gefügigstes Spielzeug betrachtet hatte, dessen Herz die Eis­königin noch in ihrer Hand gehabt, den sie damals ver­schmähte und an den sie sich jetzt als Rettungsanker in der Noth anklammern wollte, unwiderruflich für sie verloren war? Warum fand sie kein Wort, das ihn fühlen ließ, wie tief ihr der Stachel zu Herzen ging?

Ihre Mutter, befürchtend, daß der Sturm ihrer Ge­fühle in krampfhaftem Schluchzen ausbrechen und eine Scene Hervorrufen würde, legte sich ins Mittel, schlang ihren plumpen fleischigen Arm um die juwelengeschmückte Alabasterschulter der schönen Tochter und flüsterte ihr in russischer Sprache zu: „Sei ruhig, mein Täubchen, es giebt der Männer noch mehr."

Sonja wehrte die Liebkosung heftig ab, wie wenn ein widerwärtiges Thier sie berührt hätte, und stieß ein einziges Wort in ihrer Muttersprache hervor, in das sie ihre ganze Verachtung und Erbitterung gegen diese Frau, die' doch zuerst ihrem Schicksal die Richtung gegeben, zusammenfaßte.

Zum Glücke ward in diesem Augenblicke Gabor ab­gerufen durch den Kellner des Restaurants, der meldete, daß ein Fremder draußen nach einem Herrn ans Ungarn frage.

„Endlich gefunden!" rief der Ankömmling, der eine efegante jugendliche Dame in silbergrauem Reifemantel mit einem allerliebsten Pariser Capvthütchen am Arme führte. „Es ist ein Glück, daß nicht so viele Ungarn als Engländer in der Welt herumreisen, sonst hätten wir noch lange suchen können. Uebrigens bewundere ich Ihren Scharfsinn, dem JWiener, der uns auf die Spur half, das Losungswort „Magyar" mitzugeben, das er jedem englischsprechenden

Individuum entgegcnrief. Das war das Freimaurerzeichen, woran wir uns erkannten. Er behauptet, die Sprache ver­stehe er nicht, aber er sehe jedem Jnglese seine Nationalität am Gesichte an. Nun, daß wir Beide nicht in Italien geboren -sind, kann man freilich auf den ersten Blick erkennen."

Gabor bewunderte im Stillen die menschenfreundliche Liebenswürdigkeit seines venctianischcn Cicerone, welcher den ihm crtheilten^Auftrag, falls er einem Engländer be­gegnen sollte, der" einen Ungarn suchte, so gewissenhaft wahrgenommen hatte.

„Willkommen, Sir Oliver! Willkommen Lady Greyme! Was mich verhindert hat, Sie pflichtschuldigst gleich am Eingang des Platzes zu erwarten, ist ein so außerordentliches Begegniß, daß Sie mich gewiß entschuldigen werden."

In kurzen Worten verständigte er die Freunde über die Umstände, unter denen er ihre einstige Flamme, die ver- willwete Fürstin Lnbinski, _ wiedergefunden hatte. Daß er Gelegenheit gehabt, den einst empfangenen Korb zu er­widern, gebot ihm sein Zartgefühl zu verschweigen. Edle Naturen sind großmüthig gegen Feinde, die das Schicksal geschlagen hat. Sie beschlossen einmüthig, die unglückliche Frau nicht fühlen zu lassen, was sie an ihnen gesündigt, sondern sie mit allen Rücksichten der Höflichkeit zu be­handeln.

Sonja und ihre Mutter, die sich unterdessen nicht mit Zärtlichkeiten überhäuft hallen, würden gern die Flucht er­griffen haben, ehe Gabor zurückkam, wenn sie nicht ge­fürchtet hätten, zu viel Aufsehen zu erregen. Sonja war immer noch Fürstin genug, um einen Eclat möglichst zu vermeiden. Daß Szelinyi nicht allein zurückkehrte, war schon eine Erleichterung der Situation.

„Durchlaucht", sagte er beim Eintreten, „hier haben Sie Gelegenheit, noch mehr alte Bekannte zu begrüßen, und dem Neuvermählten Paare Sir Oliver und Lady Greyme Ihre Glückwünsche darznbieten. Lady Greyme ist Ihnen auch nicht fremd; ihr Mädchenname hieß Vera Davidoff."

„Und meine erste Bekanntschaft mit ihr verdanke ich der Fürstin Lnbinski", sagte Oliver, der angeredeten Dame mit riiterlicher Höflichkeit, wie einst in ihrem Salon, die

Hand küssend. „Wir sind uns später wieder begegnet", fuhr er fort; „die Comtesse fand es nicht unter ihrer Würde, Lady Greyme zu heißen; dafür kann sie vielleicht eines Tages belohnt werden durch eine englische Grafenkrone, die mir unverhofft in Aussicht steht, seit ein Oheim von mir das Unglück gehabt hat, in einem Jahr zwei hoffnungs­volle Söhne zu verlieren, einen auf der See, den andern an einer Lungenentzündung, die er sich durch Erkältung bei der Jagd zugezogen."

Wie sehr ließ die außergewöhnliche Mittheilsamkeit des früher so wortkargen Engländers schon den Einfluß des weiblichen Elemenls erkennen!

Bera umarmte die Prinzessin nach russischer Sitte, sie auf beide Wangen küssend. Sie sah sehr anmnthig und sehr glücklich aus. Was Sonja dabei empfand, zu gleicher Zeit zwei abgedankle Liebhaber nicht bloß getröstet über den Verlust ihrer Gunst, sondern so vollgültig entschädigt zu sehen, hat sie nicht vcrrathen.

Gabor, der keine peinliche Stimmung anfkommen lassen wollte, machte abermals denWirth; erbestellte Champagner und Austern, denen die fürstliche Schwiegermutter mit be­sonderem Hochgenüsse zusprach. Nachdem er die Gesund­heit der Neuvermählten ansgebracht, antwortete Sir Oliver mit einem Toast auf die abwesende Frau von Szelinyi. Da man nicht nach deutscher Sitte mit den Gläsern an- stieß, sondern sich nur nach englischem Brauch verneigte, gelang es Sonja leichter, auch über diesen Wermuths- tropfen hinauszukommen. War sie jedoch eingebildet genug, um zu erwarten, man ivürde auch sie noch als die Heldin dieses Abends, die schöne Sängerin, die das Publikum entzückt hatte, hochleben lassen, so fand sie sich getäuscht. Huldigungen über das Maß der gesellschaftlichen Höflichkeit hinaus — das war doch zu viel verlangt von zwei ab­gedankten Liebhabern.

Gabor, der sich nach seiner Frau sehnte, war der Erste, der zum Aufbruch mahnte. Um dies Allen angenehm zu machen, schlug er noch eine gemeinschaftliche Spazierfahrt auf dem Kanal vor, worauf man die beiden russischen Damen nach ihrem Gasthof geleiten und dann bei dem ihn und seine Freunde erwartenden Hotel landen wollte.

(Schluß folgt.)

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