1 . Beilage mm Miestlaüener Tagklatt.
Mo. 488. Morgen-Ansgnbe.
(12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Italienische Machte.
Novelle von W. Schmidt-Agricoka.
Auf eiucr Estrade erschien, schon mit lebhaftem Klatschen und Zurufen begrüßt, eine auffallend schöne junge Dame in hocheleganter Balltoilette, rosa Atlas, mit einem Nosen- zweig aufgerafft über dem weißseidenen Unterkleid, mit kostbarem Juwelenschmuck fast überladen, ein Halsgeschmeide von funkelnden Diamanten, ein Diadem im Haar; in ihrer Hand einen kunstreich gearbeiteten Fächer aus Federn, einen Eisvogel darstellend. Der junge Magyar meinte, das Herz müsse ihm stillstehcn — cs war niemand Anders als Sonja Michailowna, die Flamme seiner Jugend, die verwittwete Fürstin Lubinski, die Gemahlin des Prinzen von Hohen- hausen-Greisfenhorst. Sie sang die russischen Volkslieder, deren Worte er nicht verstand, deren Melodie sich ihm aber unauslöschlich eingeprügt hatte. Ihr Repertoir war nicht groß. Als sie geendet hatte und die Zuhörer mit Enthusiasmus: Brava! bravissima! da capo! riefen, auch Blumen ihr zu Füßen flogen, verneigte sie sich lächelnd nach allen Seiten, :benso berauscht von dem ihr gespendeten Beifall, wie eine Sängerin auf der Bühne, gab dann auf vielfachen Wunsch in italienischer Sprache noch eine Gondoliera hinzu, die ebenfalls applaudirt wurde; aber cs war nicht mehr dasselbe, wie die heimischen Lieder, die ihr so natürlich vom Munde flössen, es machte zu sehr den Eindruck des Angelernten und bewies, daß ihr Talent nicht bildsam genug war, um sie zur wirklichen Künstlerin zu erheben. Man jubelte dem schönen Meibe zu, nicht ihrer Leistung, und das that Demjenigen, der unter allen Zuhörern dem Vortrag das lebhafteste Interesse, die zwar nicht stürmisch ge- iußerte, aber aufrichtigste Thcilnahme entgegenbrachte, im tiefsten Herzen weh, noch weher der Gedanke, daß sie durch wirkliche Noth zu einer Kunstleistung von so zweifelhaftem Werthe gezwungen sein sollte. Konnten nicht die Diamanten, mitidenen sie sich so verschwenderisch schmückte, ihr ein Vermögen verschaffen, das sie solcher peinlichen Nothwcndigkcit enthob? Leider, das wußte er, hing ihr Herz gar zu sehr an diesen Diamanten, mehr als an dem Golde, das die noch korpulenter und noch ordinärer als ehedem anssehende Tante-Mama mit gierigen Blicken einsammclte, in eine silberne Schüssel, die ans einem Tischchen vor ihr stand. Aus den Reden der Umstehenden hatte Gabor nach und nach so viel erfahren, wie zur Ergänzung der von seinem freundlichen Begleiter bereits angedeuteten Geschichte nöthig war. Der Prinz, ihr Gemahl, hatte sie verlassen, nachdem er das ganze Vermögen verspielt und die Güter des Fürsten Lubinski, die er nicht veräußern durfte, verpfändet hatte. Seine fürstlichen Verwandten hatten ihn wegen unsinniger Verschwendung entmündigen lassen; um der Entziehung seiner persönlichen Freiheit zu entgehen, war er mit so viel Baarschaft, wie er retten konnte, heimlich abgesegelt — ob nach Ost- oder West-Indien, oder vielleicht auch nach Australien, wußte Niemand genau zu sagen.
„Ich danke Ihnen, daß Sie mich hierher geführt haben", sagte Gabor zu seinem gefälligen Cicerone. „Ich habe diese Dame früher gekannt und möchte mit ihr sprechen."
Freilag» derr 19. Oktober.
Während die Tochter noch von schmeichelnden Verehrern umschmärmt war, gelang es ihm, sich zuerst der mütterlichen Duena bemerklich zu machen. Diese, nachdem sie die errungenen Schätze vorsichtig in eine Kassette verschlossen, war eben im Begriff, sich eine Cigarette anzuzünden; sie ließ vor freudigem Schreck das Streichholz fallen, als der stattliche Fremde an sie herantrat mit der Frage: „Kennen Sie mich noch?"
„Heilige Mutter von Kasan! Herr von Szelinyi! Welches Glück! Wie wird sich meine Tochter freuen!"
Die arme Frau war also wieder zum Range der Mama aufgerückt, seitdem keine Rücksicht mehr ans fürstliche Verwandtschaft zu nehmen war.
Ein Wink von ihr brachte Sonja schneller herbei, als diese sonst von den enthusiastischen Venetianern losgekommen wäre. Auch ans ihrem Gesichte malten sich Schrecken und Freude; aber die Freude überwog.
„Ein alter Freund!" rief sie entzückt. „O, welches Glück! zur Zeit, da wir gerade eines Freundes mehr als je bedürfen!"
Und sie bewillkommnete ihn mit all der bezaubernden Liebenswürdigkeit, die er so wohl kannte, und der sein Herz früher so schwer zu widerstehen vermochte.
„Ja", sagte er, „ich habe gehört, welche Schicksale Sie betroffen haben, lunb möchte sehen, ob der Beistand eines Freundes Ihnen etwas nützen kann. Zuerst erlauben Sie mir — ich bin so oft Ihr Gast gewesen — Sie heute zu einem kleinen Souper einzuladen."
Er bestellte Fisch und Wein, strnd bald saßen die drei, zwar von vielen neugierigen Augen beobachtet, doch ungestört, an einem traulichen Plätzchen beim erfrischenden Mahle.
Ohne sich in unnützen Reden über das nicht mehr zu Aendernde zu erschöpfen, suchte Gabor die Zukunftspläne der Dame zu erforschen und woniöglich zu klären. Seine wohlmeinenden Vorschläge stießen aber auf energischeren Widerstand, als er vermuthele. Ihre Diamanten verkaufen? ihre künstlerischen Triumphe aufgeben? an irgend einem friedlichen Zufluchtsort, den Sorgen aber auch dem Glanz der Welt entrückt, ein bescheidenes Stillleben führen? Nein, für die Idylle halte sie keinen Geschmack. Sie wollte ihre Jugend und Schönheit nicht vergraben, sic wollte in der Welt leben und glänzen, wie sie es gewohnt war. „Sie sehen, daß ich auch so noch Bewunderer und Verehrer genug haben kann."
„Und wie lange gedenken Sie diese aufregende Künstlerlaufbahn fortzusetzen?"
„Bis sic mir so viel eingebracht hat, daß ich die Güter des Fürsten Lubinski auslöscn kann."
„Das ist ein edles, ein großartiges Ziel; aber der Weg ist sehr weit."
„Oder" — sie stockte, unwillkürlich erröthend, fuhr dann aber mit plötzlicher Enischlosscnheit fort: „bis ich einen neuen Gemahl gefunden habe. Daß ich mich von dem Elenden scheiden lasse, der mir durch bösliches Verlassen das Recht dazu giebt, werden Sie doch gewiß billigen."
„Darin kann ich Ihnen nicht Unrecht geben, und es wäre gewiß nichts wünschenswerther für Sie, als sich wieder zu vermählen. Aber dann — gestatten Sie einem alten Freunde ein aufrichtiges Wort — seien sie vorsichtiger in der Wahl, als bei Ihrer zweiten Heirath."
„Ach Gabor", erwiderte die schöne Frau, schmeichelnd
48. Jahrgang. 1900.
und zärtlich sich ihm entgcgenneigend, „können Sie denn noch zweifeln, was meine Wahl sein wird? Gabor, mein Liebling von Jugend auf, Dich habe ich doch immer mehr geliebt, als die Andern alle, Du hast das treueste Herz, das ich kennen gelernt, Dir zu Liebe kann ich mich auch zu einem Opfer entschließen — auch mit Dir nach Ungarn ziehen."
Mit süßen Blicken, so bestrickend, so verführerisch wie einst in den Tagen von Homburg, glaubte sie im Sturm den Sieg davonzutragen. Sie war ja gewöhnt, mit Herzen zu spielen. Der schwärmerische Jüngling, der sich damals ihr zu Füßen geworfen, war ein Mann geworden — ein sehr schöner Mann, noch viel begehrcnSwerther, als jener noch halb knabenhafte Gabor. Er konnte ihr wiedergeben, was sie verloren hatte, eine sichere Stellung in der Welt, wenn auch nicht ans so hohem Piedestal, wie vorher, doch frei von all den drückenden und demüthigenden Sorgen, die sie jetzt bedrängten. Er war ihr wirklich als Rettungsengel in der Noth erschienen, ein Wink des Schicksals war's, der ihn so unverhofft ihr zuführle.
Und Gabor — warf er sich entzückt zu ihren Füßen? jauchzte er: Sonja, Sonja mein! Breitete er die Arme aus, um sie an sei» Herz zu ziehen? — Nein! Ruhig und ernst stand er ans und sprach: „Verzeihung Fürstin! Ihr Vertrauen ehrt und rührt mich; aber jetzt ist's an mir zu sagen: Es ist zu spät. Ich bin nicht mehr frei."
„Nicht mehr frei?" wiederholte sic in namenlosem Schrecken. „Verlobt?"
„Mehr als das — ich bin verheirathet."
„Verheirathet! O Himmel! Welches Unglück!"
„Nein, welches Glück! Ich habe den Himmel ans Erden gewonnen. ÜJJeine Gattin ist keine so blendende Schönheit wie die Fürstin Lubinski, aber lieblich wie Sonja Michailowna war, als ich ihr zuerst begegnete. Sie trägt keinen Schmuck von Diamanten; aber ihr Herz ist treu wie Gold. Sie hat vor mir keinen Andern geliebt und wird auch keinen Andern neben mir lieben. Vielleicht erinnern Sie sich, sie gesehen zu haben. Ich lernte sie bei dem venetianischen Maskenfest in Wiesbaden kennen. Sie erschien dort als Germania und hatte die Ehre, die Aufmerksamkeit des Pcinzen Egon von Hohenhausen zu erregen, den sie jedoch seiner reizenden Eiskönigin nicht abwendig zu machen wünschte. Diesem Anlaß verdanke ich das Glück ihrer Bekanntschaft, aus der sich die innigste, treueste Liebe entwickelte. Es gab noch einige Hindernisse zu überwinden, ehe unsere Verbindung geschlossen werden konnte; aber nun sind wir seit drei Monaten verheirathet. Unsere Hochzeitsreise beschränkte sich damals ans die Fahrt aus ihrer Hcimath in die meinige, die sie vor allen Dingen kennen zu lernen wünschte; ich versprach ihr aber, das Versäumte nachzuholen und sie in diesem Jahre noch zu einer echten venetianischen Nacht auf den Markusplatz zu führen. Heute, nach der Ermüdung der Nachtreise, hat sie vorgezogen, zu Hause zu bleiben und der Ruhe zu pflegen; und ich wäre nicht ohne sie hergekommcn, wenn wir nicht ein Zusammentreffen mit Bekannten verabredet Hütten, die sich ebenfalls auf der Hochzeitsreise befinden. Vielleicht, wenn Sie dieselben sehen, werden Sie sich auch alter Bekanntschaft erinnern."
(WorHetsmifi folgt.)
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