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Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts. i fi== = » )

Nr. 100.

Freitag. 30. April.

1915.

(7. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Rachdruck verboten.

Sie gab sich kaum davon Reche,rschaft und doch in diesem Augenblick fühlte sie dumpf, -daß ihr etwas fehlte sie sehnte ihren Mann herbei sehnte sich nach Zärtlichkeit schaute mit verlangenden Augen auf die andere, die so viel reicher war als sie, die so lieben und so geliebt werden konnte.

Ihr Bruder durfte von Glück sagen, daß er eine solche Frau besaß. Er war überhaupt eine glückliche Natur man hatte oft gesagt, daß sie ihm glich; nur war er ernster als sie.

Meinst du nicht, wir könnten ein wenig an den Strand gehen?" unterbrach sie ihren Gedankengang.

Gewiß, Erie", Ethel war schon aufgesprungen

wir haben bereits den halben Nachmittag verplau­dert. Vielleicht schon wir Herrn Reimer ein zu netter Mensch es war doch so liebenswürdig von ihm, uns, gleich nachdem er gehört hatte, daß Bobby kommen sollte, seine Loge anzubieten. Es scheint, das große Theater ist ausverkauft und die Masson als Carmen es soll großartig werden!"

Ich freue mich so. Glaubst du's mir, Ethel, ich habe noch nieCarmen" gesehen. Ich brenne darauf."

Jetzt waren schon wieder die trüben Gesellen hin- weggehuscht, und als sie mit Ethel auf der Promenade längst des Strandes wandelte, wurde sie sofort wieder von den, Zauber dieses mondainen Badelübens gefesselt und sehnte kein anderes Glück mehr herbei.

Sie gingen nach den, Pier, der mehrere Hunderte Meter ins Meer hinausragt.

Es war ein großartiges Bild.

Rechts und links in schier endlosen Weiten dehnte sich der Strand aus wie eine Fata Morgana erschien am Horizont das kleine Badedorf Katwyck; auf der an­deren Seite ragte der Kirchturm vom Fischerdorf Schcveningen in den Himmel,

Arm in Arm in Reihen von vier bis sechs gingen die Fischersfrauen einher markig und groß gebaut, mit vollen, roten Armen, breiten Hüften, über die sich unzähligeUnterröcke anfbauschten, und einem anmutigen, Weißen Kopfputz, der den blendenden Nacken frei ließ.

Schön waren diese Frauen und Mädchen hatten feurige Augen, die dem Süden entlehnt zu sein schienen

waren kraftvoll und kernig das Bild' siegreicher Gesundheit. Mancher Künstler griff zum Zeichenstift, um ihre eigenartige Schönheit fcstzuhalten und mancher verwöhnte Städter folgte ihnen mit heißen Blicken.

Hier und da konnte man auch Fischer sehen und nmßte sich Wundern über ihre ruhige, schlendernde Art, die unbeweglichen Züge und ineergrauen Augen, die so ganz anders lvaren als die der Frauen. Vielleicht staunte auch mancher Sommerfrischler darüber, daß sie so zwanglos und frei sich in die Badsmenge mischten und breitspurig, ohne je einem Fremden den Vorteil KU lassen, einhergingen mit dem stolzen Bewußtsein, auf eigenen! Grund und Boden zu stehen. Er ist der

König in seinen! Land und der Fremde in seinen Augen nur der Vasall.

Der Strand war mit einem Schwarm von Körben bodeckt, die von hier aus wie Heu- oder Ameisenhaufen erschienen. Man sah verhältnismäßig wenig Kinder- dafür aber eine flutende, schillernde Menschenmenge, deren helle Sonnenschirme und zartgetönten Toiletten großen Blumen und Schmetterlingen gleich im Sonnen- licht glänzten.

Aus allen Ländern war man hier zusaminengeströmt und hatte in die Ruhe des Scheveninger Fischerdorfes den Pulsschlag der Großstadt gebracht. Dieses Kos­mopolitische, dieses Zusammentreffen aus einem Fleck­chen Erde der verschiedensten Charaktere aus den ver­schiedensten Gesellschaftskreisen und Nationen gab die­sem Badeort einen eigenen Reiz.

In den Konditoreien und Cafäs am Strand grup. pierte man sich um kleine Tische überall wurde Musik gespielt, selbst in dem Restaurant am Ende vom Pier, in dem Ethel und Erna beim five oclock tea am Fenster, mit dem Ausblick auss Meer faßen.

Alle Tische waren besetzt.

Die Musiker spielten die tollsten, übermütigsten und dicht darauf die wehmütigsten Weisen, wie sie dem Ungarn im Blut und in der Seele stecken.

Irgend etwas Prickelndes wie Champagnerschaum vibrierte in der Luft. Erna empfand es ihre Natur, die so sehr nach Leben und Bewegung lechzte, fühlte sich hier wie in einer Heimat. Sie trank an dem überquellenden Born und fühlte sich von diesem Sonnen- und Lebenselixir berauscht.

Auf allen Gesichtern sprühte dieselbe Lust am Leben, als müßte jeder Augenblick erhascht und genossen wer­den. Diese gemeinsame Empfindung bildete eine Lei­tung, die Augen mit Augen, Herzen mit Herzen ver­band. Man wußte nichts voneinander nichts von der Vergangenheit, nicht einmal etwas von der Gegen­wart man war sich fremd und hatte doch das Ge­fühl, sich zu kennen und Menschen vor sich zu sehen, die einer Menschheit gehörten.

Man schwärmte verliebte sich für die Stunde einen Tag eine Woche konnte sich ganz dem Reize des Augenblicks hingoben und wußte, die leichten ele­ganten Intrigen würden mit derselben Leichtigkeit und Eleganz sich lösen, mit der sie geknüpft worden waren, Man stand unter de-rn Bann der gegenwärtigen Stund» und genoß sie bis zur Neige.

Erie, sieh mal."

Ethel wies zum Fenster hinaus nach dem Meer, das in leuchtendem Grün und Blau mit lang ausgedehnten Gischtkämmen heranrollte donnernd und tosend, daß das Piergebäude zitterte. Eine Woge nach der anderen tvälzte sich heran, brach sich zischend gegen die »nächtigen Eisenpfähle, die den Pier mit seinen lachenden, »er, streu-ungsdurstigen Insassen trugen. ~