1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 481. Ahsnd-Ausgshe. Montag» den 18. Gütober.
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Das wahre Glück, wer hat es je Erreicht in diesem Lebe»! —
Doch ist's ein wounercicheS Weh,
Vergebens cs erstreben.
^ H. Rollett. K
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(12. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
— Verhängnisse.
Roman von Walter Schmidt-Krißker.
„Auch mir wird das gestrige Fest unvergeßlich bleiben", sagte Wanowski zögernd, „denn es hat über mein ganzes Leben entschieden. Nicht nur, daß ich mich als Künstler seitdem zu einer neuen Richtung bekenne, auch in meinem Privatleben sind ganz ungeahnte Wandlungen vorgegangen!" — Mit verwunderten Augen sah Hertha ihn an.
„Ich kann mir zwar nicht denken, was Sie damit meinen können", sagte sie mit reizendem Lächeln, „aber wenn es etwas Gutes für Sie ist, so wünsche ich Ihnen von Herzen Glück, Herr Professor. Ich bin heute selbst in so überseliger Stimmung, daß ich jedem guten Menschen heut doppeltes Glück gönne und in lauter lachende Augen schauen möchte. Es giebt Augenblicke, die ein ganzes Dasein verklärend durchleuchten können", setzte sie hinzu und wie heller Sonnenschein zog es über ihr Gesicht, „und solch ein Augenblick war gestern!" —
_ Etwas verdutzt sah Wanowski auf und fuhr nach einer- kleinen Pause fort: „Ich habe gestern Abend zum ersten Male gefühlt, daß es außer meiner Kunst noch etwas Großes und Beglückendes giebt, einen höheren Preis, als der Lorbeer der Muse, einen Preis, für dessen Erreichung ich mein Leben einsetzen möchte! — Ich habe gestern das Gefühl gehabt, als hätte sich der Genius meiner Kunst in Fleisch und Bein verkörpert, wäre vor all den tausend neugierigen Augen vor mich hingetreten und hätte mir zu- gcrufen: Bete mich an! —"
Als Hertha schwieg, fuhr er zögernd fort: „Noch weiß ich nicht, ob das Mädchen, das ich meine, der meine ganze ehrliche Neigung gilt, auch für mich irgend Etwas fühlt, das über bie gute hausbackne und bürgerlichbrave Sympathie hinausgeht; ich habe nicht den Muth, sie direkt zu fragen, denn ich fürchte mich, wie ein Kind, vor dem Wörtchen „Nein".
Tief und fest sah er dabei Hertha in die Augen, der mit einem Male klar wurde, daß sie gemeint sei, und ein wirklich aufrichtiges Mitleid mit dem guten Menschen, den sie ungemein schätzte, überkam sie.
Einen Augenblick besann sie sich, dann sagte sie im harmlosesten Tone, indem sie sich zu ihm hinüberneigte:
„Da soll ich Ihnen wohl rathen, Herr Professor? Nun gut, ich will Ihnen gern behilflich sein, denn ich schätze Sie hoch und gönne einem braven Mädchen das Glück, von einem redlichen Herzen geliebt zu werden. —
Da Sie mich so offen zur Vertrauten Ihrer diskretesten Angelegenheit machen, so will ich Vertrauen mit Vertrauen vergelten, und von heute ab bleiben wir gute Kameraden! — Jeder kennt vom Andern ein zartes, vor jedem Fremden gehütetes Geheimniß, und das bindet uns zusanunen wie ein magisches Band. Ich will Ihnen sagen, was Sie thun sollen, um Gewißheit über Ihr Schicksal zu erlangen. In einer stillen Stunde, in einem Momente überwallenden Gefühls, breiten Sie die Arme nach ihr aus, und rufen Sie ihren Namen! Der schlichte Name ist dann ein Zauberwort, das alles Andere vergessen läßt und wenn sie Sie liebt, so wird sie ohne. Bedenken in Ihre offenen Arme fliegen! So ist es gestern auch mir gegangen! — Monatelang, jahrelang noch hätten wir an einander vorübergehen können, wenn dieser eine Monient nicht gekommen ivärc, mit seiner unwiderstehlichen Macht! — Ich sah nur die ausgebreiteten Arme, die strahlenden Augen und hörte wie tausend lockende Engels- stimnien meinen Namen! — Machen Sie es ebenso und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie so glückselig werden mögen, wie ich es bin!" —
Sie hatte in erregter Leidenschaft gesprochen, ihre Blicke glänzten die ganze Wonne ihres jungen Herzens wieder, als sie dem Maler die Hand hinreichte, in welche dieser stumm und ernst die scinige legte! —
Einen Augenblick blieb Alles still, dann erhob sich Wanowski langsam.
„-Ich wünsche Ihnen Glück, gnädigstes Fräulein",
sagte er tonlos und seine Stimme bebte ein wenig dabei, „und danke Ihnen für Ihren Rath und Ihren freundlichen Wunsch! — Möge jede Ihrer Hoffnungen sich erfüllen, und wenn Sie jemals im Leben eines Freundes bedürfen, dann zählen Sie auf mich, als wenn ich Ihr Bruder, Ihr nächster Verwandter wäre!" —
Noch einmal reichten sie sich die Hände, fest und kräftig drückte er die zarten Finger des Mädchens, dann nahm er seinen Hut und ging. —
Hertha sah ihm nach und als sie die Entrccthür hinter ihm ins Schloß fallen hörte, murmelte sie leise: „Armer, guter Mensch!" — Dann ging sie zum Fenster und hob die Gardine. Sein Wagen stand vor dem Hause, aber sie wartete lange, bis er heraustrat!
Sie ahnte nicht, daß der starke Mann lange draußen auf der Treppe am Geländer gestanden und weit offenen Auges vor sich hingcstarrt hatte. Es war ihm gewesen, als sehe er eine herrliche Fata morgana, die ein ganzes künftiges Menschenleben darstellte, vor seinen Blicken in flatternde Nebel zerrinnen, und dann erst war er Stufe für Stufe hinuntergestiegen mit blutender Seele und todestraurigein Herzen.
Auf der Straße, als er das Vorgärtchen durchschritt, wandte er sich uni.
_ Sie stand am Fenster und nickte ihm zu mit ihrem holdseligsten Lächeln voll Anmuth und kindlicher Unschuld, das deutlicher als Worte zu sagen schien: „Wir bleiben Freunde!" —
* *
*
Als er nach Hause zurückgekehrt war, wurde ihm gemeldet, daß Herr von Aareuau bereits zweimal nach ihm gefragt habe und jeden Augenblick wiederkommen müsse. Mit Sehnsucht erwartete er den Freund, denn es drängte ihn, ihm sein Leid zu klagen, und gerade daß Egon auch unglücklich mar und litt wie er, brachte ihn seinem Herzen näher als je. — Mit großen Schritten ging er in dem geräumigen Atelier auf und nieder, er konnte noch nicht fassen, daß Alles so anders gekommen, als er sich's gedacht! —
Er empfand keinen Groll gegen sie oder gegen den unbekannten Geliebten, nur ein unsägliches Gefühl des Schmerzes und der Trauer erfüllte seine ganze Seele. Es mar ja so natürlich, so selbstverständlich, daß Jeder dies reizende Geschöpf lieben und anbeten mußte, und wenn ein Mädchen, wie Hertha, selig in seine Arme geflogen war, so konnte es nicht der erste beste sein, sondern ihre Wahl war ihm eine Garantie für den Werth des fremden Mannes, den sie vielleicht lange vor ihm gekannt, längst schon geliebt hatte. Er mißgönnte Keinem seinen Himmel, aber elend fühlte er sich,namenlos elend und einsam,wie noch nie im Leben.
Beim Klang der Klingel fuhr er empor, er hörte Egons Stimme auf dem Korridor und öffnete die Thür,' den Freund willkommen zu heißen, aber erschrocken wich er tief ins Zimmer zurück vor dem Manne, der leichenblaß überfeine Schwelle trat! —
Die dunklen Augen brannten in einem unheimlichen Feuer, jeder Blutstropfen war aus dem schmalen, feinen Gesicht gewichen und unt die zusammcngepreßten Lippen lag ein Ausdruck unausgesprocheuer, unendlicher Qual!
Nachdem er sich gefaßt, trat Wanowski schnell auf Egon zu und ergriff seine Hände, die kalt waren wie Eis.
„Was ist Dir geschehen, Egon", fragte er in höchster Theilnahme, „was hast Du?"
„Abgeschlossen habe ich" — stieß Aarcnau hervor — „abgeschlossen mit Allem, was Glück, Hoffnung und Liebe heißt, einen dicken Strich gezogen unter dem schönen, freudenreichen Leben und das Exempel zu Ende gerechnet. Das Fazit ist — Null!"
48. Jahrgang. 1900.
Dabei sank er in den zunächststehenden Stuhl und vergrub das Gesicht in die Hände.
„Sprich Dich aus, armer Freund", sagte Wanowski, indem er dicht an ihn herantrat und seinen Arm um die Schulter des Unglücklichen legte, erzähle mir Alles, was Du Anderen nicht sagen kannst, und erleichtere Dein Herz, so gut es geht!"
„Ja", fuhr Egon auf, „Du sollst Alles wissen. Du niußt Alles erfahren, denn ich brauche Deine Hilfe, die Du mir anbotest. — Ich komme vom Medizinalrath Holländer, bei dem ich mich einer genauen und gewissenhaften Untersuchung unterzogen habe, denn ich wollte klar sehen, um jeden Preis. Ich habe ihm gesagt, daß ich wichtige Verfügungen zu treffen hätte über das Majorat, dessen Erbe ■ ich bin und habe unbedingte Wahrheit von ihm gefordert!"
„Nun?"
„Ich habe bekommen, was ich verlangte! — Sein Urtheil lautet: Hoffnungslos, ohne Rettung verloren! Im höchsten Falle fünf Jahre noch zu leben! — Hätte ich meine Mutter nicht, ich wäre direkt vom Arzt nach Hause gegangen und hätte dem schleichenden Feinde in mir die Mühe abgenommen, mich stückiveis zu zerfetzen. Aber meiner Mutter, der alten Frau, die mich so grenzenlos liebt, bi» ich es schuldig, dieses verfallene Dasein soweit als möglich zu dehnen und zu erhalten! — Ihr muß ich den Schmerz ersparen, daß ich selbsthaudelnd eingreife, und den letzten Moment ihretwegen hiuauszuschieben suchen, so gut cs geht!
Das Leben, das ich noch lebe, ist ein qualvolles, stummes Opfer, das ich ihrer Ruhe, ihrer Liebe zu mir bringe, denn wa? ein Mensch zu Grabe tragen kann mit vollem Bewußtsein, das habe ich heute begraben, das Glück meines Lebens, die letzte Hoffnung auf eine sonnige Zukunft. Und warum? das Alles? — Warum?"
Er war aufgesprungen und ging im Zimmer auf und nieder, dann blieb er plötzlich stehen und hob mechanisch, ohne an irgend Etwas zu denken, das Tuch von einem großen Blendrahmen, der. vis-ä-vis von dem Ruhebette auf der Staffelei stand.
Der verhüllende Stoff glitt herab und das volle Licht der Wintersonne beleuchtete das entschleierte Bild.
Die Wirkung dieses kurzen Vorganges war auf Egon eine unerwartete, fürchterliche, daß Wanowski erschrocken hinzuspraug, denn er glaubte, der Unglückliche sei wahnsinnig geworden.
Mit einem gellenden Aufschrei, in dem Entsetzen, Angst und Verzweiflung sich einten, war er vor dem Bilde bis zur Wand znrückgetaumelt, die Hände wie zur Abwehr von sich gestreckt, die Augen geschlossen, als wäre der Blitz vor ihm niedergeschlagen, stand er da.
„Ja, Unglückselige", schrie er auf, „verdammt, wie ich, bist auch Du, und schuldlos wie mich, ereilt auch Dich unentrinnbar das Verderben. Was steigst Du auf vor mir im ganzen Glanze Deiner Schönheit, Deiner süßen Jugend, mich zu mahnen an meine Schuld? Mußt Du bis hierher mir folgen, mir die Seele zu versengen mit den flammenden Augen?! — Rette mich, Heinz, vor mir selbst und den Bildern meiner Fantasie!"
Wanowski suchte ihn zu beruhigen und sagte leise:
„Faße Dich, Egon, Du kennst ja das Bild, Du hast es gestern Abend im Original gesehen, sieh es an und Du wirst es erkennen!"
Langsam ließ Aarcnau die Hände sinken, langsam öffneten sich die Augen und schwere Thränen rollten überfein Gesicht!
„Ja, Heinz", sprach er, „so sah es aus, das erträumte Glück meines Lebens, so leuchtete es mir voran, wie der Gottesbote, der mich zur Erlösung führen sollte."
„So lag sie in meinen Armen, die zärtlich geliebte Gestalt, daß Himmel und Erde um mich her versank in seligem Vergessen, einen Augenblick nur, sekundenlang, im Wahne Hab ich's besessen und heute schon verloren, rettungslos, unwiederbringlich für Zeit und Ewigkeit!"
(Fortsetzung folgt.)
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