1. Beilage zum Mesbaüener Tagdlatt.
(S. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
ILnlreuische Machte.
Novelle von M. Schmidt-Agricola.
. -n das Parkhotcl an der Promenade wurde die Schreckenskunde schon in aller Frühe durch die vom Lande hereinkommenden Milchlieferanten gebracht und erregte hier um so mehr Aufsehen, da man wußte, daß zwei fremde Herren aus jener Villa tägliche Gäste der im Hotel wohnenden fürstlichen Herrschaften waren.
„Es wird doch um Himmels willen nicht der hübsche junge Herr sein, der wegen des Gewitters über Nacht hier logirt hat und Früh um 6 Uhr schon fortgegangen ist? Wenn dem Einer anfgelauert und ihn todtgcsch'lagcn hätte, dann würde sich die schöne Frau Fürstin gewiß die Augen aus dem Kopfe weinen", bemerkte ein naives Zimmermädchen.
„Früh vor 6 Uhr ist er schon fortgegangen? Halt! das „t sehr verdächtig!« versetzte der Milchmann, pfiffig den Finger an die Nase legend. „Die dummen Todtschießercien um nichts und wieder nichts, die bei den vornehmen Leuten Duelle heißen, werden ja meistens so in aller Herrgottsfrühe abgemacht, wenn ordentliche Leute noch in den Federn liegen. Der Hans von Dornholzhausen hat mir unterwegs erzählt, daß seine Base gestern im Wald der schönen Gesellschaft nachgeschaut, die dahergeritten kam, Alles zu Pferd, auch die Damen; und da hat sie deutlich gehört, wie zwei Herren, die alle beide in der Villa wohnen, sich wüthend gezankt haben, und zuletzt hat einer dem andern zugerufcn: „Auf Tod und Leben".
„Da haben wir's!" bekräftigte der Küchenchef. „Sie haben sich gefordert, heute Morgen ist's ausgefochten worden, und jetzt möchte ich nur wissen, welcher von beiden tobt geblieben ist."
_ „Wenn's nur nicht der nette junge Herr ist, der mir beim Weggehen noch ein Trinkgeld gegeben hat, als ich ihm guten Morgen wünschte!" fiel das mitleidige Zimmermädchen wieder ein.
Ihre Durchlaucht die Fürstin Lubinski geruhte nach mner unruhigen Nacht heute außergewöhnlich früh ihre Chocolade zu befehlen. Es konnte ihr nicht entgehen, daß ?er aufwartenden Zofe eine sensationelle Neuigkeit auf der Zunge brannte, und nach einigen Kreuz- und Querfragen Mvhr sie, was aus der Sprache der Küche in die Sprache fag Salons übersetzt lautete daß heute früh im Walde Wischen Herren aus der Villa des Tourclles ein Rencontre Wtjgefundcn habe und einer todt auf dem Platze geblieben sei.
Wie von einem Dolchstoß getroffen, fuhr Sonja empor: „Erkundigen Sie sich sofort, ob Herr von Szelinhi noch hier iw Hotel ist".
„Nein, Durchlaucht, er ist in aller Frühe aufgestanden und um 6 Uhr schon fortgegaugen. — Ach, Durchlaucht, es wäre doch gar zu traurig —" stammelte das Mädchen Verlegen und wagte nicht fortzufahrcn.
„Was denn?" herrschte sie die Fürstin an.
„Jettchen, das Zimmermädchen, meint, er wäre Derjenige — der Tobte."
Sonja erblaßte, fuhr mit der Hand nach ihrem Herzen.
„Mein Reitkleid! schnell!" befahl sie, „und sofort ein Reitpferd bestellen!"
„Vor allen Dingen Seiner Durchlaucht und meiner
Donnerstag, den 11. Oktober.
Tante keine aufregenden Geschichten erzählen, ehe man weiß, ob sie wahr sind oder nicht! Schweigen, bis ich wiederkomme! Haben Sie verstanden?"
In denkbar kürzester Frist war sie fertig und saß zu Pferde, den Weg nach der Villa des Tourelles einschlagend.
Unterwegs sah man hier und dort Gruppen von Leuten zusammenstehen und ihre Mittheilungeu austauschen, wann und wie sie das Schreckliche zuerst gehört, wie es bei so aufregenden Ereignissen zu geschehen pflegt. Gewisses wußte Niemand. Sonja hielt sich nirgends auf. Vor der Villa hatte sich auch ein ansehnlicher Menschenhaufe angesammelt. Sie hielt an und fragte nach der Hausherrin, die sie sehr wohl kannte.
Die würdige Frau erschien, mochte beim Anblick der Fürstin einen tiefen Knix und rief: „Ach, Durchlaucht, welch cm Unglück!"
„Wo ist der Todte? Ich muß ihn sehen!" rief Sonja.
„Ach, er liegt noch draußen, wo sie ihn gefunden haben. Er darf ja nicht von der Stelle gebracht werden, ehe die Herren vom Gericht den Thatbestand ausgenommen haben."
„War denn keine Hülfeleistung mehr möglich?"
„Ach nein, der Doktor konnte ihm nicht mehr Helsen. Er muß schon niehrere Stunden todt gewesen sein."
„Schon mehrere Stunden todt! Das ist ja gar nicht möglich!" Sonja zog ihre Uhr hervor. Um 8 Uhr hatte sie die Schreckenskunde zuerst gehört; jetzt war es noch nicht nenn. Aber, was konnte in der Zeit zwischen 6 und 8 Uhr nicht Alles geschehen sein?
Sie brauchte um den Weg nach der Unglücksstätte nicht zu fragen, denn fortwährend strömten noch Neugierige darauf zu. Nach wenigen Minuten hatte sie den Platz erreicht. Auf einer Lichtung unter einem großen Baume, von dcni die Gewalt des Blitzes oder des Sturmes einen mächtigen Ast abgebrochen hatte, war durch eine Anzahl Polizisten der Zudrang des Volkes abgesperrt — und dort, zwischen zwei Schutzleuten, wie von ihnen bewacht, stand Derjenige, den sie hier todt zu finden glaubte — Sz-linvi Gabor.
„Gabor! nicht todt!" schrie sie auf, in überströmcndem Gefühl alles Stnt>erc vergessend.
Der Angeredete, der mit düsterer Miene gesenkten Hauptes dagestandeu hatte, fuhr beim Tone ihrer Stimme auf, und ein Schimmer von Freude flog wieder über das schöne jugendliche Gesicht.
„Sie hier, Fürstin? Sie komnien selbst, für mich zu zeugen, im bittersten Augenblick meines Lebens, wo man mich behandelt wie einen Verbrecher! Und ich habe doch — bei ,Gott! dieses Unglück nicht gewollt und nicht verschuldet."
Räthscl über Räthsel! Gabor lebte — aber was war denn geschehen?
Jetzt erst richteten sich die Blicke der Reiterin auf das Innere des polizeilich abgespecrten Halbkreises, das sic von ihrem erhöhten Sitz ans deutlich überschauen konnte. Da lag unter dem zerschmetterten Baum der tobte Mann, dessen Kopf ein Wundarzt ans seinen Knieen hielt, noch bemüht, die von geronnenem Blut umgebene Wunde an der Schläfe mit peinlicher Genauigkeit zu untersuchen; der Gehülfe mit Waschbecken, Schwamm und Instrumenten daneben. Daß Menschenhülfe hier nichts mehr vermochte, lehrte der erste Blick in das fahle, starre Antlitz, dessen gebrochene Augen wie um Schonung flehend emporstierten. Die breite Brust war entblößt, zeigte aber keinerlei Spur von Verwundung.
48. Jahrgang. 1900.
Der übrige Körper war mit dem amerikanischen Regenmante bedeckt, den der Verstorbene bei schlechtem Wetter zu tragen pflegte. Das wohlbekannte Kleidungsstück, die herkulische, breitschultrige Gestalt, das dunkle Kraushaar ließen, trotz der Entstellung der Züge, keinen Zweifel: es war Don Olimpio de Alvesleda, der hier in tragischer Weise seinen Tod gefunden.
Auf welche Weife, schien noch nicht vollständig aufgeklärt. Gerichtsbeamte waren zur Stelle; der Schreiber hatte sich einen Baumstun,pf zum Sitz eingerichtet, Mappe und Papier auf seinen Knieen ausgebreitet, um das Protokoll auszusetzen. Die Zeugenvernehmung war beendet. Der alte Kreisphysikus, welcher schon gleich nach Auffindung der Leiche zur Stelle gewesen war und sein Gutachten abgegeben hatte, wandte sich jetzt mit ironischer Höflichkeit zu den, noch immer seiner vergeblichen Bemühung obliegenden Wundarzt:
„Es freut mich, Herr Kollege, daß Sie nach eingehendster Untersuchung des Falles zu demselben Resultat gekommen sind wie ich, nämlich daß der Tod dieses Menschen nicht durch Stich- oder Schußwaffen herbeigeführt worden ist, sondern lediglich durch einen Unglücksfall, woran kein Mensch schuld ist, als höchstens die eigene Unvorsichtigkeit des Verunglückten, der sich wahrscheinlich ohne Noth der Gefahr aussetzte. — Tod durch Blitzschlag! war von Anfang an mein Urtheil. Daß ihn der Blitz gestreift, sehen Sie deutlich an dem an dieser Seite versengten Haar. Ob der Blitz allein schon von tödtlicher Wirkung war, oder ob der darauf folgende Fall und der brechende Ast, der die Schläfe traf, ihm den Rest gegeben, wird keine menschliche Wissenschaft mehr zu ergründen vermögen. Es ist aber jammerschade um ihn, ein wahres Prachtexemplar von einem Menschen, hätte 100 Jahre leben können, niit diesen, Brustkasten nud diesen gewaltigen Muskeln."
„Tod durch Blitzschlag!" wiederholte der Gerichtsbeamte, dem Schreiber diktirend.
„Ja, meine Herren", nahm der alte Physikus wieder das Wort, „hätten Sie mir gleich Glauben geschenkt, statt ans alles alberne Geschwätz müßiger Zungen zu horchen, die von Mord, Duell und Selbstmord faselten, so hätten Sie sich und Anderen viel unnütze Mühe und einem gänzlich unschuldigen Menschen ein paar qualvolle Siunden ersparen können. Jetzt, meine ich, dürften wir den, Todten wohl den letzten Liebesdienst erweisen, ihm die Augen zudrücken und ihn zur Ruhe bringen lassen."
„Nur nicht in unser Haus!" wandte der Portier der Villa ängstlich ein; „sonst zögen uns gleich unsere sämmt- lichen Kurgäste aus."
„Selbstverständlich ins Leichenhans!" bekräftigte der Physikus.
Während die Anordnungen zur Wegbringung des Todte.i getroffen wurden, trat der Beamte, welcher die Untersuchung geleitet hatte, auf den noch immer unbeweglich wie selbst vom Blitz getroffen dastehenden Ungarn zu und redete ihn höflich grüßend an: „Entschuldigen Sie, mein Herr, daß unsere Pflicht uns nöthigte, Sie hier festzuhalten, bis der Thatbestand über allen Zweifel festgestellt war. Als Mensch darf ich Jeden für einen Ehrenniaun halten, von dem ich nichts Nachthciliges weiß; als Jurist muß ich aber Jeden "ür verdächtig halten, bis das Gegentheil erwiesen ist."
„Ich weiß den Menschen vom Juristen zu unterscheiden", versetzte Gabor mit gleicher förmlicher Höflichkeit.
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