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1. Berlage zum Wiesbadener Tagblstt.

469 . Alrend-Ausgabe.

Und so gerrinut mit Jrrthuni, Gram und Zeit Ein Menschenleben in die Ewigkeit.

Durch Thronen spiegclt's wie ein Prisma wieder All' seinen Farbenglanz in Bild und Lieder.

H. v. Preuschen'-Telmann.

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(6. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Uerhkmgmlse.

Roman von Walter Schmidt-Käßker.

Die Herren wurden unterbrochen durch die Wirthin des Hauses, die in den kleinen Salon trat und Egon zu suchen schien, denn sie wandte sich direkt au ihn.

„Herr von Aarenau", begann sie lächelnd, „ich weis; zwar, daß Sie zum Leidwesen unserer Damen ein prinzipieller Gegner Terpsichores sind, aber heut kann ich Ihnen nicht helfen. Sie müssen einer jungen Dame Ihren ritterlichen Arm reichen und sie zu den Klängen einer feierlichen Polonaise einige Male durch den Saal und zuletzt zu Tische führen."

Egon stand schon bereit und erwiderte, indem er der Geheimräthin den Arm reichte: „Ich bitte, gnädigste Frau, mich meiner Tänzerin zuzuführen."

„Halten Sie Ihr Herz fest dabei, Herr von Aarenau, schnallen Sie den gewohnten Panzer fester um Ihre Seele", scherzte die Dame, „denn ich will Sie einer jungen Sirene vorstellen, die schon den ganzen Ballsaal erobert hat, indeß Sie hier geplaudert. — Es ist eine Pensionsfreundin meiner Tochter, die seit Jahren zum ersten Mal wieder einen Ball besucht, also seien Sie hübsch artig und erhalten Sie unseren Gast bei lustiger Laune. Ich habe ihr den unterhaltendsten Tischnachbar versprochen. Sie sehen, welch große Erwartungen Sie rechtfertigen müssen."

Quer durch den dichtgefüllten Tanzsaal führte ihn die Räthin nach der kleinen Nische hinüber, die zum Winter­garten den Eingang bildete, auf eine bunte Gruppe junger Mädchen zu. — Von dem elektrisch durchleuchteten hell­grünen Hintergrund des Treibhauses hob sich eine schlanke, elfenhafte Gestalt, die Egon für einen Spuk, für eine Er­scheinung hielt. Ein milchweißes Kleid aus schwerer, rauschender Seide umhüllte die jungfräuliche Figur, dunkcl- rothe volle Rosen hoben das zarte Kolorit des Halses und in den rothgoldenen Locken funkelten herrliche Diamanten.

Ohne sich zu regen, stand sie da, wie aus Marmor ge­meißelt, nur über ihr Gesicht ergoß sich flammende Gluth, als das Paar auf sie zutrat.

„Gestatten Sie mir, Ihnen den Freiherrn von Aarenau vorzustellen", begann die Räthin. „Fräulein Blankenhagen, eine Freundin meiner Tochter und der liebe Gast unseres Hauses!"

„Ich habe den Vorzug, das gnädige Fräulein zu kennen!" sagte Egon leise, indem er sich verneigte und auch sein Gesicht überhauchte ein verrätherisches Roth, als er den Kopf wieder hov. In seinen Augen glänzte und funkelte es, wie hellster Sonnenschein, in seiner Seele jubelte und jauchzte es durcheinander. Er glaubte zu träumen. Alles

Montag» den 8 . Oktober.

um ihn her schien sich in wildem, bacchantischem Reigen zu drehen und alle Nebel, die seine weise Philosophie um dieses unbeschreiblich liebliche Mädchenbild gesponnen, schwanden dahin wie wenn an einem erwachenden Maimorgen die auf- steigende Sonne die Dunstschleier über einer lachenden Alpenlandschaft zerreißt und alle Schönheiten der jungen Erde enthüllt.

Eben intonirte die Musik das leise, schmeichelnde loin äu bul als Introduktion der Polonaise; wortlos bot er ihr den Arm, auf den sie wortlos ihre kleine bebende Hand legte, und langsam schritten sie wie traumwandelnd hinter den anderen her. Das reizende Musikstück übte gerade in diesem Moment und gerade auf diese beiden Menschen einen fast magischen Zauber. Es war ihnen bei den süßen, tändelnden Klängen, die wie von Ferne herüber tönten, als mären sie beide dem lauten Festsaal, dem blendenden Schimmer der Kerzen weit, weit entrückt, als wären sie allein miteinander inmitten wesenloser Schatten.

Keines sprach ein Wort und doch plauderten sie mit­einander eine stumme, ewige Sprache, die Keiner um sie hörte, Keiner ahnte und verstand. Medisch fühlten die beiden jungen Herzen, daß dieser Augenblick bedeutungsvoll für sie werden mußte für alle Zeiten und entscheidend für ihr Geschick!

„Bitte, sich nach rechts und links zu theilen!" klang die Stimme des Arrangeurs, und ihr Arm glitt aus dem seinigen.

Wie in hypnotischem Bann gingen sie weiter, langsam und allein, voneinander geschieden und doch Einer mit dem Anderen im Geist vereint. Sie mußten sich wiederfinden, mußten wieder nebeneinander herwandeln, das wußten sie beide. Es war ihre Bestimmung.

„Verhängniß!" flüsterte Egon halblaut vor sich hin. kurz bevor am anderen Ende des Saales wieder die heiße Hand sich auf seinen dargebotenen Arm legte.

Um Etwas zu sagen, begann Aarenau leise, fast zögernd das Gespräch mit den Worten: „Sie lieben die Rosen, gnädiges Fräulein?"

„O ja!" antwortete sie lächelnd, „besonders diese tief­dunklen mit dem weichen, wohligen Dufte! -Ich

habe sie an einem bestimmten Tage zu nieiner Lieblings­blume, gewählt, wo sie unerwartet und geheimnißvoll in meinen Händen lagen, überraschend und plötzlich. — Sie sind mir eine zarte Erinnerung an eine unvergeßliche Zeit!"

Wieder erröthete Egon wie ein Knabe, den man auf einem verbotenen Streich ertappt, und wandte den Kopf weg, während das Herz des Mädchens an seiner Seite in stiller Freude schlug, den» sie wußte nun, daß der Dank, der in ihren Worten lag, dem Rechten gegolten hatte.

„Denken Sie lange hier zu bleiben, gnädigstes Fräulein?" fuhr Egon fort, der noch nie im Leben um die Einleitung eines Gesprächs so verlegen gewesen war.

„Ich weiß es noch nicht, jedenfalls einige Monate, bis mein Zustand sich gebessert hat!"

„Sind Sie leidend?" klang Egons Frage, und unge- henchelles Mitleid glanzte ans jeder Miene seines Gesichts.

„O nein, nicht eigentlich leidend, aber seit dem Tode meiner lieben Mutter, an der ich zärtlich hing, fühlte ich mich oft so trübe, so grenzenlos traurig gestimmt, als lebte

48. Jahrgang. 1966.

ich nur in einem Scheinleben dahin. Man hält mich wohl allgemein für lebhaft und lustig; das bin ich aber nur, wenn ich unter frohen Menschen bin, denn allein bin ich das strickte Gegentheil. Diese trüben Stimmungen haben nun in letzter Zeit überhand genommen, daß ich mich gern entschloß, der freundlichen Einladung meiner Pensions­freundin zu folgen und die Saison in der Residenz unter völlig veränderten Verhältnissen und Einflüssen zu verleben. Vielleicht thnt mir das gut!"

„Ist es denn etwas Bestimmtes, was Ihr Empfindungs­leben beeinflußt? Sie verzeihen, wenn ich indiskret er­scheine, aber es ist ernste und aufrichtige Theilnahme und nicht müßige Neugier, >vas meine Frage veranlaßt. Ich möchte Ihnen gern helfen, denn der Gedanke, gerade Sie traurig zu wissen, hat etwas unbeschreiblich Schmerzliches für mich!"

Hertha sah heiter lächelnd zu ihm auf und antwortete: „Weshalb, Herr vo» Aarenau, möchten Sie gerade mich nicht traurig sehen?"

„Weil ich mir in Ihnen das Gegentheil stets gedacht habe, weil Sie für mich, wie kein anderes Wesen, der holde Inbegriff aller Lebensfreude, aller blühenden Gesundheit gewesen sind vom ersten Tage an, wo Sie wie ein munterer Waldvogel sich in unser weltfernes Waldidyll verirrten! Sie dürfen nicht traurig sein! Um diese Lippe muß ein ewiger Sonnenschein liegen, den keine Wolke trübt, und was können Sie denn so Trauriges erlebt haben, das Ihr so junges Leben verdüstert?"

„Nichts Bestimmtes, wirklich nicht", hauchte sie leise, „aber wie eine heimliche Angst, wie eine todcstranrige Ahnung weht es oft über mich hin, als wenn das Schicksal für uiich etwas ganz besonders Schmerzliches in Bereit­schaft hätte, was mich eines Tages unvorbereitet ereilt! Ich weiß sehr wohl, daß cs an einem jungen Mädchen nichts Abstoßenderes giebt, als derartige Gedanken laut werden zu lassen, noch dazu als Ballgespräcb an der Seite eines klugen Mannes. Aber Sie fragten mich und ich kann nicht lügen!"

„Das sind Stimmungen, die allerdings bei Ihrer Jugend etwas Ueberraschcndes haben, aber sollte nian nicht im Stande sein können, diese finsteren Geister mit froher Laune bannen zu können? Wenn Sie mir erlauben, übernehme ich diese Mission!"

„Gern, Herr Baron", nickte das junge Mädchen, „wir haben unsere Bekanntschaft unter so friedlichen, glücklichen Auspizien gemacht, als wir in der herrlichen Natur, weitab von dem Lärm der Allgemeinheit ein paar so unvergeßliche Stunden verplauderten, daß es mir scheint, als kennten wir uns schon länger, viel länger, als es der Fall ist! —

„Haben Sie nie das reizende indische Märchen gehört", sagte, Egon, „daß die Seelen der Menschen sich alle unter einander kennen und sich zuweilen, wenn sie noch so lange auf fremden Sternen getrennt waren, nach hunderten von Jahren wiederfinden? Ich glaube beiitahe, eS ist etwas Wahres an der alten Wundermär, denn auch ich habe das feste Bewußtsein, als müßte ich Ihnen schon einmal be­gegnet sein, irgendwo in seligen Gefilden, als hätte ich mich schon einmal in Ihrer Nähe tiefglücklich gefühlt."

(Fortsetzung folgt.)

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