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1. Beilage Mm Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 468. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 7. Oktober.

48. Jahrgang. 1900.

(2. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Italienische Wchte.

Novelle von M. Schmidt-Agricola.

Gleichzeitig heftiges Geräusch vom Salon her: der Fürst hatte einen seiner häufig wiederkchrenden krampfhaften Hustcnanfälle, und der Brasilianer, mit nngewohutem Eifer zur Hülfeleistung aufspringend, hatte seinen Stuhl gewalt­sam umgestoßcn. Aufgeschrcckt aus ihrem süßen Rausche, kehrten die junge Fürstin und ihr Kavalier eilig in den Salon zurück. Da der Aufall von nngewöhnlicl>er Heftig­keit war, bat Sonja den Gemahl, mit allen unter den Um­ständen zu erwartenden Aeußerungen der Besorgniß, lieber die noch nicht ganz beendigte Partie abzubrechcn und sich zur Ruhe zu begeben. Ihre Mutter, obgleich selbst eine leidenschaftliche Karteuspielerin, unterstützte den Antrag, und die drei Herren verabschiedeten sich, nicht ohne daß auch Gabor dringende Einladung erhalten hätte, am andern Tage und so oft er wünsche, wiederzukommen.

Beim Ausgang aus dem Hotel wandte sich der einsilbige Engländer mit kurzem förmlichem Gruße seiner nicht weit entfernten Wohnung zu, während die beiden andern die Richtung nach der außerhalb der Stadt anmuthig am Saume des Waldes gelegenen Villa des Tourelles ein­schlugen, wo der Ungar auf Empfehlung eines Bekannten Quartier genommen und den Brasilianer als eingebürgerten Stammgast vorgcfuuden hatte.

Es war schon spät in der Nacht, Alles still und menschen­leer. Nachdem sie eine Weile schweigend, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, neben einander hergcschritten, faßte Don Olimpio plötzlich mit auffallender Heftigkeit den Arm seines Gefährten und sagte in gereiztem Tone: Hören Sie, Herr von Szelinyi, es muß von vorn herein klar zwischen uns werden. Meinen Sie, Ihre sentimentalen Mondscheinzärtiichkeiten hätten keine andern Zeugen gehabt, als Mond und Sterne? Ha! Ha! Fast hätte ich lachen mögen, inmitten meiner Wuth! Wäre ich an Ihrer Stelle gewesen, ich hätte mit beiden Armen zugegriffen und sie nicht bloß auf die Stirn geküßt.

Gabor erröthete bis in die Stirn. Ich bekenne, daß ich sehr unvorsichtig war, sagte er. Aber cs war die Er­innerung an unsere schönen Jngendtage, die mich so hinriß. Zhr Schicksal schmerzt mich tief, denn glücklich kann sie ja unmöglich sein. Aber sein Sie versichert, daß die Ehre einer Frau, die ich so aufrichUg liebe, mir stets heilig sein wird.

, Sehr schöne Phrasen! versetzte Jener rauh. Was wissen Sie von Liebe, Sie blöder Schnlknabe, der vielleicht noch nie ein Mädchen herzhaft geküßt hat, geschweige denn eine verheirathcte Frau?

Wer gicbt Ihnen ein Recht, mich zu beleidigen, Don Olimpio de Alvesleda? obwohl Sie älter sind und mehr von der Welt gesehen haben, als ich. Müßigen Sie Ihre Ausdrücke; sonst müßte ich Ihnen zeigen, daß ich alt genug bin, um meine Ehre urid die meiner Dame wie ein Mann zu vertheidigen.

Stolz und tapfer wie ein Magyar! Das ist aller Ehren werth. Vorläufig haben wir ja noch keine Ursache, uns die Hälse zu brechen, und um diese Gefahr auch für

die Zukunft zu vermeiden, muß ich Ihnen ein Geheimniß anvertraneu. Sie brauchen die schöne Fürstin nicht allzusehr zu bemitleiden, denn ihr Gemahl ist ja schon eine halbe Leiche und wird sie nicht jahrelang auf ihre Freiheit warten lassen. Um einen zweiten Gemahl, der sie mit ihren .Schätzen erbt, brauchen Sie auch keine Sorge zu tragen. Der ist bereits gefunden.

Was sagen Sie? Ich denke, wenn sie Wittwe wird, hat sie doch die Freiheit, selbst zu wählen?

Sie hat sich bereits der Wahl begeben und die Anwart­schaft ans ihre Hand einem Verehrer zuerkannt, der sie bis zum Wahnsinn liebt und ihren Besitz keinem König gönnen würde.

Schon im Voraus versprochen? rief Gabor in höchstem Erstaunen.

Ja, im Voraus versprochen, als einziges Mittel, den rasenden Orlando von Thorheiten abzuhalten, die nach Ihren schulmeisterlichen Ansichten die Ehre der Dame compromittiren könnten. Er ist kein blöder Schäfer und würde sich nicht mit einem zimperlichen Kuß auf die Stirne begnügen, wenn ihm die Gelegenheit winkte. Er möchte auch nicht Häuser bauen ans die unverbrüchliche Treue der Frauen; aber er wird seine Rechte wahren wie ein Othello und keinen Nebenbuhler seine Wege kreuzen lassen. Das wollte ich Ihnen zur Warnung sagen, ritterlicher Szelinyi: An dem Tage, an welchem ein Anderer Sonja Michailownas begünstigter Liebhaber würde, müßte einer von uns beiden aufhören zu leben.

Sparen Sie Ihre Drohungen, Don Olimpio de Alvesleda, cntgegnete Gabor nun auch in gereiztem Tone. So lange Sonja die Gattin eines Andern ist, haben Sie ebenso wenig Rechte an sie wie ich.

Schwören Sie mir zu, daß Sie ihr nicht zu nahe treten werden.

Ich schwöre Ihnen zu, daß ich ihre Ehre vertheidigen werde wie meine eigene. Was ich thun würde, wenn sie eines Tages frei wäre, nach ihrem Herzen zu wählen, darüber kann ich nichts im Voraus versprechen.

Nur halb beruhigt, ging der heißblütige Olimpio eine Weile mit großen Schritten voran; dann sich plötzlich wieder nach seinem Gefährten umwendend, fragte er: Wie lange gedenken Sie hier zu bleiben, wenn man fragen darf?

Das kommt auf die Nachrichten an, die ich von meinem Vater crtvarte. Gestatten Sie mir aber, von der Fürstin die Bestätigung dessen, ivas Sie mir eben mitgetheilt, zu erbitten, so könnte das wohl eine schnellere Entscheidung hcrbeiführen.

Nein, nein, regen Sie Sonja nicht nnnöthig auf. Ich will mich, so lange Sie hier sind, auf Ihre Ehrlichkeit verlassen.

Beide mehr aufgeregt, als sie zeigen wollten, kamen die jungen Herren in ihrer Villa an und trennten sich sofort, um jeder sein besonderes Zimmer aufzusuchen. Daß Gabor in dieser Nacht nicht schlief, ist selbstverständlich. Er wunderte noch eine Weile ruhelos auf und nieder, bis ihn die Rück­sicht auf einen Zimmernachbar, dessen Schlaf er gestört hatte, nöthigte, seine Füße ruhen zu lassen und lieber am offenen Fenster Abkühlung seines erhitzten Blutes zu suchen. Wie viel war an diesem Tage auf ihn eingestürmt: Das unverhoffte Wiedersehen der Jugendgespielin, der Schmerz

über die Verwandlung des reizenden kindlichnaiven Mädchens in eine nur allzu selbstbewußte, genuß- und gefallsüchtige junge Frau, der Zauber, welchen ihr bestrickender Liebreiz trotzdem auf ihn ansübte, die Seligkeit der Offenbarung ihrer Gegenliebe und die Qual des Gedankens, daß sie dennoch, auch wenn sie frei würde, für ihn verloren -sein sollte. Wild drängten die Gedanken, die einander verklagen und entschuldigen, sich in seinem Hirn. Nicht die Furcht vor dem drohenden Nebenbuhler war es, die ihn abhalttzn sollte, nach ihrer Liebe zu streben; er zweifelte keinen Augen­blick. daß sie ihn dennoch mehr liebte als Jenen, dem sie sich im Voraus zugesagt, und wenn er den Kampf auf­nehmen wollte, war er auch des Sieges gewiß. Aber durfte er diesen Kampf aufnehme»? Der Gegner, den er zu bestehen scheute, war nicht der herkulische Brasilianer mit dem mächtigen Krauskopf auf den breiten Schultern, es war der gebrechliche Greis, in dessen Hause er Gast­freundschaft genossen. „Ueber Alles die Ehre!" war bisher sein Lebensprinzip gewesen, und er meinte damit nicht bloß, was die Welt so nennt und was oft nur in der geschickten Wahrung des äußeren Scheins besteht, sondern die Recht­fertigung vor sich selbst und seinem eigenen Gewissen. So hatte es ihn seine gute Mutter gelehrt. Sein Vater freilich der war ein Weltmann und hegte keine „schulmeisterlichen Grundsätze", wie Don Olimpio sich ausdrückte. Genieße, was Dir das Leben bietet, hatte er beini Abschied zu dem Sohne gesagt. Sei kein Pedant, ich mar eS auch nicht, als ich jung war wie Du. Klang das nicht wie eine Recht­fertigung seiner geheimen Wünsche? Aber der Geist seiner Mutter schien zu warnen: Fliehe die Versuchung mein Sohn! Es ist der erste schwere Kampf, in den Dich das Leben führt; vielleicht wäre Dein unerfahrenes Gemüth nicht stark genug, um Stand zu halten. Hin- und her- geworfcn zwischen solchen widerstreitenden Gedanken, bald tugendhaft entschlossen, sich durch schleunige Abreise aller Gefahr zu entziehen, bald wieder in verzehrender Sehnsucht nach dem Wiedersehen der Geliebten die Stunden zählend, die noch verfließen mußten, ehe dies möglich war, brachte er den Rest der Nacht in einem Sturme leidenschaftlicher Empfindungen zu, wie sie sein unerprobtcs Jünglingsherz noch nie gekannt. — Das Endresultat war, daß er trotz aller heroischen Entsagungsvorsätze am Vormittage eine außergewöhnliche Sorgfalt ans seine Toilekte verwendete und zur offiziellen Visitenstunde sich in Frack und weißen Handschuhen nach dem Parkhotcl begab, um dem Fürsten und der Fürstin Lubinski seine Aufwartung zu machen.

Die Herrschaften waren nicht allein. Es hatten sich mehrere Herren und Denen aus der feinen Welt, meistens Russen, eingefunden, denen er vorgestellt wurde. Auch Sir Oliver fehlte nicht; aber der Brasilianer glänzte durch Ab­wesenheit.

Wo haben Sie Ihren Freund Don Olimpio gelassen? fragte die Fürstin.

Verzeihen Sie, Durchlaucht, Don Olimpio ist mein Hausgenosse, aber nicht mein Freund, cntgegnete der Jüng­ling in einem Tone, welcher die innere Gereiztheit durch- blickcn ließ. Ich bin sein Hüter nicht, und mache auch keinen Anspruch darauf, daß er der meinige sei.

(Fortsetzung folgt.)

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