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Nr. 99.

Donnerstag, 29. April.

1913.

i » . - > Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i » --:•=■)

(6. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Rachdruck verboten.

Die Versuchung war groß. Er hatte sie nicht gerufen

— sie kam und konnte sogar für ihn das Gewand des Wohlwollens und der Nächstenliebe nehmen — er wollte seine Frau gliicklich machen —, und wenn er selber da­bei glücklich wurde, um so besser. Das war kein Unrecht.

„Nun, Erna, was sagst du dazu?"

„Ich möchte natürlich sehr gern hingehen."

„So geh doch."

„Du findest nichts dabei?"

„Durchaus nichts — ihr wohnt ja nicht im Hotel mild seid nur ein paar Tage allein; dann habt ihr Bob. Schreibe Ethel, sie sollte ihre Jungfer und du würdest die alte Hanna mitnehmen. Die reist dann mit dir ins Nauental zurück. Und wer weiß, vielleicht bin ich mit meiner Arbeit fertig, wenn du zurückkommst, und dann können wir viele Ausflüge machen."

„O — das —" sie machte mit der Hand eine ab­wehrende Bewegung und zog die Lippen zusammen.

Sie ging nicht gern spazieren — er erinnerte sich daran und lachte.

„Und das Kleid von Doucet, — Hans?" sagte sie langsam und vorsichtig.

„Das sollst du auch bekommen."

„Du bist doch ein lieber Mann", sie seufzte befreit auf, als handle es sich um etwas sehr Wichtiges, küßte ihn — und ging daun zur Ruhe.

Die ganze Nacht träumte sie von einem feenhaften Spitzenkleid und Straußenfedern, die sie auf der Promenade tragen würde — und von Musik und Tanz­sälen und Herren, die sie umringten und bewunderten. —

V.

Erna Rickling saß im Salon ihrer Schwägerin in Scheveningen und schrieb an ihren Mann.

„-Das erste Mal in meinem Leben, daß ich

einen großen Badeort sehe — Hans — es war eine Offenbarung — jede Minute bringt etwas Neues — Prickelndes — Unerwartetes — jede Stunde kann man sich auf die nächste freuen — Menschen — Menschen — Menschen —, die, so weit man blicken kann, den Strand bedecken — und nichts zu tun haben, als auf und ab zu wandeln und ihre Toiletten zu zeigen und für nichts anderes mehr da sind als für Genießen. Da weiß und fühlt man doch, daß man lebt — man wird angesteckt

— fortgerissen — berauscht sich am Licht und Leben — hört die Zigeuner spielen und wird sehnsüchtig — sieht die Sonnenblitze über den Wogen zucken und jubelt vor Lust — wird bemerkt — bewundert — umschmeichelt — und wenn man nach Hause zurückkehrt, wirft man einen Blick in den Spiegel und sieht — na — ja — was man im Nauental unter den Junggesellen-Tannen und den

Altjungfernspinnen fast vergißt-, daß man jung

und frisch ist und Augen und Lippen hat, die mehr ver­mögen als Gold und Macht-.

Arbeite gut, Männi, daß ich keine weiße Bogen nrehr sehe, wenn ich zurückkomme — Papier, Feder und Tinte

— es ist doch alles tot, wenn man es vergleicht mit dem

quellenden Leben, hier, >das alle Poren des Wesenß durchdringt-."

Sie hielt inne.

Eigentlich wollte sie erzählen, «daß sie kurz nach ihrer Ankunft am Strand Hans Reimer gesehen hatte, der hier einen Freund besuchte. Sie wollte ihm sagen,

'daß sie und Ethel oft mit ihm znsannnen gewesen waren und diese Stunden für sie mit zu den anregendsten zählten-er verstand es so gut, zu fesseln, zu ge­

winnen, eine geheime angenehme Ruhe zu erwecken —

— und dabei nie zudringlich zu sein — nie irgend etwas zu beanspruchen — ein elegantes Mpiel zu treiben, ohne im scheuen Frauenherzen die Fiircht zu erwecken, es könnte Ernst und Tragik werden.

Und sie ließ sich vom Feuer streifen, — das immer nur wärmte und prasselte und nie verzehrte.

Sie suchte nach Worten, um es dem Manne zu schrei« ben, und fand sie nicht.

Wie dumm! Es war doch nichts dabe' !

Ärgerlich warf sie die Feder zur Seite.

Es wäre doch so einfach zu schreiben: Hans Reimov ist hier!

Aber irgendwie blieb der Satz in der Feder steckctt

— mit hastiger, eilender Schrift beendete sie den Brief:

„Leb wohl, lieber Hans, grüße Frau Noswald und

Röschen, wenn Du sie siehst, und vergrabe Dich nicht zu tief in Deine Einsamkeit. — Das Kleid von Doucet ist bezaubernd. Deine Erna."

Dann wandte sie sich ihrer Schwägerin m, die auf dem Sofa am Fenster lag 'und einen englischen Roman las. >

„Ah — du bist fertig, Erie — Gott sei Dank —" sie legte gähnend das Buch zur Seite.

„Ein dummes, Lummes Buch — der Mann will iiber die Frauen schreiben und hat keine Ahnung, wie es in ihnen aussieht — liow stupid!" *

„Was ist es denn?"

„O, du kannst es sehen — es zählt nicht zu den Romanen, die Hans dir verbietet — Bobby hat es mir milgcgeben — diesmal aber hat er meinen Geschmack nicht getroffen — auf der ganzen Schlachtliuie möchte ich die Ansichten des Verfassers niederkänrpfen."

„Was hat der Ärmste denn verbrochen?"

Erna sah lachend zu ihrer Schwägerin hinüber. Deren Augen sprühten. Sie war sehr hübsch und be­stechend, hatte einen weichen, biegsamen Körper und im Mienenspiel etwas unwiderstehlich Fesselndes und Wechselndes. Alles an ihr lebte: die Augen, die Lip- I

pen, die Hände, je selbst die Haare, die in Kräuseln und |

Locken, in lichtem Blond, als habe die Sonne sich darin : verfangen, die Stirn einrahmten. I !

„Was er verbrochen hat?" Sie stampfte ungeduldig I mit dem zierlichen Fuß auf. — „Eine Reise nach dem Orient hat er verbrochen und versucht, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und über die Haremsma-uern zu gucken — und nun denkt er, er hätte was gesehen, und beginnt zu reden und zu schulmeistern und das geistige j