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1. Beilage Mm Miesbaüener Tagblatt.

Ko. 462. Ulorgen-Ansgabe.

(Schluß.) (Nachdruck verboten.)

Irmg-Um.

Noniau von A. W. Iloöinson.

Er schlich auf den Zehenspitzen ans Bett. Frau Picker- son blickte über den Rand der Hornbrille erstaunt auf den Schwiegersohn.

„Nicht gerade Besuchszeit", bemerkte er, „aber ich wollte nachsehen, ob Du nicht schläfst oder . . . sehr schwach bist . ."

„Was ist los? herrschte ihn Kitly erwartungsvoll an.

„Nun . . . Nin ist nicht so recht wohl ..."

„Ach!" rief Kitly. „Weiter!"

„Und wir können sie gar nicht beschwichtigen ... sie nill Dich sehen, sie sagt, sie müsse Dich sehen . . ."

„Gott sei's gedankt!"

„Wird's Dich aber nicht angreifen, aufregen?"

„Mich! Als ob das etwas schadete!"

„Und Du wirst sie auch nicht aufregen? Du mußt Dich nicht an ihre Reden kehren, sollst gar nicht dergleichen thun, als ob sie Dir auffielen, sagt Doktor Gravatt, sonst könnte es Nin schaden . . . furchtbar schaden."

„Sie ist also von Sinnen?"

„Ja ... so etwas ..."

„Sic war schon öfter nahe daran, glaube ich", bemerkte Kitly mit einem tiefen Seufzer. „Vielleicht an dem Abend auch, als sie sagte, daß sie mich nie mehr sehen wolle."

„Es stört Dich also nicht, wenn sie kommt?"

„Stören! Ich sehne mich ja den lieben langen Tag darnach."

„Und Du wirst wirklich ruhig sein, ihr gar nicht wider­sprechen . . ."

„Mach, daß Du sie bringst . . . viel Zeit habe ich nicht mehr."

Hansel sah die Kranke halb fragend, halb erschrocken an, daun ging er mit langen Schritten wie auf Stelzen hinaus.

„Ich dachte mir's ja, daß Nin mich nicht vergißt", sagte Kiity und die Mutter klappte ihr Buch zu und faltete die Hände im Schooß.

Schwer athmend starrte die Sterbende nach der Thüre hin und bald trat Nin in einem langen weißen Morgen­kleid mit frei über die Schulter wallenden Haaren herein Hinter ihr kamen Gravatt und Lord Kane und eine Diakonissin, die Kilty noch nicht gesehen hatte.

Wie blaß und seltsam und wie schön Jung-Nin aus­sah, dachte Kitly. Der Blick, das Flimmern in den starren blauen Augen gefielen ihr zwar nicht, aber sie war doch so froh, so froh, sie sehen zu dürfen.

Donnerstag, de« 4. Oktober«

„Was, Jung-Nin!" rief Kitty mit einem kläglichen Ver­such unbefangen zu erscheinen. „Du bringst mir ja eine ganze Gesellschaft! Es geht mir schlecht und ich habe einen schändlichen Husten, aber so lang Du da bist, will ich ge­wiß nicht bellen. Du marschirst ja prächtig, Nin . . . Du bist kein solches Wrack wie ich, das freut mich!"

Nin setzte sich auf Kittys Bett und nahm ihre Hand gerade wie Kitly es beim ersten Besnch hatte haben wollen.

„Geht es Dir besser, Kits?" fragte sie sonst.

»Ich sage Dir ja eben . , . man kann's auch besser nennen!"

„Wir werden ein wenig spät ins Variete kommen, Kits , . , sehr spät ... der Wagen steht schon eine halbe Stunde draußen. Paul auch . . er wartet auf uns, sag' ich Dir. Ich spür's immer, wenn er draußen steht! Willst Du machen, daß Du aus dem Bert kommst, Alte?"

„O Gott!" flüsterte Kitty nach Luft ringend. „So schlimm!"

„Ich bin recht begierig, ob die „Geflügelten Schönen" auch so ziehen, wie unsere andern Nummern? Schlecht ist's nicht, gell?"

„O nein."

„Eher gut, wenn Paul auch sagt, die Melodie sei ein Gemisch aus einer alten Hymne! Ein Kirchenlied und ein Couplet! Aber Paul weiß Alles! Ein geschickter Mensch ist er . Brauchst Du lang zum Anziehen, Kits?"

„Nein ... ich bin gleich fertig."

„Wenn Du Deine Rolle noch nicht recht kannst, so geben wir etwas Altes als „Extra" . . . einmal geht's schon . . . und sind dann am Sonnabend um so sicherer."

-„Ja, das wird wohl das Beste sein", sagte Kitty mit erstickter Stimme.

„Gut, gönnen mir uns Ruhe. „Die Schwestern Sonetta ruhen aus", hieß es in der Aera. wenn wir uns einen freien Tag gemacht hatten, weißt Du noch?"

„O ja, gewiß."

„Soll ich heute Nacht bei Dir bleiben? Du scheinst mir nicht recht wohl zu sein, Kits?"

„Ja, bleibe bei mir!"

„Ich möchte Dir auch etwas sagen", sagte Nin, sich an die Schwester schmiegend. „D'rum darfst Du mich gar nicht fortschicken!"

„Sag's nur, Liebe!"

„Kannst Du schweigen?"

„O ja . . . wie das Grab."

„Ich gehe nämlich nicht mit Paul. Ich bin jetzt ganz fest entschlossen nie . . . nie mit ihm zu gehen, Kits, wenn Dn's auch haben möchtest."

„Ja, es war mein Wunsch."

„Aber kein guter, denn siehst Du, es würde den armen

48. Jahrgang. 1900.

Hansel doch sehr betrüben und unnöthigen Klatsch absetzen für nichts und wieder nichts. Und Hansel war doch immer sehr gut gegen mich . . . gegen den Vater auch . . . und . nein, ich will ihn nicht betrügen! Viel lieber er­trinken, Kitty, viel lieber sterben, das wird für uns Alle das Beste sein! Da? .ist der richtige Schluß der Ge­schichte . so gehört es sich!"

Lord Kane reckte die Arme gen Himmel und stieß ein Geheul aus wie ein wildes Thier.

„Nieine Schuld . . . nur meine Schuld . . . Gott sei mir armen Sünder gnädig!"

„Schickt ihn hinaus, den Tölpel", bat Kitty. „Es wird sie aufregen."

„Nein, laßt ihn da bleiben", entschied Nin. „Er ist jetzt so selten daheim und dann will er bei mir sein, nicht wahr, Hansel?"

„Frag' mich nicht! Frag' mich nicht!" stöhnte Lord Kane.

„Ich bin so froh, daß sie mich endlich zu Dir gelassen haben, Kits", fuhr Nin fort. „Sie wollten es erst gar nicht ... ich mußte schreien und stampfen und mich ganz toll stellen . . . dann haben sie nachgegeben. Wahrscheinlich dachten sie. Du würdest mir wieder zureden, mit Paul durchzugehen."

„Nein, das thue ich nicht mehr", sagte Kilty mit letzter Kraft den Arm um die Schwester legend.

„Thu mir die Liebe und sag' ... nur mir zu Liebe! ... daß es Dich reut, mir je den Nath gegeben zu haben."

„Es reut mich ... o so von Herzen", hauchte Kitty.

„Das ist mir lieb! Jetzt kann ich entschlafen."

Die Schwestern lagen eng umschlungen.

„Jetzt wird sie wohl ein wenig Ruhe kriegen?" fragte Hansel den Arzt.

„O ja, sie wird Ruhe finden."

„Das ist gewiß ein gutes Zeichen. O wenn sie wieder gesund wird, was für ein anderer Mensch will ich werden, ich . . ."

„St! Stören Sie sie nicht, Lord Kane!" sagte Gravatt. „Wir tvollen die Schwestern allein lassen. Es genügt, wenn die Mutter und die Wärterin hier bleiben für die Nacht."

„Doktor!" ertönte es plötzlich unheimlich schrill von Kittys Lippen. „Hansel . . . Doktor ... sie wird so kalt . . . Sie ist fort, zuerst fort! Meine Jung-Nin ist fort!"

Kitty Bude hatte sich nicht getäuscht. Jung-Nin war aus der nieder» Stube im Fichtcnhof in eine unbekannte Welt gezogen. Paul Rnskoff stand noch wartend unter den alten Tannen, als schon der Morgen dämmerte.

Ende.

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