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«8. Jahrgang.

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Uo. 463.

Fernsprecher No. 52.

Donnerstag, de« 4. Oktober.

Fernsprecher No. 52.

I960.

Abend«flusgalie.

Die englischen Pnrlmnenlswahlen.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt uns unterm 2. Oktober: Die Parlamentswahlen sind im vollen Schwünge, and wie uns die Zeitungen versichern, herrscht überall die größte Erregung. An der Börse, wo schon seit Monaten nichts los ist, vermag man sich nun einzureden, daß jene Schlachten daran schuld sind, und ebenso ermöglichen sie in zahllosen anderen Fällen Diagnosen, die bisher Niemand zu stellen vermochte. Der Fernstehende müßte nach all den wunderbaren Schilderungen eigentlich annehmen, ganz Eng­land sei im Augenblick außer Rand und Band, und doch geht hier Alles ruhig in seinen gewohnten Gleisen. Wäre es nicht, daß der ahnungslose Wanderer durch die Straßen Londons hier und da von einem roth- nasigen, mit seemännischer Gangart behafteten gentleman überrascht wird, der auf ihn zurollt, als wollte er ihm um den Hals fallen, um ihm dann aber nur mit bedeutungs­voller Miene einen Wisch in die Hand zu drücken, auf dem man eingeladen wird, für Smith oder Brown zu stimmen, so merkte man nichts von den großen, sich abspielenden Er­eignissen. Aber man hat kaum mehr zu thun, als jene Wahlzettel zu lesen, um sofort zum vibrirenden Moleküle im Nationalkörper zu werden, und zum Bewußtsein der Kohäsion des rothnasigen Gentleman und anderer Patrioten zu gelangen. Da wird Smith, weil er ein Liberaler ist, als Landesverräther bezeichnet. der beabsichtigt, den Buren das gestohlene Land zurückzugeben, indeß Brown als Konservativer oder Unionist unbedingt unterdrückt werden muß, weil seine Partei kein Programm besitzt. Zum noch besseren Berständniß der politischen Situation, also zur Erziehung der Wähler, trägt aber die äußere Ausstattung der Wahllokale dar. Diese bilden immer zeitweilig leerstehende Läden, deren Fenster und ganze Außenseiten nicht nur mit litterarischen, sondern auch mit bildlichen Schilderungen der Tugenden der einen und den Lastern der anderen Partei beklebt sind. Unter Anderem sehen wir da, wie Mr. Chamberlain als Agent der seiner Familie gehörenden Firma Kynock bemüht ist, Kriege zu Stande zu bringen, indeß seine Gattin und all die Chamberlain'schen Sprößlinge und Verwandten in der Fabrik sitzen und eifrig Patronen machen. Auf einem weiteren, aber gegen die Liberalen gerichteten Bild ist John Bull dargestellt, wie er als Einzelner mit dem Buren und dem Chinesen zugleich ringt und dabei hinterrücks von den liberalen Parteiführern angegriffen wird. Die politische Hochschule bilden natürlich die Wahlversammlungen. Gestern Abend hielt der Lordmayor in Gemeinschaft mit Lord George Hamilton eine solche ab, doch wurden sie in ihren Reden fortwährend von einer anwesenden kleinen Schaar Liberaler unterbrochen. Der Vorsitzende bat daher die Versammelten um ihre Zustimmung, jene Herren wie weiland den Gast

Feniüeton.

Friedrich Nietzsche undMnlvidav. Meysenbug.

Eine Episode aus Friedrich Nietzsches Leben.

Von C. Landolf.

Daß Bayreuth zur Zeit der Festspiele die Gcburtsstädte des „Menschlichen, Allzumenschlichcn" wurde, ist bekannt. Nietzsche hatte schon damals angefangen, sich innerlich von Wngner loszulösen, nun folgte die zweite wunderbare That- sache, daß der größte Theil dieses kühlen und skeptischen Buches in der wonnevollsten Gegend der Welt, in Sorrent, :ntstand und zwar in der Nähe und im engsten Znsammen- lel»en mit Malvida v. Meysenbug, jener große» Jdealistin, ich möchte sagen der Jdealistin kat'exoeben, die Nietzsche bei der Grundsteinlegung des Festspielhauses im Jahre 1872 kennen gelenit hatte. Nietzsche schrieb unter dem 24. September 1876 an Freiherrn v. Scydlitz, dessen Bekanntschaft er ebmfulls in Bayreuth gemacht: „Sie gehen am 1. Oktober nach Davos und ich am gleichen Tage nach Italien, um in Sorrent meine Gesundheit wieder herzustellen, im Zusammen­leben mit meiner verehrten Freundin Fräulein v. Meysenbug. Kennen Sie deren Memoiren einer Jdealistin?" Ferner am 28. Oktober: „Da sind wir in Sorrent! Die ganze N^sc von Bex bis hierher nahm acht Tage in Anspruch; in Genua lag ich krank, von dort brauchten wir drei Tage Meerfahrt. . . . Wir fanden Fräulein v. Meysenbug in einem Hotel in Neapel und reisten gestern zusammen in die neue Heimath Billa Nnbinacci, Sorrent prös de Naplcs. Ich habe ein ganz großes hohes Zimmer, vor ihm eine Terrasse. Ich komme vom ersten Meerbad zurück, da8 Wasser war wärmer, nach R6e, als die Nordsee im Juli. Gestern Abend waren wir bei WagnerS, welche 5 Miirutcn von uns im „Hotel Viktoria" wohnen und noch den Monat

im Schwarzen Walfisch zu Askalon behandeln zu dürfen. Der Sohn des Lordmayor wurde darauf in höchst eigener Person pro tempore zum Hausknecht ernannt und hob, wie die konservativen Zeitungen heute stolz erzählten, einen der ungeberdigslen Liberalen mit Riesenkräften empor, trug ihn aus der Halle und warf ihn auf die Straße.

Als er aber zurückkam, erlag er der Ueber-

macht. Dieselbe stieß ihn mit dem Kopfe durch eine starke Spiegelscheibe in der Thür. Fürchterlich zerschnitten, konnte er sich aus dem stacheligen Halsbande der Glasspitzen nicht befreien und wurde in dieser unglücklichen Stellung schreck­lich durchgebläut. Offenbar waren die Parteigenossen des Aermstcn keine besonderen Helden, denn sonst wäre es den paar anwesenden Radaumachern wohl schwerlich möglich ge­wesen, den improvisirten Hausknecht so entsetzlich zuzurichten, daß er schleunigst in ein Hospital überführt werdeit mußte. — Die Erregung, welche den Zeitungen gemäß durch die Wahlen veranlaßt wird, herrscht offenbar hauptsächlich in den Redaktionsbüreaus, denn der heutige „Standard" kündete jubelnd an, den Liberalen seien gestern zwei Sitze, und zwar einer durch Mr.Winston Churchill, den jugendlichen Kriegskorrespoiidenteii, abgerungen worden. Es beruhte das aber auf einem Jrrthum, denn Churchill unterlag seinem liberale» Gegner. — Höchst bezeichnend für den Umschwung der Stimmung, der in den höheren Schichten der englischen Gesellschaft jetzt langsam vor sich geht, ist es übrigens, daß dem Lord Portsmouth, der unlängst das Lager der Unionisten verließ, nun auch Lord Durham folgte. Letzterer erklärte, die unionistische Maske diene nur noch dazu, um liberale Wähler für die Tories zu kapern. Nichtsdestoweniger haben die Liberalen indeß keine Aussicht auf nennenswerthe Erfolge, denn die Jungen in den Straßen, die ehedem Polizei und Räuber zu spielen liebten, nennen das Spiel jetzt Liberale und Unionisten, und wie früher die Polizei, bekommen jetzt die Liberalen die Prügel. Kommende Ereig­nisse werfen ihre Schatten oft im Voraus.

* * *

London, 4. Oktober. Bis 1 Uhr Nachts wurden 210 Ministerielle und 75 Mitglieder der Opposition gezählt. Die Ministeriellen ge­wannen 7, die Oppositionellen 10 Sitze.

Deutsches Reich.

* Aof- und Personal - Dlachrichtri«. Staatssekretär v. Bnlow hat nach seiner Rückkehr die Geschäfte des Auswärtigen Amtes in vollem Umfang wieder übernommen. Gestern und heute horte er im Dienstgebäude des Auswärtigen Amtes bereits die ge­wohnten Vorträge. Die Nachricht von einer Unpäßlichkeit desselben ist unbegründet. — Die Königin von Nuinänien, welche seit einiger Zeit bei ihren Verwandten aus Schloß Scgenhaus bei Neuwied zum Besuch weilte, hat wieder die Heiiureisc angetretcu. Ueber die Gründe der etwas beschleunigten Abreise sind allerhand Gerüchte im Umlauf, welche von einem beabsichtigten Attentat wissen wollen.

* Kertin, 4. Oktober. Zn den verschiedenen Versionen über den Zeitpunkt des Zusammentritts des Reichstags bemerken die „Berl. Neuest. Nachr.". daß die Dispositionen der maßgebenden Kreise nach wie vor dahin gehen, den Reichstag in der zweiten Halste des November eiuznbcrnfcn.

November bleiben." Das Zusammenleben der vier Be­wohner der Villa Nnbinacci (Fräulein v. Meysenbug, Nietzsche, der Verfasser der „Psychologischen Beobachtungen" Di'. Paul Ree und der Studioscs Albert Brenner, den Nietzsche mitgebracht hatte) gestaltete sich trotz der sehr ver­schiedenen Lebensalter (die älteste 60, der jüngste 20) oder vielleicht gerade deshalb außerordentlich anmuthig. Man ging spazieren, diktirte, las vor, die verschiedenartigsten Autoren Voltaire, Diderot, Michelct, Thucydides wurden durchgenommcil und neben diesen gemeinsamen Studien ver­folgte jeder der vier Insassen der Villa Nnbinacci seine eigenen Pläne; Fräulein v. Meysenbug schrieb an den „Erinnerungen einer alten Frau", die jetzt, als „Lebens­abend einer Jdealistin" erschienen sind, Nietzsche am „Menschlichen, Allznmenschlichen", Ro'e verfaßte setne Schrift: „Ueber den Ursprung der moralischen Empfindungen", und der schon ein Jahr später verstorbene Studiosus Brenner, aus den Nietzsche große Hoffnungen gesetzt, schrieb einige Novellen, darunter „Das flammende Herz", die später in der „Deiitschen Rnndschcnl" (Juli 1877) ab- gcdruckt wurde. Nietzsche gedachte dieses ersten Aufenthalts im Golf von Neapel stets besvnders gern. Noch im Jahre 1887 schreibt er an Fräulein v. Meysenbug: „Von jenem stillen Aufenthalt da unten habe ich eine Art Sehnsucht und Aberglauben zurückbehalten, >vie als ob ich dort, wenn auch nur ein paar Augenblicke, tiefer anfgeathmct hätte, als irgend wo sonst im Leben. Zinn Beispiel bei jener allerersten Fahrt in Neapel, die wir zusammen nach dem Posilipp zu machten." Die Freundin, die damals wie eine gütige Mutter liebevoll für Alle gesorgt, giebt in ihrem Buch nun ihrerseits ihre Eindrücke und Erlebnisse wieder und berichlet über jene Fahrt mit Nietzsche, der bei der Ankunft in Neapel von dem schreienden, lärmenden nutz zudringlichen Volk sehr unangenehm berührt gewesen' „Es war einer jener Abende, wie man sie nur dort erlebt, Himmel und Erde schwammen in einer Glorie von

Ausland.

* Ke>Sirn. Noch dem „Etvile belge" begingen belgische Rekruten tn Vilvorde eine schwere Insubordination, indem sie mit Socialisten gegen die Offiziere fraternisirten. Es entstand eine schwere Schlägerei zwischen Socialisten und Rekruten einerseits. Korporalen und Unteroffizieren andererseits. Sieben Hauptschuldige wurden in Arrest gesteckt.

* Türkei. Der Schah von Persien ist stark verstimmt. Er erwartete den Enipfana des Sultans, wie verabredet worden war, in Ortakeui, statt dessen begrüßte ihn der Sultan im Äildiz- Kiosk. — Die offiziellen türkischen Zeitungen veröffentlichen an ihrer Spitze in fetter Schrift die Nachricht, der Schah habe dem Sultan bei der ersten Begrüßung die Hand geküßt und ihn als Khalifen anqeredet. Wenn dieses offizielle Communique mit den Thatsachen nberemstimmt, so wäre, wie dem Konstantinopeler Korrespondenten der „Franks. Ztg." in einflußreichen persischen Kreisen versichert wird, die Stellung des Schahs unmöglich und die intensivste Agitation der fanatischen persischen Sekten wäre zu er­warten. Der persische Botschafter ist im Zusammenhang hiermit in Ungnade gefallen und seine Abbernfung wird nach Beendigung des Besuches erfolgen. Als Zeichen der Mißstimmung des Schahs ist es auch miznseheii, daß das im Mdiz-Kiosk geplante diplo­matische Dmer infolge angeblicher Ermüdung des Schahs ausfällt.

Der Aufstand in China.

Waldersee.

llck. London, 3. Oktober. Graf Waldersee hat, wie aus Trentsin telcgrapbirt wird, sehr herzliche Beziehungen mit den verbündeten Kommandeuren hergcstellt. Die öffentliche Meinung in Tientsin billigt Deutschlands Haltung in Bezug auf sein Ber- langeu, die Urheber der jüngsten Erhebungen bestraft zu sehen, in vollster Weise.

dck. Varls, 4. Oktober. Ein Mitglied der Umgebung des General-Fcldmarschalls Grafen Waldersee crllärte einem Vertreter des „Journal" in Shanghai, der Graf sei zum Wiederaufbau, aber nicht zum Zerstören nach China gesandt worden.

Kampf der Deutscher«.

dck. London, 3. Oktober. Nach einer Meldung von „Laffans Bureau verloren die Boxer bei dem schon gemeldeten Gefecht mit den Deutschen 150 Mann.

Die Eroberung von Shangftaikwan.

_ M. Kerlin, 4. Oktober. Der „Lokal-Anzeiger" meldet au» Shanghai: Außer vier deutschen Kriegsschiffen nahmen englische, französische und rutstschc Schiffe an der Eroberuilg von Shanghai- kwan Theil. Unter den Landtruppen befand sich das 2. Bataillon des 2. dcutichen ostasiatischen Infanterie-Regiments. — Die Admirale hatten beschlossen, Shanghaikwan zur Sicherung der Ver- Peking. ju nehmen. Die Forts wurden von 10,000 Chinesen vertheidigt. An der Aktion nahmen 3500 Russen 100 Engländer, 1200 Franzosen, 800 Deutsche und 500 Italiener sowie ein Theil der internationalen Flotte unter dem Befehl des Admirals Candiani Theil.

Der groß« Unbekannte.

Eine amtliche Meldung aus Peking vom 23. September be­richtet über das vorläufige Ergebniß der wegen der Ermordung des Gesandten Freiherrn v. Ketteler aiigestcllten Untersuchung. Nachdem der chiiiesische Unteroffizier, der den tödtlichen Schuß auf Frechcrrn v. Ketteler abgegeben hatte, bei dem Versuch, die Uhr des Ermordeten zu verkaufen, erkannt und von japanischen Soldaten festgenommen war. wurde er auf Antrag der deutschen Vertretung unseren Truppen ausgcliefert. Am 21. v. M. fand seine letzte Vernehmung statt. Darin sagte der Verhaftete aus, ani 19. Juni Nachmittags hätten er und seine Leute von einem Prinzen den Befehl erhalten: „Schießt die Fremden nieder, wenn Euch welche

Farbeiitönen, die man nicht beschreiben kann, die aber die Seele durchdringen mit dem Zauber einer wonnevollen Musik, einer Harmonie, in der sich jeder Mißton auflöst und ver­schwindet. Ich sah, wie Nietzsches Gesicht sich in freudigem, beinahe kindlichem Staunen aufhellte, wie ihn innige Rührung itberkam, und endlich brach er in einen Jubelausruf über den Süden aus, den ich als eine gute Vorbedeutung für seinen Aufenthalt begrüßte." Die weiteren Schilderungen, wie nian sich das Leben einrichtete, unter Lachen und Spaß ans Eseln weitere Ausflüge machte, wobei namentlich der junge Brenner wegen seiner langen mit denen des Esels auf der Erde fortlaufenden Beine Zielscheibe des Witzes wurde, wie man sich am Abend zu angeregtem Gespräch und gemeinsamer Lektüre znsammcnfand, bei Wagners, die sich mit der Geschichte der italienischen Republiken viel be­schäftigten, verkehrte, mag man in dem Buch selbst Nach­lesen. Uns intercssirt besonders die Meysenbng'sche Mit­theilung. daß schon damals in Nietzsches Reden und Be­nehmen eine gewisse gezwungene Art von Natürlichkeit und Heiterkeit hervvrtrat, die ihm sonst fremd war. Während jene im Nachgcnuß von Bayreuth schwärmten, war bei Nietzsche bereits eine Aenderung der Gesinnung cingelreten, die er zunächst nicht merken ließ. Als Wagner Ende November Sorrent verlassen halte, packte Nietzsche ein Manuskript nach den Vorlesungen von Jakob Burckhardt über griechische Kultur, von einem Schüler Nietzsches nach- geschrieben, aus und entzückte Alle durch einen münd­lichen Kommentar über diese : schönste Kulturepoche der Menschheit. Er betonte, daß die eigentliche Blüthezeit des griechischen Volkes die drei Jahrhunderte nach dem heroischen Zeitalter bis zur Schlacht bei Marathon gewesen sind, die Zeit des Agon, des Wett- kanlpfcs, wo ein Jeder der Erste sein konnte, weil die Eifer­sucht des großen Strcbens es nicht litt, daß Einer zu hoch emporrage. Die geistvolle Auffassung aller LebeHvorgünge bei den Griechen war Nietzsches Stärke, eine kritiklose Be«