#8. Jahrgang.
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N«. 488.
Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 2. Oktober.
Fernsprecher No. 52.
1900.
flfoerad-AMSfjaise.
Deutsches Deich.
Die Korse.
In der Finanzivelt will man die Hoffnung nicht fahren lassen, daß die Regierung und die Konservativen ei» Einsehen bekommen und das Börsengesrtz abändern werden. Jetzt wieder werden Gerächte verbreitet, wonach ein Mitglied des Staatsministeriums bezügliche Besprechungen mit Angehörigen der Hochfinanz gehabt haben soll. Wenn das wahr ist, so kann es sich selbstverständlich nur um einen unverbindlichen Privatakt gehandelt haben. In der „Deutschen Juristen-Zeitung" meist der Mitherausgeber, Justizrath Staub, darauf hin, daß eine Reform des Börsengesctzcs in Bezug ans das Terminregister zur Abstellung der hervorgetretenen Uebcl- stände nur dann führen würde, wenn gleichzeitig der vom Differeilzcinwand handelnde § 761 des B.-G. nbgeändert würde, daß aber große Aussicht für solche Reform nicht vorhanden zu sein scheine. Wir möchten weiter darauf aufmerksam machen, daß es der Börse — gleichgültig zunächst, ob mit Recht oder Unrecht — ; wesentlich noch auf die Wiederzulassung des Terminhandels in Bergwerkspapieren ankommt. Ist eine Abänderung des bürgerlichen Gesetzbuchs kaum zu erwarten, so ist cs noch weniger die Aufhebung des Verbots des Ullimohandels in den genannten Papieren. Gleichwohl dürften einige Acnderungen des Börscngesetzes erwogen werden, aber mehr als Flickwerk wird dabei wohl nicht herauskommen.
Crispi über den Dreibund.
„Nuova Autologia" veröffentlicht einen Artikel Erispis aber bcn Dreibund, der, wie es im Artikel heißt, keine Schöpfung Bismarcks, sondern ein Werk des Zufalls sei. Italien sei dem im Jahre 1879 geschlossenen Vertrag im Jahre 1882 beigctreten. Der Beitritt Italiens zum Dündniß war begründet durch die an der Grenze Frankreichs und Oesterreichs drohenden Gefahren und durch die wachsende Unordnung im Innern. Die italienischen Radikale», anstatt angemessene Rüstungen zu fordern, forderten vielmehr Entwaffnung und ein Bündniß mit Frankreich. Ein Bündniß mit einer republikanischen Regierung, die stärker sei als Italien, wäre gefahrvoll für die monarchischen Institutionen Italiens. Rußland, das stärker als Frankreich sei, habe dieses in die Sphäre seiner auswärtigen Politik gezogen. Die russisch-französische Freundschaft habe den guten Erfolg gehabt, daß Frankreich die Hoffnung verlor, den Kaiser von Rußland als Gehülfen bei einem dreisten Unternehmen zu haben. Italien könne trotz seiner Zugehörigkeit zum Dreibund seine ausgezeichneten Beziehungen zu Frankreich beibehalte». Italien mit seiner schwachen, unlhätigen Politik bat Frankreich um das Almosen eilieg Lächelns, indem es auf die reichste italienische Kolonie am Mittelmcer verzichtete, während Deutschland dagegen den Grafen Waldersee französischen Soldaten als Vorgesetzten
Feuilleton.
Berliner Kunst-Krief.
(Eigenes Feuilleton für da s „Wies b ad euer Tagblatt".)
Auf allen künstlerischen Gebieten hat sich in den letzten fahren ein Umschwung vollzogen. Das Wesen dieses Umschwungs liegt darin, daß man der Wirklichkeitsuachahmung, . Jahren, der hohen Zeit des Naturalismus,
eine Erlösung von süßlicher und geschminkter Schönrednerei war, allmählich überdrüssig ward. Wenigstens der einseitigen, die nichts Anderes neben sich dulden wollte.
Zuerst ging dieser Wechsel in der Malerei vor sich. Man bewahrte vollkommen die Anerkennung für alle Wicklichkeitskunst, die lehrt, auch das geringste Alltagsereigniß malerisch zu sehen; man wußte genau, daß in der anfangs von den Schöngeistern mit Nasenrümpfen begrüßten „Armeleutmalerei" ebenso viel starke Kunst sein kann, als in den Farbentrüumen einer idealen Scenerie.
^ Aber widersinnig erschien einer aus den Fesseln der Schülerprinzipien gelösten Erkenntniß die Beschränkung auf einen Stoffkreis, die Verkündigung des Alleinseligmachenden der „Armeleutmalcrei". Die Wirklichkeit, den Alltag in Ehren, aber die künstlerische Welt ist weiter als sie, und nicht wollen wir auf die Wunderblumen einer Phantasie verzichten, die mit ihrer Kunst uns die berauschenden Illusionen einer unseren engen Existenzbedingungen nicht unterworfenen Welt schafft. Aber nicht nur Liebermanns treue Andacht zu irdischer Kleinheit, sondern auch Ludwig v. Hoffmanns schönheitstrunkeues Fliehen in elysäische Gefilde von Dichters Gnaden.
Ein Suchen nach Schönheit erwachte. Die stählende, spröde Schule der einseitigen Wirklichkeitskunst war ein guter Training gewesen, um bei dieser Schönheitssuche nicht wieder
giebi. Deutschland und Italien seien dreißig Jahre lang verschiedene Wege gegangen. Das Beispiel müsse Italien lehren.
* * *
, * Hof- »ud Nerfoinii-Uachrichte». Auf der Wartburg
ist Montag der 22-jährige P r i n z B e r n h n r d Heinrich, zweiter Enket des Äroßhcrzogs von Sachsen-Weimar, Leutnant im 3. Garde- Ulanen-Negiment zu Potsdam, plötzlich nach. Tags vorl)cr eingetretener Erkrankung an Herzlähmuna gestorben. Der Großherzog kn aufs Tiefste erschüttert und verläßt vor Schmerz nicht das Sterbebett. Die Erbgroßherzogin-Mntter (der Vater des Prinzen ist schon 1891 gestorben) weilt in Oberitalien.
* Kerli», 2. Oktober. Die „National-Zeitung" erfährt, daß die agrarischen Mitglieder der laudwirthschafttichen Kommission des wnthschaftlichen Ausschusses, welche vor einigen Tagen hier versammelt waren, beschlossen haben, dem wirthschaftlichen Ausschuß die Erhöhung des Weizen- und Roggenzoils von 3 Mk. 5« Pf. auf 8 Mk. im Maxinialtarif und auf 6 Akk. 50 Pf. im Minimaltarif zu beantragen.
* Kirteiifchreibrir. Der „Köln. Volksfr." theilt mit, daß ein gemeinsames Hirtenschrcibcn der preußischen Bischöfe, datirt Fulda, den 22. August, sich mit der socialen Frage und den katholischen Arbeiter-Vereinen und -Verbänden befaßt'. Für diese werde die religiöse Grundlage nachdrücklich gefordert und die Errichtung von farblosen sogenannten neutralen Verbänden verworfen.
Ausland.
Dam amerikanische,» Wahlkampf.
Ic. New-Aork, 19. September.
Mr. Mc. Kiuleys rühriger Rivale, Mr. Bryan, läßt kein Mittel unversucht, uni diesmal zur höchsten Würde des Landes zu gelangen, und da ihm die Mehrheit seiner weißen Landsleute nichts weniger als sicher erscheint, so wendet er sich an die schwarzen. Die Demokraten waren es, die in verschiedenen Staaten cs dahin gebracht haben, daß die Neger ihr Stimmrecht verloren, sie sind es bisher stets gewesen, welche an der Spitze der Verfolgungen standen, denen diese unglückliche Nasse ausgesetzt ist. Das hindert aber den Führer dieser Partei jetzt durchaus nicht, sich offen gegen diese Ungerechtigkeiten zu erklären, „all is fair in lovs nnä war“ und ganz besonders im Wahlkriege. Wenn die Schwarzen den Versprechungen Brhans trauen, so dürfte er sich allerdings durch dieses Manöver über eine Million Stimmen erobert haben. Ein Theil derselben wäre ihm wohl jedenfalls zngefallen, denn der farbige Bischof von Atlanla (Georgien), Henry Turner, der auf die Neger großen Einfluß besitzt, ist dem dcinokralischen Präsidentschaftskandidaten günstig, weil er die imperialistische Politik der Republikaner nicht gut heißt. Er beabsichtigt sogar, eine Reise durch verschiedene Staaten zu unternehiiicn, um Reden zu Gunsten von Mr. Bryan zu halten. Unter de» obivaltenden Umständen dürften die Demokraten es sehr bedauern, daß sie nicht geruht haben, bis den Schwarzen das ihnen gewährte Stimmrecht theilweise wieder genommen wurde, und eS steht zu hoffen, daß sie darin eine Strafe für ihre Ungerechtigkeit sehen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, daß sie, sollten sie ans Ruder gelangen, die ihnen gewährte Unterstützung schleunigst wieder vergessen. In Deutschland dürfte man den Phasen des sich hier abspiclenden Wahlkampfes sicher
in die glücklich überwundene konventionelle «Süßlichkeit zurück- znfallen.
Parallel mit dem neu erwachten Schönheitssinn ging ein Aufblühen des KnnstgetverbeS, das in Deutschland jahrelang geschlafen hatte. Aus dem Brachfeld keimte es üppig. Die Künstler konnten sich nicht genug lhnn in der Veredelung des gesaminten Hausrathes. Ein Interieur sollte in Farbenstimmung, Disposition der Möbel ein Kunstwerk sei», ivie ein Bild. Unsere Kunstsalons, vor Allem Keller und Reiner, bemühten sich, diese Ideen in Anschauung umzusetzen. Sie schafften nicht nur den Rahmen, das Acnßere, den Ranni, sondern sie wollten ihn auch mit dem organischen geistigen Leben fülle». Sie haben in ihrem Saal, voll Bildern, mattfarbenen Stoffen, opalisircnden Beleuchtungskörpern Vortrage romantischer Dichtungen, Tristan- Paraphrasirnngen auf dem Harmonium, Recitationeu symbolistischer Lyrik veranstaltet.
Von dieser unsere Kunst jetzt so beherrschende» Strömung, die man eine phantastisch-dekorative nennen könnte, ist etwas fast ganz unberührt geblieben, das Theater. Es gab zwar Märchen- und Traumslücke, aber man erstrebte für sie weder einen neuen Stil der Darstellung, noch die dekorative Ausgestaltung, die sich aus dem Können unserer Landschasts- knnst in Bildern und Knnstgewerbe ergeben hätte.
Jetzt erst beginnt hier eine Regung dafür. In. dem Stoff der ganzen Auseinandersetzung, die eben gegeben wurde, liegen die Voraussetzungen eines neuen Theaters, das zwei neue Männer, der Schauspieler Marlin und der Dr. Zickel, begründeten, der „Secessions-Bühne".
Um cs gleich vorweg zu nehmen: Diese Bühne ist vorläufig weit entfernt davon, eine Erfüllung jener künstlerischen Wünsche zu geben. Sie ist nur ein Versuch, und eigentlich ein schwacher Versuch. Ihre eigenen Leistungen hätten kaum die lange Einleitung verdient. Aber daß eine Bühne dieser Art überhaupt gegründet wurde, scheint ein wichtiges
die größte Aufmerksamkeit schenken, denn der Ausfall desselben besitzt ja eine Bedeutung weit über die Grenzen unseres Landes hinaus, und speziell für den deutschen Export ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, ob Mr. Mc. Kinley am Ruder bleibt oder die Gegenpartei sich der Staatsgeschäfte bemächtigt.
Türkisches.
ä. Madrid, 28. September.
Der hiesige türkische Gesandte, Jsset-Fuad, hat bekannt, lich seine Entlassung eingereicht, und die Gründe, weshalb dies geschehen, waren hier für Niemand ein Geheimniß; wie überall die Vertreter des osmanischen Reiches, hatte auch der hiesige mit zu argen Geldnöthen zu kämpfen, sodaß er schließlich nicht mehr ein noch aus wußte. Diese Thaisache ist vielleicht an und für sich nicht sonderlich interessant, da sie eben ein sv häufiges Vorkommniß, neu aber ist, daß Fuad Pascha es für richtig befunden, eine Depesche, die er dieserhalb an den Sultan gesandt, der Oeffenttichkeit zu übergeben. Er erklärt auch, weshalb er dies gethan, nämlich damit seine Botschaft auch wirklich nnverstümmelt an den Sultan gelange. Die Schilderung, welche der arme Gesandte von seinen Leiden entwirft, muß wirklich Mitleid erregen. Seil Monaten habe weder er, noch die anderen Mitglieder der Legation einen Pfennig Gehalt empfangen, sodaß sie von Gläubigern auf Schritt und Tritt verfolgt würden. Der Pascha schließt damit, daß. wenn der Herrscher in seiner bekannten Gerechtigkeitsliebe ihn nicht decken wolle, er seine Mission als beendet betrachten und seine Rnckberufung erbitten müsse. Diese wird aber natürlich auf jeden Fall erfolgen, denn der Sultan wird keinen Vertreter haben wollen, der zu derartigen Mitteln greift und die ganze Welt mit den miserablen Zuständen, die in der Türkei herrschen, bekannt macht oder doch — denn dieselben sind ja allerdings für Niemand ein Ge- heimniß — in dieser Weise die Aufmerksamkeit darauf lenkt.
unter den Ttchcchen ist uit beständigen Wachsen. Nicht weniger alt 17 römische Priester tschechischer Nation haben sich zum Ueb'ertritti gemeldet. Die Zahl der sich anmeldenden Laien wachst täglich. — ttcbcrtnttc in größerer Anzahl Seitens deutscher Arbeiter stehen in Bnick a. M. bevor. — In Neitendorf (Nordmähren) sind jungst 42 Personen der altkatholischen Gemeinde beigetreten — In der ungarischen Gemeinde Kanyareva bei Lagos entstand wegen Benutzung der gemeinsamen Weideplätze ein Bauernaufruhr Die einschreitendc Gendarmeite machte von ihrer Schußwaffe Gebrauch, wobei drei Bauern todt und zehn schwer verletzt wurden.
* Türkei. Aus Konstantinopel meldet das „Berliner Tageblatt" : In de» letzten Tagen hat die Polizei eine Thätigkeit entwickelt, die selbst für hier ungewöhnlich war. Die Kundgebung des Schwagers des Sultans, Mahmud Pascha, au die Juugtiirken hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, und Verhöre und Verhaftungen folgen einander ununterbrochen. Man geht sogar so weit, die Dienstboten europäischer Familien nuSzufragen. wer int Hause verkehre oder logire, und doch glauben die Regierenden selber nicht, am wenigsten die Polizei, an eine Gefahr Seitens der Armenier oder Jungturken. Wenn Unruhen bevorstehe», werden sie durch die allgemeine Unzufriedenheit mit der Regierung und der Finanzwirthschaft entstehen. Bezeichnend für die Stimmung ist, daß Ahmed Djcllaeddin Pascha, der Chef der Geheimpolizei und ein Jugcnfreund des Sultans, vor einigen Tagen seine Demission
Symptom und rechlferligt ein näheres Eingehen auf diesen Vorläufer.
Voll Unvollkommenheit ist noch Alles an ihm. Sein Heini, ein Vorstadthaus am Alcxanderplatz, das aber einen harmonisch auf Grün und Violett gestimmten Zuschauer- raum intimen Charakters birgt. Kein Vorhang, nur eine einfarbige Gardine mit modernem Linienspiel. Die Beleuchtung ein an der Wand sich ziehender Fries leuchtender Birnen.
Man will die Dekorationen von modernen Künstlern entwerfen lassen. Heudrich und Kurt Stolving sind herangezogen worden. Sie haben freilich genug Geschmack und Stilgefühl, um daL, was nöthig ist, zu treffen. Aber die Kcnntniß der Optik des Theaters, der besonderen Beleuchtungsbedingungen der Bühne fehlt ihnen. So bleiben diese Entivürfe meistens schöne Gedanken.
Das Wichtigste aber ist die Wahl des Repertoires. In Betracht kämen vor Allem Maeterlincks Dämnierdramen, die zwischen Traum und Wachen schweben, die seelische Vorgänge durch raffinirte suggestive Mittel in die Erscheinung treten lassen, die Affekte, besonders Furcht und Entsetzen, fast körperlich darstellen.
Dann d'Annunzios artistisch-dekorative Spiele, die Menschen und ihre Geschicke zur Schau stellen, wie ein Atelier schwelgerisch dekorirt mit Statuen; alle Leiden und Freuden ohne menschliche Antheiliiahme nur vom Jenseits des Künstlers gesehen, nur von dem Gesichtswinkel aus, was können sie an einem Menschen für malerische oder plastische Wirkung schaffen?
Ferner die kleinen feingerahmten Stilsceueu Hugo v. Hofmannsthals.
Nun ist das sehr Merkwürdige, daß die Secessionsbühne mit keinem von diesen Dreien angefangen hat, sonder» mit einem Jbsen'schen Jugendstück „Die Komödie der Liebe", das weder phantastisch noch dekorativ ist und
