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1, Beilage zum Mesbaöener Tagblatt.

Ko. 437. Aberrd-Aussake.

Montag, den 1. Oktober.

48. Jahrgang. 1900.

Der ist kein Bürger, der die cig'ne Sorge Vergißt nicht in der Roth des Allgemeinen.

Grillparzer.

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(Nachdruck verboten.)

Uerhangmjje.

Roman von Walter Schmidt-Kätzker.

Als der zürnende (A)ttesengel den sündigen Menschen das Paradies entrückte und den Garten Eden mit all seiner strahlenden Zauberherrlichkcit hinwegtrug über die ent­heiligte Erde hoch in das unbegrenzte Blau des Himmels, muß ein winziges Stückchen von dem harmonischen Ganzen abgebröckelt und achtlos in die Tiefe gefallen sein, wo es zwischen den tannenbewaldeten Schwarzwaldbergcn liegen geblieben ist.

Göttliche Lebens- und Liebeskraft barg jene Scholle der geweihten Erde und diese keimte und sproßte weiter durch Jahrtausende, eine klare Thräne des mitleidigen Engels war an den Gräsern hängen geblieben, wie ein blitzender Thau- tropfen und wandelte sich zum heiluugskräftigen, unaufhörlich von allen Himmelswundern murmelnden Bach, der noch heute dieses Stückchen verlorenen Paradieses durchzieht, das Enzthal.

Wer es einmal durchwandert mit empfänglichem Gemüth, der vergißt es nimmer, und die klaren Quellwasser, auf deren krystallenem Grunde man die Gebirgsforellcn spielen sieht, haben die geheimuißvollen Eigenthümlichkciten des römischen Trevibrunnens, daß Jeder, der einmal damit die Lippen auf fröhlicher Wanderung benetzte, in ihrem magischen Banne bleibt und mit heimlicher Sehnsucht eine Wiederkehr erträumt in die romantische Stille, die beglückende Schönheit dieses echten, unverfälschten Waldidylls.

Es ist Hochsommer! — Die Himbeersträucher am Wege tragen tausendfältige Frucht; in allen nur denkbaren Farben, in verschwenderischer Ueppigkeit drängen sich ans jedem noch so engen Spalt der Gesteine, am Quellcnrand und am Wiesenrain die schönsten Kinder der Flora, blauer scheint der Himmel, saftiger das Grün der Wiesen und Matten, schattiger und dichter das Laubdach der Bäume hier als sonst irgendwo in der sonnigen Welt.

Ein Wettkampf ewigen Entstehens, ein stummer Hymnus auf die Großartigkeit der Schöpfung.

Ein sauberes Bauernhaus liegt hart am Wege. Eine hölzerne, rohgezimmerte Veranda umzieht die niedrigen Fenster des einen Stockwerks. Epheu rankt sich daran empor bis dicht unter das vorspringende Dach, an dem die Schwalben­nester kleben.

Auf Aasten und Zweigen zwitschert die junge Brut, die ihre ersten Flugübuugen macht, dazwischen girren die Tauben, und vor dem Häuschen scharren die Hühner im Sande. Alles lebt, athmet und genießt, Alles singt, zwitschert und flattert durcheinander.

In dem kleinen Vorgarten zwischen den buntblühenden Beeten sitzt in einem bequemen Holzstuhl ein junger Alaun, weit zurückgelehnt, ein Buch auf dem Schooß, beide Hände unter dem Kopf verschlungen.

Das Gesicht ist regelmäßig und fein geschnitten, die schlanke Figur in der halb nachlässigen, aber eleganten Sommerkleidung kennzeichnet den Mann der großen Welt. Der Kopf ist nicht schön zu nennen, aber die hohe weiße Stirn und die tiefliegenden, von langen dunklen Wimpern überschatteten Augen, die schmale Nase mit den feinen Flügeln und der schöngeschnittene Mund mit dem leichten sarkastischen Zug um die Winkel prägen ihm den unverkenn­baren Stempel hoher Intelligenz und geistiger Vornehmheit auf. — Ihm gegenüber, an dem nach Bauernart bunt­gedeckten Tische, sitzt eine Frau mit weißem Haar, in jedem

Zug, jeder Liuie unfraglich seine Mutter. Ein beispiellos

gütiges Gesicht mit hellen, klaren Augen, aus denen Ver- 'tand und echtes Empfinden strahlen, und die ungebeugte, 'ast jugendliche Gestalt lassen die alte Freifrau von Aarenau um Vieles jünger erscheinen, als sie in Wahrheit sein mag..

lieber eine Handarbeit gebeugt, blickt sie von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck tiefer Vesorgniß zu ihrem Sohne hinüber, wenn er kurz und heftig aufhustet uud mit der Hand nach der Brust fährt, als wenn ein plötzlicher stechender Schmerz ihn quälte.

Kaum merklich schüttelt sie dann das Haupt und eine leichte Wolke zieht über ihre Stirn.

Das Buch, in dem Egon gelesen,_ ist längst unbeachtet von seinem Schooß in den Sand geglitten, müde ruht sein Kopf in den Händen, und hoch emporgerichtet scheinen seine Augen gedankenvoll dem leichten Gewölk zu folgen, das langsam über das tiefe Türkisblau des Himmels dahinzieht.

Ohne seine Stellung zu verändern, ohne den Blick auf die Mutter zu richten, fragt er plötzlich, und wie abwesend klingt seine Stimme dabei: „Sag' Mutter, aber offen und ehrlich, wie Du immer bist, was war mein Vater eigentlich für ein Mensch?"

Mit großen, verwunderten Augen sieht die Gefragte ihren Sohn an und keine Verstellung liegt in der ruhigen Antwort: „Wie meinst Du das?"

„Nun, ich nieine nur, ob mein Vater in seiner Jugend ein gesunder Mensch war, ob seine Krankheit, an der er starb, wirklich eine Folge der Erkältung war, die er sich im Kriege zugezogen hatte?"

„Ja," sagte die Freifrau, „so erklärte es uns der Arzt.' „Und, was ich noch wissen möchte, glaubst Du, daß mein Vater sich über jede seiner Handlungen Rechenschaft gab, und sich bei jedem seiner Schritte der Konsequenzen voll bewußt war?"

„Dein Vater, mein Junge, mar ein Ehrenmann vom Scheitel bis zun, Fuß, der sich reiflich zu überlegen pflegte, bevor er handelte! — so habe ich ihn stets gekannt und Du weißt ja selbst, wie unendlich glücklich die Ehe Deiner Eltern gewesen."

„Ja, Mutter, das weiß ich", antwortete Egon warm, „und eben deshalb nur habe ich Dich gefragt!"

Damit nahm er die Broschüre wieder zur Hand und be­gann zu lesen.

— „Egon", begann jetzt die Freifran, indem sie mit tiefer Vesorgniß zu ihm hinüberblickte, „höre mich an:

Du weißt, daß Deine alte Mutter die treueste Freundin ist, die Du besitzest und immer hast Du mir die Wahrheit gesagt. Aber jetzt zum ersten Male verheinilichst Du mir etwas, und daß es etwas Bedeutungsvolles ist, zeigt mir Deine Unruhe und der fremde Zug um die Lippen, wenn Du Dich unbeobachtest glaubst. Was fehlt Dir? Bist Du ernstlich krank?"

„Nein, nein", antwortete er. „es ist nichts, absolut nichts, worüber sich nieine Mutter beunruhigen dürfte. Du weißt, ich habe von der Botschaft Urlaub genommen, um für meinen Husten gründlich etwas zu lhun, den ich eben auch für nervös halte, wie meinen ganzen überreizten Zustand. Und all das hängt mit Ueberarbeitung zusammen. Weiter ist es nichts! — Und wenn manchmal diese seltsamen, mir selbst unbegreiflichen Stimmungen über mich kommen, und meine Gedanken auf neue, mir bisher fremde Gebiete zwingen, so ist dies nur vorübergehend und bedeutungslos, und Du kannst ruhig sein. r , .

Vor allen Dingen bin ich froh, daß ich dem Trubel in Baden-Baden entgangen bin, und daß wir Beide jetzt still und friedlich hier sitzen in diesem weltverlorenen Winkel." — Dabei ergriff er zärtlich die Hand der Mutter und blickte herzlich in die besorgten Augen.

„Ja, schön ist es hier", erwiderte die alte Dame „schöner als in den geräuschvollen Badeorten, wo mein

Junge vor lauter konventionellen Pflichten gegen Andere nicht zur ernstesten Pflicht gegen sich selbst kam, sich Ruhe und Pflege zu gönnen. Aber hier kann ich Dich pflegen nach Herzenslust und hier gehörst Du einmal wieder mir, wie in der schönen Kindheit. —"

„Ach ja — Mutter — die Kindheit!" rief Egon und eine Augen leuchteten auf, und seine Arme breiteten sich aus, „das ist doch am ganzen Menschenleben das Beste. — Da rennt man noch so göttlich dumm uud glücklich in das uferlose Meer der Daseinsfreude hinein und baut ein Zahlendes Luftschloß nach dem andern. — Was weiß man da von all' den Geheimnissen, die in der Menschheit schlafen, da ist Alles nur Sonne, nur Licht! —"

— „Und fehlt es Dir jetzt denn so an Licht, Egon?" illang die vorwurfsvolle Frage, „ist es jetzt so dunkel um Dich? — Du hast Deine Mutter noch, was Wenige in Deinem Alter sagen können, Du bist so glücklich, Deine Ver­hältnisse in musterhafter Ordnung zu wissen, eine glänzende Carriere steht Dir bevor, und Du brauchst nur die Hand auszustrecken, um die besten Partieen zu machen. Und doch bist Du unzufrieden?"

„Nein, Mutter, eben weil Alles um mich her so hell und gesund ist und im vollsten Lichte athmet, eben deshalb mhle ich in mir selbst eine gähnende dunkle Stelle, die sich beängstigend vergrößert, je mehr ich nutzlos darüber grüble. Es datirt weit zurück; bis in meine sonst glückliche Kind­heit hinein reichen die Anfänge dieser endlosen Kette krank­hafter Symptome."

„Und ivorüber grübelst Du denn," fragte die Mutter, die absolut nicht begriff, was ihr Sohn meinte,_ indem sie zärtlich die Arme um seinen Hals legte. „Dein Kinder­leiden, das uns ja manche Sorge, manche schlaflose Nacht gekostet, hat sich im Laufe der Jahre ganz verloren, wie der Arzt es vorausgesagt. Ich kann mir nicht denken, daß die Erinnerung daran ihre düstern Schatten bis in Dein Mannesalter wirft."

Egon schwieg. Dann meinte er leichthin: „Der Arzt hat auch Recht gehabt, denn jene Anfälle sind auch that- sächlich nie wiedergckommen! — Tiber warum reden wir vor so häßlichen Dingen. Das ist ganz gegen die Abrede. Es ist unrecht genug von mir, Dich mit solch nutzlosen Stimmungen zu ängstigen!"

Als die Mutter etivas erwidern wollte, legte er lächelnd die Hand auf ihren Mund und küßte ihre Stirn.

Dann nickte sie ihm verständnißvoll zu, nahm ihre Arbeit zusammen und sagte: „Ich lasse jetzt das Abendessen zurecht machen, und dann wird noch ein kleiner Spaziergang gemacht, dainit mein erregter Herr Sohn ohne quälende Träume schlafen kann, ruhig und fest! - Nicht wahr?" - Damit ging sie ins Haus.

Egon stand eine Weile still und blickte ihr nach. Dann strich er mit der Hand über die heiße Stirn und flüsterte vor sich hin:

„Nein, gute Mutter, Dich trifft keine Schuld! Du weißt von nichts, Deine reine Seele ahnt nichts von alledem, und daß Du nichts erfährst, soll Deines Sohnes zärtliche Sorge sein! — Wir Alle sind schuldlos und doch entgehen wir nicht dem Berhängniß, das über unserm Hause waltet!" —

Er wirft sich in den Stuhl zurück, und grenzenlose Bitterkeit zuckt um seinen Mund, als er wieder unthätig vor sich hinträumt. Es ist ein seltsamer, grausamer Kontrast: hier die sturmbewegte Menschenseele mit all ihrem Kampf, und rund umher die in Gesundheit und Leben strahlende Natur.

Nichts regt sich im Kreise, nur Bienen brummeu vorüber, und ein Paar bunte Schmetterlinge jagen sich spielend über die Blüthenbüschel dahin!

(Fortsetzung folgt.)

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Wiesbaden, 1. Oktober 1900.