Einzelbild herunterladen
 

1. Beilage mm Wiesbadener Tagblnit.

Ko. 436. Worgen-Ausgabr.

(58. Fortsetzung.) ^(Nachdruck verboten.)

Inug-Uin.

Nonian von K. W. Novlnso«.

„Rettung auch für Sie", rief er. „Denn mein Ruhm Hütte Sir vor dem schwachsinnigen Narren bewahrt, der Ihnen seinen Titel giebt und Sie verläßt."

„Sagen Sic mir das nicht, Paul, ich bitte Sie!"

„Sie wissen . .

„Ja, Kitty hat mir's gesagt. Ich bin weder überrascht, noch gekrankt. Als ich mein arniscliges nutzloses Ich für .'inen Titel verkaufte, konnte ich da Treue erhandeln? Ich fragte ja nicht dgrnach, wer und was er war."

„Nichtsdestoweniger ist er ein-elender Bube, ein Schurke,, »er keine Rücksicht verdient . .

„Paul, ich will das nicht hören!" rief sie außer sich. „Sie machen sich meine Hilflosigkeit zu Nutze, und das ist zemein, Sie sind so feig rvie er . . ."

Nin flog dahin wie ein Pfeil, aber er hielt Schritt, ohne ihren Zorn, ihre Anklagen zu beachten. Die Schleußen waren geborsten vor dem dunklen trüben Strom, der sich auf sie zuwälzte, und sie unrettbar zu verschlingen drohte, aber Paul Ruskoff schreckte vor nichts mehr zurück.

„Ja, ich bin ein Feigling, Nin", rief er so laut, daß seine Stimme von den Felsen widerhallte. „Ich leugne cs nicht, ich brüste mich damit! Nur die Feigheit hat mich so lange von Ihnen fern gehalten! Ich wußte, daß meine Liebe Ihnen nur die Schande zu bieten hat und ich blieb in meinem Versteck, weil ich mir gelobt hatte. Sie nicht zu suchen, mich nicht zu vertheidigcn, Sie nicht zur Wehr zu rufen gegen das Unrecht, das ein treuloser Gatte an der selbstlosesten aller Frauen verübt. Aber da treten Sie vor mich hin, wie aus den Wolken herabgestiegen, wie von Gott gesandt", frohlockte er. „Vielleicht hat er Sie gesandt, wer weiß denn, ob er uns und unser Thun nicht anders als die Menschen, nicht göttlich bcurthcilt? Und dahin sind Gelübde und Entschlüsse I Ich werfe alle Zurückhaltung in dir Winde! denn ich weiß, worin die einzige Möglichkeit dck Glückes liegt für zwei durch Verrath auseinander ge­rissene Herzen, die das Recht haben zusammen zu kommen, wenn es je ein Recht im Himmel und auf Erden gab!"

„Halten Sie ein, Paul . . . sind Sie wahnsinnig? 'Wozu dieses tolle Rasen, als um mir das Herz zu brechen?"

„Dein Herz ist schon gebrochen, Nin, wenn Du Dich darein ergicbst, so weiter zu vegetiren, verlassen, verhöhnt! Du mein stolzes, mein ehrenhaftes Lieb, daß sich nicht lieben lassen, mir nicht das Recht gönnen will, ein einziges kleines Menschenkind glücklich zu machen und seinen Pfad mit Bluimn z» bestreuen."

„Mit Passionsblumen, die am selben Tag vergehen, .nein armer, rhetorischer Paul", erwiderte sie mit einer Ruhe, die von den bebenden Lippen Lügen gestraft wurde. ^Das paßt auf die Bühne, nicht ins Leben. Sie hätten Schauspieler werden sollen, Paul, da hätten Sie noch mehr Lorbeer» geerntet."

„Komödiant, Narr, Maulheld, nenn' mich, wie Du willst, Nin, ich liebe Dich, wie ich nie eine Andere lieben weiche!"

„Das sagt sich leicht und oft! Vielleicht glaubt man's einen Augenblick und . . es ist so grausam!"

„Ich bin grausam aus Güte", sagte er, ihr Handgelenk umklammernd, daß es sie schmerzte. „Wir zwei, Mann

^se ss sa m

Sein gut sortirtes Lager in allen

Möbel- und

üecorations-

Posamenten,

sowie Anfertigen derselben bringe zur Herbst-Saison in empfehlende Erinnerung. 12285

Gustav ßottsciialt

Posamentier,

25. Kirchgasse 25.

Rekruten!!!

Empfehle meine selbstverfertigte», Bürste»,waarc», i» nur

lester Qualität, ol«: Kleider-, Wichs-, Schmutz-, Auftrag-, Fett-, Messing-, Gewehr-, Kopf- und Zahnbürsten zu reellen Preisen.

h Kirchgasse 9, Ronl/pr 9 * Kirchgasse 9,

gegenüber der rill4 DCl»l\GI , gegenüber der Artillerie-Kaserne. Bürstcn-Fabrik. Artillerie-Kaserne.

.NB. Mache besonders daraus aufinerksam, daß ich Lieferant mehrerer Garnisonen bin und die Bürstenwaaren genau nach Vorschrift verfertige. 124,8

Teppiche

rillt billig zu haben. . „ r ' _ 11058

Ui org Hilles’ieimer, Oramenstratze 31 §lth.

Sonntag» den 36. September.

und Weib, die sich von Jugend auf geliebt haben, wir haben an nichts mehr zu denken als an unser Glück, das uns der elende große Haufe mißgönnt, um uns der Ver­zweiflung prciszugeben. Für immer getrennt, um der Leute willen, die viel schlimmer sind als wir! Um von ihnen belobt zu werden für Tugend und Ehrbarkeit und im Elend zu vergehen! Aber wir verzichten auf ihr gutes Zeugniß, Nin, wir wenden ihnen den Rücken, Du und ich!"

XXI

Das war die Versuchung und Ruskoff war ihr ein anderer Anwakt als Kitty. Jetzt war der Geliebte bei ihr und wenn sie auch sein Pathos bespöttelt hatte, der furcht­bare Ernst in ihm lies; nicht mit sich spotten. Er liebte sie, und Nins eigenes Herz legte Fürsprache für ihn ein. Das war der Manu, der Einzige, dem sic vertrauen, der ihrem Lebe» Glanz und Farbe geben konnte und Niemand stand zwischen ihnen, der ihr theuer gewesen wirre, nicht einmal ein Kind, das hätte da sein können. Dem armen Hansel würde das Herz nicht brechen, er hatte ja schon im Voraus Trost gefunden und war seines trübseligen kränkelnden Weibes längst überdrüssig, lind Kitty lag im Sterben und hatte ja nur diesen Wunsch! Welt und Ruf, was halten sie ihr zu bedeuten im Vergleich mit Paul Ruskoff, der so verzweifelt elend fein würde ohne sic?

lind doch war immer noch etwas vorhanden, was sie zurückhielt, was sich zwischen sic und ihres Herzens ivilde Sehnsucht drängte. Was es mar, das wußte sie eigentlich nicht, aber das Vorhandensein eines Hindernisses ließ sich nicht wegstreiten. Es jagte ihr keine Angst ein, dieses Un­bekannte, denn sie war sich dessen nicht bewußt; es stand nur neben ihr wie ein Freund, der sie mit fester Hand hielt, damit sic nicht straucble und in den romantischen Ab­grund gleite, wohin Paul sie locken wollte. Die Versuchung war groß, denn sie liebte diesen Mann, aber die Gefahr nicht unüberwindlich. Noch war sie stark, wenn sie auch so

fest lvie er überzeugt war, daß sie nur miteinander das

Glück finden könnten.

Mit einem Ruck entriß sie ihm ihre Hand und blieb

stehen. Mit blitzenden Augen und flammenden Wangen

sah sie ihn an und ihre Stimme zitterte nicht mehr.

„Nein, Paul, ich und Du, das soll kein „Wir" werden! Es darf nicht sein. Ich will es nicht. Ich will nicht Selbstverachtung lernen durch Dich und ivill Dich nicht von der Höhe Deines Ruhms in den Schmutz ziehen. Ich glaube nicht, daß uns der Trotz gegen die Welt glücklich machen würde, denn Paul, ich glaube nicht, daß ich noch glücklich sein kann. Es ist etrvas über mich gekommen in letzter Zeit .... ich bin die Jung-Nin gar nicht mehr, die Du gekannt hast, ich bi» eine andere, fremde Frau, d'e sich selbst nicht mehr kennt."

Ruskoff mußte nach Luft ringen. Das war daß Ge­spenst, womit ihn Gravatt von ihrer Seite verscheucht hatte, die Gefahr, die in seiner, in Paul? Nähe lag. Aber nur einen Augenblick lähmte ihn das Granen; Nin ward es nicht gewahr. Er wollte ihr doch das Leben hell und schön machen, daß kein Gespenst sich in ihre Nähe wagen sollte.

„Du bist und bleibst mir Jung-Nin und von heute an gehören wir zusammen."

„Im Leben nicht, Paul, im Sterben ja . . . wenn Du willst", versetzte sie rasch.

„Was meinst Du?"

„Ich fürchte mich nur noch vor dem Leben, nicht vor

48. Jahrgang. 1866.

dem Tod. Dem kann ich ins Auge sehen mit Dir . . . und ohne Dich."

„Was meinst Du?" stammelte er. „Miteinander sterben?"

„Ja, warum nicht? Du behauptest ja, das Leben sei Dir werthlos ohne mich . . ."

„So ist'S. Ich schwöre es zu Gott!"

„Gut und mir ist das Leben nichts ohne Dich, mein armer Paul, wenn ich Dir's denn doch sagen muß, weil Du mir ja das Herz aus dem Leibe reißest . . . also wollen wir mit einander sterben, wenn Dir's recht ist."

„Wann?"

Jetzt."

„Jetzt, Nin, das ist eitel Thorheit."

„Komm mit mir", sagte sic mit starrer Ruhe, „ich will Dir zeigen, was ich meine, woran ich dachte, ehe ich Dich traf."

Sie griff nach seiner Hand und er ließ sich führen, staunend und bangend. Wie zwei Kinder im Märchen wandelten sie dahin und Paul war's, als ob sein Herz immer schwerer würde, daß er die Last nicht mehr ertragen könne. Er fürchtete nicht für sein Leben, aber ein un­erklärliches Granen erfaßte ihn. Es schien ihm, als ob er und sie schon einer anderen Welt angehörten, als ob ihr wirkliches Leben jetzt begänne und das Scheinleben, das sie für Wirklichkeit gehalten hatten, abgestrcist hinter ihnen versänke.

Sie bogen von dem schmalen Wiesenpfad ab und gingen auf eine Gruppe von Bäumen zu, deren dichte Blattknospen im Aufblühen waren. Zwischen ihnen verborgen lag eine dunkle Wasserfläche, noch von welkem Herbstlaub bedeckt.

„Vor acht Tagen kam ich zum ersten Mal hierher", sagte Nin, „und mußte gleich denken, wie still und friedlich es hier wäre . . . Seither kam ich jede» Tag an den Teich. Er lockte mich mit einem unwiderstehlichen Zauber, den ich bis heute nicht begriff . . das „Schweigende Wasser" nennen ihn die Leute in der Gegend, er sei grundlos tief und sehr gefährlich."

Ruskoff schauderte unwillkürlich und seine Hände wurden eiskalt.

„Du fürchtest Dich!" sagte sie, ihn scharf ansehend.

„Nicht für mich ... nur für Dich!"

„Ich habe keine Furcht ... ich wüßte nicht, was ich zu fürchten hätte in dieser oder einer andern Welt. Ich habe Niemand Unrecht gethan, ich war immer ehrlich gegen Hansel und wenn ich des Lebens müde bin, so ist's mein gutes Recht, es abzuweifen . . ."

Ruskoff stöhnte und sah sie starr an. Er war eine starke Seele und doch überlief ihn ein Zittern .' . . sie halte so viel mehr Selbstbeherrschung als er und sie hatte sich in der letzten halben Stunde für ihn fast in eine Fremde verwandelt. Seine Schuld war es . . . seine Nähe hatte das Gespenst heranfbcschworen und Doktor Gravatts Warnung stand >vie in Feuerschrift vor seinem inner» Auge.

„Also denn, Paul", fuhr sie fort, „wenn Du so un­glücklich bist wie ich, und ich glaube es fast, so laß uns dem Leben ein Ende machen und laß uns zeigen, wie wenig wir es schätzen. Hast Du den Muth?"

Er gab keine Antwort; er sah sie nur gespannt an.

„Ach mein armer, romantischer, theatralischer Paul", sagte sie, den Kopf schüttelnd, „Dir bangt vor dem Waguiß?"

(Fortsetzung folgt.)

FFtANKFll RTER S CH U H FAB RI K,A.G.

vormals 0TTO HERZ&C?

Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:

J. Speier Machf.,

18. Langgasse 18.

Telephon 246.

6914