Jahrgang.
a eitit in zwei Ausgaben. — Bczngs-Preiö:
den Verlast t>« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. «tt» Pfst. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
L^,OOO Abonnenten.
Slnzcigen-PrciSr
Die einspaltige Petitzeilc für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfst. — Ncclaiüc» die Petitzeilc für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
lür die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur S*"?*W*" nächsterschcinciiden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Uo. 480.
Fernsprecher N». 52.
Donnerstag, den 27 , September.
Fernsprecher N». 52.
1000 .
(Nachdruck verboten.)
Morgen-Ausgabe.
Iüv öcrs 4. gjuavfaC 1900
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
ZU abouuire», findet sich Gelegenheit im Verlag kauggaffe 27 , bei den Ausgabestellen, den Zweig-Expeditionen in den Nachbarorten und sämmtlicheu deutschen Reichspostaustaltcu.
Das österreichische Dilemma.
A Wie», 24. September.
Bei uns will es noch immer nicht tagen. Die Finstcriiiß in den Gemütheru weicht ebensowenig, wie die Dunkelheit in den Köpfen. Kein rettender Gedanke bricht sich Bahn. Die,deutschen Parteien bekräftigten die „Deutsche Gcmciu- bürgerschaft" aufs Neue, und die Tschechen schwören neuerdings den „böhmischen Nütli-Eid" gegen die Pläne der Deutschen im Allgemeinen und die geplante deutsche Vermittlungssprache in Sonderheit mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln anzukämpfen und gegen die Aspirationen der deutschen Vorherrschaft das tschechische Staatsrecht auszuspielen. Schließlich jammern alle beide Parteien um das arbeitsfähige Parlament und drohen beiderseits, falls ihnen dieses nicht zu Willen sein wird, wieder mit der Obstruktion... Mit einem Worte: die Gegensätze mildern sich nicht im Mindesten, die politische Aktion der Negierung läßt ans sich ebenso warten, wie der providentielle Staatsmann, der Autorität und Verständniß genug hülle, um das österreichische Staatsschiff aus den wilden Wogen des Natioualiläteu-Hadcrs in das gelobte Land des Friedens und der nützlichen legislatorischen Arbeit zu steuern, und das österreichische Dilemma ist eben Dilemma geblieben und droht es zu bleiben, bis — die Krone nicht selber cinzugrcifen sich bemüßigt sehen wird mit einer energischen That. So gräbt sich Oesterreich selbst das Grab seiner Verfassung und vcrhilft Ungarn ungewollt dazu, die alten Pläne von dessen Selbständigkeit zu bcr- wirklichen. Die langjährigen Wirren in Oesterreich haben in Ungarn in diesem Bezüge bereits mehr gcthan, als alle Propaganda der Unabhängigkeitsparlei. Schließlich beginnen auch die nüchternsten Elemente in Ungarn die wirthschaftliche Autonomie dem Zustande eines ewigen Provisoriums vorzuziehen. Hierzu kommt, daß Ungarn sich derzeit zufolge der allgemeinen europäischen Geldkrise und infolge lokaler Ursachen in einer argen wirth- schaftlichen Depression befindet. Das aber ist Wasser auf die Mühle der Autouomisten. Sie predigen Tag und Nacht, daß nur die wirthschaftliche Separirung von Oesterreich da helfen könne, daß nur die Schaffung einer eigenen ungarischen Industrie und Handels das Arcannm gegen die wirthschaftlichen Uebel sei. Und heute steht auch schon die ganze ungarische Bürgerschaft im Banne dieser Anschauungen und hält das unabhängige Zollgebiet für das Kloudyke Ungarns, das Gold und Wohlstand in Fülle bringen wird. Und so verwirrt sich das österreichische Dilemma von Tag zu Tag und seine Lösung wird immer schwieriger.
Slraßeribanlen in Wiesbaden.
Kein Zweig der städtischen Verwaltungsstellen muß in der Oeffentlichkeit so viele Klagen erdulden und Vorwürfe erleiden wie das Stadtbauami, Abtheilnng für Straßenbau; es vergeht kaum eine Woche, daß es nicht in der Presse augerempelt wird. Namentlich was das Pflaster angeht. Wir wollen nicht untersuchen, ob diese Klagen alle berechtigt sind, aber oft gehen sie entschieden zu weit, und wir glauben, daß der genauere Vergleich mit den Straßen anderer Städte gleichen Umfangs wie Wiesbaden sehr zu Gunsten unserer Stadt ausfällt. Um nur Eines zu erwähnen: das Kleinpflaster der Fahrbahnen, das vom Volke mit dem Namen „Wackesteine" bezeichnet wird, ist in fast allen jenen Städten thcilwcise noch vorhanden und als „Hühneraugenpflaster" nicht gerade beliebt, während es bei uns, die Hoch- slätte ausgenommen, längst ganz verschwunden ist.
Aber auch ein Blick in den städtischen Etat lehrt uns, welche großen Aufwendungen namentlich in den letzten Jahren die städtische Verwaltung in Bezug auf dcnStraßcn- bau gemacht hat. Allen denen, die am liebsten gleich sämmtliche Straßen mit Asphalt belegen möchten, dürfte es anzurathen sein, sich ein wenig gründlicher in die Veröffentlichungen, die Auszüge, welche die Presse zu Anfang jeden Jahres aus jenem Etat bringt, zu vertiefen. Mau ivürde da erkennen, wie peinlich sorgfältig Alles in einem städtischen Haushalt gegeneinander abgewogen werden muß. gerade wie in einem Privathaushalte, und manche unverständige Forderung würde verstummen. Einzelne Mängel lassen sich ja wohl hie und da entdecken; solche kommen überall vor. Die Alles zerzausende Kritik macht sich dann alsbald drüber her, und es würde der betreffenden Stelle bös ergehen, wenn sie nicht alsbald berechtigte Abhülfe schaffte. Aber umso mehr wird sie sich nicht durch unberechtigte Klagen von dem für recht erkannten Wege abbriugc» lassen.
Anno 1889/90, also vor zehn Jahren, gab Wiesbaden für Unlerhallnngsarbeiten durch das Slraßenbauamt 111,559 Mk. ans, darunter 48,725 Alk. für Ilnterhaliung von Pflaster- und chaussirtcn Straßen, Plätzen und Alleen. Die Stadt hatte damals 64,000 Einwohner; heute hat sie etiva 84,000. Die Ausgaben für Straßeu-Ilmbauten betrugen zu jener Zeit 131,395 Alk.*) Nun wollen wir die Ausgaben in den letzten fünf Jahren, 1894—99, verfolgen.
Für 1894/95 betrugen die Aufwendungen für Unter* haltungsarbcitcn int Ganzen 155,006, davon für Pflasteret nd chaussirtc Straßen, Plätze und Alleen 96,550 Mk. (also das Doppelte von 1889/90). Die Ausgaben für Neubauten beliefen sich auf 28,531 Mk., eine verhältnißmäßig geringe Summe, was darin seinen Grund Halle, daß man im genannten Jahre wegen der bevorstehenden Einrichtung der elektrischen Bahn mit Slraßen-Neupflasterungen zurückhielt. Es wurden bloß die Trottoirs der Marktstraße, Dotzheimerstraße, Platterstraßc und im Ncrothal ganz oder theilweise neu hergestellt.
In 1895/96 wurden verausgabt für Uulerhaltungs- arbeitcn im Allgemeinen 173,976 Mk., darunter für Pflasterstraßcu 2 C. 110,934 Mk., für Neubauten 166,648 Mk.
*) Hierin sind die bedeutenden Kosten für die Verlängerung der Langgasse und Nenanlage der ganzen Taunusstraße enthalten.
Ausgcbaut wurden in diesem Jahre die Bertram- straße und untere Hellmundstraße, ncngcpflastert die Neugasse (zum Thcil), Frankfurter-, Emscr- und Marktstraße und der Wichelsberg (Trottoir, bz. Fahrbahn).
In 1896/97 kamen aufIluterhaltuugsarbeiten 188,944Mk., darunter auf Pflastcrstraßen rc. 108,077 Mk., auf Neubauten 134,599 Mk. Es wurden in diesem Jahre ausgebaut die Wilhelmiucnstraße, Schützenstraße und das Nerothal, elftere beide zum Theil. Neugepflastert wurden Neugasse (völlig), Schwalbacherstraße, Luiscnstrnße (zum Thcil) und Bahuhofslraße (Trottoir, bz. Fahrbahn).
In 1897/98 betrugen die Ausgaben für Unterhaltungsarbeiten 273,704 Alk., darunter für Pflasterstraßen rc. 189,220 Mk., für Neubauten 149,439 Mk. Ausgcbaut wurden in diesem Jahre die Wilhelmiuen- und Schützenstraße (noch zum Thcil) und die Schiersteinerstraße (zum Theil). Neugebaut wurden die Kleine Burgstraße, Häfner-, Mühl-, Schul- und Lauggasse und zum Thcil die Wellritz- straße (Trottoir und Fahrbahn).
In 1898/99 beliefen sich die Ausgaben für lluterhaltungs- arbcitcn auf 354,387 Mk., davon für Pflastcrstraßen rc. 257,139 Mk. (rein an sich mehr als das Vierfache von 1889/90). Für Neubauten wurden 250,072 Mk. aufgewendet. In diesem Jahre wurden weiter ausgebaut Wilhelminen- und Schützenstraße, ferner Dambachthalstraße, verlängerte Moritzstraße, Echo- und Schierstcinerstraße. Neugebaut wurden Goldgasse, Kochbrunuenplatz und Fahrbahn der Langgasse.
Stellen wir zusammen: Unterhaltungsarbeilen 1894/95 i. A. 155,006, i. Spez. (für Pflaster- und chanssirte Straßen, Plätze und Alleen) 96,650; 1895/96 i. A. 173,976, i. Spez. 110,934; 1896/97 i. A. 188,144, i. Spez. 108,077; 1897/98 i. A. 273,704, i. Spez. 189,220; 1898/99 i. A. 354,387, i. Spez. 257,139 Mk. Wenn wir die Aufwendungen pro Kopf der Bevölkerung berechnen, so gelangen mir zu folgenden Ncsultateu: 1894/95 i. A. 2,09, i. Spez. 1,31; 1895/96 i. A. 2,29, i. Spez. 1,46; 1896/97 i. A. 2,42. i.Spez. 1,38; 1897/98 i. A. 3,43, i. Spez. 2,36; 1898/99 i. A. 4.32, i. Spez. 3,13 Mk. Mit Ausnahme des Jahres 1896/97 bezgl. der Ausgaben für Pflasterstraßen rc., sind also die Aufwendungen stetig gewachsen, und zwar so, daß sie in 1898/99 mehr als das Doppelte der in 1894/95 gemachte» betrugen.
Neubauten: 1894/95: 28,531 ; 1895/96: 166,648 ; 1896/97:134,599; 1897/98:149,439; 1898/99:250,072 Mk., wobei zu beachten ist (wie schon oben erwähnt), daß für die sehr niedrige Ziffer von 1894/95 und die sehr hohe von 1895/96 in der Anlage der elektrischen Bahn und den für den Straßenbau dadurch bedingten abnormen Verhältnissen der Grund zu suchen ist. Das Mittel für beide Jahre würde etwa 97,590 Mk. auSmachen. Nach diesem Ansatz betrüge die Aufwendung für Straßen-Neubauten pro Kopf der Bevölkerung in 1894/95 und 1895/96 je ca. 1,30, in 1896/97: 1,73, in 1897: 1,86, in 1898/99: 3,05 Mk., was ebenfalls, namentlich im letztgenanulen Jahre eine ganz gewaltige Steigerung bedeuten will. (NB. Bei diesen Berechnungen ist das Wachsthum der Bevölkerung Wiesbadens um jährlich durchschnittlich 2000 Seelen angenommen, was ziemlich genau stimmt.)
Die städtischen Körperschaften haben aber, um dem all-
Aus Kunst und Leven.
* Hinter den Conliffen — der Thentrrrrnsnr. lieber die Grundsätze, von dcuen sich die unter der Leitung des wegen seiner Kanalgegncrschaft gcmaßrcgelten Rcgierungraths Dumräth stehende Berliner Theatercensur leiten läßt, erhält man einige Andeutungen aus einem vor dem OberverwaltungSgcricht soeben verhandelten Prozeß. Auf Grund der Ccnsnr-Perordnung vom 10. Juli 1851 ist vor einiger Zeit die Aufführung des Lustspiels „Der Außenseiter" von Richard Jaffö im Berliner Lcssing-Thcater oerboten worden. Nachdem sowohl von dem Verfasser als von dem Direktor Neumauu-Hofer bei dem Oberpräsideuten der Provinz Brandenburg der Beschwerdeweg erfolglos beschritten worden, strengten beide die Klage beim Oberverwältnngsgcricht auf Zurücknahme deS Cenfurverbotes an. In dem der Censur verfallenen Stücke wird die Gesellschaft, die bei der Baronin Clarus verkehrt und in die der ideal veranlagte Leutnant v. Ottfried hineiugerathen ist, geschildert. Der Oberpräsident meint nun. im Einklang mit der Polizei, es handle sich bei dem Lustspiel nicht, wie der Verfasser behauptet, um eine Schilderung der Sport- und Lcbewclt, in der die guten Sitten vor laxen Moralanschauuugen die Segel gestrichen haben, sondern nur eine Zeichnung der sogen, „besten Gesellschaft". Diese Gesellschaft sei zwar äußerlich anständig und wahre den Schein der Pornehmheit, sei aber innerlich durch und durch verlumpt. Es herrsche dort nur ein Grundsatz, es nicht zu einem Skandal kommen zu lassen. In diesen unmoralischen Kreis werde der ideal veranlagte Leutnant v. Ottfried verschlagen und steche durch seine Lebcnsanschauung so erheblich von seiner llmgebmig ab, daß er den Beinamen „Der Außenseiter" erhalte. In der Schilderung dieses Gegensatzes zwischen der Gesellschaft der Baronin Clarus und dem Außenseiter liege das Anstößige, das die Versagung der Auf- führungSerlaubniß rechtfertige. Der Eindruck, den das Stück bei der Auffiihrung auf die Zuschauer ausüben müsse, könne nur ein unmoralischer sein. Mit der Aufführung des Stückes würde daher eine ernste, naheliegende Gefahr sitkcn- und ordnuugspolizeilicher Art verknüpft sein. Der Polizeipräsident erscheine daher zum Verbote des Stückes berechtigt. Rechtsanwalt Fuchs als Vertreter des Verfassers machte geltend, daß in dem Stück nur ein Zerrbild der Sport- und Lebewelt geboten werde, wie sich diese in dem
Prozeß gegen die „Harmlosen" gezeigt habe. Keinesfalls liege eine Schilderung der deutschen Aristokratie dem Stück zu Grunde, und für die Besucher des Lessing-Theaters sei jede Gefahr in sittlicher Bezichirng ausgeschlossen. Negierungsrath Dnmrath vertrat die entgegengesetzte Auffassung und meinte, daß das Stück auf die Zuschauer einen abstoßenden Eindruck uiachen müsse. Der Gerichtshof berieth sehr lange, vermochte sich aber noch nicht schlüssig zu machen und setzte die Entscheidung ans.
* Uever die Unfähigkeit manchen Fr,nie», ihre Kinder selbst zu stillen, schreibt die „Umschau": Die große Mehrzahl der Frauen, die ihre Kinder nicht stillen, ist thatsächlich physisch unfähig dazu. So waren z. B. in der Entbindungsanstalt in Stuttgart nur 23 bis 25 pCt. der Frauen im Stande, ihre Kinder ausreichend zu stillen, v. Billige glaubt, daß in Mitteleuropa überhaupt mehr als die Hälfte der Frauen nicht im Stande ist, ihre Kinder zu nähren. Im Alterthum dagegen war nach Biedert eine künstliche Kinderernährung gänzlich unbekannt. Erst um das Jahr 1500 tauchen die ersten Angaben über künstliche Kindcsernährung in Deutschland auf. Im Orient ist auch beute noch eine künstliche Ernährung der Säuglinge unbekannt. 'Die Unfähigkeit, zu stillen, scheint bei uns also erst in den letzten Jahrhunderten entstanden zu sein. v. Bunge hat nun durch Fragebogen, die er all Aerzle im deutschen Sprachgebiet versandt hat, versucht, die Quellen dieses llnveruiögens zu finden. 2000 Fragebogen hat er zurückerhalten, aber nur (>65 zu seinem Zweck verwenden können. Von diesen 665 Frailen waren 182 befähigt zum Stillen, 483 nicht. Es ergab sich weiter aus den Fragebogen, daß die Erblichkeit der Unfähigkeit zum Stillen klar sich erlveisen ließ. Kailn eine Frau ihr Kind nicht stillen, so kann fast ausnahmslos auch dieTochter nicht stillen, und die Fähigkeit ist unwicderbriuglich für alle kommenden Generationen verloren. Ferner aber zeigte sich, daß dieTuberknlose keine wichtige Rolle unter den Ursachen der vererbten Unfähigkeit zum Stillell spielt, ebensowenig Geisteskrankheiten. Dagegen erhellte ei» gewisser Zusammenhang zwischen Carics der Zähne und Unfähigkeit zum Stillen. Der Alkoholismus jedoch ist auch in dieser Frage von großer Bedeutung, v. Bunge fand aus seinen Fragebogen Folgendes: Ist der Vater ein Säufer, so verliert die Tochter'die Fähigkeit, ihr Kind zu stillen, und diese Fähigkeit ist damit unwiederbringlich
verloren für alle kommenden Generationen. Die Unfähigkeit zmn Stillen ist aber keine isolirte Erscheiunng. Sic paart sich mit anderen Degcncrntionserschciuungen, insbesondere mit Widerstandslosigkeit gegen Erkrankungen aller Art, besonders gegen Tuberkulose.
Dr. T. Die Kastterien der Steinkohle. Es ist bald vier Jahre her, seit der französische Forscher Renault der Akademie der Wissenschaften in Paris auzeigte, er hätte in der Steinkohle Bakterien gefunden. Diese Behauptung erregte zunächst bei allen Naturkundigen ein ungläubiges Kopsschüttcln. denn wie sollte man daran denken können, daß sich Bakterien oder die Reste solcher winziger Lebewesen durch die Jahrmillionen hindurch, die seit der Bildung der Steinkohlenlager vergangen sind, erkennbar erhalten haben sollte». Seitdem aber ist Renault nicht müde geworden, weiteres Bcweismatcrial zu sammeln, und Dank seinem Eifer steht es heute außer 'Zweifel, daß die Steinkühleumafscn nicht mir eine ganze Flora von Bakterien bcherbige», sondern wahrscheinlich auch in ihrer Bildung von deren Thäligkeit wesentlich abhängig gewesen sind. Zunächst hatte der Gelehrte bei der mikroskopischen Untersuclnuig der Pflanzen, aus deren Umbildung die Steinkohle entstanden ist, zwischen den Holzfasern hellfarbige Streifen entdeckt, die aus kugeligen Körperchen von höchstens '/noo Millimeter Durchmesser zusammengesetzt waren. In ihrer Gestalt nub ihrer Anordnung — bald einzeln, bald in Zwillingen, bald in Ketten aneinander gegliedert — glichen sie durchaus den Klciuwesen, die unter dem Namen der Mikrokokken allgemein bekannt sind. Renault gab ihnen, da er sie in der That für die leblosen Hüllen solcher Organismen hielt, die Bezeichnung Llioroeoeous carbo (Kohlc-Mikrokokkus). Bald aber fand er noch andere Gestalten von mikroskopischer Kleinheit, so ein länglich eiförmiges Bakterium und auch eine richtige Stnbchenform, wie sie die gewöhnlichen Bakterie» zeigen und von der sic den Namen haben. Letztere nannte Renault tlaoterium carbo, und auch sie hat nur eine Länge von ‘/k>° Millimeter. Was bedeuten nun diese uralten Anhäufungen von Baktcrienleichen in der Kohlenmasse? — Renault meint, daß die Bakterien bei ihren Lebzeiten chemische Wirkungen auf das Holz der von ihnen bewohnten Pflanzen ausgeübt und deren Cellulose in Kohle übergeführt hätten. Der großen Liste von Klagen, die der Mensch gegen die Bakterien zu führen hat, wäre also
