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!■■■■■ m Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i».~«i

Nr. 98.

Mittwoch, 28. April.

1915.

(5. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck verboten.

Er sah es, und die Freude an der Attacke verlieh seinen Zügen etwas Lebendiges und Kampslustiges, das sie wiederum fesselte.

Unwillkürlich dachte sie: „Würde er auch noch so

Mssehen, wenn er mein Mann wäre? Ich glaube es nicht. Es wäre, wie mit Hans! Wie komisch, sobald bas Gesetz einen bindet, hören diese interessanten An­griffe und Entdeckungsreisen ans!"

Er wollte sich nickt für geschlagen geben und spann das Gespräch fort: „Die Frau ist ein blasses, neutrales Wesen geworden, seit sie halb Mann — halb Weib sein will — es steckt keine Farbe mehr in ihr — das ist es, was ich ihr vorzuwerfen habe, und dieser Typus des Modernen Mädchens ist unerträglicher als der frühere 'der alten Jungfer."

„Und was erwarten Sie denn von einer Frau?"

Die Frage war ziellos hingeworfen worden; aber die Antwort brachte Reimer auf brennenden Baden.

„Eine Frau —" er sah sie an — sie fühlte den lan­gen, warmen Blick, wagte nicht aufzuschauen und spielte mit dem Ring an ihrem Finger.

„Eine Frau —" sagte sie leise — sie wollte es doch hören.

„Eine Frau braucht keine Künstlerin und keine Ge­lehrte zu sein. Sie soll schwach sein, damit ich sie be­schützen kann — anlehnungsbedürftig, -daß ich ihr Halt

und Stütze sein darf.-Sie soll hungrige Augen

haben, «damit ich mit meinen Lippen sie schließen und Ären Hunger stillen kann, und Sehnsucht muß auf ihren Lippen liegen, daß ich darauf ihr Herz atmen und Mhlen kann. Sie soll ein Sonnenkind sein und in das 'Leben etwas Anmutiges, Gaukelndes, Zartes bringen, das wie Libellen und Schmetterlinge durch das Grau des Alltags huscht." . -

Er schaute sie an, als wollte er ihr sagen: „Dies

Sonnenkind bist du."

Und sie dachte: „So lieb wie heute abend habe ich ihn nie gehabt. Warum spricht Hans nie so zu mir?"

Aber sie sprachen die Gedanken nicht aus, -und als drüben im Saal ein neuer Walzer begann, sagte sie, sie wolle tanzeir.

Er bot ihr seinen Arm und brachte sie zurück in die Lichtluft. Dann hielt er sie fest umfaßt, führte sie sicher durch den Wirbel der tanzenden Paare und fühlte, daß sie für einen Augenblick ihm gehörte, von ihm abhing, Von ihm sich leiten ließ — und ein Kraft- und Sieges- bewußtsein erfüllte ihn.

Nach dem Tanz gingen sie noch einige Schritte auf und ab, plauderten und sprachen von. den Sommer­plänen, und er fragte sie wie nebenbei, wohin sie in diesem Jahr gehe.

Da leuchteten ihre Augen auf, und er sah, daß sie vor lauter Jubel beinahe mit den Händen geklatscht hätte.

„Natürlich — das war's, was ick Ihnen erzählen Wollte, statt von dummen gelehrten Frauen zu reden. Denken Sie nur. meineSchwägerin, wissenSie, die „äear

American girl", die im Winter bei Frau Crosen war — schreibt mir, sie ginge mit ihrem Mann nach Scheve­ningen — und ich sollte meinen Mann überreden, mit mir auf den Juli auch dort hinzukommen. Und er nruß ja sagen — ich werde so bitten und quälen! Einen Monat in Scheveningen — in einem wirklichen —- großen — Weltbad — mit vielen Menschen — Ver­gnügungen — und Konzerten und Kurpromenaden und Räunions — wird das nicht eine Wonne sein, statt in dem öden Rauental zu sitzen und sich zu langweilen?"

„Und Sie denken natürlich, «daß Ihr Gemahl mit dem Plan einverstanden sein wird?" fragte Reimer, während seine Blicke Rickling suchten — ihn wieder in Frau Roswalds Nähe fanden.

„Natürlich — natürlich! Ich werde ihn schon über­reden."

Reimer ließ geschickt das Gespräch auf das Rauenta! zurückgleiten und sagte, anscheinendd ohne Interesse und' Nachdruck: „Es ist doch im Rauental, nickst wahr, daß Sie Frau Roswald kennen gelernt haben?"

Er «beobachtete sie scharf. Aber kein Schatten flog über ihr Gesicht — ihre Gedanken hingen noch an dem bestechenden Bild ihres Sommerplans — und mit ganz ruhiger, gleichgültiger Stimme antwortete sie: „Ja — es war im Rauental. Ihr Landhaus liegt in der Nähe des unseren. Mein Mann scheint viel von ihrer Klug­heit zu halten und viel auf ihr Urteil zu geben. Sie ist viel sanfter und stiller als ich — ich brauche Leben und kann mich nicht in Büchern und Papieren ver­graben."

Sie sagte das so natürlich, als handle es sich um Fernstehende.

„Sie liebt ihn nicht", überlegte Reimer. „Sie ist nicht eifersüchtig."

Und weiter sagte er sich, während er sie zu ihrem früheren Platz zurückbegleitete: „Er wird nicht nach

Scheveningen gehen. Er wird im Rauental mit der anderen bleiben wollen und seine Arbeit vorschützen. Wie kann man nur!?"

Er warf einen heißen Blick auf das sprudelnde junge Wesen an seiner Seite. „Sie liebt mich noch nicht — aber sie wird mich lieben — denn ihr Mann ist ihr gleichgültig und der Drang zum Lieben gärt in ihr. Ich werde nach Scheveningen kommen — ganz zufällig sie treffen — erzählen, ich hätte einen Freund besucht —"

Eben kam Rickling, um seine Frau zu holen. Es tvar spät, und die Gäste begannen, sich allmählich zum Gehen zu rüsten.

„O, Hans, es war entzückend heute abend", begann sie, als sie beide im Wagen saßen.

„Hast du Frau Croses Toilette gesehen — ist sie nicht bezarrbernd — ein Meisterwerk von Doucet, , ich wette. Warum läßt sie sich in Paris kleiden, statt ihre Sachen ans Berlin zu beziehen? Doch eigentlich hat sie ganz recht — die Pariser haben nun einmal einen so auserlesenen Geschmack — ach — und hast -du auf Frau Kraus geachtet? — sie hatte wieder ein ausgewachsenes