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Uo. 448. Morgen-Ansgabr. Mittwoch, de« 26. September. 48. Jahrgang. 1900.

(64. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Jung-Uin.

Nomau von A. W. IloSinson.

An einem Fenster des ersten Stocks im „Fichtenhof", wie das Haus genannt wurde, stand Frau Pickersons hagere Gestalt, eifrig auf die weiße Landstraße hinaus spähend, die sich vielfach gewunden an einem Hügel herabzog. Es waren sieben Meilen nach der kleinen Eisenbahnstation, wo drei Mal im Tag der Zug hielt und man hatte für Picker­sons Heimkehr im Wirthshaus an der Bahn ein Gefährt bestellt.

Frau Pickerson hielt ein Perlmutteropernglas in der Hand. Es war nicht ihr Eigeuthum, sondern gehörte der blassen hohlwangigen Frau, die in einer altmodischen weit­räumigen Bettlade im Hintergrund des Zimmeis lag uud mit angstvoller Spannung nach der Mutter herüber sah.

Zwei ruhelose Hände mußten ihr viel Mühe machen, denn sie ließen sich nicht halten und fuhren unaufhaltsam über die Bettdecke hin, falls sie nicht unter einem eben so ruhelosen Kopf verschlungen wurden.

„Wenn sie mit diesem Zug nicht gekommen sind, so dauert's noch viele Stunden, bis sie da sein können," seufzte Kitty. „Und ich kann doch nicht warten ... ich habe keine Zeit mehr ... ich möchte fort."

„Schwatz' doch keinen Unsinn," bemerkte Frau Pickerson, sich umdrehend. „Hab' Geduld und fahre nichi so in Deinem Bett herum. Du stirbst noch lange nicht, weirn Du nur ei» bischen Ruhe geben willst."

„Wenn sie sich beeilt hätten, so beeilt, wie ich's an Nins Stelle gethan hätte, Mutter, so könnten sie ganz gut mit dem Mittagszug gekommen sein! Du wirst mir das zugeben!"

„Das bezweiste ich sehr," versetzte Frau Pickerson mit der Ruhe und Besonnenheit, die alte Leute häufig angesichts des Todes zeigen. „Pickerson hat sich nie sehr beeilt, und zwischen hier und Datchington kann er ein halbes Dutzend Freunde getroffen haben."

„Er sagte doch, er gehe gleich zu Nin!"

„Ja, gesagt hat er's wohl ..."

„Du hättest selbst hingchen sollen, Mutter! Auf Dich hätte ich mich verlassen können!"

„Ich hätte Dich um keinen Preis allein lassen mögen."

„Ach, ich hätte mich ganz ruhig uud still verhalten, bis Du wieder da gewesen ivärst . . . ihn hätte man nicht hin­schicken sollen."

„Ihn nicht? Pickerson nicht?" versetzte die Mutter vor­wurfsvoll. „Wenn er nüchtern ist, kann man ihin jeden Auftrag anvertranen."

„Hast Du ihm gesagt, daß er Nin beschreiben soll, wie krank ich bin?"

„Natürlich. Darnach hast Du schon zehnmal gefragt."

„Kann sein," gab Kilty seufzend zu. „Bitte, Mutter, sieh noch einmal durchs Glas."

„Es kommt ein Gefährt den Hügel herab," berichtete Frau Pickerson gleich darauf. „Wenn es unter den Bäumen hervorkommt, werde ich's besser sehen können."

„Das ist Nin! Sie hat dem Alten Beine gemacht,

sobald sie wußte, wie's mit mir steht," rief Kitty in höchster Aufregung. „Ich wußte ja, daß sie kommen würde, ich wußte es! Es war ihr ja nicht halbwegs Ernst mit Allem, was sie damals gesagt hat, wenn ich auch so dumm war, mir's fürchterlich zu Herzen zu nehnien. Ich war immer so dumm, denn nicht wahr, Mutter, Sie und ich, wir waren doch ein Herz und eine Seele?"

„Eine übertriebene Liebe,- Hab' ich immer gesagt. Das führt dann am Ende stets zu Händeln."

„Kannst Du's jetzt besser unterscheiden? Jetzt müssen sie ja auf offenem Feld sein."

„Wer?"

„Nin und Pickerson!"

„Hab' ich denn gesagt, daß sic es seien? Ich habe Dir im Gegentheil gesagt, daß ich mir gar nicht vorstellen könne, wie sie's hätten angrcifen müssen, den Zug zu er­reichen . . . Gott steh mir bei, Kitty! Von dem Schreck hätte ich den Tod haben können . . . O Gott! O Gott! Weshalb hast Du mich nicht gerufen?"

Kitty war aus dem Bett gekrochen und stand plötzlich in ihrem langen Nachthemd hinter der Mutter. Jetzt faßte sie mit wildem Griff nach dem Opernglas.

„Laß mich selbst sehen! Ich halt's nimmer aus! Meine Augen sind besser . . . auch jetzt noch," rief sie.

„Mein liebes Kind, das ist gottlos. Du wirst das kalte Fieber kriegen, Du bist viel zu schwach, um stehen zu können ... Du ... Du wirst's dahin bringen, daß Du den Besuch von Datchington richtig nicht mehr erlebst! Das heißt der gnädigen Vorsehung ins Gesicht schlagen, sage ich . . ."

„Gieb mir das Glas, Mutter," rief Kitty und Frau Pickerson legte es in ihre weißen abgezehrten Finger.

Etwas von Mütterlichkeit lag wenigstens in der Art, wie sie jetzt den Arm um die schniächtig gewordene Gestalt legte, und stillschweigend ihre Schürze abband, um sie um Kitty's Schultern zu legen.

»Ich sehe nichts!" rief Kitty kläglich. „Es ist wie dichter Nebel vor meinen Augen . . . was ist denn das mit diesem verwünschten Glas?"

„Vielleicht Hab ich's ein wenig angehaucht . .

„Halte mich fester, daß ich's noch einmal versuche? So, jetzt ist's besser . . . wie grün der Wald ist, Mutter, und wie blau der Himmel!"

„Freilich, freilich," bemerkte Frau Pickerson, Kitty heim­lich beobachtend, „aber mach' Dir darüber keine Sorge, das geht uns nichts an . . ."

„Nein ... das geht uns freilich nichts an!"

„Ich meine, Du sollest Dich wieder legen und ruhen."

Kitty lachte.

„Ich werde bald genug ruhen! Das ist doch einmal wieder etwas Anderes . . . ans sein, mich bewegen . . . nur sprich jetzt nicht! Du meinst immer, es müsse ge­schwatzt sein, und das hat Pickerson auch so oft außer sich gebracht."

Kitty hielt das Glas wieder vor die Augen, dann fiel es klirrend zu Boden.

„Ich sehe nichts . . . nur Nebel und Flammen vor den Augen . . . nüt mir ist's aus . . . ein wahres Glück, werden sie Alle sagen. Bring mich ins Bett ... ich falle um ...

ich muß mich schonen, damit ich noch mit Nin sprechen kann ..."

Jetzt erschrack Frau Pickerson. Sie schleppte Kitty durchs Zimmer und legte sie auf ihr Bett, das schwere, keuchende Athmen eine Weil» aufmerksam beobachtend. Schließlich holte sie ihr Lieblingsbuch, den Adelsalmanach aus einer Schublade und steckte es unter Kittys Kissen, damit sie höher liege, dann trat sie wieder ans Fenster.

„Kitty, sie sind's'" rief sie nach einer Weile. „Das Hütte ich Pickerson nie zugetraut, wenn er's auch versprochen hat. Kitty, sie kommen!"

Aber Kitty gab keine Antwort. Sie lag in tiefer Be­wußtlosigkeit, unzugänglich für die sehnlich erwartete frohe Botschaft. Frau Pickerson sah sich ohne Unruhe nach ihr um. Sie war an diese langen Ohnmächten gewöhnt und betrachtete sie als Erholungspausen für sich, denn Kittys Nuhelosigkeit iwu' ihr eine Qual. Dieses Mal dauerte der Zustand sehr lang, für Frau Pickersons Begriffsvermögen lag darin aber nichts Auffallendes. Sie trat ans Bett, legte die Hand auf die feuchte, klebrige Stirn der Kranken, schnüffelte ein wenig und schlurkte wieder an ihren Be­obachtungsposten, wo sie wunderlich mit den Armen herum- fuchlelte, was eine Begrüßung der am Haus Angelangten vorstellen sollte.

Nach wenigen Sekunden stürzte Nin athemlos herein, blieb jählings stehen, sah die Mutter an und deutete auf das Bett. Der Schreck hatte sie der Sprache beraubt, erst nach einer geraumen Weile vermochte sie heiser zu flüstern: „Nicht todt! Um Gottes Barmherzigkeit willen, Mutter, sag' nicht, daß sie todt sei! O sag' das nicht!"

„Alles in Ordnung," krächzte Frau Pickerson. „Nur ohnmächtig ... das ist sie oft . . . siehst Du denn nicht, daß sie zu sich kommt?"

„Ja, ja . . . jetzt seh' ich's."

Nin trat ganz leise an Kittys Bett. Tiefe Stille herrschte im Zimmer, die beiden Frauen standen regungslos, bis Kitty ihre Augen aufschlug uud mit irrem Blick um sich sah.

„Ach! Du bist's!" rief sie, die dunklen Augen weit aufgerissen und fast vom alten Feuer erfüllt. „Juug-Nin ist da? Ich bin so namenlos froh!"

„Meine liebe alte Kils!"

Lady Kanes schönes Haupt beugte sich tief über die zerbrechliche Gestalt, die mit äußerster Anstrengung ihre niagern Arme um den Hals der Schwester schlang.

„Ich dachte mir's, daß Du kommen werdest," murmelte Kitty.

„Das versteht sich doch von selbst!"

„Wenn ich auch nicht recht an Dir gehandelt habe, gelt?"

„Davon wollen wir nie mehr sprechen."

Wieder ein langes Schweigen.

„Ich habe mich so nach Dir gesehnt, Nin," sagte Kitty leise, „und hätte Dir so Vieles sagen mögen . . dann dachte ich wieder, es sei besser, wenn ich Dich nicht sehe . . . und so konnte ich mich nicht entschließen. Dir Nachricht zu geben ... bis heute . . ."

„Du solltest wohl nicht so viel sprechen, Kits!"

„Ich muß aber . . . das heißt, wenn die Mutter hin­ausgeht ... Du sollst Alles wissen . . . Alles . . ."

(Fortsetzung folgt/!

4. Webergasse 4,

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