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No. 449.

Fernsprecher No. 52.

Millmoch, den 26 . Äevtemdrr.

Fernsprecher !Ho. 52.

Abend-Ausgabe.

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„Wiesbadener Tagblatt"

zu abonniren, findet sich Gelegenheit im Verlag Langgaffe 27, bei den Ausgabestellen, den Zweig-Lxpeditionc» in den Nachbar­orten und sLmiiitlichen deutschen Reichspostanstalten.

Die „Einigkeit" der Mächte.

In seinem Rundschreiben vom 11. Juli d. I., worin der Staatssekretär Graf Bülow die Ziele, welche die deutsche Politik in Chinassverfolgt, bartegte, erklärte Graf Bülow zum Schluß Folgendes: „Die Kaiserliche Regierung ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Aufrechterhaltnug des Einverständnisses unter den Mächten die Vorbedingung für die Wiederherstellung von Frieden und Ordnung in China ist, und wird ihrerseits in ihrer Politik diesem Gesichts­punkte auch ferner in erster Stelle Rechnung tragen." Wenn man die jetzige Konstellation der Dinge in China betrachtet, dann kann man, ohne ein Pessimist von Beruf zu sein, zn der Ansicht gelangen, daß diese Vor­bedingung, die Aufrechterhaltung des Einverständnisses «nter den Mächten, nicht nur bisher nicht erfüllt ist, sondern daß es auch sehr fraglich ist, ob sie jemals erfüllt werden wird.

Noch niemals seit Menschengedcnkcn ist so viel von der Einigkeit der Mächte geredet und geschrieben worden, als seit dem Beginn der chinesischen Wirren. Aber es bewährte sich auch hier das Wort, daß, ebenso wie die Frauen, die­jenigen Bündnisse die besten sind, von denen am wenigsten gesprochen wird. Thatsächlich ist von der Einigkeit der Mächte, obwohl dies Wort nachgerade zu einem geflügelten geworden ist, bisher überhaupt nichts zu merken gewesen. Von den Kämpfen bei Tientsin an bis heute ist der Feld­zug gegen China eine Kette von internationalen Differenzen gewesen, und fast niemals verschwand eine Streitfrage vom internationalen Tapet, ohne daß sie pflichtschuldigst und prompt von einer anderen abgelöst wurde.

Dreimal bereits war das Konzert der Mächte nahe daran, in die Brüche zu gehen. Das erste Mal bei dem streit um die Frage des Oberkommandos, der nach mancherlei Differenzen, die s. Z. unterschätzt worden sind, mit der Ernennung des Grafen Waldersee beigelegt wurde. Das zweite Mal erschien die Sprengung des antichinefischen Konzerts nahezu unvermeidlich, als Rußland seinen Vor­schlag der RäUWUNg Pekings als Zankapfel unter die Mächte warf. Es trat hierbei deutlich zn Tage, wie wenig es Rußland, welches in Wahrheit tebiglid) die Erstrebung von Sondervortheilen in der Mandschurei im Auge hat, um eine ernsthafte Regelung der chinesischen Dinge zu thun ist. Die zwingende Logik der Ereignisse hat sich aber in diesem

Fall als stärker erwiesen, denn alle Sonderbestrebungen Rußlands. Die Mächte haben nicht nur sämmtlich in mehr oder weniger höflicher Form den russischen Vorschlag, der in der That kaum ernst genommen werden konnte, abgclehnt, sondern die jetzige prekäre und bedrohliche Gestaltung der Dinge in China hat unterdeß den russischen Vorschlag völlig ad absurdum geführt.

Das dritte Mal zeigt sich jetzt ein Riß im antichinefischen Konzert, nachdem die deutsche Politik durch ihren jüngsten Vorschlag, der eine Bestrafung der Hauptschuldigen sichern soll, versucht hat, den schleppenden und allgemach stockenden Gang der Dinge in China zn beschleunigen. Diesmal waren es die Vereinigten Staaten von Amerika, welche das Karnickel spielten und erklärten: Wir thun nicht mit! Der deutsche Vorschlag war so gefaßt, daß ihm anständiger Weise überhaupt nicht widersprochen werden konnte. Er verlangte die Bestrafung der Hauptschuldigen, wobei selbst­verständlich in erster Linie das Haupt der Boxer, Prinz Tuan, in Betracht kommt, und ließ zugleich eine goldene Brücke frei, auf der die Mächte die Kaiscrin-Wittwe als „verleitet" entschlüpfen lassen konnten.

Der deutsche Vorschlag war nicht nur so maßvoll als nur möglich, sondern eS war auch Deutschlands gutes Recht, da es in China den schwersten Verlust und die schwerste Kränkung erfahren hat, die Initiative zu dem Strafverfahren zu geben. In der That ist auch von keiner Seite, abgesehen von den Vereinigten Staaten von Amerika, ein ernsthafter Einwand gegen den Vorschlag Deutschlands erhoben worden. Das Verhalten der Vereinigten Staaten zeigt, daß diese im Begriff sind, völlig ans dem antichinesischen Konzert aus- zuschciden, was freilich nicht Wunder nehmen kann, denn sie mußten von Anfang an als der unsicherste Kantonist angesehen werden.

Trotzdem können wir uns nicht der beschönigenden offiziösen Auffassung anschlicßen, als ob dies Ausscheiden der Vereinigten Staaten von keiner oder doch nur geringer Bedeutung sei. Man vergißt hierbei oder vertuscht hierbei einerseits, daß die übrig bleibenden Machte nichts weniger als einig sind, und andererseits, daß das Ausscheiden Amerikas und die dadurch klar an den Tag gelegte lln- einigkcit der Mächte nur zu geeignet ist, den Trotz und die Widerstandskraft der Chinesen zu stärken und somit die chinesische Frage noch mehr zn komptiziren. In der That machen sich die Folgen dieser Uneinigkeit bereits in höchst bedenklicher Weise bemerkbar. Ist doch die Sprache der chinesischen Machthaber in letzter Zeit eine unverkennbar trotzigere geworden, und sogar Prinz Tuan, der angeblich bereits in Ungnade gefallen war, beginnt, wieder in den Vordergrund der Situation zu treten. Unter diesen 11m- ständcn muß dem weiteren Fortgang der chinesischen Aktion mit ernster Sorge entgegengesehen werden. Als weit schwerer denn die Niederwerfung Chinas erweist sich, wie dies freilich nicht anders zn erwarten war, die Aufgabe, die am anlichinesischen Konzert bctheiligten Mächte unter einen Hut zu bringen, und wir fürchten, die passende „Faxon" wird nicht so bald gefunden werden.

Deutsches Deich.

Eine verdächtige Gesctzesvorlage.

Mit berechtigtem Mißtrauen werden die Machenschaften im konservativen und im klerikalen Lager beobachtet, die darauf hinarbeiten, daß ein Schuldotationsgcsctz vorgelegt werden möge, aus dem diese Parteien ein regelrechtes kon­fessionelles Volksschulgesetz nach Zcdlitz'schcm Muster heraus­arbeiten könnten. Das Verdächtige bei diesen an und für sich ja nicht neuen Treibereien ist der Eifer, mir dem sich die Freikonservativen bemühen, die Regierung zur Ein­bringung einer Schnldotations-Vorlage zn bewegen. Man hat den Eindruck, daß eine Lage geschaffen werden soll, in der das Kanalgcsctz unter der Hand abgcthan und der Schwerpunkt der inneren Politik Preußens auf das heikle Gebiet der Schulfragc nur darum verlegt werden könnte, damit die Negierung in noch stärkerem Gegensatz zu den liberalen Parteien treten müßte. Die Negierung ist geivarnt, aber man weiß nicht, ob sie gewarnt sein will.

Einen Getreidezoll

von sechs Mark wollen Krupp und Stumm den Konser­vativen bewilligen. Das Organ des Hochschutzzöllnerthums erklärt in offenbaren! Aufträge die Geneigtheit dazu, was unter den gegebenen Verhältnissen bedeutet, daß das neue autonome Zolltarifgesetz voraussichtlich diese Zollsätze Vor­schlägen wird. Graf Posadowskh hat ja den Ostelbiern im Reichstage, wenn er ihnen nicht jede trotzige Forderung so­gleich erfüllen konnte, oft genug zu verstehen gegeben, daß sie mit ihm schon zufrieden sein sollen. Nachdem sich das Centrum auf dem Bonner Katholikentage, freilich ohne Be­zeichnung einer bestimmten Grenze, mit einer beträchtlichen Erhöhung der Getrcidezölle einverstanden erklärt hat, muß die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden, daß der Scchsmark- zoll eine Mehrheit findet. Es käme alsdann nur noch auf die anderen Vertragsstaaten an, ob die außerordentliche Erhöhung Wirklichkeit werden soll. Selbstverständlich benutzt das Bündlerthnm jedes Aussprechen eines bestimmten Vor­schlags zur Geltendmachung immer weiterer Forderungen. Kaum ist vom Scchsmarkzoll die Rede, so erklärt das Agrarierblatt diesen Satz für „zu niedrig". Man kann sich nicht vorstellcn, daß irgend ein Zollsatz genannt werden könnte, der nicht sogleich ebenfalls als „zu niedrig" be­funden würde.

Zur Ccnsnrfrage.

Angesichts der Berliner Censurverbote, die überall be­rechtigtes Aufsehen machen, schreibt die „Franks. Ztg.": Die lex Heinze hatte einen Theatcrparagraphen, der nicht angenommen wurde. War auch wirklich nicht nöthig, wie Herr Dumrath, der Leiter der Berliner Theatercensnr, be­weist. Denn besser als dieser könnte auch die treffliche lex Heinze nicht wirken. In der letzten Zeit ist eine ganze Reihe von Theaterstücken in Berlin verboten worden. Wohl möglich, daß das Publikum an dem einen oder anderen nichts verloren hat — wir kennen sie nicht alle. Aber der Geist, in dem diese Censur arbeitet, muß — ganz

(Nachdruck verboten.)

Aus der UationaU-ilrliothek.

(Don unserem Pariser Korrespondenten.)

Frankreich besitzt bekanntlich in seiner Pariser National- bibliothek das hervorragendste Institut dieser Art, soweit die Anzahl der Bücher in Betracht kommt. Was Zweck­mäßigkeit und Komfort der Einrichtung betrifft, kann sie sich allerdings mit der Londoner nicht messen, und ebenso ist der Geist, der in letzterer Anstalt vorwallet, ein viel liberalerer. Ist der Zutritt zu der Pariser Bibliothek auch nicht schwer zu erlangen, so Herrschen doch alle möglichen Einschränkungen vor und manche Vorschriften, die geradezu rtwas Verletzendes haben, wie z. B., daß kein eigenes Buch mit hinein und wieder mit fortgenommen werden darf, weil dies die Kontrolle in Anbetracht möglicher Diebstähle erschwert.

Trotzdem wird die Nationalbibliolhek natürlich sehr viel in Anspruch genommen, und wie überall, sind cs auch hier nicht gerade immer nur Leute, die Studien zu machen wünschen, welche den großen Lcscsaal füllen. Viele, die nur in bequemer und billiger Weise ihrem Lesebedürfniß genügen wollen, scheuen sich nicht, oft täglich mehrere Stunden Plätze in Anspruch zn nehmen, Andere kommen hin, weil sie da einen bequemen Sessel, einen Tisch, eine warme Temperatur finden, die in den Schlaf lullt.

Diese letzteren — natürlich ganz arme Teufel — ge­hören fast stets dem Schriftstcllerberuf an, der ihnen aber weder Gold noch Lorbeeren gebracht. Aermer häufig als die Äettler auf der Straße, halbtodt fast vor Hunger, be­trachten sie sich doch noch als „bornme de lettre“, und wenn sie so vor einem Buch sitzen, kommen sie sich recht wichtig vor und glauben wohl auch schließlich dahin zu gelangen, das Meisterwerk zu schaffen, das die Welt zur Anerkennung zivingen soll. Denn natürlich ist es nie Mangel au Genie,

was ihrem Erfolg im Wege stand, sondern ungünstige Um­stände und der Unverstand des Publikums! Inzwischen be­ginnen sie aber das zn schaffende Meisterwerk nicht, der knurrende Magen läßt dies wohl auch kaum zu, und eine? Tages werden sic todt in ihrer Bodenkammer gefunden, ehe sie dazu gekommen, cs in Angriff zu nehmen.

Andere dagegen, kaum weniger elend, aber doch schließ­lich im Stande, ihren Hunger täglich annähernd zu stillen, arbeiten in der That, aber ohne daß die Welt irgend welchen Nutzen davon hat. Man ist in den letzten Jahren in den litterarischen Kreisen ziemlich hart mit Murgcr und seiner Vie de Boheme umgegangen und behauptet, daß seine Figuren nicht die Spur von Lebenswahrheil haben. Betreffs seiner Musette und seiner Mimi mag dies viellcicht stinimcn, aber die Männer sind im Allgemeinen richtiger gezeichnet und daL Vorbild zu seinem Bibliophilen Colline könnte er noch heute in der Nationalbibliolhek nntreffen, und zivar in mehr als einem Exemplare. Diese Originale erscheinen, sowie das Institut seine Pforten öffnet, gewöhnlich die Taschen mit Papieren vollgestopft, unter denen sich wohl auch das unbe­kannte Meisterwerk befindet. Viellcicht harrt cs aber auch noch der Vollendung, denn sie arbeiten an ihren Tischen auD Emsigste, oft von einer ganzen Barrikade von Büchern umgeben, die aber weniger zum Studium dienen, als um sie vor den Blicken Unbefugter zu schützen, da sie nicht selten der Ansicht sind, man könnte ihnen ihre Ideen rauben.

Nicht alle Bücher übrigens, welche die Nationalbibliolhek birgt, werden Jedem auf Verlangen ausgehändigt. Die Verwaltung wacht über die Moral der Besucher des Instituts, und Werke, welche sich in der sogenannten Hölle (enter) befinden, erhält man nur, wenn ein wirkliches litterarischeS Interesse die Lektüre nothweudig macht. Selbst Mme. Avelte Guilbcrt, die bekannte „Discuse", mußte dies einmal erfahren. Sie mar damals noch nicht so sentimental gestimmt, wie sie es, jüngsten Interviews zufolge, durch ihre Krankheit

( geworden sein soll, und wanderte zur Nationalbibliothck, um an§ einem alten Buch, welches man ihr empfohlen, Stoff für ihre Vorträge zn holen, das Moderne mar nicht mehr ganz pikant genug. Aber das Werk befand sich in der „Hölle", und zu ihrer nicht geringen Indignation erfuhr Mme. Mette, daß selbst ihr „berühmter" Name nicht genügte, um ihr ohne Weiteres den Eintritt zu verschaffen, trotzdem sic doch nur im Interesse ihrer „Kunst" die Lektüre wünschte. Sie verschaffte sich übrigens die Erlaubniß, betrat die Hölle, um dieselbe aber nach nicht allzu langer Zeit wieder zu verlassen, wobei sich auf ihrem Gesicht das tiefste Erstaunen malte. Dies sind die Bücher, so äußerte sie zu dem Bibliothekar, die man nicht wagt, dem Publikum zu zeigen? Was ich alle Abend im Cafo-Concerl vortrage, ist zehn Mal schlimmer!

DieNalioualbibliothekdient übrigensnicht nur gar Manchen, die mit dem Studium nichts mehr zu thun oder selbst nie zn schaffen gehabt, zu längerem oder kürzerem Aufenthalt, sie sucht den Stiefkindern des Glücks auch ;u Hülfe zu kommen, indem sie ihnen Beschäftigung vc>schafft, und hat zu diesem Zweck seit einigen Jahren ein Buch aufgelegt. Aber wie das Institut selbst, so wird auch diese seine an sich gewiß sehr lobenSwerthe Absicht mißbraucht, und neben aufrichtigen Gesuchen um Arbeit, wahrhaft herzzerreißenden Bitten der Armuth machen sich auch die kanm verhüllten Anerbietungen des Lasters breit. Am häufigsten wiederholen sich die Offerten von Autoren, die da gewillt sind, um eine geringe Snmme die Frucht ihrer geistigen Arbeit zu ver­kaufen, und die sogar Verzicht leisten, daß ihr Name als der des Schöpfers genannt wird. Zu den oben erwähnten Schriftstellern, die noch immer an ihren Stern glauben und auf Anerkennung hoffen, sind dies die Gegensätze, der Ruhm ist ihnen gleichgültig geworden, wenn sie nur ein paar Francs erhalten können, uni den Anforderungen des MagenS zu genügen. W. Waldau.