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Merlitg des „Wieskadener Tagvkatt".

(Nachdruck verboten.)

Marxismus «ad Ueo-Sorialismus.

Unser Pariser v-Korrespondent schreibt uns unterm 23. September: Bei Gelegenheit des internationalen socia- i'stischen Kongresses und des Kongresses der socialistischen Parteien Frankreichs liegt cs nahe, auf die Krisis zu ver­weisen, die der französische Socialismns gegenwärtig zu be­stehen hat. Bekanntlich verfügt die französische Social- demokratic heute noch nicht über jene einheitliche Organi­sation, wie sie die deutsche, österreichische, italienische und belgische Socialdcmokratie besitzt. Vielmehr sondern sich die Socialisten Frankreichs in verschiedene politische, territoriale und wirthschaftliche Gruppen, die mehr daran denken, sich unter einander zu befehden, als sich zum gemeinsamen Handeln zusammenzuschlieben. Da haben wir zunächst die fünf politischen Parteien der nach ihren Begründern und Führern benannten Broussisten, Allcmanisten, Gucsdisten und Blattguisten, sowie die „Unabhängigen" unter Leitung von Jean Jaurös; ferner zwanzig selbständige departc- mentale Föderationen; und schließlich die zahlreichen in der Arbeitsföderalion und in der Föderation der Arbeitsbörsen zusammeugefaßten Syndikate und Kooperativ-Genossenschaften. Alle diese Organisationen ver­einigen sich jedes Jahr auf einem gemeinsamen nationalen Kongreß; überdies sind sie seit 1899 durch ein gemeinschaft­liches Gencralcopiite repräsentirt, dessen Befugnisse noch nicht genau definirt sind. Kongreß und Gcneralcomito sind indessen nicht im Stande, die Gegensätze der einzelnen Gruppen auszugleichen. Ja, der Kongreß und das General- eomitv bringen diese Gegensätze nur erst recht zum Ausdruck. — Seit dem Eintritt des Socialisten Millerand in das bürgerliche Ministerium Waldcck-Ronsscan sind die Meinungs- aerschiedenheiten der französischen Socialisten zu einem wahren Konflikt ausgeartet. Zwar wurde auf dem Kongreß von 1899 entschieden, daß kein Socialist an einem bürger­lichen Ministerium theilnehmen dürfe. Doch dauerte darum der Streit zwischen Ministeriellen und Anti-Ministeriellen fori. Und das war vorauszusehen. Denn was diesem Streit zu Grunde lag, war nicht der Fall Millerand, sondern ein Problem von weit größerer Tragweite, das sich in die Frage znsammeufassen läßt: darf sich ein Socialist an praktischer Politik belhciligen? Oder um es noch klarer auszudrücken: Soll der französische-Socialismus die alte marxistisch-blanguistische Rcvolnlionsidee endgültig aufgeben und in die Bahnen einer socialen Reformpolitik einlenken? Man sieht, dasselbe Problem, das in der deutschen Social- demokratie den Streit zwischen Alten und Jungen, zwischen unversöhnlichen Doktrinären und kompromißlustigcn Prak­tikern verursacht hat, dasselbe Problem bringt auch die französischen Socialisten gegen einander in Harnisch. Doch was für die deutschen Socialisten ein mehr oder weniger heißes Turnier ist, das wird für die Franzosen infolge itiangelndcr Disziplin und Organisation zu einem erbitterten Kampfe, dessen Ausgang noch nicht abzusehen ist. — An der Spitze der laus Blanquisten und Gnesdisten sich rekrutirenden Revolutionäre steht Jules Guesde, ein starrer Dogmatiker und Schüler Marx', der französische Liebknecht, der sich als Papst der Partei gebärdet und Jeden exkomniuniciren will, der nicht seine Lehre vom Klassenkampf theilt. Die Vermischung der ökonomischen mit politischen und religiösen Fragen ist Guesde ein Greuel. Das Eintreten zahlreicher Socialisten für Dreyftls und ihre Campagne gegen Militarismus, Klerikalismus und Monarchismus hält er für unnütz oder verderblich. Nach ihm soll der Socialist nur an die Be­freiung des Volkes vom ökonomischen Joch denken. Denn feiner Meinung nach hat die wirthschaftliche Emancipation die politische und geistige Emancipation zur Folge. So lange aber der Kapitalismus herrscht, ist es für Guesde und seine Jünger gleichgültig, ob sie in Republik oder in Monarchie leben, ob sie von Jesuiten oder von Freidenkern geleitet Erden. Denn der Kapitalismus allein ist zu fürchten. Und um ihn zu bekämpfen, ist es allerdings rathsam, möglichst -diel Zitze im Parlament zu erobern. Doch sollen die jfocialistischen Abgeordneten sich nicht etwa an der praktischen .olim betheiligen, vielmehr nach Erlangung der Wjorität Las Volk zu den Waffen rufen und den

Socialismus durch einen Gemaltstreich verwirklichen. — Ganz anderer Meinung ist Jaurös, der französische Bebel, um den sich die „Unabhängigen", die Allemanisten, die Broussisten, die departcmentalen Föderationen, die Syndikate und die Kooperativ-Genossenschaften gesammelt haben. Jaurös ist Evolutionist. Er glaubt nicht an das Revolntions-Evangelinm und ist der materialistischen Ge­schichtsauffassung abhold. Anstatt die Hände in den Schooß zu legen, bis die erlösende Morgenröthe anbricht, fordert er zu prakiischer Reformarbeit auf und sucht seine Partei der „Unabhängigen", die heute noch den offiziellen Titel „revolutionäre focialistische Föderation" trägt, zu einer socialen Reformparici umzugestalten. Für Jaurös sind die wirthschaftliche Befreiung und die politische und geistige Be­freiung verschiedene Dinge, die keineswegs einander voraus­setzen und die besonders erkämpft werden müssen. In jedem Fall liegt in den Reformations- und Organisations­bestrebungen von Jaurös die Zukunft des französischen Soc ialismus. _

D rutsch es Deich.

Zur K 0 h l e n f r a g e.

Im konservativen Lager wird abermals die Forderung eines Kohlenausfuhrverbots erhoben. Daß ein so radikales Verlangen nicht erfüllt werden wird, können sich die Befür­worter selber sagen. Aber aller Voraussicht nach wird nicht einmal das erreicht werden, daß die billigen Tarife für die Kohlenausfuhr aufgehoben iverdcn. Warum das nicht ge­schieht, gehört zu den Unbegreiflichkeiten der preußisch- deutschen Eisenbahnpolitik. Die Bielefelder Handelskammer berechnet die Frachtermäßigungen für die Kohleuausfuhr aus Preußen auf 2'/s Millionen Mark jährlich. Man sollte meinen, daß an dieser Stelle die Reform einzusetzcn hätte und daß sie nirgends leichter und schneller als gerade hier gelingen könnte, wo die Eisenbahuverwaltung doch Herrin ihrer Entschlüsse ist. Aber, wie gesagt, es geschieht nichts.

* . *

-st

* Krrlitt, 25. September. Das „Berliner Tageblatt" erfährt ans zuverlässiger Quelle, daß die Vorarbeiten für das Gesetz, be­treffend dieBcstcnernng des inländischen Schaumweins, vollständig beendet sind. Es wird angenommen, daß der Gesetz­entwurf schon im November den Reichstag beschäftigen wird.

* Die Uerliandliingki» des Ueedandes der drnische» Arl>eit»»achweise begannen gestern in Köln unter großer Be- theilignng in Anwesenheit von Vertretern des preußischen und österreichischen Handelsministeriums. In der Eröffnungsrede wies der Verbandsvorsitzendc, Dr. Freund-Berlin, auf die bedeutende Entwickelung hin, welche der öffentliche allgemeine Arbcitsnactnveis in den letzten Jahren genommen habe, und betonte, daß der Verband auf unparteiischem Boden stehe. Namens der Negierung hieß Negierungspräsident v. Nichthofen die Versammlung willkommen, wobei er die sociale und ethische Bedeutung des Arbeitsnachweises hervorhob. Darauf begrüßte der Oberbürgermeister Becker die Versammlung. Bei der dann vorgenonnncnen Wahl wurden die bisherigen Ansschußniitglieder wiedergewählt. Die Verhandlungen dauern bis einschließlich Mittwoch.

* Koloniales. Hauptmann v. Besser hat, wie der „Breslauer General-Anzeiger" erfährt, im Jahre 1897 einige Wochen hindurch die 2. Compagnie des Füsilier-Regiments Graf Moltke, schlesisches No. 38, geführt. Er hat aber in unglaublich kurzer Zeit unver- hältnißmäßig viele seiner Leute mit Arrest bestraft, sodatz ihm das Bestrafnngsrecht entzogen wurde. Hanptmann v. Besser war damals erst aus Afrika gekommen und wurde schleunigst wieder dahin zurückgeschickt.

* Unndsäian im Reiche. In Hannover tagte eine Versammlung von Zeitnngsverlegcrn ans Hannover, Braunschweig, Westfalen und Oldenburg. Nach einer umfang­reichen Debatte, tu welcher allseitig die Nothwendigkeit anerkannt tvurde, angesichts der steigenden Papierprcise und des am 1. Januar 1901 in Kraft tretenden neuen Postzeitungstarifs den Abonnementspreis zu erhöhen und eine einheitliche Regelung des Jnseraten-Nabattwcsens auf gesunder Grundlage herbeizuführcn,

an, aus deu zu gründenden Bczirksvereinen später eine größere Bereinigung, sei cs als selbständige Organisation, sei cs im Anschluß an den'deutschen Zeitnngsverleger-Verein, ins Auge zu fassen." — Die in Allenstein stattgehavte Versanmllung des Vereins der Drucker und Zeitungsvcrleger von Ost- und Wcstpreußcn nahm einstimmig eine Resolution an, betr. Erhöhung der Abonnements- prcisc vom 1. Januar 1901 ab. Motivirt wird die Erhöhung mit der Steigerung der Preise des Druckpapiers um 40 bis 45 pCt. und mit dem neuen Posttarif.

Zer Aufstand in China.

I-. Berlin, 24. September.

Die amerikanische Nvie wird wegen der durch sie be­wirkten Durchbrechung der Einigkeit der Mächte und wegen des moralischen Rückschlages auf die chinesischen Gewalt­haber bedauert, aber selbst das völlige Ausscheiden Amerikas aus dem Konzert der Kabinette brauchte nach hiesigen Auf­fassungen den Nachdruck des Vorgehens der übrigen Mächte nicht dancrnd zu beeinträchtigen, wofern nur diese Mächte wirklich einig bleiben und nicht die eine oder die andere durch weitgehende Vorbehalte die Wirkung der theoretischen Verständigung wieder aufhebt. Die russische Antwort ist noch nicht eingetroffen. Wie aus Petersburg an­gekündigt wird, soll sie im Wesentlichen zustimmend ausfallen. Aber selbst wenn das geschieht, ist einst­

weilen nicht abzuschen, wie die Auslieferung der Rädelsführer erzwungen werden könnte, wenn Rußland dabei bleibt, seine Truppen zurückziehen zu wollen. Zwar gestattet die offiziöse Kundgebung im „Russischen Regierungsboten' mit ihrer Hervorhebung der „örtlichen Verhältnisse" den Schluß, daß auch die russischen Truppen theilwcise in Peking bleiben solle», indessen ist der Eindruck nicht abzuweisen, daß Rußland für eine Politik rücksichtsloser militärischer Krasteittfaltnng kaum zu haben wäre. Einstweilen darf die ErwKtung festgehalten werde», daß die deutsche Aktion trotz der Absplitterung Amerikas durchführbar bleiben werde. Immerhin werden bereits gelegentlich Erwägungen in der Richtung angestellt, ob nicht Deutschland unter Umständen eben­falls ans die Verfolgung seiner Interessen außerhalb des Konzerts der Mächte angewiesen werden könnte. Im Uebrigen schließt die amerikanische Rote nicht aus, daß Amerika später doch noch seinen Anschluß an die deutsche Politik suchen und finden könnte. Die Rote bezeichnet die Bestrafung der Rädelsführer gleichfalls als Bedingung des Friedensschlusses, will diese Forderung jedoch nicht zur Vorbedingung der Verhandlungen machen. Sollten die Staatsmänner von Washington bei den Separatverhandlungcn mit China zu der Erkenniniß kommen, die ihnen wahrscheinlich nicht er­spart werden wird, daß jene Bedingung anders als im Wege der deutschen Vorschläge und Forderungen nicht durch- znsetzcn wäre, so würde man hier wie in anderen Haupt­städten gewiß ni bi anstehen, die Rückkehr Amerikas zu der Gemeinschaft der Mächte mit Genugthuung zu begrüßen.

Z« der deutschen Cirkularnote.

hd. Berlin, 24. September. Die „National-Zeitung" schreibt: Wie Oesterreich-Ünaarn und Italien, so hat auch Frankreich nnn- mehr dem in der Note des Grafen v. Bülow gemachte» Vorschläge ohne jeden Vorbehalt zugestirnnit, da es schon vor dem Erlaß der deutschen Note den in dieser vertretenen Standpunkt gleichfalls als den einzig richtigen erkannt habe. Von England, Rußland und Japan stehen die Antworten noch aus. Es läßt sich schwer an- nchme», daß die Stellungnahme Rußlands eine andere sein sollte als die Frankreichs, und von England kann wohl kaum eine andere als zustimmcnde Antwort erwartet werden. In der amerikanischen Aniwort wird die Bestrafung der chinesischen Rädelsführer als eine Vorbedingung des definiliveii Friedensschlusses bezeichnet.

hd. Berlin, 25. September. Die Antwort der französischen Regierung auf die deutsche Cirkularnote ist, wie der „Lokal- Anzeiger" berichtet, von aufrichtigem Entgegenkommen erfüllt. Die französische Regierung konnte jedoch nicht umhin, zu erklären, daß sie sich gewisser Bedenken nicht erwehren könne bezüglich der Zweck­mäßigkeit der Forderung, daß unbedingt vor Eröffnung der Aus­einandersetzungen mit den chinesische» Unterhändlern' die Aus- lieferung der erste» Anstifter der Pekinger Verbrechen erfolgen müsse. Die etwaige Ablehnung dieser Forderung könnte eine weitere Erschwerung der chinesischen Frage zur Folge haben.

Die Einnahme der Pcitaug-Forts.

hd. Berlin, 24. September, lieber die Eiunahme der Forts von Pcitang werden heute folgende Einzelheiten aus Tokio ge­meldet. Der Angriff begann am 19. September, 10 Uhr Nachts, und wurde 11 Stunden laug fortgesetzt. Am folgenden Tag um 8 Uhr Morgens wurden die Forts von den deutschen, russischen und französischen Truppen besetzt. Die Verluste aus deutscher Seite an Todte» und Verwundeten betragen 38 Mann, ans russischer Seite 60 Mann, lieber die Verluste der Franzosen ist noch nichts Näheres bekannt.

* * *

lid. Kerlin, 24. September. Nach einer Meldung ivj Kiel sind die Ersatzinnnnschaften für die gefallenen und vc.wnndcten Seesoldaten heute Vormittag nach China abgegangen.

hd. Kerlin, 25. September. Wie das „Berliner Tageblatt" au? Kiel meldet, ist der Scesoldat Heinrich Thenerkanf in Peking am Typhus gestorben.

Bremen, 24. September. Der von der NeichSregiernng ge­charterte Transportdamvfer „Chingtu" ist mit dem ersten Pferde­transport fiir die deutschen Truppen von Australien in Hongkong cingetroffe».

Iid. London, 25. September. „Daily Expreß" nicldet ans Berlin: Die deutsche Regierung habe unter Zustimmung sännnt- licher Großmächte, ausgenommen die Vereinigten Staaten, be­schlossen, eine» inlernationalen Gerichtshof zur Abnrthcilnng der schuldigen Chinesen zu bilden. Dieser Geriditshof wird über die Hinrichtungen zur bestimmen haben. — „Morning Post" meldet mi8 Shanghai: Rußland hat eine Expedition gegen dieStadtMnkden organisirt. Die in Sidsang eingetroffcnenTruppen sind ans Wider­stand gestoßen. In den südlichen Provinzen wird infolge Er­nennung fremdenfeindlicher Beamten ein allgemeiner Aufruhr be­fürchtet.'

hd. Mnshlntzton, 25. September. Die amerikanische Regierung hat beschlossen, nur 1500 Mann in Peking zu belassen, welche zum Schutze der cmerikanischen Interesse» als ausreichend erachtet werden. Die Amerikaner werden sich nicht unter den Oberbefehl Waldcr- sees stellen. — Ferner beschloß die Regierung, die in den chinesischen Gewässern befindliche Flotte zu verstärken, um damit den Mächten zu zeigen, daß die Vereinigten Staaten entschlossen sind, ihre Interessen im äußersten Osten zu wahren.

Ausland.

* Oesterreich-Ungarn. Graf Apponyi, der Montag zum ersten Mal naä, der Fusion als Mitglied der Regierungspartei vor seinen Wählern inJaß-BerenY erschien, sagte über das Ver- hältniß Ungarns zu Oesterreich: Die Verhältnisse in Oesterreich können allerdings eine Wendung nehme», welche eine Revision des Ausgleichs von 1867 hcrbeiführt. Die Tendenz dieser Revision kann keine andere sei», als eine größere Selbständigkeit Ungarns, jedoch auch in diesem Fall werden wir hoffentlich eine Harmonie mit den Existenzbestimmnngen der Monarchie im Geiste Franz Deals finden. Ungarn würde ledoch einen schweren Fehler be­gehen, wenn es ohnezwingenden Grund geflissentlich nach einer Gelegen-