1. Beilage ;u»i Wiesllaüenrr Tagblatt.
Uo. 445. Akend-A«sg«de.
Wer bas Dichten will verstehe».
Muß ins Land der Dichtung gehe»!
Wer den Dichter will verstehen.
Muß in Dichters Lande gehen.
Goethe, „West-ostl. Divan".
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(22. Fortsetzung.) (N»rchdruck verboten.)
Gm O^fer.
Nomau von H. Hkfler.
Er trat an das große Atelicrfcnstcr und trommelle mit den Fingern den Hohenfriedbe»ger Marsch auf den Glasscheiben, während er mit finsteren Blicken über den Thiergarten hinweg sah, auf dessen lichigrünein Blättermeer die Maiensonne mit seidenem Glanze ruhte.
Eine Weile herrschte Schweigen. Louise athmete hastig auf; in ihr keimte ein Entschluß empor.
Sie trat neben ihren Bruder und legte den Arm um seine Schultern.
„Du sollst nicht verderben und sterben, Werner," sprach sie mit tiefbewegter Stimme. „Ich habe dem Vater versprochen, treu zu Dir zu stehen, ich werde mein Versprechen halten. Du hast Recht, hier muß ein Ende gemacht werden
— Du kannst hier nicht bleiben, Du kannst hier nicht arbeiten, kannst hier kein anderer Mensch werden. Nun gut, dann gehen wir zusammen in die Welt hinaus — ich mit Dir — ich an Deiner Seite — dort wollen wir gemeinsam arbeiten, dort wollen wir gcmeinsani Deine Schuld zu tilgen suchen. Meine Kunst wird drüben in Amerika besser bezahlt werden, wie hier, wo mein Name, meine gesellschaftliche Stellung mich hindert. Du wirst drüben Arbeit finden — für die erste Zeit ist für uns Beide gesorgt."
Er sah sie lächelnd an.
„Du bist ein braves Mädchen — ja, ich glaube, an Peiner Seite könnte ich ein anderer Mensch werden! Aber, ch darf das Opfer nicht annchnieu."
„Es ist kein Opfer, Werner," sagte sie rasch. „Auch nir brennt der Boden hier unter den Füßen — ich sehne »ich fort — ja, ich kann nicht länger hier bleiben ..."
„Was ist geschehen? — Hast Du Dich mit Justizrath öarner entzweit? Willst Du sein Haus verlassen?"
„Ja — ich darf nicht mehr in seinem Hause bleiben ..."
„Aber weshalb nicht?"
„Er — nun denn — er hat um meine Hand angehalten ..."
„Er will Dich heirathen?!"
„Ja . .
„Und Du — Du — o Schwester — das ist ja ein Glücksfall sondergleichen! Dann kann ja noch Alles g«t werden! Denke doch, Justizrath Barner wird auf eine Million geschätzt! Und dann sein fabelhaftes Einkommen!
— Ah, Schwester — und Du denkst daran, den Antrag abzuweiscn?"
„Ich liebe Justizrath Barner nicht . .
„Aber er ist ein stattlicher Mann — er steht in den besten Jahren — er besitzt den besten Ruf . . ."
„Dennoch hast Du sein Hans bislang gemieden," unterbrach ihn Louise mit leisem Spott.
„Ach, wie das so kommt! Gesellschaften konnte ich ja der Trauer wegen doch nicht besuche». Aber jetzt wird das anders werden! — Ich werde selbstverständlich sofort meine» Besuch machen. Willst Du, daß ich noch vor Eurer Verlobung zu ihm gehe?"
„Aber ich sagte Dir doch, daß ich nicht daran denke, mich mit ihm zu verloben."
„Louise — das kann Dein Ernst nicht sein. Du rettest uns Beide vom Verderben . . . mich und Dich auch. Denn auch Du wirst auf die Dauer d)e Arniuth nicht ertragen können. Ah, es ist etwas Furchtbares um die Noth! Du hast sie noch nicht kennen gelernt! Sie saugt Dir die besten Kräfte aus, sie raubt Dir jeden Lebensmuth, jede Energie. Sie macht Dich feige, -kraftlos — ehrlos, sie macht Dich t' . —.üiis 1,1 . .. .
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Montag, den 24. September. 48. Intsegang. 1900.
zum Verbrecher! — die Noth — die Armuth — wie ein gespenstisches Wesen umklammert sie uns — wie ein Alpdruck ruht sie auf unserer Brust und macht uns zu Feiglingen, zu erbärmlichen Feiglingen!"
„Werner — Werner —"
„Ja," fuhr er fort und fuhr mit der Hand durch sein Haar. , das sich empor zu sträuben schien, ich Hab' es erfahren .. . welche Gedanken mir in diesen Tagen geßdmnien sind — ich ivage nicht sie auSzusprcchen. Der Gedanke an Selbstmord ist noch der Frömmste."
„Werner, das ist entsetzlich!"
Sie sah in seinen Augen den Wahnsinn anfblitzen, sie vernahm in seinen Worten den Schrei der Verzweiflung und sie erbebte bis in die tiefste Tiefe ihrer Seele.
„Und Du meinst — ich — ich könnte Dich retten, wenn ich dem Justizrath mein Jawort gäbe?"
„Ja — Du — Du allein kannst mich retten ..."
„Und dieses Opfer willst Du annehimn, während Du jenes erste Opfer, das ich Dir bot, zurückweiscn zu müssen glaubtest? Ist dieses nicht ein viel größeres Opfer? — Verkaufe ich nicht mein Leben — meine Liebe — dies Opfer nimmst Du an, iveil es Deinen Egoismus befriedigt, jenes Opfer verschmähst Du, weil es Dich durch harte Arbeit aus den Weg der Besserung bringen will . . ."
Mit bleichem Antlitz, bebenden Lippen stand er da, die Angen mit unsagbar todtestraurigcm Ausdruck auf sie gerichtet.
„Wenn Du das glaubst," sprach er mit zitternder Stimme, „dann habe ich kein Wort mehr. Nur das eine gebe ich Dir zu bedenken. Du konntest mich retten und hast es nicht gethan . . . und nun, lebcwohl, Schwester, Du sichst mich nicht wieder ..."
Er wandte sich ab. Da ergriff sie in namenloser Angst seinen Arm und hielt ihn zurück.
„Was willst Du thuu, Unglücklicher?"
„Was ich als Ehrenmann thun muß, der sein Ehrenwort nicht halten kann . . ."
„Nein — nein —" schrie sie auf. „Bleibe — nein, geh — aber gicb mir Dein Wort, innerhalb dreier Tagen keinen festen Entschluß zu fassen, nichts zu thun — mein Gott, Werner, siehst Du denn nicht, wie ich leide? Wie ich kämpfe?!"
„Ich sehe es und will Deinen Kampf nicht verlängern ... weil Du es forderst, will ich uiit Allem noch drei Tage warten. ..."
„Ich habe Dein Wort?"
„Ja . . ."
„So lebew/vhl — ich sende Dir Nachricht."
„Lebewohl! Schwester."
Er entfernte sich. Sie stand mit vorgebeugtcm Kopf da, seinen sich entterncndcn Schritten lauschend. Jetzt fiel die Korridorthür n das Schloß — sie hörte nichts mehr — lautlose Still ^ umgab sie.
Wie aus einem furchtbaren Traume erwachend, schaute sie sich um.
War es Wahrheit? Forderte ihr Bruder dieses Opfer von ihr? Verkaufen sollte sie sich an den ungeliebten Mann, nur weil er reich — nur weil er den Bruder vor dem Verderben retten konnte, in das ihn sein eigener Leichtsinn gestürzt halte?
Ihr ganzes Denken und Empfinden empörte sich gegen dieses Opfer. Die Reinheit ihrer Seele, die Keuschheit ihres Leibes — Alles, Alles sollte sie diesem Mann opfern, in dessen Augen eine gierige Sinnlichkeit lauerte, die sie oftmals erschreckt, oftmals znrückgestoßcn hatte? Und nur, weil er reich war?! —
War das nicht schmählicher als Sklavenkauf? — War das nicht — ihr reiner Sinn empörte sich gegen das Wort, das ihr auf der Zunge lag. Verächtlicher würde sie sein, als das Mädchen ans dem Volke, das sich aus Liebe und Leidenschaft dem Geliebten hingab.
Und doch — in ihren Ohren klang des Bruders entsetzliches Wort: Du konntest mich retten und Du hast es nicht gethan. . . .
Verzweifelnd sank sie in einen Sessel. Da fiel ihr Blick auf den'Brief der Fürstin, der auf der Erde lag — und mit einem Mal ward es licht in ihrer Seele.
Still mit geschlossenen Augen lag sie da. Aber wie es in ihrer Seele arbeitete, das zeigte ihre heftig auf- und ab- wogcnde Brust und ihr fliegender Alhem.
Nach einer Weile schien sie ruhiger zu werden. Ein Lächeln — weich und glücklich — irrte um ihre Lippen, die Wangen färbten sich mit einem fanftoi Noth, sie schlug die Augen auf, die von einem fast überiroischen Glanze verklärt waren.
Langsam erhob sie sich und trat zu dem Tisch, ans dem ihre Schreibmappe lag.
Ihre Bewegungen waren weich und lässig, aber nicht von jener Weichheit und Lässigkeit, die eine Folge der Ermüdung, der Gleichgültigkeit ist, sondern von jener Weichheit einer glücklichen Hoffnung, einer glückseligen Verklärtheit. Das • Lächeln schwand nicht aus ihren Zügen und der träumerische Glanz nicht aus ihren Augen.
Langsam schrieb sie:
„Mein lieber Bruder!
Ich werde Deine Angelegenheit ordnen, Du brauchst Dich nicht mehr der Virzweiflnng hinzugeben. Anbei empfängst Du einen Check über 4500 Mark — einige hundert Mark behalte ich für «ich — suche damit Deine Gläubiger eine Weile hinzuhalten, sine kurze Frist zu gewinnen, dann wirkt Du auch das übrige Geld erhalten. Und nun vertraue Deiner Schwester! — Ich muß auf einige Zeit verreisen, bis wir uns Wiedersehen, iverden Wochen, vielleicht Monate vergehen. Sei aber ohne Sorge, ich denke an Dich — ich rette Dich.
Deine Schwester Louise."
Dann füllte sie den Check für das Bankhaus aus, wo sie ihr kleines Vermögen liegen hatte, steckte Check und Brief in ein Couvert und adressirte dieses an ihren Bruder.
Dann nahm sie Hut und Mantel und entfernte sich. Eine seltsame Ruhe lag über ihrem Wesen und ganzen Thun. Aber diese Ruhe hatte nichts Beängstigendes, sie gab die Gewähr, daß Louise ihre Energie, ihren Muth wiedcrgewonnen und den Weg gefunden hatte, den sie gehen mußte, um sich und den Bruder zu retten.
Das Leben forderte ein Opfer von ihr, nun gut, sie wollte das Opfer bringen, aber cs sollte nicht die Reinheit ihrer Seele und ihres Herzens benutzen. —
Fünfzehntes Kapitel.
„Papa, weißt Du, was dieser seltsame Brief Louisens bedeute» kann?"
Mit diesen Worten trat Hilde in das Arbeitszimmer ihres Vaters und überreichte ihm einen Brief.
Es waren nur wenige Zeilen, in denen Louise von ihrer Freundin Abschied nahm.
„Verzeihe, daß ich ohne mündlichen Abschied von Dir gehe, mein kleiner Liebling," schrieb Louise, „ich konnte es jedoch nicht über das Herz bringen, ich glaube, ich hätte Dir Alles gesagt, und das darf nicht sein. Weiß Gott, wann wir uns Wiedersehen! Jedenfalls unter veränderten Verhältnissen! Aber wie sich diese auch gestalten mögen, glaube nur, daß ich Dich stets von Herzen lieb behalten werde. Auch Du sollst mich lieb behalten, was auch geschehen möge. Mit innigem Gruß und Kuß
Deine Louise."
Der Jilstizrath blickte eine Weile sinnend auf die große und energische Schrift des Briefes nieder. Er hatte die letzten zwei Wochen, seit er um Louisens Hand geworben, in großer innerer Unruhe verbracht. Er sah Louisen nur einige Mal flüchtig; dann suchte er in ihrem blassen Antlitz einen für ihn günstigen Entschluß zu lesen, doch kein Zeichen wies darauf hin, daß sie sich nach der einen oder anderen Seite hin emschlossen habe.
(Fortsetzung folgt.)
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