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1. Sei In ge mm Mesbakiener Tagklalt.

Pa. 40^. Wovgen-Ansgabe.

(49. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Jung Win.

Noma» von M. W. Uokinso».

„Nein, ich reise nicht ab. Ich gab nur einem alten Freund das Geleite . . . Herrn Nuskoff, den Sie wohl kennen?"

„Herrn Nuskoff? Ist er wirklich abgercistB

„Wirklich abgereist . . . guten Mittag."

Hauptmann Markingham hob Lady Kaue in die Droschke. Er sagte nichts mehr, sah sich aber ihr Handgepäck mit Interesse an.

„Ein verflixter Fall," brummte er vor sich hin.

XIV.

Georg Gravatt bekam Lady Kane erst spät am Abend wieder zu Gesicht nach drei vergeblichen Besuchen. Es war gut, daß er von Berufs wegen die Dinge kühl und gelassen hinnahm, sonst müßte ihn dieser Tag merklich angegriffen haben. Er war vom Bahnhof unmittelbar in den Gasthof zurückgekehrt, wo die verblüffende Nachricht seiner harrte, daß Lady Kane ihre Rechnung verlangt habe und mit dcni Mittagszug nach London abgereist sei; das größere Gepäck habe der Diener später zu befördern. DaS war ctivas räthselhaft und zum Mindesten beunruhigend! Hattc-nian ihn etwa zum Narren gehabt? Hatten sie sich in die Hände gearbeitet, um seine Wachsamkeit zu täuschen, und saßen sie jetzt vielleicht lachend beisammen im Eisenbahnwagen? Ging hier wieder einmal eine Ehe in die Brüche, und sollte Lord Kaue ein abschreckendes Beispiel werden für alle Jünglinge, die außerhalb ihres Lebenskrciscs heirathen und sich die Hausfrau vom Podium holen?

Gravatt war tief bekümmert; an einen so trostlosen und überdies alltäglichen Ausgang der Geschichte hatte er nicht geglaubt. Jung-Nin in ihrer Frische und Uunmivnndeuheit hatte ihm gefallen, wenn sie ihm auch nie als eine geeignete Lady Kane erschienen war. Auch dieser Paul Nuskoff hatte ans ihn gar nicht den Eindruck eines gewissenlosen Francn- bezwingers gemacht, der die Macht über ein Weib in dieser Weise mißbrauchen würde, er hatte vielmehr Gefallen an ihm gefunden und ihm vertraut. Es war nicht gerade wohlthucnd ... er, ein scharfsichtiger, kluger Weltmann, obendrein Arzt, der naturgemäß die dunklen Seiten der Menschennatur kennen mußte, so gcnasführt zu werden!

Er hatte sich noch nicht von dem peinlichen Staunen er­holt, als die Meldung kam, Lady Kane habe ihre Zimmer wieder bezogen, „auf unbestimmte Zeit", sagte ihm der Direktor selbst. Gravatt ließ sofort anfragen, ob er sie sprechen könne, sein Besuch wurde aber auch ans unbestimmte Zeit vertagt. Lady Kane habe heftiges Kopffveh und möchte bis znm Abend unbedingte Ruhe haben, bestellte die Jungfer. So war es fast neun Uhr geworden, als er seine Patientin wicdersah.

Lady Kane ruhte in einem Lehnstuhl am offenen Fenster. Die Nacht war'finster und kühl, aber Nin lechzte nach frischer Luft und hatte der Jungfer befohlen, alle Fenster zu öffnen, obwohl sich die Vorhänge wie Segel blähten.

„Meine liebe Gräfin, das ist ein bischen unvernünftig!" rief der Doktor bereits im Eintreten. „Die Luft ist heute scharf."

„Sie belebt mich aber, obwohl ich nicht weiß, ob das der Mühe lohnt . . warf Nin trübselig hin.

„Ein tüchtiger Schnupfen wirkt dagegen nicht belebend!"

Donnerstag» de« 20. S eptember.

„Auf ein Uebel mehr kommt es bei mir nicht mehr an, entgeguete sie. „Mir ist so heiß und bange, ich kann kaum athmen."

„Zur Hälfte will ich doch schließen," beharrte Gravatt.

—• ! oi® le ^och diese dummen Fenster und setzen

wie sich," rief Nin.

Es war ein blasses trauriges Gesicht, dem Doktor Gravatt letzt gegenüber saß, und er fragte sich in, Stillen, ob er nicht zu viel versprochen -habe, ob da wirklich einmal wieder volles Leben cinkchren werde. Jnng-Nins Gesicht, das ja gerade durch die Lebendigkeit und Beweglichkeit im Aus- Lluck das Entzücken der Singspielhnllen gewesen war, wie traurig hatte stch's verändert! So ernst ihre Krankheit gewesen war, die schwere Geburt und der Tod des Kindes t ollig reichte sic nicht ans, um diese Wandlung zu erklären' >)cnte Früh Halle er ihr noch mit lleberzeugnng Math Zrigesprochen, aber die Diagnose im Sonnenschein schien beim Lampenlicht nicht Stand zu halten . . .

. „Hoffentlich wollen Sie mir keine Predigt mehr halten" ffigte sie mit einem flehenden Blick. „Ich nehme an, daß wie diesen Theil Ihres Auftrages heut' Früh erledigt haben!"

„um so mehr, als er mir gar keine Freude macht, und ich nicht znm Prediger tauge," versetzte Gravatt. „Ich weiß me, ob ich das Richtige sage und ob's znm Guten aus schlagt."

„Oho! Heute Abend geben wir ja klein bei," bemerkte sic Der Doktor lachte, aber sie stimmte nicht ein. Sonst ging sie ans wohlgemeinte Heiterkeit immer ein, jetzt schien sie das Lachen verlernt zu haben. Die Aufgeregtheit war verflogen und die Erschöpfung eingetreten;' gerade diese Schwankungen fürchtete er so sehr.

„Nein, zum Prediger tauge ich nicht," begann er wieder. Ich müßte ein Heuchler werden, um mich dafür ausznqeben " „Warum?"

„Prediger sollten Mustermenschen reinen Herzens sein." „Sind Sie kein Mustermensch?"

„Nein! Nie gewesen," sagte er beinahe barsch.

„Das freut mich! Die „fehlerlosen Menschen" mit ihren feierlichen Gesichtern, ihren klugen Nathschlägen und ihrer Unkennlniß menschlicher Natur gehen mir ans die Nerven. Dabei sind sie in der Regel schlimmer als die, denen sie gute Lehre geben. Schwindel!"

„Sind Sic denn viel von solchen heimgesucht worden?" „Ach! So lange ich kräftig war, konnten sie mir nichts anhaben, und . . . und so lange ich mich im Variete über sie lustig machen konnte! Mich über Jemand lustig machen, wenn ich jetzt daran denke!"

„Jit das etwa ein Genuß, dein man Thränen nachwcint?" „Ja . . . für mich schon."

Doktor Gravatt gab sich keine Mühe, das Gespräch zu lenken. Er war froh, wenn er Nin znm Plaudern bringen, um dabei, heimlich, wie Acrzte thun, seine Beobachtungen anstelleu zu können.

„Sie waren heute Nachmittag nicht ans?"

„Nein."

„Sehr vernünfiig, daß Sie sich gehörig ausruhten . . ." „Nach der Anstrengung, meinen Sie doch? Ich war nämlich auf dem Bahnhof, als Nuskoff abgereist ist, was Sie vcrmnthlich unbesonnen und auffallend finden werden?" „Sie wußten um seine Abreise?"

Trotzdem er die verfängliche Frage nur so beiläufig hiu- warf, zog Nin die Stirne kraus.

„Nein, ich wußte es nicht," sagte sie langsam, schleppend. „Ich wollte selbst abreifen . . . ans Ruhelosigkeit, Verdruß

48. Jahrgang. 1900.

über Gott und die Welt . . . und wir trafen uns zufällig. Da er auch nach London fuhr, so ... so ließ ich ihn allein gehen. Gewisse Leute hätten sonst doch nur gesagt, wir seien mit einander durchgebrannt. War das nicht weise?"

„Ueberaus weise!"

„Ich dachte 'mir, daß Sie es gut heißen werden," warf sie mit leisem Spott hin, kreuzte dann die Hände hinter ihrem Kopf und drückte die Augen zu wie in großer Er­schöpfung.

Es war nicht Gravatts Absicht gewesen, von Nuskoff zu sprechen, da sie sich aber nicht scheute, den Namen zu nennen, konnte er's auch wagen.

„Ich habe ihm erklärt, daß es für ihn und Sie gut wäre, wenn er Eastbourne verließe," bekannte der Doktor.

„Ja, das weiß ich."

„Er hat's Ihnen gesagt?"

„Ja."

„Und er mar verständig und befolgte meinen Rath."

„Sie sind vielleicht der erste Mensch, der Ruskoff ver­ständig nennt! Es war vielleicht das Richtigste ... ich weiß es nicht."

„Sie zweifeln noch, daß es richtig, nöthig war?"

„Falls er sich vor mir oder vor sich fürchtet . . . ja." „Oder falls er sehr verliebt in Sie ist!"

Nin drehte den Kopf und sah ihren Arzt fest an, ohne im Uebrigen ihre Stellung zu ändern. Es trat eine lange beklemmende Panse ein.

„Oder falls ich sehr verliebt in ihn wäre, meinen Sie?"

„Das kommt ungefähr auf das nämliche heraus," sagte Gravatt leichthin.

„Nein, für die Frau ist es ganz etwas Anderes."

„Da haben Sie Recht," erwiderte er. „Die Frau leidet unendlich mehr unter einer hoffnungslosen, verbrecherischen Liebe."

Nin blinzelte unter halbgcscblossenen Lidern fast hoch- müthig zu ihm hinüber.

„Sie scheinen sich sehr auszukennen in diesem modischen Uebel, Doktor," bemerkte sie.

„Wir müssen uns damit beschäftigen wie mit allen andern Krankheiten."

„Wird sie zu den unheilbaren gerechnet?"

„Häufig ja."

„Zn den Füllen, wo Heilmittel nichts nützen, sondern schaden?"

„Das kommt auch zmveilen vor."

„Weshalb zerbrechen Sie sich danit meinetwegen den Kopf, Doktor? Sie wissen doch, daß ich ein unheilbarer Fall bin."

„Das Gegentheil weiß ich," entgcgnctc er mit Nachdruck, der eigenen Zweifel vergessend. „Von unheilbar ist bei Ihnen gar nicht die Rede, denn Sie lieben diesen Ruskoff nicht und haben einen warmherzigen und nachsichtigen Gatten . . ."

„Ja, ja, Prediger sind Schwindler," schaltete sie träumerisch ein, „aber Sie meincn's gut. Nur wissen Sie ein wenig zu viel, Doktor Gravatt ... soll ich Ihnen sagen, daß ich .^. ."

„Nein, sagen" Sie mir nichts mehr," schnitt er ihr das Wort ab, „oder wenigstens nichts, was Sie späterhin nicht mehr zugeben möchten! Sie sind Lord Kanes Frau, das ist Alles, was ich zu berücksichtigen habe und Sie zu be­rücksichtigen bitte."

(Fortsetzung folgt.)

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