Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag Pfg. monatlich, durch die Post L Ml. «» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgabe» zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
AV,OOO Abonnenten.
Slnzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile sür locale Anzeige» 15 Psg., für'auswärtige Aiizeige» 25 Pfg.— vieclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Psg.
f’ lr ^’ e Abend-SluSgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Slttögabe bis 8 Uhr Nachmittags, „ächslericheiucudeii Ausgabe wird keilte <«cwäl»r übernonuucn. jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Für die Aufnahme später eiugercichter Anzeigen zur
436. Fernsprecher No. 52.
MIorgen-AusgaSie.
Gin fianröslscher Priester-Kongreß.
Unser Pariser -s-Korrcspondent schreibt uns unterm 16. ds.: In Paris wüthct seit einigen Wochen das Kongreß- Weber. Die Briefmarkensammler, die Pctrolcumhandler, die Lnftschisfer und Spiritisten, wer nur immer im Himmel und auf Erden ein Interesse oder eine Chimäre verfolgt, alle vereinigen sic sich zu gemeinsamem Ideenaustausch. Was Wunder, daß auch die Geistlichkeit von diesem Fieber an- gesteckt wurde? Doch sei gleich bemerkt, daß der soeben stattgehabte französische Priester-Kongreß nicht i» Paris, sondern in Bourges abgehalten wurde. Denn Monseigneur Richard, der Kardinal-Erzbischof von Paris, fürchtete, daß ein so außergewöhnliches Ding, wie ein Priester-Kongreß, Uusricdeu und Verwirrung in dem leicht erregbaren Paris anstiften könne. In der That ein außergewöhnliches Ding, dieser Priester-Kongreß. Wohl hatten sich schon im Jahre 1896 in Reims eine Anzahl französischer Priester zu gemeinsamer Aussprache versammelt. Aber die Reimser Vereinigung war schüchtern und zaghaft ausgetreten; sie hatte nicht gewagt, sich als Kongreß zu konstiluiren, sondern vorgezogeu, die Maske einer religiösen Festversammlung anzunehmen. Ganz anders der Kongreß von Bourges. Ohne Scheu vor den Bischöfen und der Negierung sprachen hier die französischen Priester — 860 an Zahl — von Allem, was ihnen am Herzen lag. Und sie konnten dies umso leichter thun, als ihnen weder Herr Waldcck-Rousscau noch Herr Millerand das Versammlungsrechl streitig machte, und da der Kongreß von dem Erzbischof von Bourges präsidirt wurde und außerdem der Papst die Genehmigung zur Abhaltung des Kongresses gegeben hatte. War doch der offizielle Zweck des Kongresses, die Mittel zu stndiren, die sich für die praktische Verwirklichung der denkwürdigen Encyklika vom 8. September 1899 böten. Dieser Nahmen war weit genug, um eine gründliche Erörterung aller materiellen und moralischen Interessen der französischen Priesterschaft zuzulasse». In erster Linie erörterte der Kongreß die mangelhafte Bildung des Klerus. Einstimmig wurde festgestellt, daß die französische Geistlichkeit den päpstlichen Vorwurf „oberflächlicher Bildung und vulgärer Gelehrsamkeit" rechtfertige, und daß der Priestcrstand nicht über die geistigen Waffen verfüge, die ihn befähigten, die angegriffene Lehre zu ver- theidigeu und Recht und Moral zu beschirmen. Befreiung von den schablonenhaften dogmatisch-traditionellen Studien und größere Berücksichtigung der historischen, der socialen und besonders der Rainrwissenschaften wurde als nothwcndig- anerkannt. Weiterhin sprach man auf dem Kongreß von dem Verhalten der Priester zu einander und zur heutigen Gesellschaft. Es wurde dem Wunsche Ansdruck gegeben, die Priester möchten sich in Sitte, Sprache und Tracht mehr der modernen Gesellschaft anpaffen und unter einander durch Gründung eines professionellenPriestersyndikals engere Fühlung nehmen. Was schließlich die „Werke" anlangt, so entschied sich der Kongreß für eine regere Theilnahme des Klerus an der socialen Kulturarbeit: Man beschloß, die Campagne gegen den Alkoholismus zu unterstützen und für
Aus Kunst und Leben.
* Ein Utternrischrr GiffeimpoliM? Dem „Berl.Tngbl." wird eine Nachricht übermittelt, die dar Blatt zunächst mit aller Reserve wiedergiebt, die aber, wenn sic sich bestätigt, in hohem Grade geeignet ist, unsere Bühuenschriftsteller zu beunruhigen. Die Censur soll sich nämlich einen lrtterarischcn Vertrauensmann gesucht haben, der im Schutze des Amtsgeheimnisses über die ein- gcrcichtcn Biihnenwcrke mit zu Gericht sitzt, und auf dessen anonyme Thätigkeit somit die Mehrzahl der Verbote zurückzuführen ist, die in der letzten Zeit von sich reden geniacht babeu. Wer dieser geheime Berather ist, wird vorläustg noch verschwiegen; aber ans Andeutungen kann mau darauf schließen, daß es sich entweder um einen Mann handelt, der eine höhere Lehrthütig- keit ausübt oder — so unglaublich das klingt! — um einen Schriftsteller. Diese Persönlichkeit bat wohl der Minister im Äuge gehabt, als er zu Beginn dieses Jabres jene Kundgebung ergehen ließ, die ein Befragen litterarischer Sachverständiger in Censurangelcgcnheitcn in Aussicht stellte, und die von vielen Optimisten hoffnungsfreudig als ein Vorzeichen besserer Zeit begrüßt wurde. Es wurde schon damals darauf Hingenuesen, daß der gute Gedanke und die gute Absicht nur dann auch zum guten Ziele fuhren können, wenn die erwählten Sachverständrgen durch ihre Namen für ein gerechtes Ilrtheil und für eine unbefangene künstlerische Würdigung Bürgschaft ablegteu. Wenn die vom Goethe- Bund oorgeschlagene und vom Polizeipräsidium angenommene Sach- verständigen-Komniission in Angelegenheiten der bildenden Kunst ihres Amtes waltct.dannwciß man, mit wem man c? zu thun hat; Männer, deren Kunstanschauung und Charakter allgemein bekannt ist, treten dann für ihre Ueberzer.gung und für die Maßnahmen, die dieser Ueberzeugnna entspringen, mit vollem Gewicht ein. Bei einem anonymen Vertrauensmann der Censur aber wäre kein Biihiren- schriftstcller mehr seiner Arbeit sicher; jede« Theaterstück kann durch ihn für Berlin aus der Welt befördert werden wie durch die heilige Vehuic. Es wird nöthig sein, daß die Behörde sich darüber äußert, ob die Kunde von diesem bisher namenlosen „Sachverständigen" aus Wahrheit beniht oder nicht, und daß sie, wenn die Nachricht zutrifft, der Oeffentlichkctt diesen Sachverständigen vorstellt. Wer in ernsten Dingen ein oft verhängnißvollcs Urtheil zu Men hat, der soll auch deu Muth haben, dieses Urtheil mit seinem Namen zu vertreten.
Mittwoch, den 19. September.
Einführung der Sonntagsruhe, für Ausbreitung des Genossenschaftswesens, der Sparkassen, der Fortbildnngs- schulen und der Volks-Universitäten einzutrcten, kurz alle Werke der Erziehung, der Moralisirung, der öffentlichen Wohlthätigkeit und socialen Hygieine fördern zu helfen. — Wie man sieht, ist der Kongreß von Bourges von durchaus freiheitlichem Geiste erfüllt gewesen. Erjjhezeugte das im französischer! Klerus immer mächtiger werdende Bedüifniß, sich von der Vormundschaft der Bischöfe und einer schlecht iirspirirten klerikal-nationalistischen Presse zu befreien, die eigene Initiative zu entwickeln und dieselbe in den Dienst des Volkes zu stellen. Die französische Priesterschafl scheint sonach endlich begriffen zu haben, waö die deutsche und amerikanische Geistlichkeit seit Langem eirrgesehcn hat: daß die Kirche, wen» sie nicht allen Einfluß auf die moderne Gesellschaft verlieren will, gczwniigcir ist, sich dieser Gesellschaft zu nähern und sich gewissermaßen irr ihren Dienst zu stellen. Sollten die ln Bourges gefaßten und von den Erzbischöfen von Bourges und Besansvn, sowie von dem Bischof von Angers ausdrücklich gebilligten Beschlüsse praktische Resnlrate zeitigen, so wird man diesen ersten französischen Priester- kongreß als ein für die Geschichte Frankreichs bedeutsames Ereigniß bezeichnen können.
Ans Stadt und Land.
Wiesbaden, 19. September.
— Geschichtslralendef. 19. September. 1870: Vollendung der Eiuschließnug von Paris. 1870: Erfolglose Unterredung Jules Favres mit Bismarck. 1870: Besetzung von Versailles. 17991 Sieg der Frairzoseu über die Russen bei Bergen. 1757: Seydlitz vertreibt die Franzosen unter Soubise aus Gotha. 1657: Vertrag von Wchlarr mit Polen. Der große Kurfürst erhält die Obcilclms- herrlichkeit über Preußen. 1610: ff Friedrich IV., Kurfürst von der Pfalz. 1600: * Johann Friedrich IV. von Sachsen-Weimar. 1356: Schlacht bei MarrperturS. Niederlage Johanns II., dcS Guten, Königs von Frankreich.
o. Bezirksausschuß. Sitzung vom 18. September. (Schluß.) Die Klage des Herrn Hans Kobietka zu Oberursel geqerr die Gemeindebehörde daselbst wegen Verweigerung der Konzession zum Betriebe der Wirthschaft „Zur Waldlnst" auf der hohen Mark bei Obcrursel wird abgewiesen, da der bisherige Inhaber die Konzession selbst weiter arisübt »nd seine Verzichtlcistnng zn Grinsten des Klägers wieder zurückgezogen hat, eine zweite Konzession für dnssclbc Lokal aber »»zulässig ist. — Ein Dispcnsgesnch des Herrn Schlossermeisicrs W. Stamm hier betreffs eines Anbaues au seinem Hause in der Scerobcnstraße wird abgelehnt.
— Die Zta-tveeoe-neten werden ans Freitag, den 21. September l. I., Nachmittags 4 Uhr, in den Birrgcrsacrl des Nalh- hanses zur Sitzung cingeladen. Tagesordnung: 1. Ankauf einer Grundfläche zur Erbreiterung der Lnnggasse vor dem vr. Cratz'jche» Hanse. 2. Desgleichen zweier Grundstücke im Distrikt „An" von Hahn. 3. Bewilligung eines Kredits von 2056 Mk. für Erneuerung der Verdichtungsringe der Ccntralhcizung int Nachhause. 4. Verkauf einer überbauten Grundfläche anr Marktplatz. 5. Aenderung des Fluchtlinienplans für die Distrikte „Lcberberg", „Schöne Aussicht" und „Königstuht". 6. Nnchbcwilligimg von 112,700 Mk. für den Neubau der höheren Töchterrchule. 7. Bervilligung der Mehrkosten von 6000 Mk, für die Hcizuirgsantaqe des Brausebades in der höheren Töchterschule. 8. Ern Baugesuch des Philipp Michel wegen Errichtung eines StaÜgcbäudes und eines Wagcnschnppcns an der Schicrsteinerstraßc. 9. Festsetzung der Stadtrcchnnng für das Etatsjahr 1898. 10. Neu- regclung der Anstcllungs- und Gehaltsvcrhältnisse der städtischen Vollziehungsbeaiirten. 11. Antrag des Herrn Stadtverordneten Flindt ans Herstellung des Asphalt-Trottoirs in der oberen Rhcin-
* Dietzsche« leiste Jahve. In der „Köln. Ztg." lesen wir: ^Daß über Friedrich Nietzsche so viele Unwahrheiten neben einigem Wahren berichtet iverdcn, muß Jeden kränken, der Verehrung srrr einen großen Mann fühlt. Das zwingt mir die Feder in die Hand, damit einmal ein wahrer Bericht über Nietzsche in die Oeffentlichkeit komnit. Ueber die Ursachen seiner Krankheit, der Gehirnlähmung, zn sprechen, halte ich nicht für »öthig, da seine Schwester, Frau Dr. Elisabeth Förster-Nietzsche, ausführlich darüber geschrieben hat. Seit drei Jahren lebte sie mit ihreni Bruder hier, in den, Haus auf der Höhe, das als Nietzsche-Archiv das Andenken an diese Jahre und an das Hiiischciden des Dichters und Philo- soplM ausbewahren wird. Die frische, kräftige Luft und die tiefe Ruhe, die ihn umgab, übten einen heilsamen Einfluß auf den erkrankte» Nietzsche ans, aber eine wirkliche Besserung war nicht möglich; die sorgsame, liebevolle Pflege, die die Schwester, mit Hülfe einer getreuen Dienerin, ihm angedcihen ließ, brachte nur fertig, die letzten Jahre so schmerzlos und friedlich wie möglich dahiiifließen zu taffen. Di« Zeiten der Aufregung waren vorüber. Nietzsche lebte das Leben eines Menschen, der von der Außenwelt nichts mehr weiß, nichts mehr braucht, der sich vielleicht mit fernen, hohen Dingen beschäftigt, die uns rinzrigänglich sind. Sein nach innen gerichteter Blick, der nie der eines Blöden war, konnte Einen ans diese Vernnithung bringen. Nietzsche bewohnte die Zimmer der ersten Etage. An sein hohe«, sehr großes Wohnzimmer schloß sich sein Schlafzimmer mit Badezimmer und einer Glasveranda nach Süden, wo er im Winter manchmal die Sonne genießen konnte. An das Wohnzimmer ist vor zwei Jahren eine' große Veranda angebailt worden, von der man den schönsten Blick über Weimar und seine Höhenzüge hat, und ans der er zur Sommerzeit fast den ganzen Tag, bei heißem Wetter bis in die Nacht hinein, verweilte. Der Tag verlief für ihn regelmäßig und friedlich; er stand um 8 Uhr auf und frühstückte mit seiner Schwester, eine Stunde darauf wurde er ins Bad gebracht, dann lag er ruhend auf dem Sopha. Der Wechsel von Liegen und Sitzen, die verschiedenen Mahlzeiten, das Vorlesen.dem er immer mit Aufmerksamkeit folgte, ohne daß mau wußte, wie viel er davon verstand, füllten den Tag ans. Den Abend verbrachte Frau Förster mit seltenen Ausnahmen immer bei ihm, sie schrieb und las neben ihm und sprach zu ihm, damit er Antheil nehme an ihrem Leben, und manchmal entlockte sie ihm ein Zeichen oder ein Wort des Verständnisses. Er saß da, still, anscheinend zufrieden und immer liebenswürdig. Von Irresein
Fernsprecher Wo. 62. 1900.
--- : -" - —- -- 1
straßc von der «chwalbachcr- bis zur Ringstraße und Bewilligung der dazu erforderlichen Mittel. 12. Aenderung des Fluchtlinien- plans für den Distrikt Dreiweiden. 13. Aenderung des Entwurfs zu einem Ortsstatnt, betreffend die Erhebung von Beiträgen zn den Baukosten der städtischen Kanalisation. 14. Nachfordcrmigen zu den Etats des Vereins für Nassanische Alterthumskundc, der Gemäldesamrnlung des Naturhistorischen Museums und der Lairdesbibliothek. 15. Ankauf eines Grundstücks im Distrikt „Unter Schwarzenberg". 16. Desgleichen eines Grundstücks im Distrikt „Au" von Güttler. 17. Bewilligung von 15,000 Mk zur Herstellriiig von Grüften auf der» neuen Friedhof. 18. Des gleichen von 26,960 Mk. ans dem Pflastererneueruiigsfonds zur Befestigung eines Thcils der Frankfurterstraße mit Kleiirpflastcr. 19. Desgleichen um 1250 Mk. für Herstelluug der Fassaden-Verputz- arbeitcn an derLehrstraß-Schule. 20. Desgleichen von 850 Mk. für Mobiliarbcschnsfung für das Stadtbanamt.' 21. Desgleichen von 5000 Mark für Verbesserung dcr Koch-Einrichtnngen im städtischen Krankenhaus. 22. Desgleichen von 240 Mk. für Beschaffung und Aufstellung zweier Oefen im Museumsgebäude. 23. Herstellung eines 5 Meter breiten Gehwegs neben der All-e der Wilhclmstraße auf dem Terrain des warmen Damms. 24. Vertrag mit der Königlichen Negierung über die Fortführung des Schläfcrkopfstollcns in siska- lischcnr Gelände. 25. Neuwahl eines Armcnpflegers für das 3. Quartier des 4. Armcnbezirks. 26. Desgleichen' von Schicds- rnännern für den 1., 3. und 4. Bezirk, sowie eines L-tcllvcrtrctcrs für de» 6. Bezirk. 27. Verstärkung der socialpolitischen Kommission durch drei Mitglieder der Stadtvcrordnctcn-Versamriilnng. 28.Vor- lage der Liste der stimnrberechtigtcn Bürger. 29. Mitthcilnngen des Magistrats, betr. a) das Bewohnen von Mansarden in vierstöckigen Häusern, b) die Ncuvcrgcbung des Kehrichtab- frihr - Unternehmens und Erhöhung der' Abonnementsbeiträge.
30. Etatmäßige Airstellimg des Bürcan-Assistentcu Wilhelm Dop."
31. Desgleichen, des Landnicsser-Assistenten Richard Bcrtholir.
32. Errichtung einer etatmäßigen Stelle eines Obergärtuer« in Gchaltsklasse V der technischen Beamten. 33. Feste Anstellung des Pedcllcir der Lairdesbibliothek Hermann Hnth. (Zu No. 1, 2, 3 und 4 berichtet der Finanzausschuß, zu 5, 6, 7 und 8 der Bau- ausschnß, zu 9 der Rcchnungs-Prufungsansschuß, zn 10 der Organisationsausschuß.)
— Ein Jubiläum. Heute werden cs 20 Jahre, daß Herr Archivsekretär Theodor Schüler zu de» Mitarbeitern des „Wiesbadener Tagblatt" zählt. Es war am 19. September 1880, als er mit einer Serie von 37 „Bildern ans Wiesbadens Vergangenheit" begann, und zwar handelte der erste Artikel über „Das Hazardspicl vor Erbauung des Kurhauses". Ihr schlossen sich etwa 30 Artikel über „Umgestaltungen der Stadt Wiesbaden" und etwa ebenso viele Milthciluiigcn und Aufsätze zur Geschichte der Stadl an. Die FciiillctonS des Herrn Schiller, die zumThcil unter dem Pseudonym Gottlicb Schlkusingcr erschiene» und über Kultur- und Sittengeschichte des Landes im Allgemeinen oder einzelner Orte im Besonderen handelten, zählen nach Hunderten und sind meist ans den reichen Schützen des Köriigl. Staatsarchivs geschöpft. Die Aufsätze des Herrn Schüler sind wegen ihrer fesselnde» Darstcllungswcise und ihrer Gründlichkeit sehr beliebt und werde» besonders von allen Freuirdeu »affauischer Geschichte hoch geschätzt.
— Uolksicsehalte. Zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Volksbibliothckeu Berlins Hai der städtische Oberbidliothekar Oe. A. Vuchholtz eine glänzend ausgestattete Festschrift heraus- gegeben, worin er das segensreiche Wirken dieser VolkSbildirngs- mittcl kingchcnd bespricht und de» lebhaften Antheil hcrvorhebt, den seiner Zeit der alle Kaiser Wilhelm I. schon als Kronprinz, wie auch später am Emporblühen derselbe» genommen. Ganz besonders aber hebt er die Wohlthat der in Berlirr mit den Bibliotheken verbundenen Lesehallen hervor, und bei dieser Gelegenheit möchten auch wir auf die in unserer Stadt seit mehr als vier Jahren bestehende gleiche Einrichtring wiederholt Hinweisen. Viel Nutzen daraus zrr ziehen, ist bei der verhältnißmäßig kurzen Zeit des Bestehens der Anstalt noch kaum dem kteinsteu Thal der Interessenten klar geworden, doch hat sich die Besucherzahl titi letzten Winter ganz auffällig gesteigert »nd ist für die kommenden Monate wohl abermals eine Hebung derselben zu erwarten. Ist doch sonst nirgends eine solche Fülle von Bildnngsinatcrial vorhanden: circa 42 politische Tageszcitnnge», IM Knust- »nd gewerbliche Fach
war keine Rede, er verstand und that Alles, was seine Schwester ihm sagte. Es war nur. nls wenn die Verbindung zwischen Gehirn und Zunge gestört sei. In den ersten Jahren seines Anfenthalts in Weimar sprach er noch ziemlich viel »nd machte oft sehr treffende Benrerknngen. aber in den letzten Jahren geschah das nur noch selten. Er freute sich an den schönen Abendbeleuchtriiigeu, die er von seiner Veranda ans sah, seine Angen leuchteten, wenn er Musik hörte, er klatschte dann leicht mit einer Hand auf die andere, um seinen Beifall auszudrücken. Aber am rührendsten zeigte er seine Liebe zu seiner Schwester. Wenn sic ins Zimmer trat, verklärte sich sein Gesicht und seine Blicke folgten rhr immerwährend, er streichelte ihre Hand und blickte sie zärtlich an, und wenn sic ihm für einige Stunden Lebewohl sagte, sah man ihm die Betriibniß darüber an. Diese Schwester war aber auch Alles für ihn, nie kam eine fremde Hand an den geliebten Bruder; er wurde, nls ob er ein gesunder, Alles verstehender Merrsch wäre, von seiner Umgebung mit der höchsten Ehrfurcht behandelt. Jedermann mußte sich nach ihm richten, eS wurde vor ihm kein Wort über ihn gesprochen, denn möglicher Weise konnte er es begreifen. Nie zeigte sich bei ihm eines der traurigen Zeichen des geistigen Verfalles, wie bei den »reisten dieser armen Kranken, er behielt seine guten Formen und blieb ein gütiger, liebevoller Mensch bis zum Tode." Manchmal, wenn ein Freund oder Verehrer den großen Wunsch batte, ihn zu sehen, fragte Frau Förster ihren Bruder, ob er Besuch haben wolle. Meist schüttelte er den Kopf, es schien ihn z» bc- »nrnhigen, rvcnn ein fremder Mensch in seine Nähe kam; aber in seltenen Fällen nickte er, sagte auch deutlich: Ja. Dann gab er dem AesnclM di- Hand und sah ihn frenndlich an. Daß er noch Freude an schönen Menschen hatte, konnte Frau Förster genau beobachten. Ein solch herzlicher Empfang war für Jeden, dem er widerfuhr, ein unvergeßlicher Augenblick; denn es lag ein Ausdruck von Hoheit und Würde auf dem Gesicht, daß man sich von dem tragischen Geschick, das diesen Geist getroffen, tief bewegt fühlte. In diesen drei Jnhrcn in Weimar haben drei Künstler ihn verewigt. Bildhauer Kruse hat seine Büste gemacht, Bildhauer Kramer eine kleine Sla tuette, im Lehnstuhl sitzend, urid Haus Olde einc Radi ru ng, die im „Pan" erschienen ist. Im Anfang schienen ihn diese Sitzungen zu unterhalten, aber nach einiger Zeit ermüdeten sie ihn, und er mochte daun wochenlang keine Besuche mehr sehen. Im Mai 1899 traf Nietzsche wieder ein Schlaganfall, der ihn 36 Stunden bewußtlos »rächte, von dem er sich aber ziemlich rasch
