Der Roman.
c Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i -
Nr. 97. Dienstag, 27. Kpril. !91o.
Hltppeiti Nachdruck verboten.
(4. Fortsetzung.) Roman von Helene Schede-Heller.
IV.
Es war irach dem Mahl bei der reichen Frau Crosen in Berlin, die heute ihrem Geburtstag zu Ehren ein
E est veranstaltet hatte. Zahlreiche Gäste aus Künstler-, fsiziers- und Jndustviellenkreisen hatten sich trotz der vorgerückten Jahreszeit bei ihr eingefunden.
Die Gesellschaften, die sie gab, waren beliebt und — sie war stolz darauf — man sah mit -der Freude des Künstlers, wie unter ihren geschickten Händen die zu- sammengewürfelten bunten Steinchen aus der Berliner Welt zu einer harmonischen Figur sich vereinigten.
In einer Sinfonie von Weist und Gold zwischen schimmernden Spiegeln und üppigen Pflanzen begannen sich die ersten Tanzpaare zu bilden. Die Fröhlichkeit hatte jenen fortreihenden Charakter erreicht, der durch Champagner, Licht und Musik entsteht.
Man gruppierte sich nach Laune und Neigung — die Augen suchten sich — die Hände fanden sich — und wie ein elektrischer Strom ging es von Herz zu Herz, während die Füße leicht beschwingt über das Parkett glitten.
All die Pracht — all der Luxus der umgebenden Räume wurden nur als Steigerung der eigenen Gefühle enrpfunden — schufen eine Atmosphäre, wie die Sonne des Südens sie erzeugt, in der der Drang zum Leben Feuer in das Blut — in die Blicke, auf die Lippen wirft.
Liebesworte wurden geflüstert, die ungehemmt, sorglosen Schmetterlingen gleich, um anmutige Gesichter flatterten. Stammelnde Wünsche — schüchterne Geheimnisse, die lange in der Seele geschlummert hatten, wagten sich plötzlich in Worte zu kleiden und glitten über in die weichen, kosenden Klänge der Walzermusik.
„Ein hübsches Bild", dachte Hans Reimer, der etwas - abseits an die Fensterbrüstung gelehnt, den glänzenden Saal mit den raschelnden Seidenkleidern und flimmernden Edelsteinen überschaute. Er wartete auf den nächsten Tanz, den Erna Rickling chm versprochen hatte.
Seine Augen, die in der Ruhe einen blaukalten Glanz hatten, verrieten plötzlich wie sie Frau Ricklings Gestalt folgten, das warme, sprudelnde Leben, 'das ihm im jungen Blut gärte.
Der in der Sommerfrische zwischen ihnen ungebahnte Flirt hatte sich weiter entwickelt — in Gesellschaften, auf Bällen trafen sie sich wieder.
Bei Frau Crosen — gerade vor einem Jahre, hatten sie sich kennen gelernt — sie war seine Tischdame gewesen —, und gleich hatten ihre Sonnenaugen ihn gefangen genommen. Und dann hatte er sie in der Sommerfrische wiedergesehen — und jetzt liebte er sie rnit der ganzen ungestümen Leidenschaft eines 26jähri- aen, vom Läben verwöhnten Menschen, der keine. Hin- Dernifse für unüberwindbar — keinen Sieg für unmöglich hält.
So wurde für ihn Ernst, was für sie mehr ein reizvolles Spiel war.
„Reimer, du wirst vermißt" — sein Freund, der jung« Crosen, ritz ihn aus seinen Gedanken — „ich weiß viele Damen, die auf dich warten — enttäusche sie nicht — es wäre grausam!"
Reinrer lachte. Er war ein guter „Causeur" und ein Liebling der Frauen.
„Ich sehe mir mal das Bild aus der Ferne an. Wahrhaftig, Crosen, deine Mutter versteht's — es ist einfach ein köstlicher Abend!"
Da ging Hans Rickling an ihnen vorbei. Sie wechselten ein paar gleichgültige Worte, dann liest er die beiden zurück — schritt langsam, scheinbar ziellos durch den Saal — hier und da stehend bleibend und mit diesem und jenem zu plaudern — um dann aber die Frau zu erreichen, zu der er unauffällig gelangen wollte.
Reinrer folgte ihm gespannten Blickes, ohne zu fühlen, daß sein Freund ihn beobachtete.
„Aha" — entfuhr es ihm leise, im Augenblick, da Rickling sich Frau Roswald näherte und sie wiederum durch ein geschicktes Manöver in eine ruhigere Ecke des Saales führte.
Crosen folgte Reimers Blick und sah die beiden Menschen, die ihn so sehr zu beschäftigen schienen.
Dann meinte er leichthin: „Frau Roswald soll mit Ricklings sehr befreundet sein."
Reimer nickte zerstreut.
Im selben Augenblick aber fuhr es wie ein Leuchten über sein Gesicht — Rickling und Hilde waren vergessen — die Augen sahen nur noch einen Menschen — hingen nur noch an einer Gestalt — folgten ihr, wie gebannt.
Erna Rickling war an ihnen vorübergetanzt. Reimer faßte sich schnell — aber zu spät — der Freund hatte gesehen, was er wissen wollte, und dachte mit einem Anflug von Sorge: „Schade — er kann sich nicht verstellen — er müßte sich mehr in der Gewalt haben."
Laut fügte er hinzu: „Eine hübsche Frau, diese
Erna Rickling — für einen Künstler wie geschaffen — und doch, es heißt, sie und ihr Mann verstünden sich nicht sehr gut?"
Reimer zuckte die Achseln.
„Wie kann dich das noch wundern! Die MänneL sind alle so — wäre sie nicht seine Frau, so würde er sich höchstwahrscheinlich in sie verlieben — so aber wird ihr „Charme" ihm zum täglichen Brot — und das Zusammenleben zur reizlosen Langeweile."
„Und die arme Frau braucht einen Tröster — — paß auf, Reimer!" Die Worte waren in neckischem Tone gesprochen — aber Crosens Gesicht war ernst.
Reimer blickte erstaunt auf. Was wußte Crosen von seinem Geheimnis? Wie hatte er es erfahren?: Die Fragen stürmten durch seine Blicke, während er ruhig fortsetzte: „Mein lieber Crosen — ich kenne einen Arzt, der den Opiumrauchern sagt, sie sollen nicht rauchen — glaubst du, daß das etwas nützt?"
Und wieder zuckte er die Achseln; schaute auf Erna Rickling, deren weiches Kindergesicht aus einer Wolke von blauem Ehiffon lachte, und die wie ein Kolibri
