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1. Beilage Mi Westm-ener Tnnlilntt.

Uo. 433. Alrend-Ausgake.

Montag, den 17. September.

48. Jahrgang. 1900.

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Wer sagt, er habe die Menschen kennen gelernt, hat meist wenig Gutes von ihnen erfahren.

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(16. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ei» Opfer.

Roman von H. Elster.

Frau von Warnstedt blickte erstaunt fragend auf.

„Was soll dies kindische Schreiben? — Wer ist diese Hilde, die mir ein sehr überschwänglicher Backfisch zu sein scheint," sagte sie streng.

„Hilde ist die Tochter des Justizraihs Variier in Berlin. Ich lernte sie in der Pension des Fräuleins von Wedcmeyer fermen und sie schloß sich mir aufs Engste au."

„Kennst Du den Justizrath Variier?" wandte sich Frau von Warnstedt an ihren Stiefsohn.

„Dem Namen nach. Er ist einer der berühmtesten Rechtsanwälte in Berl» und soll sehr reich sein."

„Und in das Haus dieses Mannes willst Du gehen?"

„Ja, Mama; ich denke die Einladung Hildes anzunehin«!!, um mich erst einmal in Berlin umzuseheu."

„Das ist eine tolle Idee — ich verbiete Dir, nach Berlin zu gehen, um Künstlerin zu werden!" rief Frau von Warnstedt.

„Ich bin mündig, Mama, und meine eigene Herrin," entgegnete Louise mit kühler Ruhe.

„Louise," nahm da Werner das Wort, „ich muß Mama Recht geben. Dein Plan ist nicht durchführbar. Papa wäre ebenfalls dagegen gewesen. Das Haus des Justizralhs Barner ist kein Aufenthalt für Dich und ich begreife nicht, wie Du Deine jetzige ehrenvolle Stellung mit dem Leben einer armseligen Malerin, die für Geld arbeiten muß, ver­tausch»: kannst."

„Ich glaube wohl, daß Du mich nicht begreifst, Werner," sprach Louise mit leicht bebender Stimme. „Ich kann mich über die Gründe, welche mich bestimnien, die Stellung bei der Fürstin aufzugeben, auch nicht näher erklären. Ihr müßt mir schon glauben, daß es schwerwiegende Gründe sind."

„Ah, steckt etwa dieser Willibald Leistner dahinter?" rief lachend Frau von Warnstedt.

Louise erröthete vor Unmuth über die unzarte Art und Weise der Stiefmutter.

„Du hast kein Recht, mir unehrenhafte Gründe unter­zuschieben," entgegnete sie scharf. „Du weißt, daß dieser Mann in keiner Beziehung mehr zu mir steht."

»Nun, dann wäre ich allerdings sehr neugierig, Deine Gründe kennen zu lernen. Aber noch eines muß ich Dir sagen: Führst Du Deinen tollen Plan aus, woran ich Dich ja leider nicht hindern kann, dann ist Dir mein Haus ver­schlossen — aus eine Unterstützung meinerseits brauchst Du nicht zu hoffen."

„Ich bin Dir dankbar für Deine Worte — sie schaffen wenigstens eine klare Situation. Eine Unterstützung Deiner­seits habe ich nicht erbeten — mein kleines mütterliches Erbtheil wird genügen, mich vor der äußersten Noth zu schützen. Ich hielt es für meine Pflicht, Dir meine Zu- kunftspISne mitzutheilen, ich glaube, wir haben uns jetzt nichts mehr zu sagen."

„Rein — nicht das Geringste," versetzte Frau von Warnstedt kalt. „Wann gedenkst Du abzureisen?"

„Morgen. ..."

„Gut. Bestimme nur, wann der Wagen Dich erwarten soll. . . ."

„Mama — Louise — ich bitte Euch", rief Werner, „bedenkt, was Ihr thut! Louise, Du darfst Deinen Plan nicht ausführen — und Du, Mama, Du bist zu schroff

— dieses Haus war doch auch das Haus unseres Vaters. ..."

„Es ist jetzt mein Haus und mein Wille ist hier maß­gebend," sagte Frau von Warnstedt hochmüthig. „Ich bitte das stets im Auge zu behalten. Ich habe mein letztes Wort gesprochen . . . mein Wille ist nnabänderstch."

Mit stolz zurückgeivorfencm Haupte verließ sie das Zimmer.

Werner wollte ihr nach, aber seine Schwester hielt ihn zurück.

„Gieb Dir keine Mühe, ihren Sinn zu ändern," sagte sie. „Ich kenne sie besser, als Du. Sie ist unbeugsam und wir. Papa und ich, haben oft unter dieser Starrheit ihres Charakters gelitten."

„Louise, dieses Mal trägst Du die Schuld!"

„Ich kann nicht anders handeln, Werner, glaube mir."

„Das verstehe ich einfach nicht."

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Sei mir i>icht böse, Werner. Habe Vertrauen zu mir

— gieb mir Deine Hand — wir wollen treu znsammen- halten, was auch kommen mag. Versprich es mir."

„Ja doch — aber ich weiß noch immer nicht, was ich von all dem denken soll. Mir brennt der Kopf. . . ."

„In Berlin sehen >vir uns wieder, Werner. Jetzt geh zu Mama — bleibe Du gut Freund mit ihr, Du hast sie nöthigcr, als ich," setzte sie lächelnd hinzu. „Ehe ich ab- reise, sehen wir uns noch."

Sie begab sich auf ihr Zimmer, um ihre Sachen zu ordnen. Viel gab es nicht mehr zu packen, denn sie hatte fast alle ihre Sachen nach der Pension Wedemeyer und später nach Schloß Kalenburg schaffe» lassen. Ein eigenes Gefühl beschlich sie, als sie die letzten Bilder und Bücher einpackte. Jetzt besaß sie keine Heimath mehr. Das Vater­haus war ihr verschlossen, die Eltern ruhten im Grabe — keine Stätte nannte sie ihr eigen, wohin sie hätte flüchten können, wenn der Kampf des Lebens zu schwer auf ihr lasten würde.

That sie wirklich recht daran, alle Brücken hinter sich zu zerbrechen? Trante sie ihrer Kraft nicht zu viel zu? Wiirde sie ihr Ziel, die Freiheit, die Selbständigkeit auch erreichen?

Sie dachte an die mahnenden Worte des Vaters, als er sie gebeten, die Stellung bei der Fürstin auzunehmen. Aber sie dachte auch daran, daß sic in Schloß Kalenburg nicht bleiben durfte, lvollte sie ihren Ruf fleckenlos erhalten und vor sich selbst rein und frei dastehcn.

Der Prinz hatte ihr damals, als ihre Herzen sich er­schlossen, warnend gesagt: Hier haben die Mauern Augen und die Steine Ohren .... ah, wie recht halte er!

Nur wenige Tage waren seit jener Scene in der Gallerie verflossen und schon bemerkte Louise, wie es um sie herum wisperte und kicherte, flüsterte und lachte.

„Nein, nein — diesen unfaßbaren Verdächtigungen mußte ein Ende gemacht werden! Der Prinz war eine viel zu impulsive, offene Natur, als daß er seine Gefühle vorsichtig verbergen konnte. Seine Leidenschaft brach immer aufs Nene hervor, sodaß sogar die alte Fürstin aufmerksam geworden war.

Ehe es zn spät war, wollte Louise fort! —

Bevor sic vor immer aus dem Elternhaus schied, wollte sie noch einmal die Stätte besuchen, wo ihre Eltern im ewigen Schlummer des Todes neben einander ruhten; Ab- chied nehmen von ihnen und ihre Verzeihung erflehen, wenn sie jetzt ihren eigenen Weg ging, wenn sie dem Willen des Vaters entgegen handelte.

Es war ein trüber Wintertag. Langsam rieselte der Schnee von dem grauverhangenen Himmel nieder, auf dem euchten Boden sich in snmpsige Lachen verwandelnd. Der Nebel hing sich in dichten Schleiern an die kahlen Kronen der Bäume; grau in grau getaucht erschien die Natur.

Louise eilte rasch dahin, um den Friedhof zu erreichen. Plötzlich stutzte sie. Eine hohe Gestalt tauchte aus dem Nebel auf und schritt auf sie zu.

Es war Ppiuz Aribert!

Sie konnte ihm nicht mehr ausiveichen und so erwiderte sie seinen Grnß.

„Darf ich mich Ihnen auschließcn, Louise?" fragte er und schritt, ohne ihre Antwort abzuwarten, an ihrer Seite dahin.

„Ich glaubte, Durchlaucht seien schon wieder abgereist.. sagte sie mit unsicherer Stimme.

„Nein, ich wollte Sie noch einmal sehen und sprechen" entgegnete er. _ „Auf Schloß Kalenburg weichen Sie mir aus — dort ist man niemals unbeobachtet; der Mensch, der Archivrath, ist ei« Schwätzer — ich werde ihn einmal ordentlich ins Gebet nehmen."

„Was ist geschehen, Durchlaucht?"

„Sagen Sie doch nicht stets Durchlaucht — ich denke, wir brauchen keine Komödie mehr zn spielen. Nächstens soll es die ganze Welt wissen, daß ich Sie liebe. . . ."

„Durchlaucht — ich bitte Sie herzlichst — haben Sie Mitleid mit mir. . . ."

„Mitleid? — Welch seltsames Wort! Ich liebe Sie, Louise — und Sie. haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie mich lieben? — Ah, ich könnte vor Glück und Seligkeit über jene» Kirchthurm springen. — Mädchen, mein liebes süßes Mädchen, verstehst Du mich denn nicht — oder — willst Du mich nicht verstehen."

Louise hatte ihre Fassung wieder gewonnen.

„Vielleicht das letztere, Durchlaucht," sagte sie ruhig. „Lassen Sie uns jene Stunde vergessen. . . ."

„Vergessen?!"

„Nein — wir wollen ihrer als eines schönen glücklichen Traumes gedenken — jetzt aber lassen Sie uns scheiden."

Der Prinz schüttelte energisch den Kopf.

„Nein — tausendmal nein!"

„Es muß sein, me-iu Prinz! — Sie haben höhere Pflichten — und ich — ich scheue mich vor dem Kampf, den Sie mir aufzwingen wollen. Leben Sie wohl, Prinz

— ich danke Ihnen, danke Ihnen aus vollem Herzen —

hier lassen Sie uns scheiden, am Gitterthor des Friedhofs, auf dem meine Eltern ruhen. Auch von Ihnen will ich Ab­schied nehmen-leben Sie wohl."

Sie rekchte ihm die Hand, die er hastig ergriff.

„Du fürchtest Dich vor dem Kampf," sagte er mit zorniger Stimme. „Glaubst Du denn, Mädchen, das Leben würde Dir keine Kämpfe bringen — schwerer und härter, wie der, dem Du ausweichen willst? — Und hast Du denn gar kein Vertrauen zu mir? — Fürchtest Du Dich vor dem Kampf, der uns mit nieinen Verwandten bevorsteht — nun gut, so laß uns gemeinsam in die weite Welt hinausziehen. Dort draußen fragt keiner nach Prinz und Prinzessin — dort nimmt uns die große Mutter Natur schirmend in ihre Arme — dort können wir Menschen sein

— hier bin ich ein Prinz — und Du das Hochwohlgeboreue Fräulein — komm mit mir! Wirf Alles hinter Dich und vertraue mir!"

Sie sah ihn lächelnd an. Wie sic ihn in diesem Augen­blicke liebte! Seine Gestalt reckte sich kraftvoll empor, als wollte er die Welt erobern. Seine Augen schossen Blitze und seine breite Brust »völbte sich in tiefem Athemzuge.

Ein Held, ein freier Held, der nur auf seine eigene Kraft vertraut, trotzig und stolz — so stand er vor ihr, die bewundernd zu ihm cmporschaute.

Sie hätte die Arme um seinen Nacken schlingen mögen, jubelnd ausrufend: „Trag mich hinaus in die Welt — wohin Du gehest, da gehe ich hin! Dein Land ist mein Land! Deine Heiniath ist meine Heimath! Deine Freiheit ist meine Freiheit!"

(Fortsetzung folgt.)

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