Einzelbild herunterladen
 

Witsbadmr lagblatt.

*»• Jahrgang.

. heint in zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS: durch den Verlag »« Pfg. m»n«tlich, durch di« Post » Ptk. «» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

RV.OOO Abonnenten.

Sln,eigcn-Prei-r

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Rcclamen die Petilzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

An^k1gvtt-Amtn!)m e die StbenV-elttSsabe bis 11 Uhr ^Vormittags, für die Morgen «Anögabe 6t«_S Uhr Nachniittag«. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur

nächsterscheiuenlen Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

. 433.

Fernsprecher »?o. 52.

Montag, den 17. September.

Fernsprecher »Jo. 52.

1‘JOO.

Abend -Aassgafee.

Die Maral des Dnrenirrieges.

Während in Südafrika die zusammengeschmolzenen Schaaren der Buren den letzten verzweifelten Kampf um ihre Heimath und um ihre Freiheit führen, richtet die zur Zeit in Amsterdam weilende Sondergesandtschafl der Buren noch einmal „im Namen der Gerechtigkeit, im Namen der Menschlichkeit" einen Appell an die Völker, ihrem Volke noch in dieser Stunde beizustehen und ihr Vaterland zu retten. Die Bureugesandtschaft vertraut zu Gott, daß ihre Stimme nicht ungehört verhallen wird, aber wir vermögen leider dieses Vertrauen nicht zu theilen.

Hinge es von den Völkern Europas ab, dem un­moralischen und barbarischen Kriege in Südafrika ein Ende zu machen, es märe dies längst geschehen. Seit dem letzten Streit zwischen dem mächtigen England und der kleinen südafrikanischen Republik — und dieser Streit datirt, genau genommen, bereits seit jenen Dezembertagen des Jahres 1895, wo die im Solde des Cccil Rhodes und Chamberlains stehende Jameson'schc Räuberbande den frechen Einbruch in das Gebiet der Transvaal-Republik verübte — standen die Sympathicen aller Völker rückhaltslos auf der Seite des kleinen Burenvolkes, welches sich gegenüber allen Anschlägen des goldhungrigen Englands wacker und mannhaft be­hauptet hatte.

Aber die Shmpathieen der Völker sind nicht identisch mit der Politik der Staaten. Freilich, eine Zeit laug schien cs sogar, als ob dies den Vorgängen in Südafrika gegenüber der Fall sei. Ju dem deutschen Weißbuch über die süd­afrikanische Republik vom Jahre 1896, welches nicht lange nach dem Jameson-Einfall veröffentlicht wurde, hieß es ausdrücklich, daß die deutschen Interessen in Südafrika die Aufrcchterhaltung Transvaals als selbständigen Staates erforderlich machten. Den gleichen Standpunkt nahmen damals und noch bis vor Kurzem Frankreich und Rußland ein, von denen das erstere durch die Herrschaft Englands über Südafrika in seinen afrikanischen und madagassischen Besitzungen bedroht wird, während Rußland sich überhaupt auf den Standpunkt stellte, daß eine solch Machtverstärkung Englands den russischen Interessen zuwidcrlaufe.

Aber die Pfade der europäischen Politik sind verschlungen und wunderbar. Im Vorjahre erst fand ans die Initiative des russischen Czaren hin die große internationale Komödie der Friedenskonferenz statt, und unmittelbar darauf, als das Satyrspiel zur Friedenskonferenz, begann das frevelhafte Jntrigucnspiel der englischen Diplomatie gegen die Buren­republik, welches —und das eben war die Absicht Englands — zu dem Kriege führte, der jetzt allgemach seinem Ende entgcgcngeht. Die Art, wie England diesen Krieg vom Zaune brach, widersprach auf das Schroffste allen Grund­sätzen der Moral und der Menschlichkeit. Wo aber blieben oie Mächte, deren Vertreter auf der Konferenz im Haag „preisend mit viel schönen Reden" sich für den Frieden, für die Moral und für das internationale Recht begeistert hatten?

Und nicht nur mit der Provozirung des Krieges selbst, nein auch während des Krieges hat England wiederholt die Humanität wie das Völkerrecht mit Füßen getreten. Eng­land hat in der Kriegsführung von Mitteln Gebrauch ge­macht, welche civilisirien Nationen zur Schande gereichen, wir erinnern nur au die nachgewiesene Verwendung der be­rüchtigten Dum-Dum-Geschosse. England hat ferner dem Völkerrecht zuwider gehandelt, als es zuerst den Oranje- Freistaat und dann die Transvaal-Republik für annektirt erklärte, obwohl nur ein verschwindend kleiner Theil dieser Gebiete thatsächlich in den Händen der Engländer war. Indem die Engländer so die für ihre Heimath kämpfenden Buren zu Rebellen zu stempeln versuchten, suchten sie sich den Schein einer Rechtfertigung für eine Kriegsführung zu verschaffen, welche sonst sogar von den Engländern als barbarisch hätte empfunden werden können.

Aber England trat nicht nur selbst das Völkerrecht mit Füßen, sondern es veranlaßte zu gleichem Thun auch Portugal, welches sich auch bereitwilligst zu der traurigen Rolle hergab, den Büttel Englands zu spielen. Der völkerrechtswidrigen Er- laubniß des Durchzugs englischer Truppen durch Beira schien Portugal jetzt auch noch einen Akt unerhörter Brutalität gegenüber dem in Lourenco Marques weilenden Präsidenten Krüger hiuzufügen zu wollen, aber in letzter Stunde scheint mau in Portugal doch Bedenken empfunden zu haben, sich selbst aus der Rolle der civilisirteu Staaten zu streichen. Die portugiesische Regierung hat es zum Schluß doch für räthlicher gefunden, die geplante Reise des Präsidenten Krüger nach Europa nicht zu verhindern.

Ob man in Portugal doch einen Einspruch der Mächte gegen einen solchen Bruch des Völkerrechts befürchtet hat? Wir unsererseits denken in dieser Beziehung von den Mächten sehr pessimistisch. Wir halten auch den letzten Versuch des Präsidenten Krüger, eine Intervention herbei­

zuführen, mit welcher Freude eine solche Intervention uns auch erfüllen würde, . doch für völlig aussichtslos. Eine solche Intervention wäre nur denkbar, wenn sie von mehreren Mächten gemeinsam' ausgeführt würde. Welche Macht aber wird es sein wollen, die die Anregung hierzu giebt und dadurch für linmer den Haß Englands auf sich läd? Für Deutschland verbietet sich eine solche Rolle durch seine heikle internationale Stellung von selbst. Frankreich hat angesichts des Faschoda-Konfliktes gezeigt, daß es sich den Luxus eines Zwistes mit England nicht erlauben will. Und Rußland begnügt sich danlit, den südafrikanischen Krieg zum eigenen Vortheil anszunutzen. Die Staaten Europas lassen die Ereignisse in Südafrika ihren Gang gehen, obwohl sie dem Recht und der Humanität widersprechen, weil diese Staaten durch Eifersüchteleien und Jnteresseukänipfe ge­spalten sind. Die Völker Europas sind nicht im Stande, die heiligsten Güter zu wahren. Das ist die Moral des Burenkrieges.

Deutsches Kelch.

Die neue Reichsanleihe.

Kerlin, 16. September.

lieber die Begebung von 80 Millionen Mark Reichs- schatzanweisungen in Amerika sind beinahe soviel Neigungen wie politische Organe vorhanden. Das Schauspiel ist insofern ungewöhnlich, als die Blätter der verschiedenen Parteien keineswegs unter sich in der Bcurtheilung des Ereignisses übereiltstimmen. Wenn die „Krenzzeitung" die Verschonung' des deutschen Geldmarktes mit dieser Anleihe lobt, findet das Agrarierblatt den Vorgang tief beschämend, und ähnliche Gegensätze des Urtheils werden in der freisinnigen und auch in der nqtionalliberalen Presse bemerkbar. Der „Vorwärts" sodann erklärt das Vorgehen der' Regierung für tadellos. Man bekommt aus diesen, in der That beispiellosen Wider­sprüchen der Auffassungen den Eindruck, daß die Maßregel, zu der sich die verantwortlichen Stellen entschlossen haben, ebenso Vieles für sich wie gegen sich haben muß, daß die Regierung selber gewußt haben muß, sie werde neben der Anerkennung auch heftige Angriffe erfahren, daß sie aber in einer Zwangs­lage gewesen sein oder die Lage wenigstens als Zwang empfunden haben muß, indem sie handelte, wie geschehen ist. Dem unbefangenen Beobachter will es dünken, als ob zu wirklicher Erregung kein rechter Anlaß vorliegt, und zwar zu einem Enthusiasmus des Anerkennungsbedürfnisses ebenso wenig, wie zu einem Zuviel des Tadels. Die Hauptsache ist und bleibt, daß das Reich 80 Millionen Mk. benöthigtc, weil China uns einen dicken Strich durch die Rechnung ge­macht hat, und daß wir für dies Geld 4 pCt. Zinsen zu zahlen haben. Wohin die Summe geht, kann dem Steuer­zahler verhältnißmäßig gleichgültig sein; jedenfalls muß sic bezahlt werden. Die technischen Erwägungen, die zu Gunsten einer Verschonung des deutschen Geldmarktes gesprochen haben, dürfen sich, wie nian anzuerkeunen hat, wohl hören lassen. Die Erschütterung des deutschen Geldmarktes ist schon gerade stark genug, und sie wäre durch den Zudrang einer neuen englischen Anleihe noch gesteigert worden, selbst­verständlich zürn Schaden der Besitzer von Reichs- und Staats­papieren, die ja ohnehin schon einen so bedeutenden Kurs­rückgang haben erleiden müssen. Blau kann also nur wiederholen: Das Unerfreulichste an dem Ereigniß ist und bleibt die Nothwendigkeit der Aufnahme dieser 80 Millionen selbst. Soviel also hat uns China schon gekostet oder wird uns binnen wenigen Wochen kosten! Eine Berechnung, die anscheinend auf sachlichen Angaben von einer Rcgierungs- stelle beruht, beziffert die bisher bereits gemachten Auf­wendungen auf rund 40 Millionen, wozu weitere 40 Millionen bis zum Zusammentritt des Reichstags hinzukommen dürften. Die Zahlen sind erschreckend. Diese Ausgaben waren und sind vielleicht unvermeidlich, aber immer von Neuem muß man den Mulh der Regierung bewundern, die die volle moralische Verantwortlichkeit für solchen enormen Kosten­aufwand übernahm, ohne diese Verantwortung mit dem Reichstag theilen zu wollen.

Zur Handwerkspolitik.

Ueberraschend verständige Aufichtcn über die Undurch- sührbarkcit zünftlerischer Forderungen entwickelt die „Kreuz­zeitung". Man muß wohl aunehmen, daß das leitende konservative Blatt seine drei langen Artikel über die Hand­werkskammern nicht gebracht hätte, wenn cs nicht sicher wäre, mit den darin geäußerten Ketzereien die Meinung der konservativen Führer wiedcrzugebcn. Der Verfasser stellt fest, daß viele Zwangsinnungeu Fiasko gemacht haben, er sieht nicht bloß die obligatorischen Innungen, sondern auch die Forderung des Befähigungsnachweises mit äußerst kritischen Augen an; er bestreitet die landläufige zünftlerische Behauptung, daß an dem Aufschwung des deutschen Volks­lebens in den letzten dreißig Jahren der Handwerkerstand nicht theilgenommen habe. Man sollte, so läßt er sich ver­nehmen, nicht immer von dem nothleidenden untergeheuden Handwerk reden, dem nur durch obligatorische Innung und Befühigungsnachweiszuhelfensei. Die ganze Artikclrrihe in der

„Kreuzzeitung" ist von einem Geiste beseelt, den man int Lager der Rechten seit Langem nicht mehr gewohnt war, anzulrcffcn. Eine thatsächliche Konstatiruug in den AuS- führungcn deS konservativen Blattes ist von besonderem Werthe, nämlich daß in den drei Jahren seit der vom Reichstag beschlossenen Resolution, wonach der Befähigungs­nachweis für das Baugciverbe und für die verwandten Gewerbe eingesührt worden ist, weder die Konservativen, noch das Ccntrnm die Ausführung dieser Resolution be­antragt haben. Es geht daraus hervor, daß die Hand- werkcrfrage überwiegend nach den Bedürfnissen partei­politischer Propaganda behandelt worden ist. Jene beiden Parteien forderten Zwangsinnungenund Befähigungsnachweis, solange im zünftlerisch durchsetzten Handwerkerstand diese Wünsche mit leidenschaftlicher Einseitigkeit erhoben wurden. Heute, wo die aussichtslose Bewegung von selbst nach­gelassen hat, siitd Konservative und Centrum froh, die Hand aus dem Spiele lassen zu dürfen. Damit verringert sich indessen nicht das Verdienst der „Kreuzzeiluug", das in der offenen Anerkennung begangener Jrrthümer und in der Warnung vor neuen Jrrthümer» beruht. Selbstverständlich braucht nur irgendwo das Wort Befähigungsnachweis zu fallen, und sofort stürzen sich demagogische Blätter, wie die „Deutsche Tageszeitung", mit Gier auf den hingeworfenen Köder. Das Bündlerblatt erklärt mit dem Brustton einer Uebcrzcugung, die aus der Besorgniß vor dem Verlust der zünftlerische» Stimmen bei künftigen Wahlen geboren ist, daß der Befähigungsnachweis nach wie vor gefordert werden müsse. Das Fordern ist natürlich umso leichter, je sicherer diese unverantwortlich drauf losrcdende Gescllfchast weiß, daß sie und das Handwerk zum eigenen Besten vor dieser mörderischen Maßregel für immer bewahrt bleiben werden.

Das Ansiedelungswerk im Osten.

Es wird jetzt bekannt, wie die von den Offiziösen an­gekündigte Vermehrung bäuerlicher Stellen im Osten durch­geführt werde» soll, nämlich durchAuftheilung vonDomänen. Man kann die Maßregel nur billigen. Es ist eine alte Forderung des Liberalismus, die hiermit verwirklicht werden würde. Selbstverständlich käme Alles auf die Art und Weise der Ausführung au. Wie man weiß, leidet die Durch­führung des Rentengutsgesetzes namentlich unter den zu hohen Preisen, die die auftheilendcn Grundbesitzer fordern. Wenn der Staat jetzt in eine socialpolilisch wohlthätige Konkurrenz eintreten tvill, so könnte er sich ein Verdienst erwerben, indem er sich in den zu stellenden Bedingungen weise beschränkte. Die Zumnthung an den Fiskalismus ist groß, aber wenn der Fiskalismus nicht überhaupt fern­gehalten wird, dann kann bei der Sache doch nur etwas Halbes herauskommen.

Ablösung der Polizei-Aufsicht durch Fürsorge- Vereine.

Betreffs der Ausführung der in den §§ 88 und 89 deS Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich enthaltenen Vor­schriften über die Stellung unter Polizei-Aufsicht ist unterm 23. Juli d. I. eine Verfügung ergangen, wonach in gewissen Fällen an Stelle der amtlichen Thätigkcit die freie Liebes- thätigkeit zu treten hat. Diese Verfügung ist für die vielen Fürsorge-Vereine von großer Bedeutung, und wird das Arbeitsgebiet derselben dadurch erheblich erweitert, aber der daraus resultircnde Segen wird die Mühen reichlich auf- wicgen. Der in Betracht kommende 8 9 besagt, daß, „so lange der Verurtheilte einer geordneten Fürsorge untersteht, alleMaßregeln, welche geeignet sind, ihm eine geordnete Thätig- keit zu erschweren, wiez.B. Erkundigungen nach ihm durchPolizci- beamte, unbedingt zu vermeiden sind." Diese Bestimmung, welche den Geist wahrer Humanität athmet, wird sicherlich von reichem Segen begleitet sein, da dem Verurtheilten mehr' wie bisher die Möglichkeit geboten wird, eine gefundene Thätigkeit auch zu behalten und so, falls er überhaupt die Absicht einer wirklichen Besserung in sich trägt, wieder ein würdiges Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden Vielfach scheiterte dieses Vorhaben bisher an der geübten Praxis der Polizeiaufsicht insofern, als der uniformirte Schutzmann in der Arbeitsstätte des betreffenden Ver­urtheilten erschien und sich nach der Führung des­selben erkundigte. Dieser Umstand hatte vielfach zur

Folge, daß die Mitarbeiter des Observaten erklärten, mit einem solchen Menschen nicht niehr arbeiten zu wollen, und mar der betreffende Meister oder Fabrikherr oft gegen seinen Willen gezwungen, den sonst guten Arbeiter zu entlassen. Von einer Werkstätte zur andern umherirrend, wurde der Entlassene schließlich ganz arbeitslos und verfiel von Neuem dem Verbrechen. Nunmehr aber sollen die Recherchen durch die Organe der Fürsorgevcreine ausgeführt werden, falls sich der Strafentlassene, der aber dennoch zur Polizeiaufsicht verurtheilt ist, einer solchen Fürsorge unter­stellt. Die Polizei hat dann nur von Zeit zu Zelt bei den Fürsorgeorganen anzufragen, ob der Verurtheilte der Fürsorge noch untersteht; dagegen haben die Fürsorgeorgane ihrerseits den Polizeibehörden Kenntniß von dem Eintritt und der Be­endigung der Fürsorge zu geben. Diese Aenderung in der