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Jahrgang.

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K» 432.

Fernsprecher R». 52.

Sonntag, den 16. September.

Fernsprecher No. 52.

1960.

Morgenausgabe.

Politische Ueberficht.

Im Vordergründe der öffentlichen Erörterung steht bei uns noch immer die außerordentlicheKohlentheuerung, welche sich seit Monaten schwer fühlbar gemacht hat und allgemach so druckend wurde, daß die Forderung nach wirk­samen Maßnahmen gegen diese folgenschwere Kalamität mit immer dringlicherer Entschiedenheit erhoben wurde. Dieser dringlichen Forderung hat sich diejenige Instanz, welche hierbei in erster Linie in Frage kam. das preußische Staats- ministerinm, auf die Dauer nicht verschließen können. Um der umfassenden Kohleunoth wenigstens einigermaßen abzu­helfen, hat das Ministerium beschlossen, den Nohstofftarif für die Kohlcnbeförderung auf mindestens zwei Jahre auch für solche Bahnstrecken einzuführen, auf welchen derselbe bei der Zufuhr ausländischer Kohlen bisher nicht in Geltung war. Die Wirkung dieses „kleinen Mittels" läßt sich bisher selbstverständlich nicht beurthcilen, aber cs liegt auf der Hand, daß diese Wirkung nur eine beschränkte sein kann.

Neben der im vollsten Sinne des Wortes „brennenden" Frage der Kohleunoth stand in dieser wie auch in den letzten Wochen im Vordergrund der öffentlichen Erörterungen die vielgestaltige und sich immer von Neuem komplizirende chinesische Frage. Es mehren sich allgemach die an­fänglich nur vereinzelt erhobenen Stimmen, welche ihrem Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß die Volksvertretung des Deutschen Reiches nicht oder doch jedenfalls nicht so bald in die Lage gesetzt werden soll, ihre Meinung über die Vorgänge in China zum Ausdruck und zur Geltung zu bringen. Aber mit der Frage der Einberufung des Reichstags wird zur Zeit förmlich Fangball gespielt, und es gicbt nachgerade kaum noch einen Termin, zu dem von offiziösen und sich offiziös gebärdenden Organen nicht die Einberufung des Reichstags angekündigt und alsbald'wieder — abgckündigt wurde.

Im Uebrigcn hat das chinesische Problem in dieser Woche keine wesentlichen Veränderungen aufznwciscn ver­mocht. Die Vorbereitungen zu den Friedensverhand­lungen, über die mehr in die Welt hinaustclegraphirt wird, als das Objekt merth ist, sind thatsächlich noch nicht um einen Schritt weiter gerückt, und der abgefeimte „Unter­händler" Li-Hnng-Tschang pendelt noch immer zwischen den Mächten einerseits und den chinesischen Machthabern andererseits hin und her, da er, schlau wie er ist, es mit keiner der beiden Parteien verderben will. Welche praktischen Folgen der von Rußland als Zankapfel in das anti- chinesische Konzert geworfene Vorschlag der Räumung Pekings nach sich ziehen tvird, läßt sich bisher ebenfalls noch nicht übersehen; das aber steht bereits fest, daß der Vor­schlag nicht die Räumung Pekings zur Folge haben wird. Im Ucbrigen läßt die vielgerühmte Einigkeit der Mächte noch immer oder vielmehr gerade jetzt so viel zu wünschen übrig, daß man der weiteren Entwicklung der chinesischen Angelegenheiten nur mit schwerer Sorge entgegensetzen kann.

Nicht minder unharmonisch als das europäische Konzert erklingt zur Zeit das österreichische Parieikonzert. Die Rolle des Li-Hnng-Tschang hat hier das Kabinet t Körb er

(Nachdruck verboten.)

Berliner Brief.

Von Paul Lindenberg.

Die Zeit der Sorgen und Leiden. — U»»zng. — Die Zieher. — Reue Stadttheile. — Der Werth des Bodens. — Fabelhaft« Preise. — Zum 50-jährigen Bestehen der Berliner VolkSbibiioiheken. - Was ihnen Kaiser Wilhelm war. — Eine Ceniraldibliothek für Berlin. — Von de» Theatern.

Allerhand Hausgeister treiben jetzt wieder ihr geheimnißvolles Wesen. In den entlegensten Ecken und Winkeln raschelt und rumort es, cs schurrt und wurrt in Kellern und auf Böden, dichte Staubwolken wirbeln auf, und längstvergcsscner Urcltern-Hauskram kommt an das Tageslicht, Kisten und Kasten stapeln sich zu ganzen Bergen aufeinander, und mit fieberhaftem.Eifer wird das Oberste zu unterst und das Unterste zu oberst gekehrt, sorgenvoll und verärgert sind die Mienen Aller, die inmitten dieser Unruhe und Aufregungen ihren täglichen Pflichten nachgehen müssen und die trotzdem nur an das Eine, das Schlimme und Unheimliche denken: Umzug! Die Zeit der großen herbstlichen Nomadenwanderung ist ja nun wieder für Berlin gekommen, eine schreckliche Zeit, unter der selbst die Seßhaften zu leiden haben, denn es wird nicht allzuviele Häuser in Berlin geben, in denen zum Mindesten nicht eine Familie umzieht, na, und das genügt, um fünf andere zu stören. Des Klopfens, des Hämmerns, des' Schiebens und Stoßens ist kein Ende, bis in die späte Nachtstunde hört man das Echo des rastlosen Lärmens, das am frühen Morgen von Neuem beginnt und seinen Höhepunkt findet, wenn die „Zieher" anrücken, kräftige, ungeschlachtete Männer,

zu spielen versucht, indem es die undankbare und unfrucht­bare Rolle des Vermittlers zwischen den beiden streitenden Parteien, den Deutschen und den Tschechen, zu übernehmen versuchte. Aber cs lag in der Natur der Sache begründet, daß dieser „Versuch mit untauglichen Mitteln" scheitern mußte. So hat das Kabinett sich wohl oder übel zu dem letzten Ncttungsmittel, der Auflösung des Rcichsraths, entschließen müssen. Aber ob die Neuwahlen eine Volks­vertretung bringen werden, mit deren Hülfe den heillosen politischen Wirren in Oesterreich ein Ende gemacht werden kann, das muß doch als sehr zweifelhaft erscheinen.

Ohne irgend ein überraschendes Resultat sind die Wahlen zum norwegischen Slorthing verlaufen, die zu Beginn dieser Woche beendet wurden. Wie im vorigen Slorthing, so hat auch diesmal die Linke eine große Mehrheit behauptet, während die Rechte und die Gemäßigten zusammen nicht einmal halb so viel Mandate zu erringen vermochten wie die Linke. Dieses Resultat, welches in Schweden mit sehr schmerzlichen Gefühlen aufgenomme» worden ist, bedeutet eine weitere Verschärfung des Konfliktes zwischen den beiden feindlichen Brüdern, zwischen Schtveden und Norwegen.

Dagegen ist der Konflikt zwischen Rumänien und Bulgarien Alles in Allem in ein ruhigeres Fahr­wasser verlaufen, wen» auch die Nachrichten von beiden Seiten noch immer recht alarmirend kdingen. Aber man braucht diese Nachrichten nicht allzu tragisch zu nehmen, denn auf dem Balkan wird grundsätzlich um 50 pCt. über­trieben. Der Hrldcnmuth sitzt den radanlustigen Bulgaren in Wahrheit doch mehr auf der Zunge als im Herzen, und zudem ist Fürst Alexander darüber unterrichtet, daß die Mächte in dieser kriegerisch bewegten Zeit für ein Kriegs- schanspicl auf dem Balkan nicht die allergeringste Ver­wendung haben.

Das Kric gsschanspiel in Südafrika freilich, das sich leider zu einer Kriegstragödie entwickelt hat, geht unterdeß reißend schnell seinem Ende entgegen. Die Nach­richten der letzte» Wochen ließen es immer klarer erkennen, daß der Widerstand der arg zusammen geschmolzenen wackeren Burenschaaren gegen die erdrückende Uebermacht der Engländer schnell seinem Ende entgegengeht. Die Flucht des Präsidenten Krüger hat jetzt gezeigt, daß auch er die Sache der Buren verloren gegeben hat, denn der von ihm geplante Versuch, eine Intervention herbei- zuführcn, muß jetzt als vollkommen aussichtslos erscheinen. Wie sehr sich auch das menschliche Gefühl gegen die An­erkennung dieser Thatsachc sträuben mag, so ist doch die Sache der Buren für verloren zu erklären!

Zur Krsredelmig Deutsch -Südwestafriltas.

Einer sehr beachtensmerthe» Anslasfung von Professor Nchbock über die Zukunft Deutsch-Südwcstafrikas begegnen wir in der „Deutschen Kol.-Ztg.". Es handelt sich für de» Verfasser, der das Land vorzüglich kennt, in dies«» Falle um die Vermeidung einer Unterdrückung der spärlichen deutschen Bevölkerung durch die zu erwartende starke Bureneinwanderung im Süden und die großen englische» Unternehmungen im Norden.

Der südafrikanische Krieg, der seinem Ende entgegengeht, hat eine so erbittert« Stimmung zwischen der englischen und der holländischen Bevölkerung Südafrikas wachgcrufen, daß ein« große Zahl von Buren auch schon ans dem Grunde britisches Gebiet

welche ofl verdächtig nach Alkohol duften, eine große Sehn­sucht nach Trinkgeldern und einen merkbaren Haß gegen Alles haben, was zerbrechlich ist, und welche die sonst so geschonten Möbel und Kunstgegenstände von dem Stand­punkt aus betrachten, daß sie nicht genug angestoßen und zerschunden werden können!

„Wenn-das kleine, so vielbcdeutende Wörtchen

spricht bei dem diesmaligen Umzüge ganz erheblich mit und macht ihn noch schlimmer, wie er sowieso schon ist. „Wenn sic nur erst aurücken!" so werden Viele diesmal sehnsuchts­voll die Zieher herbei wünschen und werden das Anrumpeln des plumpen Ungethüms, Möbelwagen genannt, mit der gleichen Freude begrüßen, wie der Schiffer nach stnrmvoller Fahrt den rcttungverheißenden Schein des Leuchtthurms! Denn die Herren Zieher wollen ja in den Ausstand treten, wie sie kürzlich angekündigt haben, was nette Zustände zeitigen wird! Das Hangen und Bangen in schwebender Pein wird für Viele zur betrüblichen Wahrheit werden: Alles ist fertig gepackt, jeden Augenblick kann's losgehen, die Nervosität ist aufs Höchste gestiegen, da, ein frohes Auf- athmen von banger Sorge und ein freudiger Aufschrei, denn der Möbelwagen rasselt heran und hält vor dem Hause. Jawohl: „es war' so schön gewesen!" — die neue Partei ist's, die einziehen will, und man mag sich die gegenseitige vergnügte Stimmung vorstellen!

Jedesmal nm diese Hcrbsteswende wächst Berlin um ein erhebliches Stück weiter hinaus nach Charlottenburg, nach Wilmersdorf und Schöneberg zu. Wo noch vor Kurzem der Wind mit den Aehren spielte, wo sich Wiesen ansdehnten und in Sumpf und Wasserlachen Frösche ihre lieblichen musikalischen Unterhaltungen veranstalteten, da

verlassen muß oder will, weil die Bevölkerung ganzer Distrikte der Kapkolonie. welche die Waffen gegen das eigene Mutterland erhoben hat, and Tansendc von Buren ans den Republiken, die den Ncutralitätscid gebrochen haben, schwerer Strafe entgegensehen; weil endlich den Buren bei ihrem stark entwickelten Freiheitsdrang die Unterwerfung unter die verschärfte» englischen Gesetze, die nach dem Kriege zu erwarten steht, in hohem Grade widerstrebt. Für die Niederlassung der Buren außerhalb des englische» Machtbereiches kommt aber in Südafrika »eben dem zum größten Theil für die Besiedelung durch Weiße wenig geeigneten und auf die Dauer wohl kaum vor dem britischen Einfluß geschützten portugiesischen Gebiet nur Deutsch-Südwcstafrika in Betracht.

Die Einwanderung der Buren in das deutsche Schutzgebiet hat denn auch bereits begonnen und dürfte bei dem Ende des Krieges große Dimensionen annchmen. Nchbock betrachtet diese Ein­wanderung der landeskundigen Buren für die wirthschaftlichc Er­schließung des Landes für segensreich und daher als freudig zu begrüßen.

Im Interesse des Deutschthums hält er cs indessen für erforder­lich, der Vurenbevölkernng eine an Kopfzahl wenigstens gleichstarke deutsche Bevölkerung ciitgegeirzusteUen, die sich mit den Buren zu einer Bevölkerung verschimlzcn werde, die dem Deutschen Reiche und Dentfch-Südwcstafrika in gleicher Weise zum Vortheil gereichen würde.

Wie die Einwanderung der Buren in das Nauialand, so lenkt das geplante große Bergbaunnternehmen bei Otavi im Herero­lande die Aufmerksaiukeit in erhöhtem Maße der Besiedelung Süd- wcstafrikas mit Dcntschcn zu. Hat doch die Entsendung einer ausschließlich englischen Expedition zur Ausführung der Vor­arbeiten für den Bergbau bei Otavi und der Bahn zur Tigcrbai darüber keinen Zweifel gelassen, daß trotz der Betheilignng großer deutscher Kapitalien ein überwiegend englisches Berguntcrnehmen und ein« «ngliscl)« Bahn entstehen werden. Da außerdem da« Aufblühen einer Minenindustrie erfahrungsgemäß viele zweifelhafte Elemente aus aller Herren Länder anlockt, dürfte auch die Be­siedelung des Nordens des Schutzgebietes mit einer Bevölkerung er­folgen, unter der sich da« deutsche Element jedenfalls in der Minder­heit befindet, wenn nicht durch rein deutsche Minennnternehmungen und durch die Besiedelung mit deutschen Bauern dem Vorherrschen der ausländischen Bevölkerung entgcgengewirkt wird.

Die Entwickelung Deutsch - Südwcstafrikas zu einer blühenden deutschen Kolonie erfordert demnach sowohl im Süden wie im Norden eine schnelle Besiedelung niit Deutschen, und zwar in erster Linie mit deutschen Bauern, die im Stande sind, trotz des zu erwartenden starken Zuzuges der Buren und der ausländische» Minenbevölkerung dem Schutzgebiete seinen deutschen Charakter zu wahren und es vor dem Beherrschen der nicht seßhaften Mineubevölkcrung zu schützen. Ist schon ganz- allgeniein die Besiedelung mit Angehörigen des Mutterlandes als die bei Weitem wichtigste, grundlegende Aufgabe für die Erschließung jeder sub­tropischen Kolonie zu bezeichnen, so ist für Deutsch-Südwestafrika, wenn diese« Land ein wahrhaft deutsches Schutzgebiet bleibe» soll, heute eine in großem Stile betriebene Besiedelung mit Deutschen geradezu «ine Lebensfrage geworden. Die Aufgabe zu lösen, sollte von der Regierung mit aller Energie angestrebt werde», und ihre Wichtigkeit sollte vom Reichstag aus­reichend gewürdigt werden.

Aus Stadt und Lund.

Wiesbaden, 16. September.

— Keschichtsknlrnder. 16. Scptcuiber. 1862: Ernennung Bismarcks zum Minister dev Auswärtigen. 1834: * Julius Wolff in Charlottcnbnrg, der Dichter des „Rattenfänger von Hameln" u. A. 1826: * Herzog Ernst von Sachs.-Altenb. 1813: Sieg der Ver­bündeten über die Franzosen an der Göhrde in Hannover. 1809: Erschießung der Offiziere Schills zu Wesel. 1796: Sieg Erzherzogs Karl über di« Franzosen bei Limburg. 1745: * Kutosow Fürst

recken sich wenige Blonde später vier- und füufslöckige Häuser empor „mit allem Comfort der Neuzeit", Gardinen erscheinen an den Fenstern und Blumen auf den Balkons, Straße gliedert sich an Straße, schlichte und bessere NcstaurantS öffnen ihre Pforten, Buchhandlungen und Pntzgeschäfte empfehlen sich der geneigten Beachtung, Fernsprechdrühte spannen sich über die Dächer, Herr v. Podbielski macht eine neue Filiale auf und alsbald hört man auch den scharfen Glockenklang der elektrischen Straßenbahnwagen: Berlin ist um eine» Stadt- theil reicher! O, das Geld liegt noch immer auf der Straße, und wer seine Kapitalien in jenes Zukunfts-Berlin steckt, in Wiesen und Aeckcr, die von der gewaltigen Stadt allmählich verschlungen werden, wer eine Reihe von Jahren warten kann, ohne des in gedachter Weise angelegten Geldes zu bedürfen, der kann einer goldenen Ernte ziemlich sicher sein.

Es grenzt häufig an das Fabelhafte, wie die G rundstück­preise hier gestiegen sind. Vor sechzig Jahren bezahlte die Potsdamer Bahn für den Quadratmeter 10 Mk., der heute 250 Mk. kostet, und nahe dem Jnvalidenhause wurde für den Quadratmeter 70 Pf. gefordert, mährend jetzt gern dafür 150 Mk. gegeben wird. Damals lag die Potsdamerstraße noch so gut wie außerhalb der Siadt, und für ein Butterbrod konnte man Grund und Boden bekommen, die jetzt nicht zu haben sind, wenn man sie nicht mit Gold­stückenbelegt. Aber auch sfiäter, als Berlin schon längst Reichs- Hauptstadt geworden, waren noch „gute Geschäftchen" möglich, das beweist die in der Potsdamerstraße liegende Hochschule für Musik, die jetzt vom Fiskus zum Verkauf gestellt worden ist, da der in Charlottenburg befindliche Neubau für diese Hochschule seiner Vollendung «ntgegrngeht. Das alte Ge­bäude, von Vor- und Hintergarten begrenzt, hatte mitW