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«8. Jahrgang.

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flbend»flMsgaiie.

Das Ende des KnrenKrieges.

Die Meldungen, welche in den letzten Wochen aus Süd­afrika eintrafen, ließen unzweideutig erkennen, daß der Widerstand der Buren gegen die erdrückende Masse der englischen Armee seinem Ende entgegen neigte, und über diese Erkenntniß konnten weder das hie und da aufflackernde Feuer des früheren Heldenmuthes der Buren noch einzelne Theilerfolge derselben hinmegtäuschen. Die Ankündigung bon der bevorstehenden Abreise des Feldmarschalls Roberts aus Südafrika zeigte bereits, daß die Engländer ihrer Sache sicher waren. Und so oft sich auch die Engländer hierin getäuscht hatten und Andere zu täuschen versucht hatten, diesmal und zum ersten Mal scheint die englische Auffassung der Kriegslage in Südafrika Recht zu behalten. Das Schicksal der Buren, welches seit Monaten als unabwendbar erscheinen mußte, hat sich erfüllt. Präsident Krüger, der vom Beginn des Krieges an als die Seele des Widerstandes der Buren gegen die Engländer angesehen werden mußte, hat die Sache der Buren, wie es scheint, verloren gegeben. Er hat nicht gleich jenen Schiffskapitänen gehandelt, die lieber mit ihrem Schiff untergehen, ehe sie es in Roth und Gefahr verlassen, sondern er hat, che noch der letzte Funken des einst so heldenmüthigen Widerstandes verglimmt ivar, seinen Posten verlassen und sich selbst über die portugiesische Grenze in Sicherheit gebracht.

Mit der Flucht des Präsidenten Krügers — denn eine Art Flucht scheint dieser sechsmonatige Urlaub zu sein — .st der Krieg wahrscheinlich zu Ende. Mag auch noch hier and da von den vereinzelten Burenschaarcn Widerstand ge­leistet werden, an einen ernsthaften Kampf ist nicht mehr zu denken. Der Krieg ist vorbei. Die Anncktion der Transvaal-Republik, die vor Kurzem formell vollzogen wurde, ist mit der Flucht des Präsidenten der Republik zur Thal geworden, denn durch diese Flucht wird der letzte verzweifelte Widerstandsmuth der Buren endgültig gebrochen werden. Wie sich Rußland im Jahre 1863 den Polen gegenüber mit einer sogenannten Pacisizirung begnügte, so wird auch England sich damit begnügen, die letzten Reste des „Auf­standes" niederzuschlagen, um dann eine englische Verwaltung einzusetzen. Wenn auch die Engländer noch mit manchen Schwierigkeiten in den nunmehr eroberten Provinzen rechnen müssen, so ist doch die Eroberung derselben eine Thatsache, mit der die Welt als gegeben rechnen muß.

Elf Monate lang hat der hcldenmüthige und anfangs so erfolgreiche Widerstand der Buren gegen die erdrückende englische Uebermacht gedauert. Am 9. Oktober vorigen Jahres richtete die Transvaal-Regierung, nachdem sie erkannt hatte, daß England zwar den Krieg wollte, aber ihn zwecks ver­stärkter Rüstungen hinzögern wollte, an die englische Regierung jenes Ultimatum, auf Grund dessen am 11.Oktober, Nachmittags 5 Uhr, der Kriegszustand zwischen England und den beiden Republiken seinen Anfang nahm. Im ersten Theil des Krieges erfochten die Buren, die freilich fast durchweg in der Defensive blieben, aber hierbei ebensoviel Geschick wie Tapferkeit entfalteten, eine Reihe glänzender Siege, und das mächtige England erlitt ein militärisches

Debacle, an dessen Folgen es noch lange zu leiden haben wird. — Allgemach aber entschieden die Wucht der Masse auf der einen Seite und der Mangel an militärischer Disziplin und die grenzenlosen Fehler in der Kricgsführung auf der anderen Seite den Krieg. Während die Transvaal-Buren im Osten den Schaarcn Bulkers Niederlage auf Niederlage bereiteten, unterlag im Westen die mangelnde militärische Umsicht der überlegenen Strategie und vor Allem den er­drückenden HeereSmassen des Feldmarschalls Roberts. Mil dem 27. Februar d. I., wo Cronje mit dem Rest seines Heeres bei Paardeberg kapituliren mußte, war der Krieg thatsächlich strategisch entschieden. Mit jener Kapitulation begann die Kampfmüdigkcit der Freistaat-Buren, und auch die Transvaal-Buren, die bis dahin mit heldcnmüthiger Tapferkeit gekämpft hatten, begannen das frühere Selbst­vertrauen zu verlieren.

Die Führung der Buren, die schon von vornherein eine durchaus mangelhafte war, ließ jetzt, nachdem allgemach alle bedeutenderen europäischen Heerführer gefallen oder in Gefangenschaft gcralhen waren, nicht mehr wie Alles zu wünschen übrig. Seit dem Unglückstag von Paardeberg haben die Buren nirgends mehr dauernden Widerstand ge­leistet. Wie die Hauptstadt des Orauje-FreistaatS, so gaben sie auch die der Transvaal-Republik ohne Schwertstreich auf, und der Krieg löste sich in eine Reihe von Einzelkämpfen auf, durch die er nicht mehr gewonnen, sondern nur noch hingezogen werden konnte.

Der letzte Widerstand der Buren beruhte auf der Hoff­nung, daß doch noch die eine oder andere Macht zu ihren Gunsten einschreiten werde. Diese Hoffnung war eine eitle. Von den beiden Mächten, die hierbei ihrer iuternationalcn Stellung nach in Betracht kamen, hatte die eine, die Ver­einigten Staaten von Amerika, nichts als schöne Worte für die Buren, und die andere Macht, Rußland, begnügte sich damit, ihre eigene Stellung in Asien auf Kosten Englands zu verstärken. England Hai sein Ziel erreicht, freilich mit schweren Opfern an Gut und Blut und mit einer noch schwereren Schädigung seines militärischen und vor Allem seines moralischen Ansehens, die England in absehbaren Zeiten nicht überwinden wird. Aber die Verurtheilung, welche das unmoralische und frevelhafte Vorgehen Englands überall in der Welt erfahren hat, hat den Buren nichts genützt. Mag auch hie und da bei den Buren die Hoffnung leben, später bei günstiger Gelegenheit noch einmal die Fahne des Freiheitskampfes aufzupflanzc», so ist diese Hoffnung doch noch mehr als schwach. Und die Welt muß sich trauernd mit der Thatsache abfinden, daß dieser der Cioilisation und der Moral Hohn sprechende Krieg mit dem nationalen Unter­gang eines ebenso friedliebenden wie tapferen Volkes endet.

Deutsches Reich.

Die K o l o n i a l v e r w a l l u n g.

1,. Berlin, 14. Scptember.

So oft in der letzten Zeit Nachrichten über eine angeb­liche Umgestaltung der Kolonialabiheilung des Ausivärligen Amts verbreitet wurden, haben wir niit unserem Mißtrauen in diese Meldungen nicht zurückgehalten. Jetzt wird von berufener Seite erklärt, daß die Angabe unzutreffend ist, Herr Stübel habe dem Reichskanzler eine Denkschrift über

angeblich nothwendige Aenderungen in den Beziehungen der Kolonialverwaltung zu den übrigen Reichsbehörden über­geben. Ein anderes Schicksal als das dieser Zurückweisung konnte eine so sensationell aufgcputzte „Nachricht" füglich nicht erwarten. Es wäre ja auch ein sonderbarer Zustand, wenn der neue Kolonialdirektor seine Amtslhätigkeit nicht besser oder schlechter als durch einen regelrechten Angriff auf die bestehende Organisation unter lauter Anrufung der öffentlichen Meinung beginnen wollte. Man kann sich wohl vorslellcn, daß Jemand, der in ein solches Amt berufen wird, seine Zustimmung von Bedingungen abhängig macht, zu denen auch die Erweiterung der Kolonialabtheilung zu einem selbständigen Kolonialamt gehören könnte. Aber hinterher solche Forderungen erheben, das wäre zum Mindesten neu in den deutschen Verhältnissen: zur Sache selbst ist zu bemerken, daß die Trennung der Kolonial- abtheilung vom Auswärtigen Amt ihre Vortheile haben mag, daß aber der Bedenken zu viel sind, als daß eine solche Organisation im Handumdrehen geschaffen werden sollte. Die Kvlonialpolitik ist nun einmal kein selbständiges, von der sonstigen ReichSpolitik abgelöstes Gebiet, sie wird zweckmäßiger Weise immer vom Auswärtigen Amt ans geleitet werden müssen, sie hat überdies handelspolitisch wie militärisch so viele Beziehungen mit den betreffenden Aemtcrzmeigen, daß die Verbindung mit ihnen allen am besten durch eine übergeordnete Instanz, also wieder durch das Auswärtige Amt, gesichert wird. Es soll nicht gesagt sein, daß diese Gesichtspunkte ausschlaggebend für die Behandlung derFrage sein und bleiben werden. Man hat ja in anderen Staaten, namentlich in England und Frankreich, den Versuch mit einer größeren Selbständigkeit der Kolonialverwaltung ge. macht, sodaß sich immerhin geltend machen ließe, die Sache könne auch auf solche Weise gehen. Aber zu einer großen Prinzipienfrage jedenfalls darf die Angelegenheit nicht auf­gebauscht werden.

Nene politische Maßregelung.

Der zur freisinnigen Volkspartei gehörige Landtags­abgeordnete Dr. Krieger, der ebenso wie Dr. Dullo der Königsbcrger städtischen Verwaltung angehört, theilt jetzt öffentlich mit, daß er ohneVermittlung seiner direkten dicnst- vorgesetztcn Behörde vom Regierungspräsidenten vorgeladen worden sei und daß ihm dann am 23. Juli d. I. eine kränkende Ministerialverfügnng wegen früherer politischer Aussprüche vorgclesen worden sei. Alle Bemühungen D,-. Kriegers bis zum Minister hinauf, eine Abschrift dieser Verfügung dem Oberbürgermeister von Königsberg zu ver­schaffen, seien erfolglos gewesen. Seine nächste Instanz sei nunmehr das Gesammtministerium. Diese politische Maß­regelung macht so, wie sie hier dargcstcllt ist, einen recht unerfreulichen Eindruck.

Neue B a u e r n st e l l e n?

Eine sich offiziös geberdende Berliner Meldung eines süddeutschen Blattes stellt in Aussicht, daß der nächste preußische Etat große Mittel für Errichtung von Bauern- stcllcn im Osten, namentlich im Posen'scheu, enthalten werde. Die Angabe ist in dieser Form nicht recht verständlich. Man weiß nicht, ob eine abermalige Erhöhung des Ansiedelungs­fonds oder was sonst vorgcschlageu werden soll. Von einer weiteren Steigerung des Ansiedclungsfonds hat freilich bisher

(Nachdruck verboten.)

Die plaltdentsche Sapphs.

(Zu Alwine WuthenowS 80-jährigem Geburtstage, 16. Scptember.)

Von Egon Rokcn.

Alwine Wuthenow ist, seitdem Klaus Groth starb, ent­schieden das bedeutendste lyrische Talent niederdeutscher Zunge, und da die hervorragendsten dichterischen Talente der Plattdeutschen Männer waren — Klaus Groth und Fritz Reuter —, so kann man sie wohl als die bedeutendste plattdeutsche Dichterin überhaupt, als die plattdeutsche Sappho bezeichnen.

Wenn das Wort des Dichters, daß, wer den Besten seiner Zeit genug gethan, für alle Zeiten leben wird, Recht hat, so ist dem, was Alwine Wuthenow geschaffen, sicherlich dauerndes Leben beschieden, denn die Größten ihrer Zeit, Klaus Groth und Fritz Reuter, obwohl unter einander bitter um den Vorrang kämpfend, haben neidlos das Talent Alwine Wuthenows anerkannt. Fritz Reuter lhat es in den, Vorwort, mit dem er im Jahre 1857 der Dichterin erstes Gedichtbändchen einleitete, Klaus Groth, Karl Theodor Gaedertz und andere Kenner der plattdeutschen Litteratur spendeten den einfachen, aber gcmüthvollen Poesieen dieser Dichterin das höchste Lob in ihren Kritiken über dieselben.

Daß Alwine Wuthenow außerhalb des Sprachgebiets des Plattdeutschen nicht die Popularität erlangt hat, wie Klaus Groth — von Fritz Reuter dabei selbstverständlich ab­gesehen, da der erzählende Dichter ja überhaupt bei uns schneller und weiter bekannt wird als der Lyriker, — liegt wohl daran, daß ihr Schaffen — die Dichterin war viele Jahre krank — nicht sehr büudereich ist, dann aber auch,

daß ihre Krankheit sie zwang, fern vom rauschenden Strome des Lebens zu weilen. Sie konnte nicht, wie andere Poeten, selbst mit ihrer Person für ihre Musenkinder eintrete»; die Gedichte erschienen anfangs ohne ihren Namen. Viele ihrer Dichtungen aus früheren Jahren sind verloren, und erst jetzt, da die Greisin den Abend eines an Schnierzen und Leiden nicht gerade armen Lebens in freundlicher Pflege und Obhut ihrer Tochter behaglich ausruhen kann, jetzt, in den letzten Jahren, erinnert sich mehr und mehr die Mitwelt der Blütheu ihrer Poesie. Dr. Max Möller gab eine kleine Blüthenlcse der schönsten ihrer Dichtungen heraus (Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren", Greifswald, Verlag von Julius Abel, 1896), plattdeutsche Rhapsoden lasen ihre Gedichte vor, und die litterarischen Zeitschriften wenden der interessanten Frau ihre Aufmerksamkeit zu, die so viel er­duldet und erlitten und ihre Leiden in so einfachen und doch so herzigen Weisen austönen zu lassen verstand.

Es bedarf wohl hier nicht erst der weiteren Ausführung, daß eine plattdeutsch Dichterin ebenso gut der ganzen Nation angehört, wie.eine hochdeutsche. Hebel, der alemannische Dichter, Groth und Reuter sind aus der deutschen Litteratur- geschichte nicht fortzulengnen und werden wohl jetzt auch kaum, wie cs noch vor einigen Jahrzehnten geschah, deshalb geringer geschätzt, weil sie in einer Mundart schrieben, die sich auf ein im Verhältniß zum gcsanimten Vaterland nur enges Sprachgebiet beschränkt. Aber in diesem Fall kam der Berg zum Propheten; diejenigen, welche die Dichter nicht verstanden hatte», lernten sie verstehen. Man sah wohl ein, daß die plattdeutsche Sprache doch wohl einen unversiegbaren Lebenskern in sich tragen mußte, wenn sic bei der großen Nichtachtung und Geringschätzung, welche sie Jahrhunderte laug erfuhr, nicht zu Grunde ging, sondern

in einer üppig sprossenden Litteratur immer neue Keime trieb. — Die Sprache der Reformation, die durch Luthers Bibel­übersetzung zur höchsten Geltung gekommene neuhochdeutsche Schriftsprache, hatte ihre ältere Schwester, das Niederdeutsche, Jahrhunderte lang um ihre Herrschaft gebracht. Es ward von ihr sogar aus Kirche und Schule verdrängt und aller litterarischen Pflege beraubt, sodaß es endlich zum bloßen Dialekt heruntersank und, obgleich im deutschen Nord­westen noch die Familiensprache großer Handelsstädte, doch an den Grenzen des Hochdeutschen den Boden mehr und mehr verlor.

Die Sprache, welche einst in der Litteratur so hervor­ragende Bedeutung hatte, in der allbekannte gelehrte wie populäre Werke — hier sei nur an den „Sachsenspiegel" in der ersten Hinsicht, an „Reineke" und „Eulenspiegel" in anderer Beziehung gedacht — geschrieben sind, lag ein paar Jahrhunderte lang fast völlig brach, wie in verzaubertem Schlafe. Seitdem bereits 1622 die letzte niederdeutsche Bibel erschienen war, verschwand das Plattdeutsche nach und nach fast ganz aus der Litteratur, höchstens wurde dann und wann einem Lustspiel eine komische Episode in dieser Mundart eingefügt, wie dies z. B. in Kotzebues „Pagen- streichrn" der Full. Erst im neunzehnten Jahrhundert wagten es dann wieder plattdeutsche Poeten, Bücher in ihrer Mundart drucken zu lassen, zuerst W. Bornemann, der sogar der Geburt nach nicht dem plattdeutschen Sprach­gebiet angehört, nnd nach ihm Klaus Groth mit größerem Erfolge, der sich nicht nur in dem Beifall, den sein „Quick- born" fand, bekundete, sondern vor Allem auch da­durch, daß er zahlreiche poetische Talente anregte, gleichfalls in der Mundart ihrer Heimath zu singen und zu sagen. Auch Alwine Wuthenow hat aus den »das