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Dienstag, 27. Slpril 1915.
5lbend-Ausgabe.
Nr. 194. . 63. Jahrgang.
Oer Urieg.
vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Die Schlacht in Zlanbern.
Englische Eingeständnisse.
W. T.-B. London, 26. April. (Nichtamtlich.) „Msrning Pojt" meldet aus Norbftankreich: Der Kampf zwischen der Lys und der See ist nun allgemein. Die beiden Hauptereignisse zwischen Freitagabend und Sonntagfrüh waren die Kampfe bei La Bafsee und längs des Kanals zwischen Dpern und Bixschoote. Bei La Bassee unternahm die Armee des Kronvrinzen von Bayern einen solch hef- tigen Bor stoß auf die Richtung G i v e n ch h - C a m b r a i, daß hier ein zeitweiliger Vorteil errungen wurde. Die britischen Linien sind aber nicht durchbrochen, sondern leisten der Übermacht Widerstand. — Die „Morning Post" erfährt weiter, daß die Truppen, die nördlich Dpern zum Zurückgehen gezwungen wuffxni, ans Zuaven, Marinesoldaten und belgischen Kavabimeri bestanden. Unter dem den Deutschen abgenommenen Kriegsmaterial befindet sich ein neuer Apparat, um Bomben zu Wersen, eine Stahlgabel, die im Boden befestigt wird und wie ein Katapult arbeitet. Damit wurden Bomben bis zur Größe eines Fußballes bis 300 Meter weit geschleudert.
Ein englisches Eingeständnis der Niederlage bei Dpern bringt, wie der „L.-A." schreibt, auch die Londoner „Daily Mail". Sie schreibt: Die letzten Berichte aus Flandern lassen klar erkennen, daß die Deutschen die Eroberung des ganzen Dsergebiets planen. Der seit Wochen vorbereitete deutsche Angriff brachte den Deutschen nördlich Dpern bedeutende Fortschritte, während die Verbündeten ihre Truppenmassen südsich Dpern konzentriert hatten. Trotz bedeutender Verluste stürmten immer neue deutsche Truppen vorwärts, und zwar mit erheblichem Erfolg.
wie die Engländer den deutschen Sieg bei Ypern bewerten.
Br. London, 27. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Mn.). Die heftigen Kämpfe bei Ypern halten das englffche Publikum in großer Spannung. „Daily Chronicle" schreibt, die, Deutschen hätten allen Grund, über diesen Erfolg zu jubeln. So weit man aus den amtlichen Berichten ersehen könne, sei dies der g r ö ß t e S i e g, der in den l e tz t e n f ü n f M o n a t e n von einer der kriegführenden Parteien aus der Westfront errungen wurde. Das von den Deutschen gewonnene Terrain fei bedeutend größer als das von den Engländern bei Renve Chapelle eroberte. Auch dir von den Deutschen gemachte Zahl von Gefangenen sei wesentlich größer. Nach den. letzten nach London gelangten Meldungen sollen die französischen und englischen Truppen, die Berstärtungeu erhielten, den dentfchen Vormarsch anfhalten, der Kampf tobt jedoch noch unentschieden. Seit Mittwoch wird ohne Unterbrechung gekämpft. Die Verluste auf beiden Seiten sind ungeheuer. Englische Bemäntelungen der Niederlage Zrenchs.
In ihren Kommentaren über den Bericht des Marschalls Fremh über die letzten Gefechte bei Dpern bemüht sich die Londoner Presse, den unangenehmen Eindruck zu verwischen, den die so kräftige und unerwartete Aufnahme der deutschen Offensive in Belgien hervorgerufen hat. Der Militürkriiiker des „Daily Chronicle" erklärt, der -Magdeburger Zeitung" zufolge, den Geländeverlust für völlig belanglos, so lange sich die Verbündeten im unbestrittenen Be- iitz von Dpern befänden. Die „Morning Post" steht in dem «-rutschen Vorstoß nur den B e g i n n der Kämpfe und behauptet, daß das Gefecht durchaus noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden könne, der deutsche Erfolg mithin noch nicht absolut sei. „Standard" erklärt, daß ein zeitweiliges Zurück- weichen keinerlei Beunruhigung Hervorrufen dürfe, da die Stellungen der Verbündeten gerade in diesem Gelände abschnitt so stark seien, daß sie ein weiteres Vordringen der Deutschen ohne Zweifel verhindern würden.
Weiter wird über Holland gemeldet, daß, nach einem Bericht Frenchs, die Verbündeten sich nördlich und nordöstlich von Dpern durch den Vorstoß von Steenstraate aus völlig überraschen ließen. French erwartete einen deutschen Angriff größeren Umfangs westlich Zwartelen und vermutete ein gleichzeitiges ernsteres Unternehmen bei Letou- quet zwischen Warneton und Armentieres. Den Zusammenhang der in Frenchs Bericht erwähnten heftigen Beschießung von Ypern durch 4 2 - Z e n t i m e t e r - G e- schosse mit den deutscherseits zur Kanalüberschreitung getroffenen Vorbereitungen ahnte weder das englische noch das sranzösische Hauptquartier.
Flüchtlinge aus Ypern.
W- T.-B- Paris, 26. April. (Nichtamtlich.) „Petit Journal" meldet, daß in Paris zahlreiche Flüchtlinge aus dem Gebiet von Dpern eingetroffen find, welche von den Militärbehörden zum Verlassen der Heimat aufgefordert worden waren.
Die englisch-französischen „Siegesberichte".
Der Spott der Neutralen.
Berlin. 27. April. (Ktr. Bln.) Als neutrales Urteil über
seitliche Schlochtberichtr verzeichnet die „Boss. Ztz." eine
Stelle aus der „T i j d", wo eS heißt: Das einemal ist es das Wasser, wir bei Caissons, das anderemal die g r o ß e Übermacht, wie in der Champagne, daun aber sind es dre Stinkbomben, die nach den englischen und französischen Berichten die Siege der Deutschen ermöglichen. Liest man die Telegramme beider Seiten, so erhält man den Eindruck, daß es den Alliierten schwer fällt, ihre Niederlage einzngesiehen.
Die Beurteilung im „Bund".
Bon der Schweizer Grenze, 26. April. (Frkst. Ztg,) Der Berner „Bund" beurteilt die Kriegslage wie folgt: Der große Vorstoß der Deutschen bei Dpern ist nach Anlage und Durchführung bezeichnend für die überlegene Führung und Leistungsfähigkeit der Deuffchcn. Die Angriffsbewegung hat nicht nur vorgeschobene Positionen, sondern Haupt- st e I l u n g e n überrannt. Dafür spricht die Eroberung der genannten festen Stützpunkte und die Wegnahme zahlreicher Geschütze. Der deutsche Angriff hatte seinen gegebenen Kulminationspunkt überschritten, und die Führung hatte du Truppen wieder in der Hand, ehe es den Engländern und Franzosen gelang, die nötigen Abwehrkräfte zu versammeln. Wir werden sehen, ob und wie es den Verbündeten glückt, die Lage bei Dpern wiederherzustellen. Doch muß man sich hüten, weitergehende Schlüffe zu ziehen, denn über einen Ern- b r u ch hinaus ist die deutsche Offensive nicht gediehen. Es ist ein Gegenstück zu S o i s s o n s, C r a o n n e und Massiges. Sie wird auch auf die Lage in den benachbarten Kampfräumen, besonders im Raume von Lille, ihren Einfluß nicht verfehlen und muß zudem in einem Augenblick, da die englisch-französische Offensive erwartet wurde und die Deutschen nach Ansicht des Gegners zur absoluten Defensive verurteilt schienen, auch starken moralischen Eindruck machen, der durch das gleichzeitig glückliche Gefecht an den MaaShöhen noch gesteigert wird.
vke französischen Tagesbericht«.
W. T.-E. Paris, 27. April. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vmi gestern nachmittag: In Belgien wurden auf
PaSschendaele und Brodseynde Vorstöße deutscher Angriffe durch die englischen Truppen zum Stehe» gebracht, darauf beschoß »er Feind Dpern heftig. Am Rande des Dserkanals dauert unsere Aktion fort. Aus den Maashöhen nimmt die Schlacht ihren Fortgang. Der gestern gemeldete Angriff gegen unsere Schützengräben bei C h a l o n wurde durch unseren Gegenangriff vereitelt. Der hier zurückgeworfene Feind griff weiter östlich bei S t. R e m h an und batte es offensichtlich auf die Wiedercinnahme von E p a r g e s abgesehen. Ein heftiger Kampf, welchem ein heftiges Geschützfeuer voranging, begann kurz darauf auf dem östlichen Abhang dieser Stellungen. Der deuffche Angriff mißlang jedoch.
W. T.-B- Paris, 27. April. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht von gestern abend: Nördlich von Dpern machten
wir aus der linken Seite der Schlachtfront merkliche Fortschritte und warfen den Feind zurück, indem wir ihm große Verluste beibrachten. Die Deutschen bedienten sich wieder erstickender Gase; es wurde aber ein Schutzmittel angewandt, das bei den belgischen Verbündeten die besten Ergeb- niffe erzielte. Bei Fay nördlich Chaulnes wurde ein heftiger Jnfanteriekampf um den Besitz eines durch die Explosion einer deutschen Mme entstandenen Trichters geliefert. Unsere Truppen vertrieben den Feind und behaupteten sich dort trotz zweier Gegenangriffe. In der Champagne bei Beau Sejour versuchten dre Deuffchcn einen Angriff, der so- fort augehalten wurde. Auf den Maashöhen erlitten die Deutschen bei einem Angriff auf der Front Eparges-St. Remy-Graben von Chalon eine völlige Schlappe. (!) Trotz der äußersten Heftigkeit der deutschen Bemühungen blieben wir Herren der Gesamtheit der Stellung von Epar- ges, deren Abhänge von feindlichen Leichnamen bedeckt sind. Bei dem Graben von Chalon folgte unserem vorgestrigen Zurückweichen, das vorübergehend war und uns den Verlust keiner Geschütze kostete, sofort ein glücklicher Gegenangriff unsererseits. Die Deutschen führten den Sturm mit mindestens 2 Divisionen aus. In den Vogesen gelang es dem Feinde nach einer Beschießung von äußerster Heftigkeit auf dem Gipfel des Hartman nsweiler- k o p f e s Fuß zu fassen. Wir haben etlva hundert Meter vom Gipfel die Stellung beseht, wozu uns unser Angriff am 23. März führte. Von diesen Stellungen gingen wir am 26. März aus, um den Gipfel in 7 Minuten zu stürmen.
Frankreich muß die Lücken in Frenchs Heer ausfüllen.
Genf, 26. April. (Ktr. Bln.) Da Marschall French durch die jüngsten Kämpfe in Flandern zur Neuorganisation seiner zusammengeschrumpften Truppen, insbesondere zum Ersatz der dezimierten kanadischen Wteilung genötigt war. traf er mit dem französischen Kommandanten General Foch folgende Vereinbarungen im Hinblick auf die zu erwartende Fortsetzung der deutschen Offensive: Vorläu
fig. bis French Ersatz erhält, sollen französische Abteilungen einem anderen Abschnitt entlehnt und nach Flandern vorgeschoben werden.
Fum Kampfe um den yartmannsweiler Kopf.
Berlin» 27. April. (Ktr. Bln.) Zur Eroberung des Har t- mannsweilcrkopfcs heißt cS im „B. T.": Die Franzosen sind des heißumstrittenen Besitzes nicht lange froh geworden. Unter bedeutend größeren Verlusten als daS
erstemal haben sie die Bergfeste abermals den stürmenden
Deutschen überlassen müssen. Der zähe Mut der deutschen Truppen hat abermals alle Schwierigkeiten überwunden und man darf hoffen, bald von weiteren Fortschritten zw hören, die uns die neueroberte Stellung endgültig sichern werden.
Ein französischer Minister über Deutschlands gutes wirtschaftliches Beispiel.
W. T.-B. Paris, 27. April. (Richtamüich.) Der „Temps^ meldet: Der Minister für öffentliche Arbeiten Sembat und der Kammerausfchutz für öffentliche Abbeiten trafen in Nantes ein, wo sic die Hafenanlagen besichtigten. Bei dem Empfang durch die Handelskammer erklärte der Vorsitzende der Handelskammer, die maßgebende Stelle sei sich bewußt, daß die Hafenanlage von Nantes bedeutend aus» gebaut werden müßte, um den Anforderungen des Verkehrs zu genügen. Die seit Jahren ausgeführten Arbeiten hätten eS immerhin ermöglicht, daß in den ersten sechs Kriegsmonaten eine große Anzahl englischer Munitions- und Truppentransporte in Nantes gelandet werden konnten. Sembat erwiderte, der weitere Ausbau aller französisch«: Häfen sei unbedingt notwendig, um den Außenhandel Frankreichs zu fördern. Frankreich könne hierin an Deutschland sich ein Beispiel nehmen. Frankreich habe keinen G r u n d, ft o l z zu sein, wenn es vergleiche, was die Deuffche» aus Deutschland zu machen verstanden hätten und wie wenig die Franzosen die glänzende Lage und die Hilfsquellen Frankreichs ausnützten. Frankreich müsse auf dem Gebiet der öffentlichen Arbeiten andauernd methodische Anstrengungen machen, um auf die verdiente Höhe zu gelangen. Staju müsse aber das ftanzöfffche Volk u»d die französische Regierung die Tugend erwerben, die ihnen zuweilen abgehe, Ausdauer in ihren Bemühungen und Beständigkeit in ihren Ansichten.
Eine Untersuchung bei französischen wohltätigen Anstalten,
W. T.-B. P-riS, 26. April. (Nichtamtlich.) Wie „Petit Journal" meldet, hat die Staatsanioalffchast infolge einer Anzeige, welche gegen einige sogenannte wohltätige Anstalten erstattet worden ist, eine Untersuchung eingeleitet.
* /
Die Schuld der belgischen Negierung.
Berlin, 27. April. (Ktr. Mn.) Aus dem Kriegsbuch von Stiyn Streuvel teilt die „Voss. Ztg." Proben mit, welche beweisen, daß die belgische Regierung die Zivilbevölkerung bewaffnet hat. Das Blatt meint, was müssen die Herren der belgischen Greuelkommissiou, an deren Spitze der ehemalige Präsident der belgffchen Kammer steht, wohl gesagt haben, als sie diese Schilderungen eines ganz unpartei-, ischeu Flamen lasen, der noch gar nicht mit den Deutschen in Berührung gekommen war, als er diese Bekenntnisse niederschrieb.
Zur Beurteilung der Kriegslage.
Von General d. Inf. z. D. v. Blume.
Berlin, 23. April.
III?)
Infolge der großen Bedeutung, die der Kanrpf um befestigte Stellungen in dem gegenwärtigen Kriege gewonnen hat, ist dieser weniger reich an blutigen Entscheidungsschlachten als manche früheren Kriege gewesen. Und doch ist wohl in keinem Kriege mehr und erbitterter gekänipft worden. Dem entspricht die Größe der Kampfverluste bei Freund und Feind. Um sie miteinander näher zu vergleichen, reichen die veröffentlichten Nachrichten nicht aus, und noch unvollständiger ist unsere Kenntnis der Verluste, die die Heere durch Erschöpfung, Krankheiten usw. er- litten haben. Aber wir haben vollen Grund m der Annahme, daß die deutschen Gesamtverluste verhältnismäßig erheblich geringer sind als die unserer Gegner.
Das Umgekehrte gilt von dem Ersatz der Verluste und den im Verlauf des Krieges eingetretenen Heeresverstärkungen. Weder Frankreich noch Rußland haben in diesen Be- ziehungen gleiches wie Deutschland zu leisten vermocht. Frankreich fehlte es dazu an Menschen, Rußland an Material, beiden an den erforderlichen organisatorischen Grundlagen. Englands stehendes Heer wird durch Heranziehung von allerhand fremdest Hilfsvölkern vielleicht schon bisher verhältnismäßig stärker angewachsen sein als die deutsch« Streitmacht, was bei seiner geringen ursprünglichen Kopfzahl jedoch nicht viel sagen will. Ob durch das wohl nicht mehr ferne Einrücken von LorH Äitcheners Heerscharen in die Front die Stärkeverhält, nisse sich etwa zugunsten unserer Gegner verschieben könnten, entzieht sich noch der Voraussicht. Sollte es der Fall sein, so werden wir des von Kitchener bei Om- durman gelieferten Beweises eingedenk sein, in wie weitem Maße Minderheit an Zahl durch überlegene L e i st u n g e n ausgeglichen werden kann.
'Die bisher wahrgenommenen Veränderungen der Stärkeverhältnisse gewähren auch einen Anhalt für dis
-») Vergl. Nr. 18S und 1S0 des „Wiesbadener TaMattSi.
