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1. Beilage zu» Meskaüener Tagblatt.

Ko. 426. M»rKen-An*gabe.

Donnerstag» den 13. September.

48. Jahrgang. 1906.

(43. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Inng-Uin.

Roman von A. M. N»»inson.

Er sagte seiner Schwägerin gute Nacht, warf »inen unsicheren, verstündnißlosen Blick auf seine Frau und schlürfte dann hinaus.

Nun war die Stunde der Aufklärung und Auseinander­setzung endlich da; Nin hatte sie kaum erwarten können, jetzt aber kam ein lähmendes Gefühl der Verantwortlichkeit über sie, eine Scheu vor den unberechenbaren Folgen.

Kitty hatte sich in den Lehnstuhl vor dem Kamin geworfen. Nin stand aufrecht vor ihr und sah niit seltsamem Gesicht auf sic herab, mit einem Gesicht, das KittyZ ersten Verdacht von heute Abend bestätigte.

„Was ist's!" rief sie. „Heraus damit, Nin. Ich möchte auch noch nach-Hause kommen!"

„Weißt Du, was ich Dir zu sagen habe?"

„Nein."

„Wessen ich Dich anklage, Dich, meine Schwester, die ihr Leben lang vorgab, mein Bestes zu wollen?"

Kitty zuckte zusammen und starrte ins Feuer.

„Ich dachte, es würde von Paul die Rede sein . .

„Um ihn handelt sick's auch."

„Und Du werdest mir erklären, weshalb ..."

„Ich mit ihm die Treppe hiuunterging, worin Du eine übertriebene Herablassung erblickst!"

„Ja."

geschah, weil ich ihm sagen wollte, daß ich ihn nicht mehr in nieincm Hause zu sehen wünsche, daß es für ihn und mich besser sei, wenn wir uns nicht wieder begegnen."

„Sehr ungeschickt! Jetzt kann er denken, Du fürchtest Dich vor ihm . . . er sei Dir wichtig," bemerkte Kitty vorwurfsvoll.

„Das weiß er so wie so. Er verstand mich vollkommen und wir sagten uns für immer Lebewohl."

„Freut mich! Mir war die Geschichte ungemüthlich."

„DieA»gstwarüberflüssig,aberichseheihnliebernichtmehr."

„Das begreife ich!"

„Dann begreifst Du wohl auch, daß ich heute erst im vollen Ernst mein neues Leben beginne. Ohne ihn und ohne Dich."

„Ohne mich?"

„Ja, denn Du hast als Verräthcrin an mir gehandelt, und ich hoffe, daß Du mir nie mehr vor Augen kommen wirst."

Jetzt starrte Kitty Bude nicht mehr ins Feuer, sondern fast furchtsam auf die Schwester. Sich so wehrlos über­fallen, so überrumpelt zu fühlen, war für Kitty ganz neu. Langsam löste sie die Spange ihres Mantels und lieh ihn von den Schultern gleiten. Einen Augenblick war es ihr, als ob eine Ohnmacht eiutreten könnte, eine Vorstellung, über die Kitty unter anderen Umstünden gelacht haben würde.

„Das ist ein Gertenhieb!" brummte sie in sich hinein. .Was meinst Du damit? Was soll ich gethan haben?"

,, „Du weißt es," lautete die Antwort. t „Ich möchte wissen, was Du weißt."

„Wozu mir die Qual anthun, es Dir vorzuhaltcn?"

„Am Besten wärs wohl, stillschweigend zu gehen," sagte Kitty überlegend vor sich hin, „das Vernünftigste und Sicherste ..."

„Du verstehst mich also?"

„Ich kann mir denken, was Du meinst ... etwas, was Dir Paul heu'e Abend gesagt hat."

„Nicht heu!e."

„Ach, Du hast ihn früher schon gesehen?" fragte Kitty argwöhnisch.

„Ja, einmal."

„Ich dachte, heute sei Euer erstes Wiedersehen nach Deiner Heirath gewesen."

„Das habe ich nie gesagt."

„Ist auch einerlei . . . Alles ist einerlei . . . Am Besten, ich gehe."

Kitty stand auf und raffte den Mantel zusammen. Sie war nicht nichr die Verzweifelte, sondern die Gekränkte.

„Ich hoffte insgeheim," fuhr Nin fort, „Du möchtest im Stand sein, mir irgend eine Aufklärung zu geben . . . Gründe, die triftig genug wären, Deinen Verrath zu ent­schuldigen ... die Ränke, die Du gegen mich geschmiedet hast . . ."

„Oder für Dich. Je nachdem man's ansieht."

„Sprechen wir denn von der nämlichen Sache?" fragte Nin, betroffen von ihrer Sicherheit.

„Es gicbt nur Eins, was Du entdecken konntest, tvcil ich Dir's vorenthielt, weil ich ein Recht zu haben glaubte, es für mich zu behalten. Und dieses Eine bereue ich auch heule nicht."

„Wie... Dn schämst Dich nicht?" entrang es sich Nin.

„Nein, ich schäme mich nicht."

„Und doch hast Du Pauls Briefe unterschlagen, hast Alles gethan, daß ich ihn für einen Feigling, einen Schurken halten mußte, wissend, daß ich ihn liebe, wissend, wie elend mich sein Schweigen machte!"

„Du hast Dich nicht viel darüber ausgesprochen," er­widerte Kitty, „und ich nahm nicht an, daß diese Neigung sehr tief gehe. Dagegen wußte ich, daß er kein guter Ehe­mann werden, ja ich wußte, daß er Dir nach dem ersten Rausch das Leben zur Hölle machen würde. . . darum setzte ich meine ganze Kraft ein, Euch zn trennen."

„Das ist Dir gelungen . . . vollständig."

„Ja, und Du bist Gräfin Kaue. Worüber hast Du Dich also zn beklagen?"

„Ich begehrte nicht nach der Gräfin, nicht nach dem großen Haus, dem öden Leben, dem thörichten Gatten! Das Alles wurde mir aufgedrängt, dnrch Lug und Trug!"

„Und ist doch recht angenehm zn machen."

„Begreifst Du denn nicht, daß ich hundert Mal lieber mit Paul Ruskoff gehungert hätte?" rief Nin in wachsender Erregung- „Daß Du das nicht begriffen hast, daß Du es wagen konntest, nach Deinem Ermessen zu handeln, über mich zu verfügen, als ob ich eine Sache wäre! Herein­gelogen hast Du mich in dieses Leben."

„Ja, und ich thät's noch einmal! Es reut mich nicht, sage ich Dir!" brach Kitty jetzt los. „Wer hat denn da­mals geahnt, daß Paul je auch nur das Salz in die Suppe verdienen wurde? Woher hätte ich wissen sollen, d«ß Dn lieber mit ihm gehungert hättest, als eine große Dame zu werden? Hungern war nie Dein Fall! Du hast sie Beide am Narreuseil geführt, den Einen wie den And«rn . . ."

„Das ist nicht wahr!"

„Doch, und wenn Du's auch nur thatcst, nni Paul zur Eifersucht zu reizen. Und darum habe ich gehandelt, wie ich's für gut hielt."

„Und als Paul mir schrieb, ich solle ihm vergebe», seine Frau werden, da hast Dn den Brief unterschlagen."

„Damals warst Du schon Lord Kanes Braut."

„Und was Paul Dir anflrug mir zn sagen, hast Du verschwiegen ..."

„Es war zu spät. Wozu Dich im letzten Augenblick irre machen, wegen eines Menschen wie Paul? Netten wollte ich Dich vor ihm und Gott sei Dank, ich hab's vollbracht!"

„Bist Du so sicher, daß ich gerettet bin?"

„Großer Gott, Nin! Ich hoffe es . . . Dn wirst doch nicht . . ."

„Ich habe Dir gesagt, daß wir uns aus freien Stücke» nicht mehr Wiedersehen, genügt Dir das?"

„Ja."

,",Jch bleibe angekettet an einen halb schwachsinnigen Mann, ausgeschlossen von Allem, was wirklich Leben und Freude heißt, nur um einer Stellung willen in der Gesell­schaft, die mir jetzt schon zum Ekel ist. Wozu den Rang? Ich passe nicht dafür. Wozu Geld? Ich konnte es selbst verdiene»! Ich wollte nichts, nichts, als ich selbst sein!"

„Du wolltest Paul Ruskoff haben! Wie lang meinst Du den», daß diese Liebe vorgehalten hätte?"

„Sein Leben lang."

„Mannesliebe dauert nicht," rief Kitty höhnisch. „Es sind gar zu viele elende, schwache Weiber auf der Welt, die ihm die Arme entgcgenstreckcn, weil sie nach ein wenig Liebe hungern und dürsten! Bor Dir hat er mich geliebt . . . wenn Dn's denn wissen mußt ... cs ist so!"

„Er hat Dich geliebt!"

„Ja, wenigstens sagte er's, als Du noch ein halbes Kmd warst."

„O jetzt versiehe ich Alles . . . jetzt sehe ich klar . .

„Ich war nicht eifersüchtig auf Dich, falls Du das denkst . . . wenigstens nicht sehr. Das war längst abgethan, aber ich wollte nicht, daß er Dich zum Narren haben sollte, der schwache, eitle. Deiner unwürdige Mann."

„Ich sehe klar . . ." wiederholte Nin gedankenvoll.

„Du siehst gar nichts! Stockblind bist Du!"

„Er hatte Dir seine Liebe erklärt ... das mar Deine Rache."

„Ich sage Dir aber, es war nicht so!" schrie Kitty förmlich.

„Und Du . . . Dn . . ." Nin sah ihr fest in die Augen, „Du warst eine verheirathete Frau!"

„Die ihr Mann verlassen hatte! Deren Mann ver- muthlich tobt war und wenn nicht . . . was kümmerte es mich!" sagte Kitty trotzig.

„Es wäre doch schwer in die Waagschale gefallen, wenn Pauls Liebe angedanert hätte, nicht?"

„Daran habe ick nie gedacht . . . will ich nicht denken."

„Geh' jetzt, Kitty. Laß' mich allein in meinem glänzender Elend."

„Romanphrasel"

„Ich kann Dir nicht vergeben und will nicht vergeben. Ich will Deiner gedenken als meines Todfeinds."

„Ist das Dein Ernst?"

„Ja."

„Güt. Dann ist zwischen uns Alles zu Ende."

„Von heute an."

„Ich sage nicht, daß ich schön gehandelt hätte, aber ich handelte eben nach der Denknngsweise eines schlecht er­zogenen Geschöpfs, das sich nicht anders zn helfen weiß. Daß ich zu lügen gczivungen war, that mir leid, daß Du gerade nicht so ... so vergnügt warst, als ich erwartet halte, that mir auch leid. Jetzt hat, was ich für Dich that, uns von einander geschieden und das .... das schmerzt mich."

Kitty hüllte sich mit krampfhafter Hast in ihren Mantel und ging der Thüre zu. Sie drehte sich noch einmal um und blicb stehen, aber Nin starrte, ihr den Rücken kehrend, ins Feuer.

„Leb' wohl, Schivester," war Kittys letzte? Wort und leise aber ungerührt tönte cs zurück: „Leb' wohl."

(Fortskhimg folgt.)

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