48. Jahrgang.
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Abend-Ausgabe.
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Deutsches Deich.
Negierung und Reichstag.
Es macht einen wunderlichen Eindruck, wenn man in der freiwilligen und der unfreiwilligen offiziösen Presse immer wieder Ausführungen liest, aus denen mit niederschmetternder Ueberzeugungsgcwalt hervorgehen soll, daß die Berufung des Reichstags zu einem früheren als dem üblichen Termin überflüssig und theils wohl gar schädlich sein wurde. Man wird dabei an das Dichterwort erinnert: „Du sprichst vergeblich viel, um zu versagen, der Andere hört von Allem nur das Nein." Das Einfachste wäre doch wirklich, wenn die Regierung erklärte: Wir haben eS aus etatsrechtlichen Gründen nicht nöthig, den Reichstag wegen der chinesischen Wirren zu befragen, und deshalb unterlassen wir bte Einberufung, da man uns doch nicht zumuthen kann, der Volksvertretung Einfluß über das unbedingt gebolene Maß hinaus zu gewähren. Auf etwas Anderes nämlich, als auf diese Anschauungsweise, läuft die Tragikomödie mit dem kaltgestellten Reichstag als Mittelpunkt ja doch nicht hinaus. Der neueste, erschütternd eindrucksvolle Grund für die Unterlassung der Einberufung soll der sein, daß der Schatzsekrelär beim allerbesten Willen außer Stande sei, dem Reichskanzler eine klare Kostenrechnung vorzulegen. Man kann sich denken, wie eifrig sich Herr v. Thiclemann bemüht hat, herauszubekommen, was die Expedition nach China schon gekostet hat und noch kosten kann. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Man kann sich auch vorstellcn, wie bitterböse, selbstverständlich in den höflichsten Formen, Fürst Hohenlohe gewesen sein muß, als er unmittelbar nach seiner Rückkehr von Werkt nichts Eiligeres zu thun haste, als vom Schatz- sckretär eine genaue Ucbersicht über die Kosten cinzufordern, um alsbald zu seinem Schmerze zu erfahren, daß er Unmögliches verlangt habe. Nein, mit so mangelhafter Rüstung darf die Regierung, die jedoch beileibe nicht für diese Mängel verantwortlich zu machen ist, unter keinen Umständen vor den Reichstag treten, woraus denn logischcrweise folgt, daß der Reichstag noch zu warten hat. Was soll er auch Anderes thun, als warten! Es wäre eine arge Täuschung, wollte man aus dem Vorgefallcnen folgern, daß sich die Regierung ihre Stellung dem Reichstag gegenüber unnöthiger Weise erschwert habe. Die Gcnugthuung solcher Konstatirnng wird uns leider nicht beschecrt werden. Gewiß wird die Regierung heftige, nur allzu berechtigte Reden wegen der begangenen Unterlassung zu hören bekommen, aber an welche Adresse werden diese Reden gehen? Der Reichskanzler ist wirklich unschuldig an der Sache. Graf Bülow hätte gegen die Berufung des Reichstags nichts einzuwendcu gehabt, aber die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit trägt er nicht, und andere Staatssekretäre, die die Berufung nicht wollten, tragen diese Verantwortung auch nicht. Man kann von einer Anonymität unserer Negierung sprechen; in dem dicken Polster, womit sie sich umgiebt, bleiben auch die spitzesten Pfeile
(Nachdruck verboten.)
Etwas vom Thee.
Plauderei von Dr. I. Heinrich.
Der Thee, welcher eine so wichtige Nolle in der Handelswelt spielt und eine fast eben so große Verbreitung gefunden hat wie der Kaffee, wird von den Chinesen Theh oder Theha, von den Japanern Tsjaa genannt und ist bei diesen Völkern seit undenklichen Zeiten im Gebrauch. Er besteht aus den getrockneten Blättern des Theestrauchs, einer der Kamelie nahe verwandten Pflanze, welche in China, Japan, Ceylon, Cochinchina und einigen Gegenden des östlichen und südlichen Asiens einheimisch ist. Sie hat viele Abarten, die aber alle von einer einzigen Art abstammcn und nur durch Kultur, Klima und Boden verschieden gedeihen.
Welche Umstünde den Thee in China zu einem National- getränk gemacht haben, ist unbekannt. Man glaubt, daß sein Gebrauch aus der Abneigung der Chinesen gegen daS Trinken von kaltem Wasser entsprungen sei, was wiederum seine Ursache darin haben mag, daß das Wasser in China sehr schlecht ist, indem cs meist über Reisfelder geflossen und dabei durch Aufnahme fauliger Substanzen widerlich und ungesund geworden ist. Durch das Abkochen wird das Wasser desinfizirt und so wieder trinkbar gemacht, wie denn in der That die armen Leute allgemein heißes Wasser ' schlürfen, und zwar mit nicht viel weniger Behagen, als die Bessersituirten ihren Aufguß von Thee.
Im Allgemeinen ist die Kultur des Theestrauches mit keinen besonderen Schwierigkeiten verbunden, sofern der Strauch, mit Berücksichtigung der für ihn erforderlichen klimatischen Verhältnisse, in günstigem Boden angepflanzt wird. Es wurde zwar ein Versuch, in Amerika und Australien Theepflanzungen einzuführen, nicht lange fortgeführt, jedoch weniger etwaiger Mißernten, als vielmehr der Kosten wegen, die eine erfolgreiche Konkurrenz unmög-
wirkungslos stecken. Also es wird gehörig raisonnirt werden, und dann wird selbstverständlich Alles bewilligt werden, was zur Bestreitung der China-Expedition verlangt wird. Das Verhältniß von Negierung und Reichstag wird in der bevorstehenden Session seinen Charakter nicht, sowohl durch Forderungen der Negierung an den Reichstag, als vielmehr durch Wünsche der Parteien an die Regierung, erhallen. Denn mit dem neuen Zolltarif-Schema, mit dem Durcheinander von Maximal- und Miuimaltarif, wird der Markt aufgeschlagen, wo die Regierung die Maaren feilhült und sich nach Lust umwerben lassen kann. Vernachlässigung des Reichstags in der Chinafrage wird keine der Parteien, die sich mit den bekannten langen Wunschzetteln versehen haben, au der Erweisung von Freundlichkeiten nach oben hin verhindern, wofern sich diese Freundlichkeiten in der Form ausgiebiger Zollerhöhungen sofort baar bezahlt machen können.
Bayern und die Chinafrage.
Von unterrichteter Seite wird aus München Folgendes mitgethcilt: Durch einen Thcil der Presse ging in der letzten Zeit die Mittheilung, daß in Bayern eine gewisse Verstimninng bestände wegen der vom Reiche befolgten China-Politik. Daß man cs hier wieder einmal mit einer faustdicken Lüge zu thun hat, ist für den Kenner der wirklichen Verhältnisse von vornherein klar. Noch jeder Schritt, welchen das Auswärtige Amt in Berlin in der Chinafrage gethan hat, hat Bayerns volle Zustimmung gefunden, ja, es wurden sogar von München aus mitunter Vorschläge unterbreitet, welche wiederum in Berlin entsprechende Beachtung fanden und jene Lage mit herbeiführen halfen, in der sich heute das Reich in der China-Angelegenheit befindet. Von einer Mißstimmung Bayerns über die gegenwärtige» Verhältnisse kann aber umso weniger die Rede sein, als sich trotz einzelner Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mächten in Bezug auf die Endziele der China- Expedition in Deutschland nichts geändert hat und man sowohl in Berlin wie in München nach wie vor vollständig darüber einig ist, daß China in erster Linie für die Ermordung des deutschen Gesandten entsprechende Genugthnung zu geben und für die dauernde Herstellung gesicherter Zu- . stände vollständig Gewähr zu leisten hat.
Es war eine Freude.
Reichskommissar GehcimrathNicht er hat sich kürzlich in einem Interview über die Erfolge Deutschlands auf der Pariser Weltausstellung etwa wie folgt geäußert: „Wir haben einen unbestrittenen Sieg errungen. Wenn man aber daraus schließen wollte, in Paris gebe es nur einen Sieger, und der sei Deutschland, so wäre dies falsch. Zunächst müssen wir von der französischen Industrie ganz absehen; mitdieser uns in einen Wettstreit einzulassen, war niemals und konnte niemals unsere Absicht sein. Frankreich hatte sich nainr- gcmäß den größten Platz gesichert und konnte dementsprechend auch ganz anders auftrelen. Allen übrigen Nationen gegenüber sind wir zweifellos Sieger geblieben! Hauptsache ist dabei, daß die anderen Nationen cs sagen. Die amerikanische, die englische Presse,
lich machten. Einzig die Theekultnr in Britisch-Qstiudien gedeiht, wenn sich auch die Qualität mit der des chinesischen Thees nicht messen kann. Der Theestrauch erreicht, mild wachsend, eine Höhe von 6—10 Meter, in der Kultur aber nur höchstens 2 Meter, ivelch letzteres durch häufiges Beschneiden erzielt wird, weil die Pflanze in dieser geringeren Höhe mehr Blätter treibt und die Ernte erleichtert.
Schon im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde der Thee in China allgemein genossen, wenn sich auch nur die reicheren Klassen den Luxus, wirklichen Thee zu trinken, erlauben konitten. Im Ansange des neunten Jahrhunderts verbreitete er sich über die angrenzenden Länder, wurde aber erst 1610 von der holländisch-ostindischen Gesellschaft in Europa eingeführt. Später tauschten russische Reisende chinesischen Thee gegen Zobelpelze ein und fanden in Moskau damit großen Beifall. Aber noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts war der Thee in Europa eine Rarität, und Niemand würde damals geglaubt haben, daß zweihundert Jahre später Millionen von Pfunden nicht ausreichcn würden, um dem Bedarf zu genüge^. Von den ungefähr 110 Millionen Pfund Thee, die China alljährlich' ausführt, kommt allein ans Rußland der vierte Theil. Die Franzosen und mehr nocb die Deutschen huldigen im Allgemeinen dem Kaffee, wie überhaupt eine durchgängige Vorliebe für Thee im Norden, sür Kaffee im Süden Europas unverkennbar ist.
Von den drei verschiedenen Ernten, die jährlich stattfinden, gelangen fast nur die Blätter der zweiten ins Ausland, da der Ertrag der ersten der Kostbarkeit und Seltenheit wegen, und derjenige der letzten seines geringen Werthcs wegen im Lande bleibt. Mitte April sammelt man die jungen Blätterknospcn, die sich eben zu entwickeln beginnen; diese liefern den feinsten und wohlschmeckendsten Thee, der von den Chinesen sehr geschätzt und meist nur zu Geschenken an Verwandte und gute Freunde verwendet wird. Der
die Fachzeitungen dieser Länder reden fast von nichts Anderem als von dem Sieg der Deutschen in Paris. Auch die Franzosen erkennen unsere Leistungen an und geben rückhaltslos zu, daß Deutschland nahe daran ist, sie auf ihren eigenen Gebieten zu erreichen. Ich greife nur zwei heraus: Möbel und Bronccn! Unsere reichen Landsleute brauchen, um Derartiges zu kaufen, nicht mehr nach Paris zu reisen, hoffentlich werden sie endlich darauf verzichten, Nachdruck darauf zu legen, daß dieser oder jener Kunstgegenstand aus Paris stanimt. In den Möbeln haben ja zwei deutsche Firmen die höchste Auszeichnung erhalten, und in den Broncen sind die Franzosen von uns fast erreicht. Sie haben viele Stücke von uns bewundert. Jn Schaaren sind die Gelehrten ganz Frankreichs zu unseren Werken der Optik und Feinmechanik und zu der Abtheilung für Elektrotechnik gezogen. Bei dieser Abthcilung erhielten in vielen Gruppen die Deutschen die Mehrzahl der zur Vertheilung gelangten Auszeichnungen, umso höher ist dies gerade dort zu veranschlagen, wo wir nach der Zahl der Aussteller die Minderheit bildeten. Das kann Alles nicht ohne Eindruck bleiben I Wie muß das unseren Reisenden und Agenten Vorarbeiten. Es zeigt sich auch schon jetzt in Paris selbst. Im Maschinenfach, besonders in Lokomotiven, hat es geradezu bedeutende Bestellungen gemacht, und auch auf kunstgewerblichem Gebiete haben die Franzosen uns Aufträge gegeben. Täglich gehen mir Schreiben zu, in denen der Befriedigung und dem Stolze über das Erreichte Ausdruck gegeben wird, so auch von der Krefelder Handelskammer. Und bei Krefeld handelte es sich noch dazu um Artikel, bei denen der Vergleich mit einem der hervorragendsten Zweige französischer Industrie auszuhalten war. Meine Mission ist mir von französischer Seite in jeder Hinsicht erleichtert worden. Mag auch im Anfang unser gegenseitiges Verhältniß mehr geschäftlicher Art gcwlsen sein; je länger wir zusammen gearbeitet haben, umso herzlicher hat sich das gegenseitige Verhältniß gestaltet, und zuletzt — wie haben die Franzosen die deutschen Juroren ausgenommen! Es war eine Freude!"
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* Kof- und personal-Nachrichten. Gelegentlich des Kaiserbcsuchcs im Wuppertyal wird der Monarch auch an einem noch näher festzusetzenden Tage zwischen dem 10. und 13. Oktober der Enthüllung des Siegesbrnnuens in Vohwinkel beiwohnen. Der Kaiser wird gelegentlich seines demuächstigen Jagdaufcuthaltes >» Kadiucn einen Äbstechcr nach der Marienbnrg »nternehmcn, um sich persönlich von dem Stand der Renovirnngsarbeiten zu überzeugen. Auch die Stadt will der Monarch besuchen. Als Tag dieses Ausfluges ist vorläufig der 2t. d. M. in Aussicht genommen.
* Berlin, 13. September. Fürst Hohenlohe hatte vorgestern Nachmittag eine kurze Unterredung mit dein Staatssekretär Grafen Posadowskh. Entschlüsse über den Zeitpunkt der Em- berufuug des NeichSlags sind noch nicht gefaßt und dürften auch sobald noch nicht gefaßt werden. — Staatssekretär Nceberdmg hat einen kurzen Nachurlaub angctretcn.
* In Kamerun — so schreibt mau der .,T. 91.* — hat die deutsche Verwaltung neuerdings mit einem unverkennbaren Mißgeschick zil kämpfen. Nachdem die Aufstände im Nordweste» nach dem Croßflusse hin und im Süden in Batauga niedergeschlagen sind, zeigt sich für das geplante Vorgehen nach dem nördlichen Hinterland ein neues bedeutendes Hiudemiß. Nach Bewilligung enier
chinesische Kaiser trinkt den niemals zur Ausfuhr gelangenden Blüthcuthee, so genannt, nicht etwa, als ob er aus den Blüthen gewonnen würde, sondern weil er der vollkommenste Thee ist; der Imperial oder Kaiserthce wird vom kaiserlichen Hofhalt, den Mandarinen und reichen Chinesen konsumirt. Von den exportirten Theesorten gilt als feinster der Pccco- Thee. Pecco ist verstümmelt aus dem chinesischen kalr-bo, d. h. weißer Flaum, und führt seinen Namen wegen der feinen weißen Härchen auf den Blattspitzen. Bekanntlich unterscheidet man schwarzen und grünen Thee, doch bilden die grünen Theesorten jetzt kaum noch ein FürL zehntel der gesammten Ausfuhr.- Die grüne Farbe wird dadurch erzielt, daß man die Blätter nach dem Einbringen nicht trocknet, sondern unmittelbar dämpft, um die Farbe zu fixiren, und auch beim Rösten größere Hitze verwendet Nicht selten gicbt man dem grünen Thee durch künstliches Färben mit einer Art von Berliner Blau eine schöne, hellere grüne Farbe, aber dieses Färbemittel ist vollkommen unschädlich, und es ist die früher viel verbreitete Ansicht, daß die grüne Farbe durch Trocknen der frischen Blätter auf Kupferplatten hergestcllt werde, der grüne Thee daher giftige Substanzen enthalte, durchaus irrig. Den schwarzen Theesorten geringerer Qualität giebt man durch Beimengung fremder Substanzen, wie der Blüthen der Orange, des Jasmin, der Gardenie u. A., ein erhöhtes Aroma. Was die unzähligen Namen anbelaugt, unter denen der Thee in den Handel kommt, so hat es damit dieselbe Bewandtnrß. wie mit denen der Cigarren: sie werden eben von Händlern willkürlich ersonnen und angewendet.
Der unaufhörlich wachsende Verbrauch von Thee hat, abgesehen davon, daß man die Sträucher bis aufs Aeußerste auszunutzen sucht, naturgemäß dazu geführt, daß die Verfälschung desselben eine ganz enorme Ausdehnung genommen hat. Nicht nur, daß die bereits gebrühten Theeblätter wieder getrocknet, nicht selten mit geradezu giftigen Farbe-
