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U0. 419. Fernsprecher No. 52. Smitstttg. d-tt 8. September. Fernsprecher No. 52.

1900 .

Abendausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Zur Kahlenthenernng.

(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)

Zur aktuellen Frage der Kohlentheueruug wird uns von unserem Berliner 8. ^.-Korrespondenten geschrieben:

Wer, wie ich in der letzten Woche,. in unfern ober­schlesischen Kohlenbezirk kommt und in die kleinen Kohlenreviere der Provinz Brandenburg, der muß wirklich den Glauben gewinnen, daß wir einer ganz unerhörten Kohlennoth gegen­überstehen. Die früheren Lagerbestätlde sind verschwunden, große Aufträge können nicht ausgeführt werden, bei Senften- berg in der Provinz Brandenburg kratzt man die Wege auf, welche früher mit Braunkohlcngrus aufgcschnltet wurden, weil damals' das Zeug kein Mensch auch nur ge­schenkt haben mochte: Heute finden sich für dies verwitterte Grus Abnehmer.

Wie hat das in zwei Jahren so weit konlmcn können? Man verweist ans den englischen Krieg, auf die Schiffs­bewegungen nach Ostasien, auf das Aufhören der englischen Kvhleneinfuhr nach Nord- und Nordostdeutschland, aber damit ist der gegenwärtige Numor keineswegs erklärt. Das erste Geschrei über Kohlenmangcl und Kohlennoth kam aus dem Nordosten Deutschlands, dort müssen also die Haupt­ursachen zu suchen sein, und um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, bereiste ich, anschließend an die Reise nach Schlesien, auch den Warthe- und Netzcbruch bis hinter Schncidcmnhl hinauf, weil man in Berlin an den Torf gedacht hat, der im kommenden Winter die angeblich große Roth in Kohlen lindern soll.

Speciell auf dieser Reise sind mir auch die Gründe für die gegenwärtige Kohlenthcuerung so vollständig klar geworden, daß ich keinen Anstand nehme, das Gerede von der Kohlennoth als Unsinn zu bezeichnen und das liebe Publikum, auch die Verwaltungen städlischcr An­stalten mit, für die Preistreibereien der Händler direkt verantwortlich zu machen.

Noch vor einem Jahrzehnt kannte der Nordosten Deutsch­lands zum großen Theil die Kohle nur als Etwas, das von den Lokomotiven der Staalsbahncn und den Fabriken ver­feuert wurde; der gewöhnliche Mann behalf sich mit Holz und Torf, welch letzterer in großen Mengen aus den Torf­stichen im Netze- und Warthebruch verschickt wurde. Die gewaltigen Torflager von Usch, Czernikau und Schneide­mühl in der Nctzcgegend versorgten ganz Westpreußen und Pommern mit diesem billigen Brennmaterial; die Torfstiche bei Landsberg a. W. deckten fast den gesammlen Bedarf der Umgegend, und von ihrer Ergiebigkeit kann man sich einen Begriff machen ans der eigenen Versicherung des letzten der Torfhändler in Landsberg a. W., daß er, obwohl er seiner Zeit der kleinste von vier Torfstechern in dieser Stadt mar, doch jährlich 7 bis 8 Millionen Tausend Ziegel Torf stechen ließ. Dann brannte der ganze Oderbruch

Torf, der aus den mächtigen Lagern bei Sonnenburg kam (ein kleines Städtchen, zwei Meilen von Küstrin); Küstrin und Umgegend, Soldin und Umgegend, Frankfurt a. O., die Provinz Posen halten ihre eigenen Torsstcchcreicn in ihren großen Torflagern, die gleichfalls nicht nur den Be­darf deckten, sondern auch noch Ucberschüsse zur Versendung nach Berlin gaben.

Es kam dann aber die Ausdehnung der Kohlenindustrie in England, und Obcrschlcsien; England warf große Massen Kohlen nach Pommern, Ost- und Westprcußeu, selbst bis nach Posen hin und Landsberg a. W., und diese Kohle mar nicht zu theuer. Die oberschlcsische Kohle, die auch stärker abgcbaut wurde, suchte damals den Nordosten Deutschlands zu gewinnen, es gab einen scharfen Konkurrenzkampf, in welchem schließlich die englische Kohle Sieger blieb, während die oberschlesische Kohle dann ihre Abnehmer in Polen und Oesterreich suchte und fand.

Dieser Konkurrenzkampf brachte Zweierlei im engsten Zusamtncnhange mit sich für Nordost-Dcutschland, eine sehr billige Kohle und — de» Zusammenbruch der Torf-Industrie. Man feuerte lieber die glatte, saubere, billige Kohle und nahm Torf nicht mehr ab, zudem wurde die Stecherei weniger lohnend, weil die Arbeitskräfte theurer wurden; das Torfstcchen wurde aufgegeben. Von vier Torffabrikcn in Landsberg a. W. besteht heute keine einzige, Soffnen- burg läßt seit Jahren seine großen Lager brach liegen, ebenso die Nctzcgcgcnd: wo noch Torf gestochen wird, da geschieht das lediglich für den beschränktesten lokalen Bedarf. Aber Nordosl-Deutschland halte seinen Torf nicht'vergessen, man sah sich verwöhnt in dem Angebot von Brennmaterial, man glaubte, cs könnte nie anders werden.

Da kam auf einmal im vergangenen Jahre das Ver­siegen der englischen Kohleneinfuhr. Es lvurde das damals nicht viel beachtet, weil Ob-rschlesieu den Mehrbedarf glatt decken konnte; aber zu Anfang dieses Sommers gab es die ersten Schwierigkeiten. Nordostdentschland hatte schon im vergangenen Jahre die schlesische Kohle erheblich theurer bezahlen müssen, wie bis dahin die englische; man wollte nun in diesem Jahre besonders schlau sein und stürmte schon vom Mai ab auf die oberschlcsische Kohlenindustrie mit Aufträgen auf den ganzen Jahresgebrauch ein. Eine Zeit lang ging das, aber ein Ende mußte kommen. Es ging mit der Kohle genau so, wie wenn halb Deutschland es urplötzlich beikommen wollte, seinen Kaffee auf ein halbes Jahr einzukaufen. Dem immer sich vermehrenden Ansturm war die oberschlesische Kühlenindustrie umso weniger ge­wachsen, als im Sommer wegen der Feldarbeiten natur­gemäß die Förderung eingeschränkt ist, und so mußten bald Absagen erfolgen. Da ging vom Osten Deutschlands ans der Sturm los, auch andere Gegenden wurden ängstlich: uni jeden Preis Kohle, das war jetzt die Losung. Kleine» Zwischenhändlern wurden von Fabriken, selbst städtischen Werken die doppelten Grubenpreise geboten; die Händler jagten einander die Kohle ab, um nur die Aufträge aus­führen zu können; die Preise stiegen dabei ins Unendliche: da hatten wir die „Kohlennoth". Eine Kohlennoth, die

keine Noth ist, die nur in der Einbildung der Angstmeier besteht, diese Angstmeier haben es aber fertig gebracht, die Preise im Handel um 70—80 pCt. in die Höhe zu schrauben.

Kohlen sind schon da, sie liegen aber in den Kellern der übereilten Käufer, und wenn die Angst noch anhält, dann könnte sich in der That die Sache zu einer unerhörten Kalamität auswachsen. Diese Wildgewordenen beruhigen, das wäre die nächste Aufgabe, am besten freilich wäre die Beruhigung durch ein Herabgehen der Preise zu erreiche». Die Gruben und der Großhandel werden sich dazu verstehen müssen im eigenen Interesse, gegen die kleinen Händler, welche die Angst des Publikums ansbcuten und noch vergrößern, scharfe Maßnahmen zu ergreifen; denn das ist ohne Zweifel, hält die Spannung auf dem Kohlcnmarkte an, dann wird die öffentliche Meinung die Unterbindung des Kohlenexports immer lauter fordern und schließlich durchsetzen. Die öffent­liche Meinung überlegt nicht, wie die Sache so kommen konnte; sie rechnet mit der Thatsache der theucren Feuerung, und die ganze Erregung, wohin ich auch gekommen bin, richtet sich gegen die Kohlcnausfuhr. Hält die oberschlcsische Kühlenindustrie in ihrem Interesse diese Ausfuhr so nöthig, wie sie es vorgicbt, dann möge sie dem Kleinhandel Mäßigung beibringen, sie könnte eS schon.

Für alle Fälle aber, da ja die Spannung auch im nächsten Jahre noch anhalten wird, sei auf dieWiedereinführung des Torfes hingcwiesen. In diesem Jahre ist es bereits zu spät; aber im nächsten Jahre müßte die Ausbeutung der reichen Lager an der Netze und Warihe besonders wieder in die Hand genommen werde», es sind jetzt lohnende Preise zu erzielen. Und schon eine mäßige Torfausbeute könnte die Spannung in ganz Deutschland lösen, handelt es sich doch bei der sogenannten Kohlennoth garnicht einmal um große Mengen. __

Hebet- Konsumvereine

verhandelte man gestern bei dem in Hannover tagenden 41. Allgemeinen Genossenschaststag der Dcnlschen Erwerbs- und Wirthschafts- Gcnossenschaften, betreffend die vom Verbandsanwalt vr. Criiger aufgestellten „Leitsätzen für Konsumvereine zur Aufklärung und zur Abwehr der Gegner". Die Thesen lauten: „1. Der Konsnnwerein. als eine Genossenschaft von nicht geschlossenerMitgliederzahl, gehört zu den Personal-Gesellschaften. 2. Der Konsumverein verschafft auch den minderbegüterten Klassen die Borthcile des WaareneinkaufS im Groben. 3. Der Verkauf des Konsumverein? zu Tagespreisen sichert di- Mitglieder dagegen, daß sie die augenblicklichen Vortheile des billigen Preise« beim Waareneinkanf in der Wirtbsäpift unbeachtet lassen; er führt zur Aufspaning cines UeberschuffeS, der an die Mit­glieder als Waarcndivide» de zur Vertheilnng gelangt. — DerLerkaufzu Tagespreisen aber liegt auch im Interesse der Kleinhändler, Re durch die Konlumvereine schwer geschädigt würden, wenn diese unter Tagespreis verkaufen würden. 4. Die an die Mitglieder zur Vertheilnng gelangende Dividende i stellt sich dar als Ersparnitz der Mitglieder, erzielt durch de» gemeinschaftlichen Einkauf, und somit nicht durch Entbehrung, sondern durch rationellen WtrthschaftSbetricb. Da« von den Gegnern der Konsumvereine geforderte gesetzliche Verbot der Dividendenzahlung wurde die sociale Wirksamkeit der Konsumvereine beeinträchtigen und den konkurrirenden Kleinhändler keinen wirthschaftlichcn Vortheil bringen. 5. Der in den Konsnnivcreinc» gepflegte Grundsatz der Baarzahlung erzieht die Dtitglieder zur Ordnung und Piinktlichkc.. in der Wirthschaft. 6. Der Konsumverein kann dem Handwerk

(Nachdruck verboten.)

Russische Frömmigkeit.

(Von unserem K o r r e s p o n d e n t e n.)

Petersburg, im September.

Es dürfte kaum ein Volk geben, das so tief religiös ist und dessen Gläubigkeit sich auch nach außen hin so lebhaft doknmentirt, wie das russische. Jeder Reisende, der sich nicht nur damit begnügt, um unser Land kennen zu lernen, die Hauptstadt zu besuchen, sondern seine Schritte weiter lenkt, dürfte mit Erstaunen die fortwährend sich bemerkbar machenden Aeußcrungen dieser Frömmigkeit beobachtet haben. In Petersburg, das mit Ausländern und der westlichen Welt überhaupt weit mehr in Berührung kommt, sind die­selben weniger häufig, Moskau aber ist sehr religiös und noch mehr natürlich die kleinen Städte und die Landbewohner.

Allerdings macht sich, wie in fast allen anderen Dingen, auch in religiöser Hinsicht ein großer Unterschied zwischen den Leuten aus dem Volk und den oberen Klassen geltend. Viele unter den letzteren bleiben den hcrgebrachien Ge­bräuchen aus Gewohnheit und theilweise aus polilischeu Gründen treu, um ihre Beobachtung aber oft sofort fallen zu lassen, sobald sie die Grenze hinter sich haben. Für die niedere Geistlichkeit, die, besonders auf dem Lande, aller­dings oft recht ungehobelt, wenig unterrichtet und leider zu oft dem Trunk ergeben ist, haben die Reichen und Gebildeteren meist nur Verachtung, für das Volk jedoch bleibt er der Vermittler zwischen ihm und dem Himmel. Wenn in Prozessionen die heiligen Bilder vorübergetragen werden, dann neigt sich der einfache Mann 2-, 3-mal vor demselben, .indem er sich fortwährend bekreuzigt, und wenn er von fern in Moskau die „Iberische Kapelle" nur erblickt, so wird er nie verfehlen, sein Haupt zu entblößen.

Es ist selbstverständlich, daß eine Nation, bei der die Religiosität, gleich, ob sie wirklich eine tiefgehende ist, so

viel in äußerlichen Gebräuchen, in Verehrung von Heiligen­bildern 2C. zu Tage tritt, auch eine Anzahl von Wallfahrls- ortcn besitzt, wo eine wnnderlhätige Madonna existirt oder eine durch Gott wohlgefälligen Lebenswandel heilig gewordene Persönlichkeit ruht. Tausende von Pilgern ziehen alljährlich dahin, um Heilung von einem Leiden zu suchen oder auch nur, weil ihre Frömmigkeit ihnen vorschreibt, hin und wieder an einem dieser Plätze ihre Andacht zu verrichten. Nattirlich gellen einzelne für besonders heilig, und Sergicwo z. B., ein ca. 70 Kilometer von Moskau entfernter Ort, sieht jedes Jahr Tausende und Abertausende von Wallfahrern in seinen Mauern.

Im 14. Jahrhundert war von dem Geistlichen Sergius dort ein kleines Kirchlein errichtet morden, das er der Drei­einigkeit weihte. Aber die Tarlaren zerstörten dasselbe. Als man jedoch nach Jahren die Asche und den Schutt fort- ränntte, da fand man unversehrt den Körper des Geistlichen unter den Trümmern.. Die Kunde von diesem Wunder ver­breitete sich schnell, der Ort wurde das Ziel zahlreicher Pilger, alle Czaren, von Iwan dem Schrecklichen an, über­häuften das Kloster, welches um das Grab deö heiligen Sergius entstand, mit ihren Gaben, und wie es heißt, soll der Schatz der Mönche an Schmuckstücken und Edelsteinen einen Werth von wett über einer Milliarde haben.

Wenn man nach Sergicwo gelangt, so zeigt es sich bald, daß man es mit einem wohlhabenden Platze zu thun habe. Der Bahnhof ist stiuber und weit besser gehalten, als die in vielen großen Städten, seine Dimensionen zeigen auch, daß gewaltige Menschenmassen dort eintrefseu und befördert werden. Am bclagertstcn sind immer die Schalter . der dritten Klasse, und zwei da ständig anwesende Polizisten haben Mühe, ein wenig Ordnung in die ungeheure Menge zu bringen. Draußen warten Wagen jeder Art, elegante und recht einfach und wenig einladend aussehende, aber den meisten der Wallfahrer ist selbst der Preis für letztere zu

hoch und zu Fuß begeben sie sich nach den heiligen Orten. An diesen trifft man dann Leute jeden Ranges und jeden Alters, von der eleganlen Dame im dunklen Seidenkleid bis zur armen Bäuerin in Slrohschuhcn, einen Korb mit Vorrälhcn am Arm, und den mißgestalteten Bettlern, die an die Mildthätigkcit der Wallfahrer appellircn.

Sergicwo ist, wie gesagt, Dank der Berühmlhett seines Heiligen ein wohlhabender Ort geworden, in dem eine große Regsamkeit herrscht. Nicht nur findet man Hotels und Speisehäuser jeden Ranges, die Pilger versehen sich auch dort mit Allem, was in ihren Dörfern nicht zu haben, und da Sergicwo der Platz ist, wo die Landlcnte aus alleü Theilen des Reiches Hinströmen, so wurde es nach und nach zu einem großen Bazar, der die verschiedensten Dinge feil hält. Nickt nur Heiligenbilder und sonstige der Frömmigkeit geweihte Gegenstände sind da erhältlich, sondern auch Stoffe oft in recht lebhaften Farben, Kochgeschirr, Uhren, Spielsachen rc. Bedeulende Moskauer Häuser erneuern die Vorräihe be­ständig, die sich sehr schnell erschöpfen.

Natürlich sind auch eine Menge religiöser Gebäude vor­handen, die eine gemeinsame Umfriedung nmgicbt. Da sind die Httmnelfahrtskirche, die Klöster, die Akademie der Gottesgelahrihett, kleine Kapellen, vor Allem aber dieDrei- einigkcitskirche, die die Reste des heiligen Sergius birgt. Kein gläubiger Russe kommt nach Sergicwo, der nicht am Grabe desselben seine Andacht verrichtet und zu Ehren dieses mächtigen Schutzpatrons sein Schcrflein spendet. Oft besitzt er nicht mehr als genügt, um trockenes Brod zu kaufen, er schläft im Freien ans der Erde, seinen Rucksack unter dem Kopf, aber trotzdem ist er hergcwandcrt und hat für den Heiligen noch eine kleine Gabe erübrigt, Er nimmt die feste Hoffnung mit heim, daß das, worum er gebeten, sich erfüllen werde, und wenn es das erste, das zweite Mal nicht geschieht, er kehrt immer gleich hoffnungsfreudig wieder. Der Glaube macht selig!