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*». Jahrgang.

Erscheint in zwei AuKgabcn. — Beziigs-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. HO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben jiisauuneu.

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SiidnfnKi und Gstnficn.

In den letzten drei Wochen hat sich das Interesse der Oeffentlichkeit in Europa für die Ereignisse auf dem süd­afrikanischen Kriegsschauplatz ganz auffällig neu belebt. Zum Theil mag es der Uebermüdung des Publikums mit chinesischen Meldungen, aus denen doch kein klares Bild der Lage in Ostasien z« gewinnen ist, zuzuschrcibcn sein, daß lseine Blicke sich nun wieder Südafrika zuwendc», das idochenlang beinahe in Vergessenheit gerathen war. Zum größten Theil ist da§ aber die Wirkung des kaum noch von Jemandem erwarteten Aufflammcns -des burischcn Widcr- stanses ^zn einer Hellen Kriegslohe, deren Feuerschein kaum minder grell weithin in die Welt hinausleuchtet, als in den Tagen der Schlachten gm Tugcla und am Modderfluß. Die Meinung, mit der Besetzung Pretorias durch die Eng­länder sei der Krieg so gut wie beendet, was nun noch komme, seien nur noch die letzten Zuckungen des Buren­thums, hat sich als irrig herausgestellk. Nicht nur, daß die Buren den Kleinkrieg mit erstannlicher Kühnheit und urlüberirefflichem Geschick führen und der britischen Heeres­leitung manche sorgenvolle Stunden bereiten, .haben sie neuestens auch bewiesen, daß sie auch den Krieg in großem Wie noch nicht verlernt haben und noch nicht zu schwach dazu geworden sind. Die mehrtägige Schlacht bei Belfast uü'd Machadodorp hat zwar mit einem „Siege" der Eng­länder, aber mit keiner Niederlage der Buren geendet, d. h. die Engländer haben zwar einige Stellungen der Buren genvUmen, aber diese sind noch nicht zersprengt und nicht entmufhigt, sondern stehen ein paar Meilen weiter rückwärts schon wieder in Kampfbereitschaft, und Niemand kann sagen, was werden mag, wenn die Engländer sich erst in das eigentliche Gebirgsland, an dessen Schwelle sie jetzt stehen, hineinwagen müssen.

Wohl hat Lord Roberts, kühn den militärischen That- sachen vorgreifcnd, soeben die Annexion der Südafrikanischen Republik, wie früher schon die des Oranje-Freistaats, aus­gesprochen, aber was ist damit praktisch für die Engländer gewonnen? Nach Kriegs- und Völkerrecht ist nur dann eine Annexion rechtsgültig, wenn sie. effektiv ist, d. h. wenn das anncktirte Land wirklich in der Gewalt deL Annektirenden ist. Diese Voraussetzung hehlt hier, denn in mindestens drei Vierteln des Transvaalgebiets ist bisher kein Rothrock gekommen, wenn nicht als Gefangener. Vermuthlich be­absichtigt Lord Roberts mit seiner Annexion in partibus hauptsächlich, die Möglichkeit zu erlangen, die Buren fortan als „Rebellen" behandeln zu können. Allein damit wird er die trotzigen, ihre Freiheit über Alles liebenden Buren nicht schrecken, noch niürbe machen, und nur seinen eigenen und den britischen Namen mit weltgeschichtlicher Schmach bedecken.

Nein, trotz der „Annexion" ihres Landes sind die Buren offenbar noch lange nicht am Ende ihrer Widerstandslust ?nb Widerstandskraft angelangt. Unter anderen Umständen

brauchte das die Engländer nicht übermäßig besorgt zu machen, denn sie haben jedenfalls den längeren Athcm, denn sie haben Geld, schier unerschöpfliche Reservoirs zur Aus­füllung der in ihren Heersäulen entstehenden Lücken, die Möglichkeit, ihre Mund- und Waffeuvorräthe ununterbrochen zu erneuern. Aber sie haben cs jetzt eilig, in Südafrika zu einem Ende zu kommen, denn in Ostasien drohen die Dinge sich so znzuspitzen, daß England dort mit großer Macht auftrcten muß, und doch ist der beste Theil seiner Macht in Südafrika gebunden. Vor 4 Wochen noch mußte Lord Roberts nach England depeschiren, er könne von seinen 250,000 Mann auch nicht ein Bataillon entbehren; neuestens wird zwar gemeldet, zwei Bataillone von der süd­afrikanischen Armee würden nach Ostastcn abgeschickt werden — aber was will das heißen? Solange nicht Lord Roberts regimenter- und brigadcnweise seinen Hecresbesland ver­ringern zu können glaubt, ist der englischen Politik in Ost­asien nicht geholfen, und dazu ist vorerst wenig Aussicht.

Kaum weniger schwer, als die militärische Schwächung Englands durch den Krieg in Südafrika, wiegt gerade jetzt die moralische Schwächung, die es durch die Art, wie es den Krieg gegen die Buren herbeiführte, erlitten hat und die durch die brutalen Gcwaltthateu in Südafrika noch ver­schärft worden ist. Die Nicderbrenunng unvertheidigter Ge­höfte und Farmen, die Einkerkerungen und Hinrichtungen angeblicher „Verschwörer", denen in Wirklichkeit keine Schuld nachzuweisen ist, die Verschleppung Tausender von Ge­fangenen ans wcltcntlcgene Inseln, die Massenauswcisung harmloser Ausländer, all das hat die allgemeine Erbitterung gegen die Engländer neuestens wieder außerordentlich ge­steigert. Was England im Laufe dieses Krieges an Sympathicen in der ganzen gesitteten Well und gerade auch bei seinen besten Freunden von ehedem eingebüßt hat, wird es in Jahrzehnten nicht wieder hereinbringen können, und doch kann ein Volk so wenig wie ein Einzelner auf die Dauer nngeichädigt in einer Atmosphäre von Haß und Miß­achtung leben. Der Mangel an Sympathicen, über den die Jingos heute noch hochmülhig die Achseln zucken, kann England vielleicht sehr bald gar theucr zu stehen kommen, denn auch bei großen polilischen Vorgängen, wie den in Ostasien sich vorbereitenden, spielen die Imponderabilien, auf die der große Realpolitiker Bismarck bezeichnender Weise stets so großen Werth gelegt hat, unter Umständen eine wichtige Rolle.

Das Eine ist zweifellos: das Gewicht, das England gegenwärtig in China in die Wagschale zu werfen hat, ist beträchtlich geringer, als es wäre, wenn Herr Chambcrlain nicht die Kriegsmacht des Vereinigten Königsreichs in Süd­afrika fcstgelegt hätte. Je länger die Buren sich im Felde zu behaupten vermögen, desto mehr muß sich die Lage in Ostasien, wo unaufhörlich Truppen der anderen Mächte ein- trcffen, zum Nachtheil Englands verschieben, denn schließlich wird sich ja auch dort drüben, trotz dem russischen Vorschläge auf Räumung Pekings, die Diplomatie als die wirksamste und beste erweisen, die sich auf die zahlreichsten und tüchtigsten Bataillone stützt.

Aus Stadl und Kanv.

Wiesbaden, 6. Scpteniber.

— Ergel-nisse ber Miesl-sdenet Ütt ittzenbaltnett. Nach dem GeschäftSbencht der „Ldiddentschcn Eisenbahn-Gesellschaft" ge­stalteten sich deren Einnahmen und Ausgaben auf den hiesigen Strecken wie folgt: Auf der Strecke Bcausite-Viebrich betrugen die Einnahmen 261,628 Ml., die Ausgaben 150,305 Mk., demnach ein Ueberfchuß von 111,324 Mk. Die Pferdebahn hatte Einnahmen 53,278 Mk., AnSgabest 37,210 Mk., demnach Ueberfchuß 16,067 Mk, Die Nerobcrgbahn Einnahmen 32,157 Mk., Ausgaben 9324 Mk., Ueberfchuß 22,833 Mk. Die Strecke Bahnhöfe-Walkmühlc Ein­nahmen 180,238 Mk., Ausgaben 66,2!0 Mk., Ileberfchnß 64,077Mk. Der Gefqinmtiiberschuß der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft auf den Wiesbadener Strtzßenbahiicii betrug demnach 214,301 Mk. Für elektrische Straßenbahn-Neubauten sind 443,114 Mk. vorgesehen.

o. Die Gedetrk.tafet, welche die katholischen Studenten- vcrcinc den durch daS BootSynglnck zu Riidesheim am 17. April d. Js. ums Lebfn Gekommenen gewidmet hat und die in der Kirche des Wallfahrtsortes Maricnthal bei Geisenheim angebracht werden soll, ist von Herrn Bildhauer I. M ou malle hier in weißem Marmor anSgeführt worden. Sie ist oben mit einem Christuskopf verziert und trägt folgende Inschrift in Goldbiichstabcn: „Zur frommen Erinnerung an unsere lieben Vereinsbrndcr, deren Angehörigen und Freunde, welche am Abend des 17. April 1900 bei der Ucberfahrt von Bingen nach Riidesheim im Rhein ihren Tod gesunden haben. Franz Ändior, stud. theol., Geisenheim. Fr!. Susanne Badior, Geisenheim. Georg Baum, stud. math., ZcilLhcim. Dr. med. Adolf Berberich, Arzt, Wiesbaden. Joseph Engel, stud. pliii., Geisenheim. Friedrich Erb, Weinantsbcsitzcr, Winkel. Fr. Adelhaid Erb, Winkel. Frl. Agnes Heim, Frank­furt a. M. Alphons Heim, Kaplan, Eltville. Karl.Rover, stud. mod., Mittelheli'n. Wilhelm Ostern, stud. timst/ Geisenheini. Joseph Pfeiffer, stud. pliil., Presberg. Johannes Prinz, Ober­primaner, Riidesheim. Frl. Adele Ridder, Winkel. l)r. pliil.

S enttarnt Rückerk, Oberlehrer, Neiße. Theodor Weber, Kaplan, «strich. Karl Werner, stu<l. cbem., Schlnugenbad. R. J. P. Gewidmet voip Verband der.Katholischen Stlidentenvercine Deutsch­lands." Die Gedenktafel wird am nächsten Sonntag tit der Kirche zu Marienthal feierlich geweiht. Die'für die Rochuskapelle zu Bingen bestimmte Gedenktafel wird erst später angebracht, da Itterju der Erbauer der Kapelle, Diözesanbaumcister Meckel zu Frciburg, einen Entwurf machen will.

— Benutzt da» deutsche Tkcbcrscrliabrl! Wie berichtet, ist ain Freitag, den 31. August, über vier Wochen vor der vertrags­mäßige» Frist, der Tclegraphenbctricb auf dein erste» deutschen transatlantischen Kabel eröffnet worden. Der Deutsch-Atlantischen Telegraphcn-Gesettschaft gebührt das Verdienst, durch Legung dieses Kabels den ersten Schritt gegen die Alleinherrschaft Englands auf dein Gebiete des traiisatlantischcil Tclegraphen-Verkehrs gethan zu haben. An der deutschen Geschäftswelt wird cs jetzt sein, für ihre nach Amerika zu sendenden Depeschen möglichst das Kabel der Deutsch-Atlantischen Telegraphen-Gcscllschaft (Adler-Linie) z» be­nutzen und dadurch, daß sic dieses llntcrucltmen lohnend gestaltet, weitere deutsche Unternehmungen ans diese»! jetzt zum ersten Mal betretenen Gebiet zu veranlassen und somit dazu beizutragen, daß Deutschland und der deutsche Handel im überseeischen Tclcgrapheii- verkehr immer mehr von dem gute» Wille» Englands unabhäugig gemacht werde».

— „Pvitz." Das ucucste Modewort zur Bezeichnung dessen, was niail in Paris bisher „Snob" genaunt hat, ist „Prig", wobei allerdings der also Vezeichuelc einen Stich ins Spießbürgerliche, G/mnthliche erhält. Prig ist, der sich gern elegant, dandhhnft und auffällig giebt. Einer, der kein Opfer scheut, um den Schein eines Grandseigneurs, eines Lebemannes zu erwecken. Mit einem Worte ein Narr. Ein „Prig" ist ein Herr, der sich bei „Parsifal" zu Tode langweilt und dabei erklärt — da« Werk, van dem er neben- bei nichts vcrsteht — sei herrlich. „Prig" ist der, der sei» Leben damit zubringt, einen Gilctzuschnitt oder eine Krawntteiiu»al>ce zu

Ans Kunst und Leben.

* Gin Krief Kchillers an seine Schwester Christophine aus der Zeit seines Aufeiilhalks in Mannheim, nach seiner Flucht aus Württemberg, gelangt jetzt zum ersten Mal an die Oeffentlichkeit. nachdem er Jahrzehnte hindurch als altes Erbstück einer Familie in Reval angehörte. Der Brief lautet:

„6. (— Conceptum), den 6. November 1782.

Thcuerste Schwester I

Gestern Abend erhalte ich Deinen lieben Bricf'iind eile. Dich aus Deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen. Daß meine völlige Trennung von Vaterland nnd Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft seyn, wenn ich sie nicht erwartet und selbst befördert hätte, wenn ich sie nicht als nothwcndigste Führung des Himmels betrachten müßte, welcher mich in meinem Vaterland nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft übergeben, und von dem ihr und ich, Gottlob nur allein, abhängig sind. Ihm übergebe ich euch, meine Theuren, er erhalte euch fest nnd stark, meine Schicksale zu erleben, und mein Glük mit der Zeit mit mir theilcn zu können. Losgerissen aus euren Armen, weis ich keine bessere, keine sicherere Niederlage nieines theuersten Schazes als Gott. Von seinen Händen will ich euch Meder empfangen, und — das sei die letzte Treue, die hier fällt. Dein Verlangen, mich zu Mannheim etablirt zu wissen, kann nicht mehr erfüllt werden. So wenig es auch im Kreis meines Glüks läge, dort zu sehn, so gern wollt ich die nähere Nachbarschaft mit den meinigen öorziehen und dort Dienst zu erlangen suchen, wenn mich nicht eine tiefere Bekanntschaft mit meinen Mannheimischcn Freunden für ihre Unterstützung zu stolz gemacht hätte. Ich schreibe Dir gegenwärtig auf meiner Reise nach Berlin, wo es mir ln mehr als einem Fach nicht fehlschlagen kann, wo, nach dem ein­stimmigen Urtheil aller Menschen, denen ich meine Umstände vor- kegte, mein Glück aufgehoben sein mus. Auch ist cs möglich, daß, wenn mich bedeutende Connoissancen zu Berlin unterstüzen, ich nach Petersburg gehe. Erschrick nicht, beste Schwester, daß soviel Meilen zwischen euch nnd mich werden zu liegen kommen. Ihr solt jedes meiner Verhängnisse mit mir theilen; ich suche mein Glück eben so sehr für euch, als für mich. Innerhalb einiger Jahre soll, wann Gott will, kein Schuh breit zwischen uns liegen. Bis dahin wache der Ewige über euch und mich. .Deine zweitnächste Sorgfalt wird ohne Zweifel mein Auskommen sehn. Zu Deinem nnd unserer zärtlichen Eltern Trost kann ich Dir sagen, daß ich bis izt apch keine Kleinigkeit entbehren müssen,

welche ich zu Stnttgardt gewohnt war. Auch in die Zukunft kann ich zuversichtlich sehen, weil mir meine Arbeiten gut bezahlt werden, und ich sieißig bin. Sobald ich in Berlin bin, kann ich in der ersten Woche ä»f festes Einkommen rechneii, weil ich vollgültige Empfehlimgen an Nicolai habe, der dort gleichsam der Sonverain der Litteratnr ist, aber Leute von Kopf sorgfältig anzieht, mich schon im Voraus schäzt und einen Einfluß hat, beinah im ganzen tcntschen Reich der Gelehrsauikeit. Ich habe keinen andern Ge­danken, als mein Gliik »tu allein durch die Mcdicin zu machen, und werde suchen innerhalb eines halben Jahres Doktor zu sehn. Da ich durch Sachsen gehe, so habe ich gute Adressen an große Gelehrte, auch an Fürsten, wenn ich die letzteren bennzen will. Für meine Schulden kömien meine Elter» stehen, denn rch hätte bereits schon die Hälfte davon abgetragen, wenn cs nicht meine erste Pflicht wäre, zuerst mein Glük zu ctabliren. Meinen Schuldnern (alte Bezeichnung statt Gläubiger. D. Red.) verschlägt es nichts, ob sie drei Monat früher oder später bezahlt werden/da die Zinse fortlanfen, mich aber kann das Geld, das ich ihnen izt schicken würde, an den Ort meines Glüks bringen. Das ist eine Billigkeit, die Jedermann erkennen mus, nnd wofür wäre ich denn so lang ein rechtschaffener Mann gewesen, wenn mir dieses Prädicat nicht einmal aus ein Viertel- oder Halbjahr Credit machte? Sage dieses den Leuten, so wird alles sich zufrieden geben. Roch ein mal meine inniggeliebte Schwester vertraue auf Gott, der auch der Gott Deines fernen Bruders ist, dem 300 Meilen eine Spanne breit sind, wenn er uns wieder zusammengcdracht haben will! Grüße unfern besten allerthciicrstcn Vater, unsere herzlich geliebte gute Mutter, meine liebe redliche Louise und unsere kleine güte Nanctte. Wenn »lein Seegen Kraft hat, so wird Gott mit euch seyn. Ein iiincrcs starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: ich sehe euch wieder. — Vertraut auf Gott. Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen. Ich werde zu tveich, Schwester, und schließe. Wenn Dtl die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen. Auch der Verheil! empfiehl mich. Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir wie bisher über Mannheim. Ewig Dein treuer zärtlicher Bruder Fried. Schiller."

* Das rollte Heft und das grime Heft. Alis Berlin, 3. September, schreibt der witzige Rudolf Presber dem „Franks. Gen.-Anz.": Als ich vor ein paar Wochen vom. Anhalter Bahn­hof abfubr und mit dem innigen Behagen eines Mannes, der sich geschworen hat, zum mindesten zwanzig Tage laug keine Zeile zu schreiben, ans dem Coupefenster sah, keuchte über die Steinfließen des Perrons ein schwitzender ältlicher Mann daher. Ein mit Büchern und Journalen beladener Korb zog ihm die linke Schulter

tief herab, »nd sein.rechtes Bein mühte sich vergebens, es dem linken an Schnelligkeit glcichznthun. Und jeden Kopf, der aus der unbequemen Wärme eines Coupss heraus die frische Luft suchte, schrie der Brave im Vorüberlenchen an: „Reiselektüre jefällig?

Neueste Mache. Wo — che — Wo — che!" Ich aber zog den Kopf zurück n»d schob ihn erst hinter Wannsee wieder behutsam ans dem Fenster. Ziemlich spät in der Nacht trat ich in eines jener flriucn gcniiithlichcn Hotels, die mehr diird, Sauberkeit »nd freundliche Bedienung, als durch elektrisches Licht, Lift »nd weiche orientalische Läufer ans den Treppen ansgezcichnet sind. Das Wirthshaus stand — wie das im Liede »nd doch anders -- an der Lahn. Der jugendliche Wirth hatte gerade mit den beiden letzten Stammgästen einen Skat beendigt. In der Küche war kein Feuer mehr. Aber er versprach mir, noch etwas kalten Aufschnitt und eine unterhaltsame Masche Moselwein zu besorgen. Im Voriibergehcn nach den Vorräthsräumen weckte er mit energischem Ellenbogen den blassen Piccolo mit vielen Jnnglingspickeln im zarten Angesicht, der in einer Ecke schlief, und bedentete de», dienst­fertigen Knaben durch ausdrucksvolles Micnenspiel, für angeincssene Unterhaltung des späten Gastes Sorge z» tragen. Der Piccolo mit den Pickeln erhob sich alsbald, kramte fitmenb in einem Haufen bedruckter Blätter neben dem Buffet, näherte sich mir dann, ein rostrothes Hcft in den breiten Seehnildstatzen tragend und fragte mit getviniieiidem Lächeln: „Haben der Herr scho» die „Woche" gelesen?" Also auch hier! An der Lahn wie an der Spree: Scherl und seine Bilder. Quosque tandsm, Catilina . . .? Ich bin sonst höflich nnd freundlich mit jeden, Piccolo, denn mich jannnert sein Loos. Giebt es doch keine» Menschen in dem wohlgeordneten Staatswcscn eines Hotels, der nicht Alles iittb_ noch Einiges außerdem bester weiß, als so ein Piccolo. Aber ich fürchte, der Piccolo an der Lahn hat eine üble Meinung von mir gewonnen nnd schwört noch in fünfzig Jahren heilige Eide, daß ich ein grober, unconciliniiter Mensch sei, der die Fürsorge eines belesenen Hotelbcdienstetcn »nt 12.30 Uhr Nachts durchaus nicht zu schätzen wisse. Vielleicht hielt er mich gar für einen heim-' lichen Anhänger der niederträchtigen Boxersekte, die in seiner rost- rothcn Bildungsquelle seit Wochen auf erstaunlichen Bildern so schlecht gemacht werde». Ich sage, vielleicht. Heute aber, zurück- gekehrt in die prunkvolle Stadt der Jntelligenzpächtcr — was fmd ich? Ein grünes Heft neben dem rostrothcn Heft. Ueberall. In den Anslagen der Buchhändler, in den Kiosken, in den Händen der fleißigen Jünger Merkurs, die ihre zwei »nd drei Viertel­stündchen in der Pferdebahn absttzen, mn zu ihren Büreans zu ge­langet» Uebergll^tancht cs auf. das grasgrüne Heft.^Ugd M.