Einzelbild herunterladen
 

1. Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.

Ko. 414. Wortzen-Ausgnbe.

Donnerstag, den 6. September.

48. Jahrgang. 1900.

(37. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Inng-Unr.

Roman von A. W. Itovinsott.

„Gewiß, Nin," sagt er, sic erstaunt ansehend, indem er ihr den Arm bot. „Die Geschichte hier hat Deine Nerven angegriffen. Du bist müde und abgespannt."

„Ja, sehr müde . . . sehr abgespannt . . ."

„Wollen wir nicht erst die Hausfrau aufsnchcn, um . .."

„Nein, nein, nur nach Hause!" rief Nin.

Hansel sagte wie gewöhnlich: „Schon gut!" und das Ehepaar verließ den Saal.

Ans der breiten Haupttreppe trafen sie Doktor Gravatt, der auch hinunter ging und in trübe Gedanken tief versunken schien, aber obwohl er ihr „Gute Nacht" im Vorbeigehen nur zerstreut erwiderte, entging ihm nichts.

„Soll ich ihn auch auf Sonntag entladen?" fragte Hansel seine Frau leise.

„Nein," sagte sie kurz, und Hansel murmelt sein „Schon gut", als ob ihm an diesem Gast nichts gelegen wäre.

VI.

Lady Kane war am andern Morgen nicht in ihrer natürlichen Verfassung, wenn ihr die Wirklichkeit auch nicht mehr so traumhaft vorkam, wie auf dem gestrigen Fest. Der von Lord Kane ohne ihr Wissen vorbereiteten Tischgesellschaft am nächsten Sonntag that sie mit keiner Silbe Erwähnung. Sie hatte sich darüber geärgert und ärgerte sich noch, hielt es aber für klüger, keine Einsprache dagegen zu erheben. Lord Kane war zu Uebereilnngcn geneigt und dachte nicht viel an anderer Leute Gefühle, und es war jetzt zu spät, diese Einladungen rückgängig zu machen. Die Gäste mochten also kommen — und gehen; in Zukunft wollte sie seinen Einfällen schon Vorbeugen. Einmal und nicht wieder, selbst wenn sie Paul Ruskoff ins Gesicht sagen müßte, er solle seine Besuche in ihrem Haus cinstellen. Es war taktlos von ihm, daß er die Einladung angenommen hatte; er hätte rücksichtsvoller sein und mehr Stolz zeigen sollen. Eigent­lich sah es ihm auch gar nicht ähnlich . . . nach ihrem feierlichen Auseinandergehen, nach den Vorwürfen, Anklagen und Versöhnungsscenen, sich doch in den Vordergrund ihres Lebens zu drängen, das verrieth entweder Tücke oder Trotz, die seiner gleich unwürdig waren. Er hätte. ihret- und seinetwegen fern bleiben müssen! Die Männer sind Thoren, dachte Nin, ohne zu ahnen, daß Carlyle lange vor ihr das­selbe behauptet hatte. Daß Hans einer war, stand jeden­falls fest, sagte sie sich, als er am Sonnabend beim Frühstück mit einer von seinen zahlreichen „Ueberraschungen" heraus- rückte.

„Nin, wir werden morgen acht Personen bei Tisch sein," Hub er an. „Benachrichtige den Koch! Es soll eine fidele kleine Gesellschaft werden, wie in alten Zeiten ohne die dumme Feierlichkeit! Jeder kennt den Andern und ist doch überrascht, ihn hier zu treffen ... das giebt einen Hauptspaß!"

„Jeder kennt de» Andern! Ja, wer kommt denn?"

„Rathe!"

„Ich wollte. Du würdest mich zu Rathe ziehen, ehe Du Deine Einladungen erlässest," sagte Nin gereizt. „Möglich, daß ich die Leute nicht mag, oder daß Ruskoff sie nicht gern trifft."

„Einer wie der Andere, Freunde aus alten Zeiten, und Du schwärmst doch immer noch von den alten Zeiten, Nin!"

„Thue ich das?"

„Ja, öfter als Du glaubst! Wie oft habe ich, wenn die Rede darauf kam, Dich aufleben sehen und lachen hören, so herzlich wie früher . . . ehe Du meine Frau wardst," sagte er ivehmüthig.

„Wer kommt?" fragte sie kurz und ärgerlich.

„Eine Gesellschaft, die Dich in Staunen setzen wird! In die Hände wirst Du klatschen vor Freude!" erwiderte er bedauerlich unbestimmt. „Ich habe sie gebeten, um ihnen zu zeigen, daß wir nicht die Leute sind, alten Freunden den Rücken zu kehren."

„Wer sind diese alten Freunde?" fragte Nin befehlend.

„Also denn . . . Wiggins, der Direktor von der Regen­bogenhalle ..."

„Der Ruskoff fortgejagt hat!"

„Das ist schon lange her und Wiggins wird jetzt froh sein, ihm die Hand schütteln zu können! Ferner kommt Crusine, der Komiker, Dein Vater, Deine Mutter und — Kitty!"

„Das unterstehst Du Dich!" stieß Nin niit zitternden Lippen heraus, geisterbleich in ihren Stuhl gelehnt.

„Ja . , . ja . . . was ist Dir denn nur?"

„Sie hast Du eingeladeu . . . Kitty . . . ohne mir ein Wort zu sagen! Wie kannst Du's nur wagen?"

„Ich ... ich wollte Dir eine rechte Freude machen."

„Zu meiner Zeit, auf meine Art, will ich sie Wieder­sehen!" rief Nin heftig. „Nicht wann es Dir beliebt, nicht am nächsten Sonntag vor allen Dingen. Du weißt nicht, was Du mir angethan hast!"

„Nein, das weiß ich wahrhaftig nicht!" brummte Lord Kane in äußerster Bestürzung. „Es war ein Stück Arbeit, sie zusammen zu kriegen . . . Kitty kommt von Brighton, wo sie ..."

„Ich weiß, wo Kitty ist." fiel ihm Nin ins Wort.

„Deine Eltern kommen heute in die Stadt . . ."

„Zu mir?"

„Nein, sie wollen ins Theater und nachher in einen Gast- Hof, schreibt Dein Vater ... wo habe ich nur den Brief?"

„Ich brauche ihn nicht zu sehen!"

„Anfangs hatte ich vor, Dich ganz zu überraschen, dann dachte ich, es sei besser, Dir's vorher zu sagenl"

„Allerdings . . ." meinte Nin nachdenklich.

„Du bist mir doch nicht böse?"

„Nein, das nicht . . ."

„Die Ueberraschung war Dir eben zu grotz?"

„Der Ueberraschte wirst Du wohl morgen sein, Hansel!"

Lord Kane warf einen verstohlenen Bfick auf Nins Ge­sicht, dessen Ausdruck ihm gar nicht zusagte. Er war so verschlossen und unzugänglich und ihre Augen hatten jenen Blick, der unermeßliche Fernen zu durchschweifen scheint und bei dem ihm immer unbehaglich war. Seine Ueberraschung fiel entschieden nicht so gut aus, als er erwartet hatte, und irgend etwas mußte ans dem Loth sein, aber was es >var und wo die Maschine Schaden gelitten haben mochte, das konnte er nicht entdecken. Nin hätte ja von Rechtswegen außer sich sein müssen vor Freude, daß er sich der Ihrigen nicht schämte und daß sie Kitty, ihre bisher unzertrennliche Lebensgefährtin, Wiedersehen sollte, und nun freute sie sich entschieden gar nicht. Da werde ein Anderer klug daraus! Er wollte jetzt seinen Spazierritt machen und sie sich selbst überlassen. Später würde sie ihm wohl sagen, was ihr Herz drückte, sie war ja so offen und ehrlich und ihre böse Laune hielt nie lange vor . . . bis zum zweiten Frühstück konnte Alles wieder im Gleis sein.

Der Himmel hellte sich aber den ganzen Tag nicht auf.

Nicht daß Nin mit ihm gezürnt hätte, sie schien ihn gar

nicht zu bemerken, so sehr war sie in Gedanken versunken. Er hatte sie noch nie so gesehen; sie starrte vor sich hin, was gar nicht ihre Art war, den ganzen Tag kam keines der scharfen, derben Worte über ihre Lippen, die Hansel so ergötzten, und mit ihr schien sich das ganze Haus in einen unleidlich düstern Ort verwandelt zu haben, dem Lord Kane nach Tische gern entrann. Nin erhob keine Einsprache, als er so beiläufig den Vorsatz aussprach, noch eine Partie Billard ini Klub zu spielen, und als er dann ziemlich spät nach Hause kam, war sie schon zu Bette gegangen. Beim ersten Tagesgrauen erwachte er über einem wilden Schrei „Kitty!" und fand sein Weib, vom Alpdruck geängstigt, auf­recht im Bett sitzen, mit einem Ausdruck der Verzweiflung, daß ihm das Herz still stehen wollte.

„Nin, Nin!" rief er, sie am Arm schüttelnd. „Was hast Du?"

Sie sah ihn ganz entgeistert an.

„Nichts." sagte sie dann. „Ich habe wohl geträumt. .. habe ich etwas gesagt?"

„Du riefst: Kitty!"

„Weil ich den ganzen Tag an sie dachte," versetzte Nin, sich mit einem tiefen Seufzer nicderlegend.

„Hast Du schlechte Nachrichten von ihr . . . oder . . . oder habt Ihr Euch gezankt?"

„Du weißt ja, daß ich sie seit Monaten nicht gesehen habe."

„Ihr könntet Euch ja irgendwo . . . getroffen haben?'

„Nie," sagte sie.

„O, dann ist's schon gut!"

„So meinst Du."

„Was hast Du gesagt, Nin?"

Nin-gab keine Antwort und Lord Kane nahm sich vor. Doktor Gravatt zu Rathe zu ziehen; mit diesem beruhigenden Gedanken schlief er wieder ein. Ais Nin am Sonntag Morgen beim ersten Frühstück aufs Neue stumm vor sich hinbrütete, weihte er sie in seinen Plan ein, setzte ihr aus­einander, daß sie krank sein müsse, und daß Gravatt der Mann sei. sie im Nu wieder „auf den Damm" zn bringen.

„Ueberhanpt hätte ich ihn gern auf heute eingeladen," schloß er.

„Und ich will ihn nicht haben," entgegnete sie. „Meine Verwandten sind kein Umgang für ihn. Er würde sich unter ihnen so unglücklich fühlen, wie ... wie ich."

„Hör' einmal. Alte, ich wollte, Du sagtest mir, was los ist! Irgend etwas muß ja vorgefallen sein . . . heraus mit der Sprache!"

Sein einfältiges Gesicht drückte so viel Theilnahme und Besorgniß ans, daß Nins verstörtes Gemüth weich wurde.

„Freilich ist etwas vorgefallen, Hansel, und doch wieder . . . nichts."

„Das ist gut gesagt!" rief er, ein lautes Gelächter an­schlagend.

„Freut mich, daß Dir'sSpaß macht! DasGramniatikalische ist heute wackelig bei mir ... wie ich selbst . . . stoße Dich nicht daran."

„Hm!" machte Hansel betroffen. „Die Grammatik ficht mich nicht an . . . Du verstehst immer noch mehr davon, als ich. Mir war's in der Schule ein Gräuel, Dir nicht? Aber daß Du „wackelig" bist, Nin, das freut mich nicht! Wollen wir absagen?"

„Nein. Ich bin tvohl, oder werde doch heute Abend wohl sein, ganz wohl."

(Fortsetzung folgt.)

L. I*ia. Dorner,

Optiker,

Ularktstra^se 14, am Schlossplatz,

empfiehlt:

Mk,

1 . 20 .

2 . 20 .

3.-.

3. -.

4. —.

Brillen in einfacher Ausführung .... do. in guter Stahlfassung . . . . .

do. in feiner Stahlfassung, vernickelt .

do. in guter Nickelfassung.

do. in feinster Nickelfassung. »

Pinccnei in Nickelfassung . . . Mk. 2.—, 2.50, 3.—, 4.—. do. in schwarzer Fassung, amerikanisch . Mk. 2.50.

do. ohne Rand.von Mk. 2. an.

In Groldtlouble-Fassungen, beste Ausführung, v. Mk. 6. an.

Alles, incl. f.Iiisc r, liest« auoiität. Operngläser, neueste Modelle, mit bester Optik.

Schwarz mit Lederbezug von Mk. 8.— an, modefarbig von Mk. 10 — an.

Perlmuttg loser, beste Ausstattung, von Mk. i4. an. Barometer, Thermometer in elegantesten Mustern.

Zimmer-Thermometer von 35 Pf., Bade-Thormometer von 50 Pf, Fenster-Thermometer von Mk. 2.— an.

Reparaturen an Brillen und Pincenez,

wie allen optischen Artikeln werden rasch, fachgemäss und billigst ausgeführt.

Ersatzgläser per Paar 1 Mk., Löthungen 40 Pf., Goldlöthungen 50 Pf., Ersatztheile für schwarze Pincenez 50 Pf. etc.

Gew isieiihailteste Bedienung.

llsitluirtcn?

Yerlobmigs- u. Einladungs - Karten etc.

in schönster Ausführung zu billigsten Preisen empfiehlt 7779

CD

“5

GO

SB

SB

O

SB

S=

C/>

E

SB:

“5 «—I“

(/)

jEngrosy ven der"

FRANKFURTER SCHU H FABRIK.A.Q,

vormals OTTO HERZ&C?

Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:

- J. Speier flaclif»,

18. Langgasse 18.

Telephon 846.

6914